Aus einem Tonhaus

Festival von Aix-en-Provence Ein Neubau, mehr Wagner und eine überragende Janácek-Inszenierung von Patrice Chéreau

Gegründet wurde das Aixer Opernfestival nach dem letzten Krieg eigentlich, um im Sommer im Süden Mozart zu hören. Leichtigkeit in der schönsten Zeit des Jahres, bevor die Hitze lastend wird, unter dunkelblauem, sich Ton um Ton tiefer einfärbendem Sternenhimmel. Keine walhallischen Ambitionen, kein gesamtkunstwerklerischer Ehrgeiz, keine Staatskarrossen vor dem Eingang des barocken Bischofspalasts, in dessen Innenhof seither in Aix Oper stattfand - wenn es nicht regnete und kein Streik war. Mozart, nicht Wagner. Wagner war hier lange undenkbar, nicht nur unmittelbar nach dem Krieg.

Es gab in all den Jahren immer wieder bemerkenswerte Aufführungen, so dass das Aixer Festival bald als das bedeutendste unter den französischen Opernfestivals galt. Trotzdem ähnelte es Anfang der neunziger Jahre der tragenden Publikumsschicht immer mehr: kunstsinniges regionales Bürgertum gehobenen Alters und eher konservativen Geschmacks, ergänzt um Pariser Eliten auf Urlaub im Luberon. Ohne sie gesucht zu haben, stand man vor der Wahl, langsam in die zweite Liga abzusteigen oder einzukaufen, zu vergrößern, zu erweitern, sich ästhetisch zu öffnen, sich unter die Global Player zu drängen. Man kennt die Musik.

Aix entschied sich für die Champions League. Der Mann, den man dafür holte, war Stéphane Lissner, der wohl gegenwärtig intelligenteste unter den Opernmanagern mit seinem Händchen für internationale Vernetzungen, ohne die erstklassige Produktionen heute kaum mehr entstehen können. Lissner expandierte. Neue, kleinere Spielstätten kamen dazu. Eine Akademie für junge Musiker. Ein verjüngtes Publikum. Der Spielplan reicht plötzlich bis Monteverdi einerseits, umfasste zeitgenössische Kompositionen andererseits. Vor allem aber erstklassige Regisseure und erstklassige Dirigenten: Bondy, Brooks, Chéreau, Grüber inszenierten, Abbado, Boulez, Harding dirigierten - und damit ist jeweils nur der Anfang des neuen Alphabets genannt. Was fehlte, war zum einen ein ganz großes Orchester, zum zweiten eine Spielstätte für große, technisch aufwändige Produktionen. Und zum dritten Wagner. Geschichte vergeht nicht so schnell.

Zu seinem Abschied - er wurde von der Mailänder Scala geholt, um sie aus der zweiten Liga wieder nach oben zu führen - schaffte Lissner nun drei Dinge auf einmal: Für eine Koproduktion von Wagners Ring mit dem Salzburger Osterfestival gewann er die Berliner Philharmoniker - und die Aixer Lokalpolitiker konnte er für den Neubau eines Opern- und Konzerthauses mit 1.300 Plätzen erwärmen.

Das Haus steht in einem neuen Viertel, in dem sich ein dezent durch Mussolini inspirierter architektonischer Mittelmeermythos mit H mischt. Das Quartier hat etwas Festungsartiges und erinnert mit seinen Rampen an Breughels Bild vom Turm zu Babel, freilich mit zugemauerten Fenstern. Immerhin ist es nicht provenzalisch-folkloristisch.

