Auf der Suche nach dem Feindbild

REICHE DIVEN UND ERBARMUNGSLOSE HOLSTEINER Das Bild des Westens in der arabischen Welt ist weit weniger stereotyp als erwartet

Die folgenden Thesen gehen von einem Konstrukt aus, dass es so nicht gibt: dem "Orient". Insofern wird auch hier "vom Westen her" gesprochen, was sonst.

Während der Ausbreitung des Islam bezeichnete man das Gebiet jenseits der jeweils aktuellen Reichesgrenzen als "Dar al-harb", als Zone der Verwirrung und des permanenten Aufruhrs. Sie war nicht unbedingt zu bekehren, aber zu besetzen und zu befrieden. Mit dem Übergang von Besatzungs- zu Realpolitik, verkam dieses Konzept zur Theorie. Die Praxis brachte ein - vielleicht vermessenes - Desinteresse an der westlichen Kultur. (Man hatte genug mit eigenen Problemen zu schaffen, zum Beispiel den Assassinen, jenen politisch instrumentalisierten Sektierern, die eine ganze Reihe namhafter muslimischer wie christlicher Würdenträger meuchelten.)

Die westliche Kultur war denn auch nur eine unter zahlreichen anderen auf jenen Globen, den zum Beispiel die Timuridenherrscher zu Eroberungszwecken anfertigen ließen. Es wurde zwar eifrig vermessen, geographische und klimatische Fakten gesammelt - nur Anthropologie, Kulturwissenschaften, Konzepte des Anderen, das gab es nicht.

Es gab lediglich Schnittstellen: Andalusien etwa war so eine Stätte der Diffusion, ein Verladeplatz des Kulturtransfers zwischen West und Ost. Hier kam nicht zuletzt auch das christliche Mittelalter über Übersetzertätigkeit in die Kenntnis persischer Medizin und griechischer Philosophie.

Die wenigen Bilder, die mittelalterliche Okzident-Reisende von Europa vermittelten, waren in unterschiedlichem Grade phantastisch. Im zehnten Jahrhundert berichtet zum Beispiel at-Turtuschi Wunderliches über die Holsteiner: "Werden einem von ihnen Kinder geboren, so wirft er sie ins Meer, um sich die Ausgaben zu sparen." An späterer Stelle lokalisiert er das "Westmeer", Amazonen und Atlantis in Norddeutschland.

Klar waren auch die realen Fronten nie: Usama ibn Munqid zum Beispiel war ein syrischer Ritter, der während der wechselnden Allianzen zwischen den Kreuzfahrerstaaten schon mal auf Seite der Franken kämpfte, die Ungläubigen in seinen ungewöhnlichen Memoiren aber erst mal verfluchte, um der Form genüge zu leisten, sie dann aber doch sehr differenziert betrachtet. Neben ihrer Körperkraft und ihrem Kampfeswillen, die im Orient sprichwörtlich werden, bleibt ihm über Heilkünste, Sexualmoral und Körperpflege trotzdem wenig schmeichelhaftes zu sagen. Und schon Ibn Fadlan schrieb über die Nordmänner: "Sie sind die unsaubersten Menschen, die Gott geschaffen hat."

In der Neuzeit kippt alles: Der Westen dehnt den Welthandel aus, durchläuft die Aufklärung, industrialisiert und rüstet auf. Als paradigmatischer Wendepunkt wird Napoleons Einmarsch in das mamelukische Ägypten angesehen. 1798 blicken vier Jahrtausende auf die Franzosen herab, und die blicken nun auf den Orient herab, den sie in den folgenden Jahrzehnten in Einflusssphären aufteilen. Man sagt, dieses Trauma habe der Orient bis heute nicht verwunden ...

Der Westen nahm Maß, knappste dem Osmanen Provinzen ab, amputierte dem Kranken Mann am Bosporus Glied für Glied. Und setzte diese zwischen den Weltkriegen zu neuen Staatsgebilden zusammen. Teilweise wurden Frankensteinsche Monster geschaffen. Und ein Golem belebt. Israel wurde gegründet.

Hollywood am Nil

1896 stellen die Lumière-Brüder ihre neue Bildmaschine auf, filmen die Sphinx und die Pyramiden. Wenig später eignen sich die Ägypter den Kamera-Blick an, M. Bayoumi ist der erste ägyptische Regisseur, und in den Dreißigern entsteht am Nil ein kulturelles Gegenimperium: das einzige der arabischen Welt mit großen Studiokomplexen, eigenem Starsystem und Genrekatalog.

