Auf den Mund gekommen

Platz an der Sonne Wenn man seit Wochen einen neuen und nicht gerade anziehend ausschauenden Leberfleck beäugt und dann nach ausgiebig nutzlosem Gejammer darüber, dass ...

Wenn man seit Wochen einen neuen und nicht gerade anziehend ausschauenden Leberfleck beäugt und dann nach ausgiebig nutzlosem Gejammer darüber, dass die fürs Gemüt ja segensreiche, für die Epidermis indes wohl durchaus verfluchenswerte, am mittlerweile nur noch ekelerregend verkitscht azurblauen Himmel gottverdammt aufreizend herumfläzende Dauersonne einen wahrscheinlich auf den Hund bringt - wenn man dann sogar mal zum Hautarzt geht, entnimmt man, weil es so sein soll, dem glühenden Briefkasten auf dem Weg zum Fachmann auch gleich noch die frische Hochglanzmitgliederzeitschrift der eigenen Krankenkasse.

"Vorsorge!" steht auf dem Titel, ergänzt durch Aufforderungen dieser Art: "Jetzt!", "Wichtiger denn je!" und "Zögern Sie nicht!" Zögern tut man ja keineswegs mehr. Im Gegenteil. In der Anmeldung teilt einem die liebenswürdige Sprechstundenhilfe nicht minder entschlossen mit: "Ich muss Ihnen das leider gleich sagen: Das Anschauen kostet 20 Euro. Das übernimmt die Kasse nicht mehr. Die Operation zahlt die Kasse."

"Aber das ist doch eine Vorsorgemaßnahme." - "Ich weiß, ich kann es leider nicht ändern." - "Kann der Herr Doktor nicht mit verbundenen Augen anschauen, und wenn es Not tut, zu schneiden, nimmt er die Binde ab?" - "Ach, nein, das geht leider nicht." - "Dann bitte einmal Anschauen für 20 Euro." Immerhin: Hinterher wünscht einem der gute Herr Doktor: "Überstehen Sie den Sommer gut!"

In Brechts Me-ti - Buch der Wendungen, entstanden in den arschkalten dreißiger Jahren, steht hinwieder folgendes: "Jedermann weiß, dass es zu viele Ärzte gibt, als dass gut verdient werden könnte, aber zu wenig, als dass gut geheilt werden könnte. Viele Ärzte sind schlecht beschäftigt, und doch müssen sie ihr Studium in wenige Jahre zusammenzwängen, es eilig und flüchtig beenden. Am wenigsten verdienen diejenigen, welche die meisten Kranken haben; denn die meisten Kranken sind arm. Die Armen sind den Krankheiten am stärksten ausgesetzt und werden am schlechtesten geheilt. Ihre Ärzte haben keine Zeit, sich weiterzubilden. Sie sind so sehr beschäftigt mit falschen Methoden, dass sie keine Zeit haben, richtigere zu studieren. Das letzte Wort über die Verwendung einer Arznei sprechen die Arzneihändler. Den Kranken wird oft verordnet nicht, was sie am besten heilt, sondern was sie am meisten Geld kostet."

Man soll ja Glossenplätze nicht dadurch füllen, dass man in einem Maße zitiert, wie der heutige High-Society-Arzt bei seinen gut bestückten Kunden kassiert. Doch in diesem Fall scheint es wohl ausnahmsweise gerechtfertigt - zumal meine Lippen wenige Tage nach dem Hautarzttermin wegen einer ausnehmend ausdrucksstarken Herpes-Infektion derart zu schmerzen begannen, als wollten sie das ganze Gesundheitsreformgewürge zuungunsten all derer, die sich den nächsten Arztbesuch vom Mund werden absparen müssen, partout nicht kommentieren.

Für die Lippen ist der Hautarzt übrigens nicht die Bohne zuständig; sondern - nach alter Sitte - der Hausarzt. Der ordnet auf Grund der "erheblichen Infektion" ein komplettes Blutbild an, für dessen Erstellung man, logisch, ordentlich hinzuzahlt. Dass einen das zwei Tage später unterbreitete Ergebnis richtig froh und dankbar stimmt, sei nicht unterschlagen, ändert an den herpesspezifischen Ausbruch- und dann Heil- beziehungsweise Ausheil- wie Abheilfreuden allerdings so gut wie nichts.

Zunächst kann man einen ganzen Tag nicht rauchen, und das einzige, das über die von schwärenden Blasen überzogenen Lippen will, ist angetautes Eis, wobei der Löffel zart gegen die merklich reizbaren Glutpickel scheuert. Dann breitet sich die Entzündung über den gesamten Mundraum aus. "Das ist normal", sagt mein Bruder, ein Zahnarzt, "das hört so schnell nicht wieder auf."

Es wird sogar noch doller. Am dritten Tag macht es die mittlerweile nicht allzu moderate Mundfäule unmöglich, selbst kalten Kartoffelbrei zu schlabbern. Man isst also gar nichts mehr und saugt den kalten Kamillentee durch einen Strohhalm ein. Unter Leute geht man nicht. Eine Woche lang. Nach etwa zehn Tagen beginnen sich endlich Krusten zu bilden. Das Zahnfleisch wütet unvermindert. Dafür platzen jetzt die Grinde auf. Einschmieren mit antiseptischer Salbe bringt praktisch nichts. Man isst nach wie vor im Grunde nichts (außer Nikotin), kann dafür aber auch nicht mehr sprechen. Nach zwei Sätzen pappen die Lippen derart pattexartig aneinander, dass man das Telefon klingeln lässt. Man vereinsamt und wird sparsam.

In der dritten Woche wagt man sich wieder nach draußen. Mit Herpes in die Sonne zu gehen - selbst mit verschwindender Herpes - ist übrigens das allerletzte. Hier nicht näher zu schildernde Vereiterungen an den Mundwinkeln sind die Folge. Damit schließt sich der Höllensommersonnenkreis schmerzreich schlüssig - wie dieser so oft beschworene, geheimnisvolle marktwirtschaftlich-moderne "Geldkreislauf".

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00:00 22.08.2003

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