Roland Schuhknecht
02.07.2009 | 05:00

An der Küste des Lichts

Nahaufnahme Wer an der spanischen Costa de la Luz entlangwandert, stößt auf Thunfischjäger, einen nach Altnazis benannten Strand und allerlei Treibgut. Und lernt am Ende Demut

Am Strand tut jeder, was ihm Spaß macht. Manche bestreichen sich mit Öl oder Lotion und lassen sich von der Sonne goldbraun backen. Andere angeln, joggen, spielen Ball oder fordern Wind und Wellen auf Surfbrettern heraus. Und dann gibt es da noch die Strandwanderer, rastlose Entdecker, die jeden Strand, an den sie geraten, ablaufen und erkunden müssen. Die Frage, was sich hinter der nächsten Strandbiegung oder Landzunge verbirgt, treibt sie immer weiter voran, und wenn sie zurückblicken, dann nur, um mit Genugtuung festzustellen, dass die auflaufenden Wellen ihre Fußspuren sofort wieder auswischen. Wer eine Küste mit offenen Augen erwandert, übt sich in Demut, denn die zeitlose Gegenwart des Meeres lässt ihn Abstand zu den Zeugnissen menschlicher Regsamkeit und Unruhe gewinnen, die er auf seinem Weg passiert.

Ich bin kein religiöser Mensch, aber ich glaube, dass uns hin und wieder eine Prise Demut gut täte. Deshalb stehe ich an einem klaren und kühlen Frühlingsmorgen am Strand, der weit, weich und sandig ist, justiere die Riemen meines Rucksacks und schmiere mir Sonnencreme ins Gesicht. Hinter mir liegt der Badeort Conil de la Frontera, vor mir der untere Abschnitt der Costa de la Luz, der südlichen Atlantikküste Spaniens. Bis zu meinem Ziel, der Stadt Tarifa an der Straße von Gibraltar, sind es etwa sechzig Kilometer. Ich habe mir vorgenommen, die gesamte Strecke zu Fuß zurückzulegen, Busse und Taxis sind tabu.

Ich schultere meinen Rucksack und laufe los. Zu meiner Rechten schickt der verhalten grollende Atlantik unermüdlich eine Welle nach der anderen zum Angriff gegen den seichten Strand. Links reichen grüne Wiesen bis weit in das Hinterland. Schon nach wenigen hundert Metern habe ich das Gefühl, mich unendlich weit von meinem Ausgangspunkt entfernt zu haben. Gestern noch studierte ich die Auslagen der Strandboutiquen und die Angebote der Immobilienbüros im Stadtzentrum von Conil. Die Baukräne hier drehen sich so fleißig, als wollten sie mir sagen: Welche Krise? Ich stand in einem Supermarkt, in dem es deutsches Bio-Vollkornbrot aus der ortseigenen Bäckerei gibt und nahm in einem Touristenlokal mit Traumschiffmusik neben einem schweigsamen Paar aus Schwaben eine traurige Mahlzeit ein. Jetzt geht mich das alles schon nichts mehr an.

Die Hippiekinder vom Kap Trafalgar sind verschwunden

Nach einer Stunde passiere ich den Torre de Castilnovo, einen Wehr- und Aussichtsturm aus dem 16. Jahrhundert. Das Kastell, zu dem er einst gehörte, wurde 1755 von einer Flutwelle zerstört. Nicht weit davon steht einer von vielen massiven Betonbunkern, mit denen die Küste im letzten Jahrhundert gespickt wurde. Als ich zurückblicke, sehen die Kräne am Stadtrand von Conil klein wie Kinderspielzeug aus. Es beruhigt, zu wissen, dass die Zeit über die Wohn- und Ferienkomplexe, die dort gerade aufgerichtet werden, ebenso hinweggehen wird, wie über die bröckelnden Bunker und Wehrtürme vergangener Epochen.


Gegen Mittag erreiche ich Kap Trafalgar, wo Admiral Nelson im Oktober 1805 die französisch-spanische Flotte besiegte und damit die Invasion Englands durch Napoleon und das Ende eines Weltreichs verhinderte. Die Spanier scheinen bis heute mit ihrer Niederlage zu hadern. Die Gedenktafel am Kap gibt keinerlei Auskunft über Verlauf und Ergebnis der Schlacht und ehrt stattdessen die Bürger von Cádiz, die in beispielloser Solidarität die Verwundeten aller drei Flotten pflegten. Nicht nur das Gemetzel von einst, sondern auch die Hippiekommune, die sich einmal unweit des Kaps befand, ist längst Geschichte. Die wichtigste kulturelle Hinterlassenschaft der Blumenkinder ist einer der wenigen offiziellen Nacktbadestrände der Küste im nahe gelegenen Ferienort Los Caños de Meca.

