Felix Werdermann
07.07.2010 | 13:05 2

Anleitung zum Tortenbacken

Aktion Mehr als nur Latschdemo: Zwei Kommunikationsdesignerinnen zeigen in einem "Handbuch", wie kreativer Polit-Protest funktioniert

Eine prächtige Torte ist immer gern gesehen. Nicht nur zum Essen, auch zum Protestieren. Unbeliebte Politiker haben dann mehr Torte im Gesicht als ihnen lieb ist. Und die Tortenbäcker einen Heidenspaß. Dabei ist ein gutes Werfen oder Drücken der Torte genauso anspruchsvoll wie deren Herstellung. Deshalb gibt es auch für den Protest ein Rezept: „Der zu tortenden Person das ‚Geschenk‘ präsentieren. Deckel abnehmen und das Opfer in Sicherheit wiegen. In einem überraschen Moment ausholen und Torte platzieren. Ordentlich platzieren und kurz leicht nachdrücken. Anschließend schnell wegrennen.“

Es ist eine der 18 bebilderten Anleitungen, die Vera Warter und Sandra Benz in ihrem neuen Protesthandbuch vorstellen. Die Botschaft: Kreative Aktionen sind keine Zauberei, sondern erlernbares Handwerk. Mit wenig Aufwand hohe Aufmerksamkeit erzielen – kein Problem, wenn ein paar Regeln beachtet werden.

Die Realität sieht heute leider anders aus: Langweilige Latschdemos, zum Ritual verkommene Blockaden, die tausendste Unterschriftensammlung, die nach der Übergabe doch bloß im Müll landet – solche Aktionen sind immer noch an der Tagesordnung. Und sie sind auch nicht verkehrt. Obwohl ihre direkte Wirkung meist nicht messbar ist, senden sie zumindest ein ­Signal nach außen und innen: Es gibt Menschen, die nicht einverstanden sind. ­Dennoch ist die Schleife an immer wiederkehrenden Aktionen – sagen wir: verbesserungsfähig.

Die Kunst des Klatschens

18 verschiedene Protestformen, das scheint zunächst nicht viel. Doch wer sich vor Augen führt, wie wenig im herkömmlichen Aktions-Repertoir zu finden ist, stellt fest: Die ein oder andere Bereicherung könnte doch dabei sein. Das Buch selbst will ein „Sammelwerk“ sein, das „eine passende Form des Widerstands für jeden bietet“. Zumindest die allermeisten dürften fündig werden, denn die Palette ist breit gefächert – vom Nein-Sagen über das wilde Plakatieren bis zum Straßentheater. Manche Aktionen funktionieren nur in der Gruppe, andere richten sich an den Einzelnen. Manche benötigen etwas Übung, andere gelingen auf Anhieb.

Einfach, aber effektiv ist beispielsweise das Ausklatschen. Dabei werden Vorträge oder Veranstaltungen durch lautes Klatschen behindert oder gar unterbrochen. Der besondere Reiz: Zu Beginn ist den anderen Anwesenden nicht sofort klar, dass eigentlich das Gegenteil von Zustimmung gemeint ist. Eine nette Idee, für die eigentlich keine besondere Anleitung notwendig ist. Auf der anderen Seite sind im Protesthandbuch sehr ausführliche Beschreibungen zu finden – etwa, wie man professionell Banner malt. Am Ende kommt ein perfektes Transparent heraus, tatsächlich kann aber in der Regel auf einige Arbeitsschritte verzichtet werden. „Soll das Banner windfest sein, so ist ein verstärkter Rand mit eingelassenen Stanzösen sowie ein aufgenähtes Dreieck an den Zugstellen hilfreich.“ Wer nicht ohnehin Hobby-Bastler ist, sollte solche Anmerkungen einfach überspringen.

Unter den vielen Details finden sich dafür auch Überraschungen für alte Protesthasen. Wer weiß schon, dass sogenannte Spuckis mit Tintenstahldruckern, Aufkleber hingegen mit Laserdruckern hergestellt werden sollten? An solchen Stellen wird klar: Warter und Benz sind fit im Stoff. Gespräche mit Attac-Aktivisten und Internetrecherche haben ihren Teil dazu beigetragen, die meisten Profestformen haben die Autorinnen aber auch im Praxistest ausprobiert.

