Luise Boege
15.03.2012 | 16:45

An den Zeichen entlang

Buchmesse Wolfgang Herrndorf ist mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Sein Roman "Sand" ist ein grandioses Verwirrspiel um das Gehirn und seine Absurditäten

Das Buch Sand ist 475 Seiten dick und spielt in einem sandhaltigen Land in Nordafrika, das Jahr ist 1972, Ende August, ungefähr zur selben Zeit, als in München die Terrorgruppe Schwarzer September das olympische Dorf überfällt. Die Orte des Geschehens nennen sich Targat und Tindirma, eine Stadt, eine Oase, dazwischen Wüste. Der Klappentext verheißt Mord, Hippies, Atomspione und ein Geheimnis, das die Menschheit bedroht.

In seinem Blog Arbeit und Struktur schreibt der Autor Wolfgang Herrndorf über sein Leben, seine Wahrnehmung der Zusammenstellung der ihn umgebenden Weltoberfläche und das weitere Verfahren, seit ihm die Diagnose Gehirntumor gestellt worden ist. In den Einträgen geht es auch um die Arbeit an seinen Büchern. Es geht um Tschick, das von zwei jugendlichen Ausreißern erzählt und letztes Jahr erschienen ist, und eben um Sand. Weil Tschick sich so bombig verkauft hat, erfährt man da, hoffe der Verlag, mit Sand einen Teil der Tschick-Leser abzuholen. Sand aber sei wiederum ein Buch, das sich etwas schwer einer Kategorie zuordnen ließe, weshalb Herrndorf selbst an der Hoffnung des Verlegers ziemlich zweifle. Was wiederum Sand, über das man weiterhin erfährt, es sei als nihilistisches Gegenstück zu Tschick konzipiert, sehr interessant macht.

Comichaft menschlich

In Sand wird zunächst sehr viel durch Zufall hineingeraten und herumgetalpt, in Dünen, in Salzviertel und Ferienbungalows, in einen Mini-Literaturbetrieb („eine einzige, unklare Demütigung“), am Strand, in einem komischen Bergwerk. Weitere Handlungselemente sind: Sandsturm, Autofahrt, Gedächtnisverlust, Gedächtnissuche, Folter, Mi(e)nen und ähnliche Geheimniskrämereien. Atmosphäre: „In der flirrenden Hitze des Nachmittags gaben sich die Kamele ihren zeitlosen Kuss. Der Wind wehte gelben Staub von ihren Rücken“. Die Personnage: In ihrer Comichaftigkeit sehr menschlich und darin dann wieder comichaft. Der Polizist Polidorio beispielsweise, dem die Erkenntnis seiner Mittelmäßigkeit nebst einer Art Migräne eingangs sehr zu schaffen macht, ein Verbrecher namens Amadou Amadou, der sich selbst „Herrlichkoffer“ nennende Spion Lundgren und noch viele mehr, und zum Beispiel auch noch einige Tarotkarten, der Gehängte, oder auch die Hohepriesterin, aus denen von einer Hippie-Tante allen Ernstes das künftige Schicksal des identitätsverlustigen Hauptprotagonisten gelesen wird, der selbst wiederum kurz darauf den Asterix-und-Obelix-Comic Kampf der Häuptlinge liest, was ihm alles vage weiterhilft oder auch nicht.

Zweimal taucht sogar kurz ein Ich-Erzähler auf – der ist gerade sieben Jahre alt (wie der 1965 geborene Herrndorf selbst es im Jahre 1972 gewesen sein muss) und mit seinen Eltern Gast des Sheraton-Hotels. Das lyrische Ich schaut auf die sandfarbene Aussicht und träumt von Rommel, dem Wüstenfuchs. Jemand anderes wird ihm viel später von den Begebenheiten berichten. Da hat der Leser dann schon alle Fäden zusammen oder auch nicht, so, wie der ab dem zweiten Teil des Buches in der Wüste auftauchende Amnestiker: „Wie schon zuvor hatte er den Eindruck, dass durch Nachdenken etwas zu holen sei, aber immer, wenn er die Fäden zu verknüpfen suchte, verhedderten sie sich sofort in seinen Händen, und dann fuhr ein heftiger Windstoß durch seine Überlegungen, der nicht nur alle Verknüpfungen löste, sondern auch die Fäden selbst in luftige Fernen davonwehte.“

