Aus einem Zuckerguss

Fernsehen Chinas TV-Branche ist Soapweltmeister, steckt aber in der Krise. US-Serien wie „House of Cards“ gelten als Bedrohung und Ausweg
Oliver Pöttgen | Ausgabe 34/2014
Aus einem Zuckerguss
Bild: Screenshots

Zur besten Sendezeit auf einem Sofa: „Papa, ist die Serie gut?“, fragt die „Schwiegertochter der Nation“ Hai Qing ihren Vater. „Nein“, grummelt er. „Warum schaust du sie dann weiter?“ – „Weil nichts anderes läuft.“ Diese Anekdote erzählte die 36-jährige Seriendarstellerin Hai neulich dem Magazin Zhongguo Zhoukan (China Weekly), als es den Status quo chinesischer Fernsehproduktionen untersuchte. Neben Schauspielerin Hai Qing – die ihren Spitznamen der Titelrolle in der chinesischen Soap Eine wunderbare Zeit für Schwiegertöchter verdankt – kommen in der Zeitschrift auch weitere Insider zu Wort, die als Regisseure, Produzenten und Drehbuchautoren die Entwicklung der Branche miterlebt und geprägt haben.

Und diese Branche hat zu kämpfen: mit quotengeilen Sendern, mit der Überproduktion und, man ahnt es schon, mit dem Mangel an Qualität. Viele Zuschauer erinnern sich wehmütig an die erste TV-Adaption von Wu Cheng’ens Literaturklassiker Reise nach Westen über die Abenteuer des Affenkönigs Sun Wukong, das war 1986. Ähnlich verehrt wird heute die Serie Ein Pekinger in New York von 1993. Heute, heißt es, sähen diese Produktionen zwar viel besser aus, fesselten aber überhaupt nicht mehr. „Die Geschichten sind idiotisch, und die Schauspieler agieren unnatürlich“, fasst ein Zuschauer seine Eindrücke der letzten Jahre zusammen.

Fest steht, dass die TV-Macher früher deutlich mehr Zeit hatten. Vier, fünf Monate hätten sie damals an einer Folge gedreht, erinnert sich Liuxiao Tongnian, Hauptdarsteller in Reise nach Westen und Altstar des chinesischen Fernsehens. Heute sind es meist nur ein paar Drehtage. Und so bringt es China, die Nation der Superlative, seit 2007 auf einen weiteren Rekord: Kein Land produziert mehr Serienepisoden. Etwa 15.000 sind es pro Jahr, 2012 waren es über 17.000. Allerdings wurde nur knapp die Hälfte davon auch ausgestrahlt, meist aus Qualitätsgründen. Wenn es eine Produktion allerdings auf den Bildschirm geschafft hat, laufen häufig an einem Abend mehrere Folgen derselben Serie gleichzeitig auf verschiedenen Kanälen. Damit wird die Lebenszeit der meist in rund 40 Folgen erzählten Geschichten recht kurz. Es sei denn, sie ziehen als Wiederholungen durchs Programm. „Wo auf der Welt gibt es das noch?“, ärgert sich Erfolgsproduzent Zhu Zhishui über diese Politik des Versendens.

Ausgelutschte Formate

Nun soll eine neue Direktive für mehr Langsamkeit sorgen: Ab 1. Januar 2015 darf eine Serie nur noch auf zwei Sendern gleichzeitig laufen, mit nicht mehr als zwei Folgen pro Abend. „Warum aber erst jetzt?“, fragt Zhu, der die Regelung für bloße Kosmetik hält. Denn oft zählt in der Branche nur der schnelle Yuan, ausgelutschte Formate dominieren das Serienprogramm: Kaiserhof- und Großstadtseifenopern, Kriegsheldenstorys aus den Stahlgewittern der 30er und 40er Jahre oder Martial-Arts-Fantasy in historischem Gewand, schwereloser und übernatürlicher noch als in Ang Lees oscarprämiertem Tiger & Dragon. Eingedenk des Kanonendonners und Schwertergeklirrs solcher Formate fragt sich der Regisseur Kang Honglei, wofür die Serien eigentlich stehen, welche Kultur sie transportieren. „Figuren ohne Mitleid, Brutalität, Rachsucht, Gemetzel, Komplotte – und ein Leben wird im Nu ausgehaucht. Sind das wirklich die Werte, die wir vermitteln wollen?“ Hinzu kommen jede Menge Pathos und Patriotismus. Exportfähig sind solche Serien kaum. Dafür beschäftigen sie sich zu sehr mit Chinas eigenen Erzählungen und Erzählformen, kleben zu sehr an offiziell genehmen Themen.

Ähnlich gilt das auch für das in China beliebte Genre der Soap als Liebeskomödie. Ende 2013 war Lass uns heiraten ein Quotenhit. Regisseur Liu Jiang, dessen Schwiegertöchter-Seifenoper 2010 das Publikum ins Mark traf, hat sein Erfolgsrezept neu angerührt. Auch Huang Haibo, damals der männliche Hauptdarsteller an der Seite von Hai Qing, ist nun in seiner Paraderolle als Schwiegersohn in spe wieder Zugpferd. Die in Peking angesiedelte Serie will die Lebenswelt urbaner Mittelschichtschinesen um die 30 abbilden und hangelt sich formattypisch an den zentralen Nervenbahnen der chinesischen Gesellschaft entlang. Verhandelt werden Themen wie Heirat und Kinderwunsch, Ehebruch, Scheidung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und der Generationenkonflikt mit Eltern. Das ist natürlich nicht nur für Chinesen relevant, wird aber mit Drama, Kitsch und Moralin à la chinoise so überzuckert, dass das Format fast nur in China funktionieren kann. Ganz zu schweigen von der chinesischen Heiratsbesessenheit, die hier zwar kritischer diskutiert, letztlich aber doch wieder zelebriert wird.