Welche genau, verraten sie nicht – vielleicht aus gutem Grund. Denn viele Protestformen bewegen sich in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität. Sitzblockaden, Sprayen, Spuckis: Oftmals sollte man sich nicht erwischen lassen oder aber mit den rechtlichen Konsequenzen leben können. Ein Aufruf zu Straftaten findet sich in dem Buch nicht, und doch ist erstaunlich, wie unverhohlen Tipps gegeben werden – beispielsweise zum Sprayen: „Vereinbart vorher einige Codewärter, so dass du unauffällig gewarnt werden kannst, falls Gefahr droht. Wenn Überwachungskameras in der Nähe installiert sind, ziehe einfach eine Kapuze über. Generell solltest du dich zügig bewegen und handeln.“

Ausgeklammert wird der Online-Protest. Das ist durchaus legitim, schließlich füllen die zahlreichen Internet-Aktionen inzwischen bereits eigene Bücher. Warter und Benz hingegen argumentieren etwas schwach, in dem Buch würden „keine Widerstandsformen mittels Internet behandelt, da der Fokus auf sozial erlebbaren Aktionen liegen soll“. Wie viele Menschen tummeln sich heutzutage im Social Web? Einige haben gar ihr halbes Leben ins Netz verlagert. Und da soll soziales Erleben nicht möglich sein? Immerhin wird dem Internet eine Mobilisierungsfunktion zugesprochen: Flash-Mobs, also kurzzeitige Menschenaufläufe, „werden über Weblogs, Nachrichtengruppen, E-Mail-Verteiler oder per SMS organisiert“, schreiben die Autorinnen.

Reine Online-Aktionen haben einen Nachteil – zumindest im Buch: Sie können nicht so schön illustriert werden. Darunter würde letztlich das gesamte Protesthandbuch leiden, denn es ist mehr als eine Anleitung: Es ist ein kleines Kunstwerk. Entstanden als Diplomarbeit zweier Kommunikationsdesignerinnen.

Gegen die Latschendemo

Neben den Anleitungen bietet das Handbuch eine kleine Geschichte des Protests – von der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung über die Startbahn West bis zum G8-Gipfel. Nebenbei erfährt man (oder wird daran erinnert), dass eine ganze Reihe deutscher Politiker schon einmal mit Eiern beworfen wurde: Kohl, Schröder, Stoiber, Merkel, Westerwelle .... Weitere könnten folgen. Dabei kann dieses selbst ernannte Handbuch für erfolgreiche Demonstrationen, Attacken und Aktionen hilfreich sein. Beim schnellen Nachschlagen hilft das Stichwortverzeichnis am Ende und für den Wissbegierigen werden die wichtigsten Protestsymbole erklärt: Der rote Stern etwa steht für die Hand des befreiten Menschen in der klassenlosen Gesellschaft. Das Peace-Zeichen zeigt ein N und ein D aus dem internationalen Winkeralphabet der Marine – als Abkürzung für „Nuclear Disarmement“. Woher die Friedenstaube kommt, wird ebenfalls erläutert.

Den – auch außergewöhnlichen – Protest gibt es also. Damit drängt sich fast unweigerlich die Frage auf: Warum kranken die Bewegungen immer noch an der eintönigen Protestform-Landschaft? Kommen die Leute nicht auf die Idee, etwas Neues zu probieren? Trauen sie sich nicht? Sind sämtliche Alternativen zur Latschdemo einfach nur in Vergessenheit geraten? Oder ist es das Risiko, das viele abschreckt? Das Risiko, etwas falsch zu machen? Ein Festhalten am Bestehenden? Ein Aktions-Konservatismus?

Der Bewegungsforscher Dieter Rucht gibt immerhin zu bedenken, dass es schwer sei, den „Faktor Kreativität ständig am Leben zu halten“. Auf Dauer gebe es einen „Gewöhnungseffekt“, sagt er im Interview, das im Buch abgedruckt ist. Heute ist davon aber nichts zu spüren, originelle Proteste sind noch immer die Ausnahme. Das schadet zwar der Bewegung als ganzer, bietet aber einzelnen Personen die Möglichkeit, mit einer simplen Aktion ungeahnte Aufmerksamkeit zu erfahren – weil deren Protest einzigartig ist.

