Auch du, Brutus?

Kommentar Über Charaktere und die Freiheit in der Demokratie

Das Böse ist die Zukunft, mit diesem Titel leitete Heiner Müller eine neue, notwendige Aufklärung für die Massen im 21. Jahrhundert ein, die solcher Aufklärung bedürfen wie dem Brot.

Am Sonntag waren Wahlen in Deutschland. Da haben womöglich die Massen, von denen Müller spricht, gebetet: Herr! Nimm all diese Raubtiere auf der Wahlliste, die uns heute auf freie demokratische Art und zivilisiert zwischen Messer und Gabel verschlingen wollen in deinen schönen Himmel hinauf. Aus Erfahrung mussten sie freilich befürchten, dass er es wieder nicht tut, selbst wenn sie "auf den Knien ihres Herzens" vor ihm liegen.

1, 7 Millionen ihrer Kinder leben unter der Armutsgrenze. Von ihnen liest man, dass sie mit Pappen auf der Brust durch die Straßen ziehen; es sind große Pappen auf denen steht: Spart uns nicht zu Tode!

Die Eltern, die ihnen zehn Tage vor dem Monatsende kein Geld für das Schulfrühstück mehr geben können, mussten sich - vor die Wahl gestellt - fragen: Welchen von diesen beiden ehrlichen Heuchlern sollen wir die Stimme geben?

Von Brecht fällt mir dazu ein kleiner Text mit dem Titel Freie Wahlen ein: "Es ist der älteste Trick der Bourgeoisie, den Wähler frei seine Unfreiheit wählen zu lassen, in dem man ihm das Wissen um seine Lage vorenthält. Das, was jemand braucht, um seinen Weg wählen zu können, ist Wissen. Was kommt dabei heraus, wenn man einen Mann, der weder Notenlesen noch Klavierspielen lernen durfte, vor ein Klavier stellt, und ihm die freie Wahl über die Tasten lässt?"

Inzwischen schreiben selbst die verlogensten Zeitungen, dass nie so viel gelogen wird wie vor einer Wahl. Das haben Merkel und Schröder sich zu Herzen genommen. Frau Merkel hat ständig wiederholt, dass sie es ehrlich meine und die Wahrheit sage. Damit ihr das auch jeder glaubte, nannte sie ihren großen Konkurrenten einen Lügner. Als ich das im Radio hörte, dachte ich an den Satz Heiner Müllers.

Es ist Schröders und Merkels beharrender Wille und der Wille aller Minister in der Demokratie, auf dem immer steiniger werdenden Weg zur vollendeten Globalisierung, den sie "das Schicksal" nennen, das Volk mitzunehmen. "Mitnehmen" ist das inzwischen gänzlich verwirtschaftlichte Wort für "schleifen". Schleifen vor allem zu dieser demokratischen Wahlurne, in die wir unser Testament legen sollen. Auf dem dann unser Kreuz aus den Tagen vieler Jahre auf dem Boden dieser Urne liegt. Dieses Kreuz sagt uns, dass wir auf Ihrem vorgeschriebenen Weg künftig nicht mehr zu existieren, sondern zu funktionieren haben. Dass wir erstens biegsam, zweitens anpassungsfähig, drittens beugsam sein müssen. Das Wort "beugsam" allerdings wagen sie nicht vor den Geschleiften zu sagen. Es wird verschleiert, weil es nach Knechtschaft klingt. Es muss darum - wieder einmal - das Lateinische helfen, es heißt: flexibel.

Der Wahltag ist vorbei, aber ein böses Kinderspiel beginnt jetzt erst richtig. Beginnt mit den Grünen in dieser Runde der Elefanten und dem kleinen Außenminister, für den man den großen Shakespeare ausgraben muss, weil man in seinen Augen und seinem Reden schon den berüchtigten Brutus sah, von dem nach seinem Mord an Cäsar immer wieder gesagt wird: "... und Brutus ist ein ehrenhafter Mann!"

Natürlich geschieht ein Mord bei dressierten Elefanten nicht mit dem Dolch im Gewande, sondern mit dem Rüssel. Ihrem enormen Rüssel, aus dem sie brüllen, bis sie heiser sind. Auch heiser brüllen sie noch immer nach dieser Ehre, die einem Brutus zukommt. Schröder sah seinen Außenminister die ganze Zeit an, konnte die Augen nicht von ihm wenden, und hinter der Netzhaut las man den immer noch jungen Satz aus dem alten Rom: Auch du, Brutus!?

Ansonsten saßen in dieser Runde die Ehrlichkeit, die Sauberkeit, die Unbestechlichkeit und das nicht mehr zu korrumpierende Geld. Letzteres nicht im Gewand der Hure Babylon, das zum Himmel stinkt. Nein! Die eben noch vor dem Absturz zitternde FDP stand hocherhoben (durch Leih-Stimmen vom rechten CDU-Flügel) da und feierte ihren neunprozentigen Sieg. Sie stieß als plötzlich stärkster Elefant förmlich mit Springerstiefeln die CDU-Kandidatin vom Thron: "Die CDU hat zu wenig Stimme. Das reicht nicht für eine Koalition. Wir gehen jetzt in die Opposition, Punkt!"

Und Fischer hielt sich noch mit einem durchsichtigen Schamtuch bedeckt, als man ihn fragte, ob er nicht Außenminister der CDU werden wolle.

Für die Freiheit in der Demokratie ist Charakterlosigkeit eine Grundbedingung. Das Volk betrachtet verwirrt die demokratischen, staatstragenden Vorbilder für ihre Kinder und ahnt dumpf: "Das Böse ist die Zukunft".

Käthe Reichel, Schauspielerin


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