Aus heißer Luft geschürft

Blase Bitcoins legen derzeit wilde Kurskurven hin. Wie hängt das mit der Finanzspekulation zusammen? Wie profitiert China? Und geht das ewig so weiter?
Aus heißer Luft geschürft

Illustration: der Freitag

Was für ein Wertzuwachs! Seit Mai 2016 stieg der Preis eines Bitcoins von 500 US-Dollar auf 40.000 (Stand 15. Juni), das ergibt eine Rendite von 140 Prozent pro Jahr! Und was für eine Dynamik: Schon Ende 2017 lag er bei fast 20.000 Dollar, fiel im Folgejahr auf ein Fünftel davon, im Juni 2019 war er wieder 13.000 US-Dollar wert, sank bis März 2020 auf 4.800, begann sich danach – gemeinsam mit den Aktien – zu erholen, aber ungleich kraftvoller. Bis Mitte April 2021 stieg der Preis eines Bitcoins auf fast 64.000 US-Dollar, dann verlor er wieder die Hälfte seines Werts. Der Kurs der Kryptowährung Bitcoin gleicht einer Achterbahnfahrt.

Genau das aber macht kurzfristige Spekulation extrem verlockend. Dazu braucht man keine digitale Bitcoin-Brieftasche („wallet“), man kann einfach per Smartphone und Internetbroker statt mit Bitcoins mit Bitcoin-Derivaten handeln, also mit Terminkontrakten auf steigende oder fallende Kurse wetten. Liegt man richtig, so profitiert man zusätzlich von einem Hebel von circa 2,5; als Sicherstellung muss man 40 Prozent des Werts eines Bitcoins hinterlegen. Der Wert des günstigsten Future ist ein Bitcoin. Da der Preis der Kryptowährung gar nicht so selten innerhalb eines Tages um fünf Prozent oder mehr steigt bzw. fällt, erzielt man in diesem Fall 12,5 Prozent Tagesgewinn, sofern man die Richtung der Kursbewegung richtig erwischt. Liegt man falsch, sind 12,5 Prozent der Sicherstellung verloren, man muss früher oder später nachschießen oder der Future verfällt.

Mit keinem anderen Basiswert, also jenem Asset, auf das Derivate bezogen sind, etwa Rohstoffe oder Aktien, kann man derzeit so hohe und schnelle Gewinne und Verluste erzielen wie mit Bitcoins. So wird durch das Zusammenwirken aller Teilnehmer im Bitcoin-Handel aus dem Nichts ein immer größeres Vermögen geschaffen: Lag der Wert aller Bitcoins vor fünf Jahren bei acht Milliarden US-Dollar, so erreichte er im April 2021 den bisherigen Höchststand von 1.200 Milliarden – das ist annähernd so viel wie das Bruttoinlandsprodukt Spaniens.

Friedrich von Hayeks Traum

Was ist nun dieses Wunderding Bitcoin? Ist es eine neue Form von digitalem Kapital oder bloß ein Spekulationsvehikel? Könnte der Bitcoin gar der Grundstein eines neuen Geldsystems werden, das die Bürger vom Diktat der Geldpolitik und damit des Staates befreit? Ermöglicht die Trennung von Geld und Staat eine ähnliche Emanzipation wie einst die Trennung von Kirche und Staat? Stellen der Bitcoin und all die anderen – derzeit etwa 8.500 – Kryptowährungen wie Ether oder Dogecoin sich selbst organisierende und von einer Zentralbank unabhängige Geldsysteme dar, die in Freiheit miteinander konkurrieren, so wie es sich der Nobelpreisträger Friedrich von Hayek einst erträumt hatte?

Erwacht aus neoliberalen Träumen stellt sich des Rätsels Lösung einfach dar: Beim Bitcoin handelt es sich lediglich um ein simples Geschäftsmodell, das aber perfekt in das Zeitalter von Finanzkapitalismus und Digitalisierung passt, ökonomisch ebenso wie ideologisch. Ökonomisch deshalb, weil sich im Finanzkapitalismus seit den 1970er Jahren das Profitstreben auf das Ausnutzen von Bewertungsdifferenzen von bestehenden Vermögen konzentriert, also Wertpapieren, Derivaten, Rohstoffen, Immobilien oder Ähnlichem. Das unterscheidet den Finanzkapitalismus von etwas, das wir Realkapitalismus nennen können: also eine Wirtschaftsweise, in der die Schaffung realer Vermögen die wichtigste Profitquelle ist, so wie das in Europa in den 1950er und 1960er Jahren oder zwischen 1890 und 1914 der Fall war. Um den Unterschied an einem Beispiel zu verdeutlichen: Im Realkapitalismus kauft man Aktien primär, um sich an einem Unternehmen zu beteiligen und dessen Realinvestitionen zu finanzieren, im Finanzkapitalismus primär, um von erwarteten Kurssteigerungen zu profitieren.