Protest Handbuch für erfolgreiche Demonstrationen, Attacken und AktionenSandra Benz und Vera Warter 2010, zu bestellen unter: protesthandbuch.de

Kommentare (2)

derendingen 12.07.2010 | 02:37

Erfolgsrezept: Der herrschenden Macht die moralische Rechtfertigung ihres Machtmissbrauchs zerstören. Christliche Ethik gegen sozialdarwinistische Ideologie. Die Umwertung der Werte des Sozialdarwinismus
Friedrich Nietzsches „Wille zur Macht“ war seine Konsequenz, dass für ihn Gott tot ist. Die Ablehnung aller Moral und ethischer Wertemaßstäbe, der hemmungslose sozialdarwinistische Egoist, der Antichrist. Das wirkt bis heute auf unsere Gesellschaft aus, obwohl wir uns bereits in einer Umbruchszeit befinden. Ein Belohnungssystem für asoziales Verhalten spült die Asozialen nach oben und zerstört die Gesellschaft.
Die Deregulierung der Finanzmärkte entspricht in etwa der Abschaffung des Strafrechts und der Sanktionierungsmöglichkeit gesellschaftlich zerstörerischen Verhaltens im sozialen Bereich. Raub, Mord und Totschlag werden toleriert und nicht mehr bestraft, sondern den Tätern der rote Teppich ausgerollt. Asoziales Verhalten wird belohnt, wie bei Insolvenzverwaltern und Insolvenzrichter (Karstadt-Insolvenzverwalter bekommt mehr als 50 Millionen), wie bei Anwälten und Juristen, die wie Hyänen und Aasgeiern bei Prozessen voll zulangen, wie bei Großspekulanten, die Firmen zerstören und Volkswirtschaften beschädigen und glauben, ihr riesiges Vermögen aus Blutgeld sei besonders anerkennenswert, wie bei „Beratungsgesellschaften“ wie Berger und Co., die gesunde Firmen über die Klinge springen lassen, ausschlachten und die Arbeiter auf Hartz4 schicken, wie bei den Bankern, die ihre Verluste auf die Steuerzahler abschieben und dafür enorme Provisionen einstreichen, wie bei Managern, die ihre Unternehmen an die Wand fahren und für diese „Leistung“ Prämien von mehreren Millionen Euro erhalten, während die Mitarbeiter zu Hartz4 Bettlern erniedrigt werden. Dass all diese Asozialen mehr Geld verdienen als Unternehmer, die etwas nützliches für die Gesellschaft leisten und dabei ihren Kopf und Kragen riskieren, als Ärzte, von denen die meisten unter hohem Stress Menschenleben schützen und retten, als alle anderen Handwerker, Putzfrauen, Pflegekräfte, Polizeibeamte etc., die mit ihren Dienstleistungen die Werte dieser Gesellschaft erarbeiten, dass stört mich. Ja, Leistung sollte sich wieder lohnen, aber es gibt Asoziale, welche die Leistungserbringer um ihre Früchte betrügen. Und unsere Politiker stehen auf der Seite der Asozialen und fördern dieses asoziale Spiel aktiv durch ihre Gesetzgebung, ihr Volk ist ihnen egal, denn sie sind ebenfalls Profiteure dieses asozialen Systems. Und sie blockieren das Anti-Korruptionsabkommen, um sich selbst Straffreiheit zu sichern und sie verhindern Transparenz, um ihre Sebstbedienung zu vertuschen. Genau hier können Journalisten diese asozialen systemischen Strukturen durch eine Umwertung ändern. Strukturelle und systemische Verstösse gegen die Menschenrechte (sittliche Sollnorm oder rechtsverbindliche Mussnorm?) aufdecken und anprangern, und nicht nur bei offener Gewalt.