In diesem Kino glänzt der Westen durch Abwesenheit: Man hat genug mit sich selbst zu tun, meist mit der eigenen Misere. Schon vorher hatte ein großes Klagen angehoben, alle Missstände wären nicht hausgemacht, sondern Schuld der Kolonialmächte. Früher war man groß, und nun? Verschwörungstheorien machen sich breit. Fortan werden Ereignisse in Politik und Geschichte zum Symbol und Gleichnis stilisiert, um das Trauma aufzuarbeiten.

So deutete Youssef Chahine die Annexion des bis dahin britischen Suezkanals durch Projektion in die Historie zum Sieg über den Westen um: Staatspräsident Nasser, die Wiedergeburt des Pharao und Kalifen aus dem Geiste des Sozialismus, wurde bei ihm zum siegreichen Salah ad-Din, der dem edlen Kreuzfahrer König Richard Löwenherz zwar Respekt zollt, aber ihn in die zweite Reihe verweist. Chahine sollte sich später durchaus als Meister differenzierter Darstellung erweisen. Nach seinem Streit mit Nasser - der im Guten endet - kehrte er der Propaganda den Rücken, und interpretiert in seinem Film Adieu Bonaparte ausgerechnet das Trauma, die Niederlage als Chance (darin amerikanischen Präsidenten überlegen): Über die Liebesgeschichte zwischen einem Franzosen und einem ägyptischen Jungen wird die Möglichkeit einer gegenseitigen kulturellen, nun ja, Befruchtung zwischen Invasor und Besetztem aufgewiesen.

Der Westen als reiche Diva

Auch der Maghreb hat eine eigenständige Filmkultur entwickelt. Trotz der historischen Erfahrung von Reconquista und Inquisition blieb das nachkoloniale Kino vergleichsweise moderat: Der blutige "Algerienkrieg" wurde abgehandelt, aber mehr in seinen Folgen für die maghrebinische Gesellschaft als in aggressiv-propagandistischer Darstellung des französischen Terrors. Bis heute bleibt im Maghreb-Film der Westen eine Utopie: Sehnsüchtig blicken die jungen Männer - seltener Frauen - über das Mittelmeer nach Europa. Gab es im europäischen "Orientalismus" die Wunschphantasie eines weiblich-sinnlich-dionysischen Morgenlandes, erscheint im Gegenkonstrukt der Westen oft als reiche Diva, die man auszunehmen verstehen muss. In Filmen wie Nouri Bouzids Bezness gibt es mürrische junge Männer, die zuhause die Schwester knechten, aber auf der Promenade willigen blonden Touristinnen und schwulen intellektuellen Franzosen zu Gebote stehen. Aus Geldnot.

Bei allem Engagement - Frauenproblematik, Kinderarbeit, Machismo, Algerien - durchzieht das zeitgenössische Maghreb-Kino viel Humor, Temperament und Sinnlichkeit: klassischerweise wenig Anlass, Wunsch- und Angstphantasien auf potentielle Feinde zu projizieren.

Vom Sieg der Requisiten

Zurück nach Ägypten: Der sozialistische Traum war gescheitert, die Filmindustrie durch Verstaatlichung an den Rand des völligen Ruins getrieben. Während der Westen in den Blockbustern (inhaltlich oft Neuaufgüsse von Hollywood plots) weitestgehend fehlte - hat er klammheimlich die Überhand gewonnen: In der Requisite wimmelt es von westlichen Statussymbolen - Autos, Hi-tech und Anglizismen weisen die road to nowhere.

Der erst in den letzten Jahren anwachsende Einfluss von bilderfeindlichen Fundamentalisten manifestiert sich eher hinter den Leinwänden: Drehbuchautor und Literaturnobelpreisträger Machfus wurde niedergestochen, Chahine kam in ernste Schwierigkeiten mit der plötzlich als "islamisch" auftretenden Zensurbehörde: sein Film L´immigrée zeigte den heiligen Joseph.