Ideologisch legitimiert wird der Finanzkapitalismus durch den Neoliberalismus. Für diesen würde nach der Deregulierung der Finanzmärkte die Schaffung von Geld durch den Markt einen seiner größten Träume erfüllen; es kann also nicht verwundern, dass Neoliberale Bitcoins gut finden.

Die Digitalisierung in all ihren Facetten, von der Entwicklung der Hard- und Software über das Internet bis hin zur Blockchain-Technologie und den dadurch erst möglichen Finanzinnovationen, hat den Finanzkapitalismus zu nie da gewesener Blüte gebracht, insbesondere durch das schnelle Trading mit Aktien, Anleihen, Devisen und Rohstoffen beziehungsweise den entsprechenden Derivaten.

Alle diese Assets haben einen Bezug zur Realwirtschaft und daher einen Fundamentalwert. Dieser wirkt wie ein „Gravitationszentrum“ und beschränkt das Ausmaß des „Überschießens“ auf den Finanzmärkten. Was lag näher, als eine „Wertmarke“ aus dem Nichts zu schaffen, die keinen „intrinsischen“ Wert besitzt und deren Marktbewertung daher in den Himmel wachsen kann? Dazu braucht es nur wenige Zutaten: Die Menge der Wertmarken, sprich Bitcoins, ist begrenzt. Ihre Erzeugung wird umso aufwendiger, je mehr bereits produziert wurden. Die Produktion kann daher nur weitergehen, wenn auch der Marktpreis steigt. Je geringer das Restvolumen der noch nicht erzeugten Wertmarken, desto größer das Aufwertungspotenzial. Realisiert wird dieses durch den Glauben an ebendieses.

Und so geschah es: Nachdem ein Anonymus – „er“ nannte sich Satoshi Nakamoto – im Oktober 2008 das Konzept der Wertmarke „Bitcoin“ veröffentlicht hatte, wurden am 3. Januar 2009 die ersten 50 Bitcoins geschaffen, geschaffen übrigens durch den „Genesisblock“, was auf eine gewisse „Geldreligiosität“ des Schöpfers verweist. Das Schürfen („mining“) war zu Beginn nahezu kostenlos, der Preis eines Bitcoins betrug in den ersten zwei Jahren nur wenige Cents. Denn von der mit 21 Millionen beschränkten Bitcoin-Menge gab es noch genug. Nakamoto selbst soll sich bis zu einer Million Bitcoins geschürft haben, das entspräche zum gegenwärtigen Bitcoin-Kurs etwa 400 Milliarden US-Dollar – auch aus steuerlichen Gründen ist es da schlau, anonym zu bleiben.

Wirklich innovativ war das Bitcoin-Konzept nur in einem Punkt: Nakamoto setzte eine schon etwa 20 Jahre davor entwickelte Technologie ein, die Blockchain. Dabei handelt es sich um eine dezentrale Dokumentation von Transaktionen in einer Kette von Datensätzen („blocks“), die aufeinander aufbauen und kryptografisch, also verschlüsselt, verknüpft sind. Diese Technik ermöglicht es, sämtliche Transaktionen in eindeutiger und nicht manipulierbarer Weise festzuhalten. Das Revolutionäre des Verfahrens besteht darin, dass es keine Zentralstelle braucht, welche alle Transaktionen dokumentiert wie bei „üblichen“ Datenbanken – von der Buchhaltung eines Unternehmens, den Datenbeständen eines Staates oder einer Zentralbank bis zu wissenschaftlichen Datenbanken.

Wer – mit wachsendem Rechenaufwand – einen neuen Block schafft, erhält dafür Bitcoins, wobei sich die Menge der so geschürften Bitcoins alle vier Jahre halbiert. Bis November 2012 erhielt man 50 Bitcoins je Block, seit Mai 2020 nur mehr 6,25. So wird das Angebot immer knapper. Gemeinsam mit dem steigenden Schürfaufwand und der sinkenden Menge noch schürfbarer Bitcoins steigt das Aufwertungspotenzial. Kurz: Von Anfang an wurden durch die Art, wie Bitcoins konstruiert sind, die Grundlagen für einen explosiven Preispfad, also eine Blase, gelegt.