Südlich schließt sich der Naturpark La Breña mit seinen Steilküsten und Pinienwäldern an, dahinter liegt das Ziel meines ersten Wandertages, das Städtchen Barbate.

Ein verwittertes Wandbild am Ortseingang zeigt ein Schiffswrack, das von Thunfischen umkreist wird – der wichtigsten Beute der Fischer von Barbate. Zweimal im Jahr, im Mai und im Juli, müssen die Schwärme des Blau­flossenthuns die Küste auf dem Weg zu ihren Laichplätzen im Mittelmeer passieren. Dabei geraten sie in gigantische, mit Eisenankern am Meeresgrund befestigte Netze, aus denen sie nicht wieder herausfinden, und landen in einem von den Booten der Fischer flankierten Becken. Nun wird das Netz mit den panisch zappelnden Fischen eingeholt, dann beginnt das große Schlachten. Einige steigen hinunter in das brodelnde Bassin und töten die oft mehrere hundert Kilo schweren Fische mit Boots- oder Fleischerhaken, während andere sie an Bord der Boote ziehen.

Almadraba, der „Ort, an dem gekämpft wird“

Sowohl die kilometerlangen Netzsysteme, die mich über weite Strecken meiner Wanderung begleiten, als auch die Fangtechnik werden „Almadraba“ genannt, ein arabisches Wort, das wörtlich übersetzt „Ort, an dem gekämpft wird“ heißt. Schon die Phönizier, die vor 3.000 Jahren an dieser Küste die Stadt Gadir, das heutige Cádiz, gründeten, haben auf diese Art Thunfische gefangen. Griechen, Römer, Araber und Spanier setzten die Tradition fort. Heute kämpfen die Fischer in Barbate einen zähen aber aussichtslosen Kampf ums Überleben, denn der große Hunger der Sushi-Liebhaber nach dem tiefroten, fettigen Fleisch des Blauflossenthuns hat den majestätischen Raubfisch an den Rand der Vernichtung gebracht. Gegen die hochtechnisierten Fangflotten, die das Meer systematisch durchkämmen haben die Fischer der Costa de la Luz keine Chance. Viele junge Leute sind schon aus Barbate weggegangen, andere haben den Drogenschmuggel aus Marokko als neue Einkommensquelle für sich entdeckt.

Zwei Tage verbringe ich in dem wenig malerischen aber lebendigen und auf eine raue Art authentischen Städtchen, in dem es nur wenige Hotels, dafür aber die besten Fischrestaurants an der Küste gibt. Ich studiere die Fotos an den Kneipenwänden, auf denen kernige Fischer beim Töten riesiger Thunfische abgebildet sind, durchstöbere von asiatischen und nordafrikanischen Einwanderern gemanagte Billigmärkte und lasse mich nachts von aufgemotzten, mit teuren Musikboxen bestückten Autos vom Schlafen abhalten.

Die restlichen vierzig Kilometer meiner Wanderstrecke absolviere ich in drei Tagen. Südlich von Barbate, an einem besonders einsamen Abschnitt der Küste, werde ich von einem spanischen Militärhubschrauber entdeckt, der mich zwanzig Minuten lang im Tiefflug umkreist, um sich zu vergewissern, dass ich weder ein Drogenschmuggler, noch ein illegaler Einwanderer aus Afrika bin.

In den Abendstunden desselben Tages stoße ich auf das binnen eines Jahrzehnts aus dem Nichts entstandene Urlauberghetto Atlanterra. Dort bin ich gezwungen, das Cabo de Plata, eine kleine aber steile Landzunge zu umklettern, die für jeden Strandwanderer eine echte Herausforderung darstellt. Es dauert lange, bis ich das Labyrinth der großen Felsbrocken am Fuß des Kaps überwunden habe, und erst nach einem Oberschenkelkrampf und mehreren Ausrutschern kann ich endlich einen Blick auf das werfen, was sich dahinter verbirgt: der perfekteste Sandstrand der Costa de la Luz im milden Abendlicht. Die wenigen Spaziergänger, die ich hier treffe, sehen aus, als wären sie einem Katalog für Luxuskreuzfahrten entsprungen und mustern mich misstrauisch. An den grünen Steilhängen hinter dem Strand kleben Villen, einige davon sind noch im Bau. Der Strand heißt Playa de los Alemanes, „Strand der Deutschen“ und ist nach den Pionieren der Bucht benannt – Altnazis, denen der Diktator Franco hier nach dem Krieg Parzellen schenkte. Kaum einen Kilometer lang, wird er vom Cabo de Plata auf der einen und dem Cabo de Gracia auf der anderen Seite begrenzt. Als natürliche Bastionen gegen Strandwanderer wie mich und die Urlauber aus der benachbarten Feriensiedlung sorgen sie dafür, dass die begüterten Anwohner das bleiben, was sie am liebsten sind: unter sich.

