Auf der falschen Fährte

Austreibung der menschlichen Dimension Das "MaerzMusik"-Festival in Berlin demonstrierte Geschichtsverlust

maerzMusik - Festival für aktuelle Musik schloss mit Lou Reeds Metal Machine Music von 1975, aufgeführt vom Ensemble Zeitkratzer in einer wüsten Instrumentalfassung. Metal Machine Music inszeniert Klänge wie wilde, immer gleiche Tänze rostiger Stahlharken auf Blech. Bläser, Streicher, Schlagzeug, Akkordeon, Klavier, megaelektronisch verstärkt, figurieren wie Schrupp-, Pfeif- und Schreiwerkzeuge. All das - keineswegs neu - zu verwenden, ist legitim. Ein Rebellieren des Subjekts ist es allerdings nicht mehr. Sollte es wohl auch nicht sein. Ganz allgemein wurde Zeitkritik vom MaerzMusik-Festival weitgehend negiert. Einzelne zeitkritische Arbeiten machten sich gleichwohl vernehmlich.
Es war die erste MaerzMusik. Sie wird großzügig finanziert aus Bundesmitteln, einmal jährlich an zehn Tagen wird das Festival künftig laufen, und das Programmvolumen gleicht etwa dem seiner Vorgängerin, der Musik-Biennale. Sicher, die erste MaerzMusik stand, wie es sich bei Starts gehört, in der Pflicht, sowohl neues Terrain zu betreten als vorhandenes umzupflügen. Aber was geschah? MaerzMusik stieß sich so rigide von der Biennale ab, dass von deren Profil, Geist, Grundverständnis fast nichts übrig blieb. Wer so liquidatorisch herangeht (Programmverantwortung: Matthias Osterwold), darf keine Milde der Kritik erwarten.
So traten schon bei diesem ersten Festival eine Reihe von Grunddefekten zu Tage, deren erster man folgendermaßen zusammenfassen könnte: Primitivismen reihenweise, Obsessionen á la Carte, Kunstlosigkeit, Technikanbetung, Event- und Digital-Electronic-Kunst-Zerstreuung rangierten vorn. Eine "musique engageé" ist nicht gewollt.
Als zweiten grundsätzlichen Fehler kann man benennen, dass die meisten Maerz-Programme ästhetische Rücknahmen und Geschichtsverlust demonstrierten. Ohrenfällig wurde ein generelles Misstrauen, ja ein Affront gegen die "elitär" komponierte, die "Partiturmusik", wie Inkompetente sie hämisch nennen. Im Zeichen aktueller Öffnung schrumpfte ein gehöriger Teil der Podiumskonzerte, während die Orchestermusik gänzlich vor der Tür blieb. Wann hat es das gegeben.
Die MaerzMusik hat, streng gesehen, den gesamten geschichtlichen Komplex, den die Biennale auszunutzen wusste, ignoriert. Was für sie vorrangig ist, sind die Klang-Soßen, mit denen Soziophänomene aus dem urbanen Leben versüßt werden. Und je verlängerter, lascher dieselben, desto quälender die Langeweile. Sozialbefunde, die an den Nerven der Menschen rühren, die Leid, Elend, Unterdrückung, Verlassenheit, Rechtlosigkeit, Gewalt akkumulieren, suchte man bei der MaerzMusik vergeblich.
Stattdessen kultivierten Vorzugsprogramme das Sprachfertige, Nichtige, Sinnlose. Das Segment Musikwerke bildender Künstler führte in die elendsten Niederungen mit der Installation Le Sexe Rouge von Käthe Kruse - weißgetünchte Textil-Zerknüllungen, wohltemperiert dilettierende Gesänge, die vorgeben, asiatische zu sein, weiße Laken an den Wänden der Galerie im Hamburger Bahnhof. Eine Mischung aus Götzenanbetung und simpelster Handwerkelei. Hier schien "Kunst" wie die kalte Leiche umwoben mit dem Totenschleier.
Das achtstündige John Cage Event, ein weiterer Schwerpunkt, abgehalten in den Studios des früheren Funkhauses Berlin Nalepastraße, war dagegen tatsächlich ein Ereignis. Das MaerzMusik-Festival bot eine informative Revue, gespickt mit Eitelkeiten und schamlosen Einseitigkeiten, produktiven Macken und fröhlichen Paradoxien des Amerikaners, an dessen Arbeit und Denken erinnert wurde. Die Aufführung seiner 45 Minuten für einen Sprecher war einer der markanten Beiträge.
Eigentümlich war nur, dass das John Cage Event, gegen die Prämissen des MaerzMusik-Konzepts, offen legte, wie unsinnig es ist, die Klangproduktion des US-Amerikaners als eine Art Religionsersatz zu nehmen und aus der vorsätzlichen Absichtslosigkeit seiner Musik, eine, wie es die MaerzMusik offenkundig tut, Dogmatik, einen Ewigkeitswert abzuleiten. Cages Demontage des auf Harmonie gründenden Kunstwerks hat kompositorischen "Tiefsinn" vollkommen destruiert. Ein Ansatz, so fruchtbar wie die Heiterkeit der Anarchie, die viele Cage-Hervorbringungen bewegt und die auf Anhieb zu bestechen vermag. Freilich, die Alle-Akustik-ist-Musik-Welt Cages hat zugleich die Tore weit geöffnet für allerlei Unfug. Der "globale Supermarkt der Klänge", aus dem die MaerzMusik reichlich schöpfte, dürfte eine genuine Cage-Projektion sein.
