Auf den Geschmack gekommen

Befreier seiner selbst Michail Gorbatschow könnte noch heute vom Lenin-Mausoleum heruntergrüßen - wenn er sich nicht selbst reformiert hätte

Vor 20 Jahren wurde Michail Sergejewitsch Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU gewählt und initiierte auf dem Aprilplenum die "Perestroika" - mit den bekannten Folgen. Die Nachrufe auf den Papst in den vergangenen Wochen erklärten Johannes Paul II. zum Bezwinger des Kommunismus, dabei besteht die Ironie der Geschichte genau darin, dass eben nicht ein erklärter Antikommunist wie Johannes Paul II. die Einparteienherrschaften in Osteuropa beendete, sondern ein gelernter Kommunist und überzeugter Leninist, ein gelehriger Schüler des Systems dasselbe zu Fall brachte.

Eigentlich wollen alle immer nur das eine von ihm wissen: Wenn Sie geahnt hätten, wie es ausgeht, Michail Sergejewitsch, würden Sie es noch einmal tun? Wenn Sie gewusst hätten, dass man Sie absetzt und die "unzerstörbare" Sowjetunion in ihre Einzelteile zerfällt - würden Sie wieder anfangen von Glasnost und Perestrojka?

Man muss Gorbatschow nicht mehr beibringen, wie man sich mitteilsam äußert, ohne wirklich etwas zu sagen. Er hat es im Komsomol gelernt, alle Stufen der Parteihierarchie damit erklommen und bei seinem Publikum gemischte Gefühle ausgelöst. Zuerst Begeisterung und Verehrung: Ein Generalsekretär, der frei redet! Dann, mit der Zeit, wachsendes Unverständnis, das in Ablehnung umschlug. Dann, gen Ende, nahezu Hass. Heute spricht er anders, aber wenn es die Situation erfordert, erinnert er sich schnell an sein altes Handwerkszeug.

Schließlich ist es eine wichtige Frage für ihn; für einen Politiker eine der wichtigsten überhaupt: die Frage nach der Macht. Er weiß (und wir wissen), dass er ohne die Reformen sehr wahrscheinlich noch heute Generalsekretär wäre. Und unser aller Blick würde sich in diesen herrlichen Frühlingstagen zum Kreml wenden, wo in einer feierlichen Sitzung die Genossen Ligatschow, Jelzin, Jakowlew, Schewardnadse und wie sie alle heißen, ihm zum 74. einen weiteren Orden an die Brust heften, ihm, dem herausragenden Kommunisten, dem treuen Leninisten, dem Generalsekretär des ZK der KPdSU, dem Vorsitzenden des obersten Sowjets, dem Genossen Michail Sergejewitsch Gorbatschow.

Er weiß (und wir wissen), dass wir ohne Perestroika noch heute hinter dem eisernen Vorhang säßen. Die deutschstämmigen Aussiedler genauso wie die ausreisewilligen Juden, mit Ausnahme weniger Glücklicher, die man in die USA, nach Israel und in die BRD hinaus ließ - im Austausch für kanadischen Weizen, Computertechnik und ein paar Zugeständnisse zur Abrüstung. Keiner von ihnen hätte je wiederkommen können; weder für einen Monat noch für eine Woche noch für einen Tag. Wir dagegen würden in diesen Tagen den ruhmreichen Jahrestag des Aprilplenums begehen und in der Zeitung lesen, mit welch großem Erfolg dessen Beschlüsse umgesetzt wurden. Während unsere Blicke wehmütig über leere Regale schweifen, würden wir sie insgeheim verfluchen: Gorbatschow, die Partei, das eigene glücklose Leben und das unseres unglücklichen Landes. Und er, Gorbatschow, gealtert, verbittert, gezeichnet von der schweren Bürde der Macht würde müde von der Tribüne des Mausoleums zu uns herabwinken, wie alle seine Vorgänger. Jubelnd würden die Massen, die sein Porträt tragen, ihm antworten ...

Aber nein: heute, 20 Jahre später, ist er nicht mehr am Ruder, sondern seit langem in Rente, ein gewöhnlicher Politikpensionär, der lediglich zu bestimmten Gedenktagen zum Fernseh-Interview geladen wird. Dann bestürmt man ihn mit verschiedenen Fragen, die alle auf die eine hinauslaufen. Wer ganz genau hin hört, kann aus seinen wortreichen Antworten Überraschendes heraushören: "Nein, ich bereue es nicht." Und sogar: "Die Perestroika hat gesiegt."

Ich glaube, er meint es ehrlich. Zum einen, weil in den Jahren des Ruhestands die bittersten Gefühle gemildert wurden. Schließlich heilt die Zeit alle Wunden, auch die des Machtverlusts, und er ist schon lange nicht mehr auf Droge. Zum zweiten, weil je weiter die Geschichte fortschreitet, sich desto klarer abzeichnet, wie Recht er damit hatte, sowohl die Linken als auch die Rechten zu Vorsicht und Geduld aufzurufen. Zum dritten, weil im Lauf der Jahre sowohl ihm als auch uns das Ausmaß seiner historischen Rolle immer deutlicher wird.