Bis zum Premierentag wurde gehämmert und fertiggestellt. Und dann die Walküre mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle. Regie: Stéphane Braunschweig, der im letzten Jahr schon das Rheingold in Szene gesetzt hatte. Die Inszenierung erwies sich als stark stilisiert, ein wenig Design, sparsamer als im Jahr zuvor, wo mit Videoeinblendungen operiert wurde, aber ohne zwingende Lektüre des Werks. Mal ist Wotan der schwache Ehemann, der sich unter dem Tisch versteckt, als sein wütendes Eheweib Fricka herbeirauscht, um von ihm die Bestrafung Siegmunds zu verlangen, der seine inzestuöse Liebe mit Sieglinde lebt; mal ist er ganz Gott, ganz Gesetz. Aber das ist in der disparaten Wagnermythologie aus dem bürgerlichen 19. Jahrhundert alles auch schon angelegt. Und so muss man schon sehr abgebrüht sein, um von der Geschwisterliebe der Wälsungen und der vom Gesetz erzwungenen Verstoßung Brünhildes durch den sehr menschlich liebenden Göttervater nicht ergriffen zu werden. Nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal in Aix.

Die Berliner Symphoniker wurden gefeiert, vom Publikum wie von der französischen Kritik. "Man weiß nicht, was ein Orchester ist, wenn man diese Formation nicht gehört hat", schrieb der nicht zu Superlativen neigende Berichterstatter von Le Monde. Obgleich das Orchester selten mächtig tönte, manchmal geradezu liedhafte Töne vorherrschten, hatte seine Präsenz doch den Preis, dass die Sänger, vor allem der Siegfried von Robert Gambill und der Wotan des eindrucksvoll spielenden Willard White nur schwer durchdrangen. Es soll an der noch nicht perfekt ausgeregelten Akustik des neuen Hauses gelegen haben, hieß es später. Der begeistert gefeierten Sieglinde von Eva-Maria Westbroek hat sie jedenfalls nicht geschadet.

Darüber hinaus gab es in Aix eine Neuinszenierung von Figaros Hochzeit zu sehen. Mehr ist darüber nichts zu sagen. Die Leichtigkeit, die man dort vergeblich suchte, eignete der Wiederaufnahme einer Entführung aus dem Serail, von den Regisseuren Jérôme Deschamps und Macha Makeieff mit viel Witz sehr gestisch inszeniert. Ein Grundschullehrer, dessen mit Opern ganz unvertraute Klasse an den Proben teilnehmen durfte, erzählte lachend, die Schüler hätten auf dem Schulhof darum gestritten, wer als Pascha um Constanze werben durfte. Als sichere Bank erwies sich die Wiederaufnahme von Monteverdis Orfeo in einer tänzerisch-leichten Inszenierung von Trisha Brown, die der neue Intendant Bernard Foccroulle aus Brüssel mitgebracht hat.

Der Höhepunkt des Festivals aber lag am Ende: Patrice Chéreaus Inszenierung von Leos Janáceks Oper Aus einem Totenhaus, dirigiert von Pierre Boulez; noch einmal eine Zusammenarbeit der beiden, die vor mehr als 30 Jahren den Bayreuther "Jahrhundertring" verantwortet haben. Nach Dostojewski erzählt das Libretto Geschichten aus dem sibirischen Straflager zur Zeit des russischen Zaren, die absichtslos Erfahrungen des Gulag durchscheinen lassen. Zugleich gibt sich der Text aber nicht der Hoffung der ausgehenden zwanziger Jahre hin, die Oper wurde 1930 uraufgeführt, derlei Straflager seien auf immer Vergangenheit. Von unvergleichlicher Präzision ist Chéreaus Schauspielerführung. Es besticht seine Fähigkeit, das unauslöschbar Menschliche noch im Unmenschlichsten zu zeigen, das Individuelle unter dem härtesten Zwang der Zwangsvergesellschaftung zu profilieren. Die Inszenierung führt die Lust am Spiel vor, selbst dort, wo Lust nicht sein darf, wo keine Frauen Zutritt haben und wo noch Lesen und Schreiben lernen ein Begehren bleibt. Das Mahler Chamber Orchestra, das im Figaro so müde und undiszipliniert klang, tönte unter dem strengen Taktstock des über 80-jährigen Boulez wie ausgewechselt, klar und genau. Ein historischer Moment nicht nur der Aixer Festspiele: Viel besser kann Oper nicht sein.


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00:00 27.07.2007

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