Ein weiterer Fehler scheint darüberhinaus die ausschließliche Fixierung des Festivals auf Aktualität. Das "kontroverse, spannungsreiche, ungemein vielfältige Bild aktueller Strömungen in der Musik zur Zeit" sei "mit Neugier" zu verfolgen, so die MaerzMusik-Botschaft. Daran stimmt nichts. In Wahrheit reihte das Festival lediglich auf, was ist, während der gebotene Überblick sehr unvollständig blieb. Gegen-Zeitgeist-Musik fehlte fast völlig. Das MaerzMusik-Festival demonstrierte Positivität. Schmutzaufwirbler, ästhetisch-politische Widersacher kennt man nicht, sie stören nur. In Kategorien des Musik-Marktes zu sprechen: Die MaerzMusik kaufte die aktuelle Ware, die genehm aktuell ist, auch solche, wie sie schwadenweise in Relax-Klangnebel-Tempeln existiert, dazu geeignet, dem einsamen, ängstlichen Bewusstsein noch den letzten rationalen Impuls auszutreiben.
Die Achse Klavier Solitär brachte zum Beispiel die DVD-Installation The Well-Tuned Piano in the Magenta Lights von La Monte Young und Marian Zazeela, sechseinhalbstündige Nichtigkeit, strukturelle Dürre, elende Langeweile. Nicht minder deprimierend war die Dürftigkeit der geldfressenden und leistungstötenden Performance a sophisticated soirée. Das Angebot soll die Atmosphäre eines Clubs verschönen, indem die Schläge von 64 Herztonschrittmachern, geheftet an 64 Menschenleiber, über ein digitales System transformiert an die Körper und Ohren geraten. Eine Performance, die 5 Elektronik-Spieler einsetzt, 1 Jazztrio spielen lässt, 8 Monitore, 3 Videowände und 1 Ü-Wagen in Funktion bringt, dazu 6 Einlasserinnen beschäftigt, die die Besucher datenmäßig erfassen, 2 Vernetzerinnen, die die Herztonschrittmacher an die Leiber kleben, 6 fiktionale Paparazzis, die, wenn das geometrisierte Puckern los geht, wild um sich blitzten und schließlich 17 Feuilletonschreiber (oder mehr), welche allesamt ihr Loblied auf diese anti-soziale Äcktschen schon fertig im Kopf haben, bevor ihre Mails und Telefonate abgehen.
Mehrere Kammerkonzerte wogen die Verluste zwar nicht auf, erhellten aber die magere Szenerie. Zwei Beiträge realisierte das Ensemble Modern. In Wolfgang Rihm 50 stach die Uraufführung von Dietrich Eichmanns Verdichtung für Ensemble mit Harfe und Schlagzeug heraus. Verdichtung, konsequent rau, bruitistisch, klanghart gearbeitet, fuhrwerkt buchstäblich mit der Mistgabel durch die Faktur. Der Diskant der Harfe ist wie der repetitive Diskantklang des Klaviers behandelt. Holz- und Blechbläser üben in verschiedenen Temperierungen und Registern größten Druck aus. Eine "musique engageé", wie sie in der Stringenz während des MaerzMusik-Festivalsnur einmal auftauchte. Eichmanns Begleittext, der die Kriegstollwut der Jetztwelt anklagt, ging nicht ins Programmbuch ein, er wurde zum Konzert verteilt. Wolfgang Rihm, Kompositionslehrer Eichmanns, kam mit Jagden und Formen für großes Ensemble zum Zuge. Eine effektsichere, griffige Partitur, die alle Merkmale einer fließenden Musik erfüllt.
Der Glanzpunkt der MaerzMusik war schließlich die philosophisch-ästhetisch rigorose Arbeit des Franzosen Hugues Dufourt Hivers - Winter (1992 - 2001), ein zweistündiges vierteiliges Werk für Kammerensemble auf Bilder von Poussin, Rembrandt, Brueghel und Guardi, durchreflektiert von der ersten bis zur letzten Note, eine dunkle, erfüllte, nachdenkliche, grüblerische, nur wenige lichte Klänge aufweisende Musik. Ein großer, ins Schwarze getauchter Choral eröffnet sie und sie schließt mit einer traurig-versonnenen, Harmonie ängstlich anrufenden Streicher-Coda. Respekt gebührt der hohen Konzentrationsleistung der Musiker des Ensembles Modern, die die Partitur vorbildlich umsetzten.
Bleibt noch den vierten grundsätzlichen Defekt der Veranstaltung anzumerken: Die Austreibung der menschlichen Dimension aus der neuen Musik, die die MaerzMusik anstrengt, ohne dass ihr das je ganz gelang (und gelingen wird). Vor allem das Segment Musiktheater und die Raster der Netz-, Digital-, Multimedia-Zerstreuung markierten diesen Defekt. Auffällig auf der Bühne wurde das besonders in dem puren Schau- und Hörtheater kirschblüten.ohr von Claudia Doderer und Klaus Lang. Der Purismus der Arbeit reinigt gleichsam die conditio humana mit heraus. Der Bühnenraum, ein Riesenohr, bewegt weder Stimmen noch handelnde Individuen, und was dem Wahrnehmungsraum entströmt, regt weder auf noch an oder zwingt zum Dialog.
Freilich, der Markt bewerkstelligt, dass Kunst, je mehr sie in unwirtlicher Zeit der Geldlogik unterliegt, kunstlos, kalt, menschenlos werden kann. Nichts ungeheuerlicher - mit Sophokles zu sprechen - als der Mensch. Die Erregbarkeit seiner Sinne ist unendlich. Der Reichtum seiner Gedanken voller Gründe und Abgründe. Fest steht: Eine neue Musik/Kunst, die, wie immer sie aussehen mag, dieser Menschenfülle entwischen will, ist auf der falschen Fährte.

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00:00 22.03.2002

Ausgabe 38/2020

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