Will man die historische Bedeutung buchstäblich in einem Wort benennen, muss man die "Heldentat" bemühen. Das Wesen dieser Tat beschreibt ein anderes Substantiv: "Freiheit". Hochgestochen ausgedrückt: Gorbatschow befreite sein Land von den Fesseln des Totalitarismus. So unangemessen klingt das eigentlich gar nicht. Besonders heute. Herrscher von seiner Sorte lassen sich in der russischen Geschichte an einer Hand abzählen. Zusammen mit Jelzin, den beiden Alexander-Zaren und dem Tolpatsch Kerenski bildet Gorbi die glückliche Ausnahme einer tausendjährigen Tradition. Alle anderen haben hauptsächlich unterjocht, gevierteilt, Köpfe abgeschlagen und eimerweise Blut vergossen. Von den wenigen freiheitsliebenden russischen Herrschern unterscheidet sich Gorbatschow dazu noch zum Besseren, weil er ein überzeugter Gegner von Gewalt war und blieb.

Die liberalen Geister wundern sich bis heute: Wie konnte einer wie er es so weit bringen - bei der sonst unfehlbaren Negativauslese des Breschnewschen Politbüros? Die patriotisch Gesinnten haben dafür eine Antwort parat: Volksfeind, Spion, Geheimagent der Weltverschwörung! Letzteres erklärt einiges über den Geisteszustand unserer patriotisch gesinnten Bürger, das Rätsel Gorbatschow bleibt jedoch ungelöst.

Denn tatsächlich steht der von ihm gewählte Weg zur Freiheit über den eigenen Machtverlust nicht nur im Widerspruch zur russischen Tradition, sondern auch zu seiner eigenen Biografie. Mehr noch: zweifellos wollte unser Befreier seine Macht keinesfalls abgeben. Zu Beginn dachte er auch nicht daran, die Sowjetunion nach westlichem Vorbild umzubilden. Bestenfalls träumte er davon, eine Art Kapitalismus unter Führung der kommunistischen Partei aufzubauen - mit menschlichem Antlitz nach chinesischem Vorbild.

Ich glaube sogar: Wenn damals im April jemand dem jungen, selbstsicheren Generalsekretär ein wirklichkeitsgetreues Bild seiner Zukunft vor Augen gehalten hätte, das Ende seiner Karriere und seinen Rücktritt -, dass er dann angehalten hätte. Gut klingende Gründe gab es genug, einschließlich der augenfälligen Gefahr des Verfalls der Großmacht. Der damalige Gorbatschow, der einer französischen Zeitung im Interview erklärte, es gäbe in der Sowjetunion keine politischen Häftlinge, der treue Leninist, der Antialkoholismus im ganzen Land anordnete - er war noch ganz und gar vom Fleisch und Blut des Parteiapparats. Wie ein paar andere hohe Genossen hatte er lediglich begriffen, dass die Sowjetunion dabei war, den ideologischen Kampf haushoch zu verlieren und dem Wettrüsten nicht länger gewachsen zu sein. Warum, wusste er nicht. Die Methoden zur Lösung der Probleme lagen dagegen auf der Hand: Disziplin, Ordnung und Abstinenz als Lebensnorm, ein bisschen Freiheit fürs gesellschaftliche Klima, ein bisschen eigene Buchführung in der Wirtschaft, ein sorgfältig dosiertes Maß an Pressefreiheit.

Vor 20 Jahren unterschied sich der neue Führer in Mantel und Hut auf dem Mausoleum von seinen Politbürokollegen nur durch seine Jugend. Die Pessimisten ließen deswegen besonders die Köpfe hängen - wie heute bei Putin hieß es: Er ist jung, das bedeutet, er bleibt lange. Die Optimisten nahmen den neuen Generalsekretär in Augenschein und flüsterten: Er hat irgendwie so lebendige Augen ... Das war die Wahrheit: Aus der Ansammlung der Gebrechen, die in den achtziger Jahren das Gesicht der sowjetischen Führung bildeten, ragte Gorbatschow als Sonderling heraus. Er sah aus wie ein Mensch.

Das Land, das der junge Generalsekretär nach seinem Gang durch die Institutionen übernahm, war in einem erschreckenden Zustand. Nicht nur in ökonomischer Hinsicht. Jene weltweit so verlachte wie gefürchtete Großmacht, ein "Imperium des Bösen" auf tönernen Füßen, die UdSSR, sie verursachte all jenen tiefste Schamgefühle, die in ihr lebten und nachdachten. Dem freudlosen Tschernenko war es egal, welches Land er regierte und was man in der Welt von ihm dachte. Dem lebhaften, ehrgeizigen Gorbatschow war es nicht gleichgültig.

