Anrüchig

Lyrik rules! Doch der 12. open mike verschläft das Lied in allen Dingen

Am Ende brachte der erste Preisträger, kaum ein Wort heraus, so sehr war Christian Schloyer, der 1976 in Erlangen geborene Philosophiestudent, nein, nicht überrascht, sondern geschockt von der Wahl der Jury. Keiner im Saal des Kulturzentrums Podewil in der Berliner Mitte hatte wohl noch einen einzigen seiner Verse im Gedächtnis, doch die Herren (Michael Lentz und Thomas Hettche) sowie eine einzelne Dame (Christina Viragh) mussten sie die ganze Zeit über in ihren Ohren gewiegt haben. Lyrik rules, das freie Versmaß rettet den Open Mike! Dabei hatten es sich alle Anwesenden vergangenes Wochenende in der scheinbar endlosen Untiefe zeitgenössischer Nachwuchsprosa bequem gemacht und dann das! Denn was Verlagslektoren und Literaturhändler noch immer eint: das Warten auf die Julia Francks und Jochen Schmidts aller deutschsprachigen Länder. Das Warten auf den gut gefederten Bestseller!

Dafür ist man sich seitens der Lektoren nicht zu schade, kaum diskutable Texte schön zu reden und zu preisen. Wie in Matthias Sachaus Fußballgeschichte Schütze holt, in der es resümierend, leider auch über die Qualität des Textes, heißt: "Von außen dringt leises Bayerisch in den Gestank und erstirbt." Oder in Christoph Pollmanns Romanauszug, in dessen antiquiertem Sprachaufzug sich "deutlich ein Dunst von Alkoholika in das ruinös Urinöse mischte ...". Noch duftender nassführten einen die Worte, wenn Karola Foltyn-Binder anhob: "Aber plötzlich stank es nur noch nach Schweiß und Urin ...". Oder René Becher, der für seine katholische Vater-Sohn-Geschichte, aus welchem Hinterbayern auch immer, sogar prämiert wurde: "Michel riecht unglaublich aus dem Schritt ..."

So waren sie dann auch, die meisten der achtzehn Beiträge: viel penetranter Geruch um Nichts. Wenigstens die junge Züricher Autorin Nanina Egli (Jahrgang 1980) wusste der ganzen Fäkalneurotik einige pointierte Sätze abzuringen in ihrer, das blieb eine Ausnahme, gekonnt komponierten Prosa: "Das Paradies beginnt im orangenen Rondell aus Plexiglas." Die Jury fand hierfür leider keine Worte und stammelte widerspruchsvoll bei ihrer Preisbegründung für Rabea Edels esoterischen Frolleinwunder-Aufguß Das Wasser in dem wir schliefen von "einem tiefen Atem, der Spannung schafft trotz einem vorhersehbaren Ende."

Bemerkenswert allerdings ist die Tatsache, dass sich die Jury wenigstens mit dem Lyriker Schloyer gegen das erschreckende Mittelmaß der meisten Betriebsprosa und für einen jungen Dichter entschied, mithin für poetische Passion und gegen marktorientierte Abgebrühtheit. Gewiss sind seine Gedichte lediglich eine avancierte Talentprobe mit starken Schwankungen nach unten. Doch dieser schüchterne junge Mann aus Franken, ein Seelchen nach dem Bilde des jungen Eichendorff, hat die ersten Schritte auf die mallarméschen Leitern der Poesie gewagt, und das verdient Respekt.

Vor einigen Jahren warnten die damaligen Juroren die Teilnehmer vor dem Treibsand des Literaturbetriebs und plädierten für eine Zäsur und die Aussetzung des Preises. Glaubt man den Lektoren, die die diesjährigen AutorInnen ausgewählt haben, gibt es kaum mehr ein Gefälle, sondern nur das gleichgeschaltete Einerlei. Die Schreibenden haben sich an der Benutzeroberfläche bestens eingerichtet. Vielleicht sollte daher das Preisgeld bei Qualitäten wie in diesem Jahr zumindest anteilig dem Tierheim Berlin zur Verfügung gestellt werden, wo es gefährdetere Arten gibt als die der aufstrebenden JungautorInnen. Die bekleiden allenthalben noch einen Job in einer Werbeagentur oder Sortimentsbuchhandlung und bestreiten ihre Einkünfte auch so.

Im Ernst: Dem jetzt zwölf Jahre alten Wettbewerb würde innovativer Schwung gut tun. Womöglich könnte der Wettbewerb in Zukunft den Untiefen der Konfektionsliteratur entgehen, würde man die Auswahl der Texte den überwiegend Großverlage vertretenden Lektoren aus der Hand nehmen. Die schielen zu sehr auf verkaufsträchtige Literatur. Distanziertere, unabhängige Lektoren könnten diesen Wettbewerb mit weniger verkaufsträchtigen Talenten auffächern. Doch solange die Außendarstellung des Wettbewerbs wichtiger ist als die öffentliche Kritik an den Texten der jungen Autoren, wird sich daran nichts Entscheidendes ändern. Stattdessen bleibt die Jury des Open Mike zwei Tage lang stumm. Wie meinte das Jurymitglied Thomas Hettche dann doch noch treffend: "Nicht alle, die hier gelesen haben, müssen Schriftsteller werden." Doch was wird dann aus ihnen? Wie schrieb einst E. E. Cummings?: "Was wird aus den Menschen, die keine Künstler werden? Nichts wird aus ihnen, das Nichts wird aus ihnen."


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00:00 12.11.2004

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