chocolate 17.07.2010 | 10:43

Es ist das erste Mal, dass ich das Bedürfnis verspüre einen Artikel aus dem Freitag zu kommentieren. Ich habe mich über diesen Artikel unglaublich geärgert, denn selten habe ich einen so unreflektierten Text im Freitag gelesen. Der Anlass dieses Artikels ist also nun eine Diplomarbeit, die ein Thema ausschlachtet, das bereits von langjährigen Aktivisten bereits bearbeitet wurde: Aktionshandbücher. Hier finden sich nun sage und schreibe 18 Protestformen (von der terminologischen Unsauberkeit möchte ich hier gar nicht anfangen) von zwei Personen, die ein paar auch selbst ausprobiert haben. Na Hallelujah – das ist eine Story wert?

Inhaltlich finden sich in diesem Artikel mehr Plattitüden und polemische Aussagen als Informationen und dann kommt auch noch der altbekannte Topos der Latschdemo. Wurde der nicht schon in den 90ern gebraucht und zuletzt kritisiert in dem Buch von Marc Amann ("go.stop.act."). Bislang kenne ich die publizierte Diplomarbeit nicht, aber es macht bislang den Anschein als hätte hier wieder jemand, der ein spannendes Thema zum Abschluss des Studiums suchte, von gut aufbereiteten Aktionshandbüchern der Szene abgeschrieben und ein paar Verweise auf Kulturtheorien, Derrida oder Bourdieu eingestreut, um dem Ganzen einen wissenschaftlichen Ton zu geben.

Aber mal zurück zu dem Artikel, dessen Schreibanlass durchaus fragwürdig ist (wie gerade dargelegt): Kurz bevor man sich durch die intellektuellen Marginalien (bspw. "Manche [der Aktionsformen] benötigen etwas Übung, andere gelingen auf Anhieb." Nach so einem banalen Satz fragt sich der Leser: Welche denn? Es werden nur altbekannte genannt, nämlicht Torten, Straßentheater, Plakatieren, Banner-malen und die gerade stark gehypten Flash-Mobs) gequält hat endet nun auch der Autor äußerst unreflektiert mit: "Warum kränken die Bewegungen immer noch an der eintönigen Protestform-Landschaft? Kommen Leute nicht auf die Idee, etwas Neues zu probieren?" Ich glaube an der Stelle sind wir am Tiefpunkt des Artikels! Dann wird noch the godfather of social movement research zitiert und dann der altkluge Rat: Aufmerksamkeit lässt sich auch anders erregen. Hier wird die Realität mal wieder völlig ausgeblendet, vielleicht weil Journalisten / Redakteure soviel produzieren müssen, dass sie alle Fakten nur noch über den Ticker bekommen – ich weiß es nicht. Aber gehen Sie doch mal raus auf die Straße! Und nicht nur zu den großangekündigten Aktionen von Greenpeace oder Attac. Sie sitzen in Großstädten wie Berlin und bekommen nichts von den aktuellen Formen neben Torten mit? Sie bschweren sich, dass man nur konservative Formen sieht: Dann berichten Sie doch mal über die anderen Formen! Die massenmediale Berichterstattung unterliegt gewissen, oft intransparenten Selektionsmechanismen und berichtet immer nur über das, was gerade eben die meisten Nachrichtenwertkriterien erfüllt, aber dass nun nicht mal mehr im Freitag Platz ist für Kritik am eigenen Arbeiten und in Plattitüden verfallen wird, die ich sonst auch in der SZ lesen kann – frustriert mich schon. Wo waren Sie denn beim Bildungsstreik? Wo schauen Sie denn hin, wenn Sie zu regionalen Aktionen gehen? Sie behaupten Straßentheater ist neu und kreativ? Letzteres vielleicht, aber neu sicher nicht. Downing hat bereits in seinem Buch "Radical Media" darüber geschrieben und bei Marc Amann kommt es auch vor. Von den anderen 20 Büchern will ich gar nicht erst anfangen. Aber wo bleibt die Diskussion der kreativen Formen der Kommunikationsguerilla? Wann haben Sie zuletzt über eine Laugh-Parade o.ä. berichtet? Vielleicht auch weil es sich nicht so gut illustrieren lässt?