Er befreite sich und das Land etappenweise. Das neu zugelassene Interesse an Geschichte brachte die Diskussion über den Stalinismus wieder in Gang, die die Partei in den Sechzigern für beendet erklärt hatte. Von Stalin führte eine direkte Verbindung zu Breschnew; man erinnerte sich an den Reformator Chruschtschow, den die vorige Nomenklatur abgesetzt hatte; die Epoche des werten Leonid Iljitsch wurde zur "Stagnationsperiode" erklärt. Und wenn Breschnew so viel falsch gemacht hatte, sollte ausgerechnet seine Entscheidung, Dissidenten zu verhaften richtig gewesen sein? Keine einfache Frage, nicht wahr, Genossen ...

Die Freilassung Andrej Sacharows ging einher mit dem Interesse an dessen Theorie der Konvergenz; er glaubte an die Synthese des Besten aus Kapitalismus und Planwirtschaft. Für die KPdSU war das bereits der erste Schritt Richtung Abgrund. Weder Sacharow noch Gorbatschow ahnten, dass da nichts zu konvergieren war, dass man im ganzen Imperium nichts anfassen konnte, ohne dass es augenblicklich zerfiel. Die Freiheit und der Verfall waren da also bereits programmiert.

Der Gorbatschow von 1985 hätte auf die Reformen vielleicht verzichtet, wenn er um ihren Preis gewusst hätte. Zwei Jahre danach war es zu spät. Nicht dafür, die Schrauben wieder anzuziehen - die Putin-Ära zeigt uns schließlich, wie leicht die Rückkehr zu den alten Traditionen ist. Auch Gorbatschow hätte umkehren, ein Tiananmen veranstalten und bis heute regieren können. Der Generalsekretär des ZK der KPdSU, mit Lenins Schriften unterm Arm, wäre geradezu verpflichtet gewesen, das Ruder herumzureißen. Ein paar tausend Verhaftungen und Ruhe wäre eingekehrt ... Aber Gorbatschow hat das nicht gemacht. Und bereut es nicht.

Des Rätsels Lösung in Gorbatschows eigenen Worten: Der Prozess war los. Eben nicht nur der politische, sondern auch der pädagogische. Als er das Land befreite, hat Gorbatschow sich selbst befreit, und ist, so nehme ich an, auf den Geschmack gekommen. Trotz Jelzin, den empörten Schreien der Demonstranten auf dem Roten Platz und den Verleumdungen seiner Parteikollegen - er war glücklich, unser Michail Sergejewitsch.

Das ganze Land, einschließlich seines ersten und letzten Präsidenten, erlernte die Freiheit und wurde durch Freiheit erzogen - und das fiel um einiges leichter als die Umerziehung durch Arbeit auf den Baustellen des Kommunismus. Die politische und menschliche Größe Gorbatschows bestand darin, dass er empfänglich war für diese Art Umerziehung. In den ersten Jahren mögen in ihm noch die Angst um sich und das Imperium vorgeherrscht haben. Doch bald schon erfasste ihn angesichts der herkömmlichen Mittel des Ordnungswahrens, der Schaufeln in Tiflis und der Panzer in Vilnius, ein Gefühl des Überdrusses. Und er setzte keine Gewalt mehr ein, weder für Gut noch für Böse, bis zum letzten Tag. Den Kreml verließ er, wie es damals schien, besiegt und erniedrigt - um direkt in die Geschichte einzugehen, wo er noch zu Lebzeiten, seinen undankbaren Landsleuten zum Trotz, die verdienten Ehren empfing. Den Ruhm des Befreiers inklusive.

Eine für Russland rare Ehre. Die Seltenheit dieser Ehre wird besonders deutlich, denkt man an seine Nachfolger. An Boris Jelzin, der sich nicht gerade durch Abneigung gegen Gewalt auszeichnete. Oder an Wladimir Putin mit seinen Staatssicherheits-Klonen, die von allen Lektionen Gorbatschows nur eine verinnerlicht haben: der Generalsekretär hatte verdammt viel Macht - und er hat sie verzockt. Diesen "Fehler" Gorbatschows merzen sie nun aus, indem sie erneut eine Art kommunistischer Parteivertikalen aufbauen und das Land zurück in jene Sackgasse führen, aus der wir unter Michail dem Befreier gerade mühsam herausgefunden hatten. Nun haben wir wieder eine Großmacht, die Stalin-Hymne, eine Zensur, Spione, verhaftete Systemfeinde und aus Tschetschenien kommen regelmäßig Särge, wie damals aus Afghanistan ... Fast scheint es so, als halte Putin die Grabrede Tschernenkos, und wir bewegten uns auf direktem Weg vorwärts in die Vergangenheit.

Aus dem Russischen von Barbara Schweizerhof

Ilia Milstein, Journalist, kam 1997 aus Russland in die Bundesrepublik und schreibt von hier für verschiedene russische Zeitungen


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00:00 29.04.2005

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