Am folgenden Tag schaffe ich es bis in die Bucht von Bolonia, wo die Ruinen der römischen Stadt Baelo Claudia stehen. Im zweiten Jahrhundert vor Christus gegründet, verdankte die Stadt ihren Wohlstand den Thunfischen. In großen steinernen Bottichen, die man noch heute besichtigen kann, wurde der gefangene Fisch gepökelt und so für den Export haltbar gemacht. Aus den Innereien wurde eine bei Feinschmeckern beliebte Soße, Garum genannt, hergestellt. Auf dem Forum der im siebten Jahrhundert verlassenen Römerstadt stehend, frage ich mich, ob und wann auch das kaum zwanzig Kilometer entfernte Barbate einmal zu einer Geisterstadt werden wird.

Othman ist der erste an dieser Küste, der mich beeindruckt

Die Strände südlich von Bolonia sind über Kilometer fast menschenleer. Hier stoße ich immer wieder auf geborstene Bootsplanken, Gummifetzen, Wracks von Schlauch- oder Holzbooten. Ich weiß, was das für ein Strandgut ist, das hier im Sand liegt, harmlos wie Seesterne oder angespülte Badelatschen. An einem dieser einsamen Strände begegne ich zwei Männern, die hier ebenso wenig hinzugehören scheinen wie ich selbst. Der eine bittet mich von weitem um eine Zigarette – auf Französisch. Ich winke ab. Die Männer zucken mit den Schultern und gehen weiter. Es fällt mir schwer, zu glauben, dass ich eben zwei der „inmigrantes“ getroffen habe. Die Küste Afrikas ist gut zu erkennen, sie scheint nah. Aber doch zu weit entfernt, um sich vorzustellen, dass diese Nussschalen, deren Überreste ich finde, wirklich von dort hierher gefahren sind. Vollends absurd mutet die Begegnung an, als ich einige Stunden später über die belebten Surf- und Badestrände nördlich von Tarifa spaziere, wo froschähnliche Surfer in Neoprenanzügen durch die Wellen schießen und sich die Beachclubs auf die Partysaison vorbereiten. Als ich am späten Nachmittag Tarifa erreiche, bin ich vielleicht nicht demütig geworden, aber ich habe einen wohltuenden Zustand nüchterner Gelassenheit erreicht.


Am nächsten Tag treffe ich auf einer der Treppen, die von der Stadt hinunter zum Strand führen, drei marokkanische Flüchtlinge, die in der vergangenen Nacht in Spanien gelandet sind. Einer von ihnen ist der 25-jährige Othman aus Salé in der Nähe von Rabat. Die Überfahrt hat ihn umgerechnet 1.000 Euro gekostet. Er lobt die Geschicklichkeit des Bootsführers. Andere Boote seien im hohen Wellengang gekentert. Nach zwei Tagen und einer Nacht auf See sind sie in der Nähe von Barbate an Land gegangen. Auf dem Weg nach Tarifa wurden sieben der zehn Männer im Boot von der Guardia Civil verhaftet. Othman sagt, er sei hierhergekommen, weil er in seiner Heimat auch als studierter Computertechniker keine Zukunft habe. Ob er meint, dass seine Chancen als Illegaler oder Asylant in der EU besser stünden? Wie immer seine Zukunft aussehen mag: Othman strotzt vor Energie. Im Gegensatz zu seinen Gefährten, die apathisch an der Mauer kleben, ist ihm von den Strapazen der letzten Tage, von der ausgestandenen Todesangst, nichts anzumerken.

Vielleicht ist Othman der erste Mensch an dieser Küste, der mich wirklich beeindruckt. Als ich ihm zum Abschied die Hand schüttle, wünsche ich ihm viel Glück. Er sagt nur „Insch­allah“ – so Gott will. Ist es nicht merkwürdig, denke ich, dass mir nach fast einer Woche am Strand ausgerechnet ein fünfundzwanzigjähriger Marokkaner dann doch eine Lektion in Sachen Demut erteilt?