Der Faktor Elon Musk

Voraussetzung einer tatsächlich stetigen Aufwertung wäre, dass die Mehrheit der Spieler dies permanent erwartet – das ist natürlich nicht der Fall. Denn die Erwartungen werden von vielen Faktoren geprägt, von der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung bis zu politischen Ereignissen, es gibt daher – wie auf allen spekulativen Märkten – auch markante Abwärtsbewegungen.

Da die Neigung zu Herdenverhalten mit der Profitgier steigt und Letztere bei Bitcoins naturgemäß am größten ist, können Kursschübe von „Finanz-Influencern“ generiert werden, insbesondere von den Superreichen, die ihren Vermögenszuwachs primär fast steuerfreien Aufwertungsgewinnen verdanken und weniger erwirtschafteten Profiten. Elon Musk ist ein treffliches Beispiel: Kündigt er an, für 1,5 Milliarden Dollar Bitcoins zu kaufen, springt der Kurs nach oben; Musk vergrößert sein Investment um ein paar hundert Millionen. Kritisiert er den Stromverbrauch des Bitcoin-Schürfens, fällt der Kurs. Antizipierte er die von ihm ausgelösten Kursschübe durch entsprechende Bitcoin-Futures-Transaktionen – darüber weiß man nichts –, so würde er damit wohl mehr verdienen als mit der Tesla-Produktion.

Im Allgemeinen gleicht die Dynamik von Kryptowährungen dem Tanz um das goldene Kalb, allerdings ist dieses nicht aus Gold, sondern aus heißer Luft. Zum Ausgleich wächst das Kalb, je mehr getanzt und je fester der Glaube wird, das Kalb gebäre ein neues Geldsystem.

Wie geht es langfristig weiter mit Bitcoin? Seine auf Verknappung angelegte Konstruktion und die Maxime „Lassen wir unser Geld arbeiten!“ sprechen für einen überdurchschnittlichen Kursanstieg. Dagegen spricht, dass die mit dieser Maxime verbundenen Bullen- und Bärenmärkte von Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Wechselkursen die Realinvestitionen dämpfen. Das aber heißt nichts anderes, als dass mehr Kapital unproduktiv zum Zwecke der Finanzspekulation eingesetzt wird, anstatt dass es in die Realwirtschaft fließt. Diese Schieflage begünstigt indirekt auch den Aufholprozess von China – dort haben Realwirtschaft und langfristig orientierte Wirtschaftspolitik Vorrang. Sollte sich diese Einsicht auch im Westen durchsetzen, so dürfte dem Hype um Bitcoin und andere Kryptowährungen die Luft ausgehen – durch verstärkte Regulierungen, daher geringerem Schutz der Anonymität und wachsendem Zweifel am Wert der goldenen Kälber.

Sicher ist eines: Bitcoins werden die instabilsten Assets bleiben, genau deshalb, weil ihre Mengen begrenzt sind. In diesem Fall schlagen Schwankungen der Nachfrage voll auf die Preise durch. Als Transaktions- und Kalkulationsmedium sind Bitcoins daher ungeeignet, sie stellen überhaupt kein digitales „Geld“ dar.

Selbst wenn der Bitcoin „digitales Gold“ wäre, so wäre er deshalb nicht Geld. Denn auch Gold diente nicht als Transaktionsmittel, sondern als Stabilitätsanker von „normalem“ Geld. So war unter dem Goldstandard der Wert der nationalen Währungen in Gold fixiert, dessen Preis stabil blieb, bezahlt wurde aber in nationalem Geld. Nur bei hohen außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten kam es zu einem Goldtransfer zwischen den jeweiligen Zentralbanken.

Es bleibt das Fazit: Bitcoin und andere Kryptowährungen stellen nicht digitales Geld dar, sondern die Vollendung von „fiktivem Kapital“ (Karl Marx). Sie vereinigen wesentliche Komponenten des Finanzkapitalismus und werden deshalb wohl mit ihm verschwinden.

Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher und Uni-Lektor in Wien

Was ist was

Kryptowährungen sind digitale Zahlungsmittel mit einem dezentralen, also über viele einzelne Rechner verteilten, und kryptografisch – verschlüsselt – abgesicherten Zahlungssystem, der Blockchain. Sie sind unabhängig von Banken oder einer Zentralbank. Beispiele sind Bitcoin, Ether und Polkadot.

Bitcoin (BTC) war 2007 die erste und ist derzeit die marktstärkste Kryptowährung. Durch Lösen von Rechenaufgaben „schürfen“ Computer neue Bitcoins. Das saugt Energie: Derzeit verbraucht das weltweite Schürfen von Bitcoins mehr Strom als Länder wie Finnland oder Belgien.

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06:00 13.07.2021

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