Von Chinesen für Chinesen – das gilt bisher für die meisten Inhalte der TV-Serien made in China. Für am Land Interessierte mögen sie wertvolle Fenster in die chinesische Gegenwart sein, aber auf dem globalen Fernsehmarkt, der vom US-Fernsehen dominiert wird, sind sie Ladenhüter. Serien wie Breaking Bad oder Homeland sind auch in China sehr beliebt, selbst wenn sie – nicht immer legal – nur im Internet laufen oder auf DVD vertrieben werden. Besonders das vom Streamingdienst Netflix als Webserie produzierte Politdrama House of Cards über schmutzige Machtspiele in Washington begeistert viele Chinesen.

Eine solche Innenschau der Politik kennen sie von einheimischen Produktionen nicht. Zudem ist in der zweiten Staffel, die in diesem Frühjahr Premiere hatte, China sehr präsent, als Handelspartner etwa oder beim Thema Netzspionage. Hier zeigt die Serie dem Land, wie es wirklich ist. Zu sehen ist die zweite Staffel auch in China seit Mitte Februar auf dem Streamingportal Sohu, das von Netflix die Rechte zur zeitgleichen Erstausstrahlung erworben hat. Zusammen mit der südkoreanischen Sci-Fi-Romanze My Love from the Star ist House of Cards eine ständige Referenz für neues, qualitativ hochwertiges (Internet-)Fernsehen. „Jede Folge ist ein kurzer Film“, bringt Hai Qing ihre Bewunderung für die Produktionsstandards auf den Punkt. Handwerklich kann China da noch nicht mithalten, auch weil in der Schaffenshektik des Landes der Mut zum Sich-Zeit-Lassen fehlt, den vor allem gute Drehbücher brauchen. Und die gelten vielen als das Erfolgsgeheimnis ausländischer Serien.

In China wird meist deutlich weniger Zeit und Recherche investiert. Die Drehbuchautorin Li Xiao beklagt zudem die in China übliche Einzelkämpferei: „Ich schätze es sehr, dass beim Dreh von US-Serien Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren gemeinsam in einem Raum sitzen und das Drehbuch diskutieren.“ Ihr renommierter Kollege Shi Xiaoke macht ein weiteres Defizit aus: die Themensuche. Wie bei US-Produktionen müsse man auch die Wissenschaften als Steinbruch möglicher Themen nutzen und daraus eigene Ideen für Drehbücher entwickeln. „Wir hingegen suchen in Geschichten nach Geschichten, und das dann auch noch in den Geschichten anderer.“

Zauberwort „gongyixing“

Fraglich allerdings, ob China für Geschichten vom Kaliber House of Cards überhaupt reif ist. Liegt doch der Reiz solcher Produktionen nicht nur in ihrem Hochglanz, sondern vielmehr im Sezieren gesellschaftlicher Wirklichkeit – mit Übertreibungen vielleicht, aber ungeschönt. In China ist aber das Schönen gefragt. Auch Fernsehen soll gongyixing sein, soll dem Allgemeinwohl dienen. Zu viel Realität am Familienlagerfeuer könnte brave Bürger verführen. Gerade erst alarmierte die neue Serie Scheidungsanwälte Chinas Moralwächter. Eine Szene wurde herausgeschnitten, weil darin ein unverheiratetes Paar im Bett lag – wohlgemerkt: einfach nur lag. Kritisiert wird außerdem die positive Darstellung der „Dritten“, wie Chinesen die Liebschaft eines untreuen Ehepartners nennen. Für sie, so will es die staatliche Fernsehaufsicht, dürfe es kein Happy End geben. In Lass uns heiraten steht dann auch eine Nebenfigur am Ende in den Ruinen ihrer Existenz, während ein Ehemann als reuiger Sünder in den Schoß seiner Familie zurückkehrt.

Dass wiederum House of Cards, obwohl es nicht nur auf dem Gebiet Untreue in einer anderen Liga spielt, durch die Zensur kam, könnte daran liegen, dass sich die Serie gut instrumentalisieren lässt: Seht her, so korrupt ist die US-Politik! Erst kürzlich äußerte sich so der chinesische Botschafter in den USA, Cui Tiankai, der dafür anschließend in sozialen Medien reichlich Spott über sich ergehen lassen musste.

Bleibt die Frage, ob die chinesische TV-Branche angesichts des Erfolgs ausländischer Serien den Grenzstein des Möglichen versetzen kann. An Geschichten mangelt es nicht. Allein die Intrigen um das 2012 geschasste Politbüromitglied Bo Xilai böten Stoff für zwei Staffeln House of Cards.

Oliver Pöttgen studiert Sinologie, bloggt in der Freitag-Community als chinaschau und schreibt für stimmen-aus-china.de

06:00 03.09.2014

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