Vage auf der Flucht

Der Held kann sprechen und denken, und das meiste ist ihm geläufig – bloß wie er heißt und wer er ist, weiß er nicht mehr. Mit einer Kopfwunde durch die Wüste wankend, vage auf der Flucht vor „Männern in Dschellabahs“, lässt er sich von Helen, einer schönen, dummen Amerikanerin (die in echt aber weder dumm noch schön ist) an einer Tankstelle aufsammeln und in einen Bungalow des nämlichen Sheraton mitnehmen. Dort nennt sie ihn, durch ein Markenschildchen in seinem Jackett inspiriert, erstmal Carl. Es dauert nicht lange, da blüht Carl schon eine kleine Entführung durch einen „Schieberkönig“, und er erhält 48 Stunden Zeit, eine „Mine“ zu finden, zurückzubringen, whatever – eine Mine, die „die Miene im Gesicht, das Bergwerk, das Sprengding und das in den Bergwerken“ sein könnte oder auch die Mine eines Stiftes.

Ein Psychiater namens Dr. Cockcroft, der scheinbar generell sowieso vollkommen gegen menschliche Gehirne ist und im übrigen auch kein Psychiater zu sein scheint (Vorschlag Wikipedia: Ende der Sechziger verstorbener englischer Atomphysiker), wird aufgesucht. Im Rahmen eines bizarren und für den Patienten irgendwie schädlichen Gesprächs stellt er seine Diagnose:

„Das ist so die Art und Weise, wie Amnesie für gewöhnlich in der Fiktion auftaucht, in Unterhaltungsfilmen. Man kriegt einen Schlag auf den Kopf, und die Identität ist weg. Man kriegt noch einen Schlag auf den Kopf, und die Identität ist wieder da. Asterix und Obelix. […] Ich will ehrlich mit Ihnen sein. Ihre Krankheit trägt Züge des Inexistenten.“

So wird der Amnestiker, dem der angebliche Psychiater Dr. Cockcroft wahrscheinlich aus Spaß gute kombinatorische Fähigkeiten attestiert, zum Detektiv, und der Leser natürlich auch: „’Können Sie das lösen?’ fragte Dr. Cockcroft. ‚Bitte?’‚Können Sie das lesen?’“ Der Amnestiker hangelt sich an den ihn umgebenden Zeichen entlang, vermeintliche Spuren ziehen sich vor ihm immer wieder in den blinden Fleck seiner Identität zurück, und so landet er am Schluss in der Finsternis in einem schwarzen Sumpfloch und wird gefoltert.

Mag sein, alles liest und löst sich sinnvoll, mag aber auch sein, das Wort „sinnvoll“ steht für sich sowieso in Frage. Die Geschichte um das dunkle, die Menschheit bedrohende Geheimnis jedenfalls verwandelt sich in einen großartigen Text über die Grenzen der Identität, über das Gehirn und seine Absurditäten, und, daraus folgend, die Menschheit und ihre Absurditäten. Im Hintergrund klauen verhängnisvollerweise unwahrscheinliche Schulkinder Stifte, um ausgerechnet schreiben zu lernen, und die Moral geht vielleicht so, wie es die Autorenfigur Spasski in Gegenwart des dem Leser verdächtig lieben und kurz nach einem Sandsturm irgendwie merkwürdig verschollenen Polidorio verkündet: „Befreien wir uns vom Dünkel der Aufklärung! Licht gehört nicht in jede Finsternis.“ Aber eigentlich ist das natürlich nicht die Moral.

SandWolfgang Herrndorf Rowohlt 2011, 480 S., 19,95