An vielen Fronten nichts Neues

Medientagebuch Politische Magazine in Kriegszeiten: Verspannte Gesichter, enthemmte Flugkörper

Beklagt, beschrieben, bewertet: »der« Krieg (Sie wissen schon, welcher gemeint ist, nicht die dreißig oder vierzig anderen auf der Welt, sondern »der«, bei dem die Amerikaner neues Völkerrecht erproben) ist kein Stück mehr mit sieben Siegeln. Täglich beschert er uns viele Sondersendungen, und, als ob es mit der Umstellung auf die Sommerzeit nicht schon arg genug wäre, verschont uns dabei nicht mit einer neuen Zeitrechnung: »Wir schreiben den 7. Tag des Golfkriegs, jetzt hat er uns seine blutige Fratze gezeigt.« Wir sind also mitten drin, sozusagen »embedded«, und mit jeder Live-Sendung wird es langweiliger: Kennen wir schon, hatten wir gerade, wo sind die News?

Da bietet es sich an, die politischen Magazinsendungen zu sehen, sozusagen als Alternative zur tagesaktuellen Besprenkelung. Da erhofft man sich mehr Hintergrundwissen, ergänzende Informationen und womöglich kontroverse Perspektiven. Oder?

Informationssendungen haben Nachrichtensprecher, Diskussionsrunden haben Gesprächsleiter, politische Magazine haben Moderatoren. Alle drei Genres lassen inzwischen auch Frauen sprechen. Das Fernsehmilieu gilt gemeinhin als beinhart, was ein gewisses Auftreten im Studio zur Folge hat. Wenn es um »ernste« Sendungen, also Politisches geht, sehen die Moderatoren entsetzlich bedeutungsschwer aus. Wenn es um Krieg geht, regt sich gar kein Muskel mehr. Verspannte Kinnladen, verkniffene Münder, und der Blick! So wild und entschlossen stellen wir uns eigentlich die al Qaida-Mitglieder vor - wenn uns denn mal endlich einer im Fernsehen vorgestellt würde.

Am eindrucksvollsten schafft das übrigens Cathleen Pohl bei Fakt!, die zum stechenden Blick in die Kamera auch noch die passende Tonlage trifft: Jedes Wort ein Schuss. Solchermaßen durch die Sendung geführt, fühlt man sich gleich betroffen, was nach herkömmlicher Rezipientenforschung als glatter Erfolg gilt. Man ist drinnen im Fernsehsessel gemeint, gerade wenn die Reporter und Korrespondenten Information mit PR und Journalismus mit Missionarseifer verwechseln. Das kommt immer öfter vor. Zum Beispiel bei Berichten von der »Heimatfront«. »Chemieanlagen in Deutschland - mangelhaft gesichert!« wird ein Horror-szenario bei Fakt! angekündigt. Das Fernsehteam fährt inkognito einfach so mir nichts, dir nichts in acht (!) »hochgefährliche« Chemieanlagen, »bewegt sich ungehindert durchs Gelände«. Und: »Es passiert nichts«. Ein Beitrag von beklemmender Schonungslosigkeit. Und mit allen Elementen der Kriegsberichterstattung. Der »Experte« im ausgewiesenen Gefahren-Outfit (Regenblouson) mit »Greenpeace« Aufschrift, die »live«- Konfrontation von Verantwortlichem (Hausmeister?) mit der Freveltat (offenes Gittertor zum Werksgelände), die Authentizität durch die Kamera »vor Ort«, der richtungsweisende Off-Kommentar: »Wer sich ein bisschen auskennt, kann hier eine Katastrophe auslösen!«

Wenn Deutschland schon nicht selber beim Krieg oder bei der Ölförderung beteiligt ist, dann leidet offenbar auch das journalistische Geschäft. Wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, graben die Rechercheure der zdf.reporter besonders tief. »Der Bunkerbauer in Bayern«, der 1982! für Saddam! ein »bombensicheres Luftschutz-Schlummerland« konstruiert hat! Auch hier wieder der Nervenkitzel, der Blick in die »Originalpläne«! von »Saddams Trutzburg«: »geschütztes Wohnen nach NATO-Standard«! Und der Mann hat noch nicht einmal »ein schlechtes Gewissen«! Wissen wir jetzt nicht alles?

Nein, es gibt ja noch Panorama, Frontal 21, auslandsjournal und Weltspiegel auf den beiden öffentlich-rechtlichen Kanälen, in denen auch überall neue Fronten ausgemacht werden, die Heimat, die juristische Front, das Wetter. Aber das sagt dann auch wieder nicht mehr, als dass die journalistische Sprache sich umso mehr aufmotzt, je weniger sie Aussagekraft hat. Dass überall dieselben Bilder enthemmter Flugkörper gezeigt werden und die meisten vom Kriegsgeschehen nicht zum Text passen, ist nichts Neues. Berichtet wird hier, dass die Anti-Kriegsdemonstranten in den USA als »Stalinisten und Kommunisten« verunglimpft werden und »die CDU in Zeiten des Krieges« in ihren eigenen Reihen mit Ja-Sagern, Umfallern und Widerständlern zu kämpfen hat. Nichts wirklich Überraschendes.

Betroffenheitsjournalismus wird erzeugt mit Anti- und Kriegs-Marschierern, kritischen US-Veteranen, Familien von britischen und amerikanischen Soldaten. Dafür verlassen die Korrespondenten ihre Studios. Tatsächlich wird mit solchen Berichten eine neue Welt erschlossen. Alabama ist solch ein Reiseziel, wo »der kleine George« vom Schuldirektor übers Knie gelegt wurde, weil er immer gestört hat. Oder die Ehemänner der Soldatinnen, die sagen, dass sie den Sold zum Lebensstandard brauchen. Oder die Ehefrauen in England, die »stolz« auf ihre Männer sind und wissen: »Wenn man Soldat ist, will man doch in den Krieg!« Womit sich der Kreis schließt: Wozu sind eigentlich Journalisten gut?

Was ist ihre Aufgabe? Hintergründe aufdecken? Kritisch informieren? Zusammenhänge herstellen? Bei »dem« Krieg scheint das irgendwie nicht zu klappen. Wie gut, dass es noch andere Katastrophen gibt, die politisch einfacher zu handhaben sind. SARS, die neue Lungenseuche, die - journalistisch gesehen, Gottseidank - aus Asien kommt und »das Kriegsgeschehen« schon verdrängt.

00:00 04.04.2003
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