(Nur weiter im Osten gibt es einen leinwandfähigen "Schurkenstaat": Der Bildersturm nach dem Sturz des neureichen Schah installierte den Westen als d a s große Feindbild. Der Meister des Märtyrer-Kinos, Hatamikia, erfand folgenden, später häufig abgewandelten Plot: Ein erblindeter Golfkriegs-Veteran gelangt zur Kur ins vom Materialismus zerfressene Rheinland. So kalt war Deutschland nie. Der Held stirbt unter grauem Himmel an gebrochenem Herzen und an Krebs. Zuhause wäre das nicht passiert.)

Ansonsten bleibt die Suche des Autors nach real existierenden bösen Westlern erfolglos: Der Titel des ägyptischen Kassenknüllers Terror und Kebab führt in die Irre. In der Falling Down - Paraphrase fällt einem von den Behörden gebeutelten Bürger eine Wumme in die Hand. Die Opfer der Geiselnahme entpuppen sich als Leidensgenossen. Man verbrüdert sich und zieht los gegen Machismo und Korruption, aber nicht gegen den Westen. "Die anderen" sind hier "die da oben".

Aufbruch der Zwei-Welten-Lehre

Der aktuelle Rückgang der ägyptischen Filmjahresproduktion von einst über 100 auf nunmehr ein gutes Dutzend mag ökonomische Gründe haben doch in den neuen Produktionen finden sich Anzeichen eine tiefergehende Krise: Eine Tendenz geht hin zum Aufbrechen der starren West-Ost-Blickachse, der zwei Welten-Lehre. Der Sturm von Khaled Youssef verfolgt die Wege einer jungen Witwe und ihrer beiden Söhne, die sich schließlich an den verschiedenen Fronten des Golfkrieges in Kuweit gegenüberstehen. Irgendwie ist zwar Saddam Hussein schuld, aber letztendlich erscheint noch der Westen als Drahtzieher der Uneinigkeit zwischen den arabischen Bruderstaaten.

Verschlossene Türen von Atef Hatata dagegen zeigt warnend den Abstieg seines jugendlichen Protagonisten aus den inzestuösen Armen seiner Mutter in Fundamentalismus und Gewaltbereitschaft. Die Mutter, die Frau ist in den ägyptischen Klassikern immer auch Symbol des Landes, der Scholle; der Mann hingegen der politische Führer. In den neuen Filmen fehlt er überraschend häufig, und die Kinder der Frau haben einen Haufen Probleme - Anzeichen einer Krise, Angst auch vor der neuen Zeit.

Der Titel von Youssef Chahines buntem Genre-Potpourri - Al-Akhar (Der Andere) mag das Objekt dieser Angst bezeichnen. Hier ist die Mutter eine jener bösen amerikanisierten Neureichen. Als global player steht sie mit undurchsichtigen Mächten im Bunde, und setzt neue Medien, neue Märkte, Fundamentalisten wie Kapitalisten in Bewegung, um gegen die Liaison ihres sanften Sohnes mit einer investigativen Journalistin zu intrigieren. Die Dallas-Paraphrase mischt die alten Fronten zunächst auf und tröstet dann sein aufgewühltes Publikum mit einer traditionell-humanistischen Botschaft. Der Andere ist der Nächste, den man jenseits von Rassen- und Klassenschranken, über Wirtschaftssysteme und Staatsgrenzen hinweg, lieben kann. Das gefällt allen. Al-Akhar war einer der erfolgreichsten ägyptischen Filme der letzten Jahre.

Die vielleicht reifste, hoffnungsvollste Auseinandersetzung des Orients mit dem anderen als seinem eigenen Spiegel ist El-Medina. Regisseur Yusri Nasrallah hatte zuletzt, tief beunruhigt, in einer verblüffenden Doku die neuen Fundamentalisten Kairos gesucht, und sehr sympathische, nachdenkliche und lebendige junge Menschen gefunden. El-Medina begleitet die Wanderbewegung eines jungen Mannes aus dem maroden Kairo nach Paris, wo er am Theater anfangen möchte, sich aber als Illegaler bald in gefakten Boxkämpfen durchschlagen muss. Schauspiel und Schaukampf sind falsche Identitäten, die der Held ausprobiert, bevor er sich, ausgeknockt, eine Amnesie einhandelt. Jetzt kann die tabula rasa neu beschrieben werden, mit eigenen Erfahrungen statt mit alten Ressentiments, Feind- und Vorbildern. Das klingt gut.

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00:00 28.09.2001

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