Ausreichend verunsichert

Wie man das Universum betrachtet, hängt von der Religion ab Über Globales und Lokales auf den 49. Kurzfilmtagen in Oberhausen

Natürlich kann die Festivalleitung sagen, dass sie die Leute nicht dabei haben will. Aber töricht ist das schon", meinte der amerikanische Publizist Michael S. Cullen auf der Eröffnungsveranstaltung der Kurzfilmtage in Oberhausen. "Das Beste wäre es, Vertreter dieser Länder wären bei einer solchen Diskussion eingeladen. Schließlich berichten sie ihren jeweiligen Regierungen, was sie im Land aufnehmen." Cullen traf den Nagel auf den Kopf: Auseinandersetzung kann es nur mit dem geben, der auch da ist. Kultur kann, darf und muss provozieren. Aber nach außen wirken kann sie nur, wenn sie dabei den Dialog fordert und ihn nicht unter einer kulturellen Käseglocke führt. Mit "die Leute" waren übrigens die Botschaftsmitarbeiter der am Irak-Krieg beteiligten Länder gemeint. Denn die hatte die Festivalleitung am 21. März mit einer Meldung kurzer Hand ausgeladen. Darin hieß es: "Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen verurteilen die aggressive Politik der Regierungen von Großbritannien, Italien, Spanien und den USA, die sich über das Völkerrecht hinwegsetzen und dabei den Tod zahlloser Unschuldiger in Kauf nehmen... Daher haben sich die Kurzfilmtage entschlossen, keine offiziellen Vertreter der Regierungen Aznar, Berlusconi, Blair und Bush auf dem Festival zu dulden."

Das wiederum führte zu einem Streit mit dem Medienpartner 3sat. Der Fernsehsender drohte den Veranstaltern mit dem Ausstieg, wenn sie ihr "Hausverbot" für die Regierungsvertreter nicht zurücknähmen. Es folgte ein Kompromiss: Zur Eröffnung der Internationalen Kurzfilmtage gab es diesmal keinen Filmabend, sondern eine Podiumsdiskussion, an der Harun Farocki, Adrienne Goehler, Jochen Hörisch und Christoph Schlingensief teilnahmen. Das ganze unter dem Motto Medien, Krieg, Kultur - Über die Verantwortung von Kultur in Zeiten des Krieges. Die Veranstaltung selber hatte durchschnittlichen Unterhaltungscharakter. Immerhin forderte Schlingensief die Mobilisierung der Massen: "Es ist meine Überzeugung und auch meine Hoffnung, dass ein Funken von Widerstand kommt, der so gewalttätig werden kann, dass der Herr Rumsfeld sich noch umschauen wird." Wohingegen der Medienwissenschaftler Hörisch einräumte, dass sich viele Linke darüber ärgern, dass die Amerikaner es im Irak so leicht gehabt hätten. Auch wenn das Ganze natürlich noch lange nicht vorbei sei.

Aber bei dem weltweit ältesten internationalen Kurzfilmfestival ging es natürlich vor allem um Filme. Zumal in Oberhausen besonders subversive Werke ihr Zuhause haben. Wie zum Beispiel der Wettbewerbsbeitrag The Red flag flies von Hongxiang Zhou aus China. Der Regisseur stellt das alte China dem neuen gegenüber, indem er politische Phrasen der kommunistischen Ära in den Raum stellt, wie Um weiter zu schauen, musst du höher steigen!, Reform ist Chinas zweite Revolution! oder Durchhalten bedeutet siegen! Diese Slogans kontrastiert er mit Bildern von jubelnden Teenagern. Dann wiederum zeigt der Regisseur, wie ein Lehrer in einem leeren Klassenzimmer doziert, oder er platziert eine sich räkelnde junge Frau unter einen schlafenden Buddha. In China darf so ein Film, den Zhou als Pop-Art betrachtet, nicht öffentlich vorgeführt werden. Sie laufen ausschließlich in Bars und Galerien, fernab von offiziellen Regierungsvertretern. "Filme, die gesellschaftspolitische Probleme thematisieren, dürfen in China kaum gedreht werden," meint Hongxiang Zhou, "und auch Filme, die in Bezug zur Konzeptkunst oder Popart stehen, sind ungern gesehen. Wann immer es um zeitgenössische Kunst geht, wird es sehr kompliziert."

Auffallend war bei den Kurzfilmtagen in diesem Jahr, dass, bedingt durch bessere und billigere technische Möglichkeiten, immer mehr Filme von Regisseuren eingereicht werden, die weder eine Produktionsgesellschaft hinter sich haben noch aus einer Filmhochschule stammen. In diesem Sinne erlebt das reine Autorenkino in Oberhausen einen neuen Boom. Was keineswegs dazu führt, dass die Filme nun auch immer experimenteller würden. Vielmehr geht es den meisten Filmemachern darum, Geschichten zu erzählen. Und Lars Henrik Gass betont, es gäbe auffallend viele Filme, in denen die Familie im Mittelpunkt stehe: "Wir haben festgestellt, dass in den letzten Jahren Themen wie Jugendrevolte, Krisen in Familien, Generationenkonflikte wieder sehr wichtig sind."

Neben dem Wettbewerb gab es in diesem Jahr das Sonderprogramm "film-lokal", das sich der Lokalisierung als Gegenpol zur Globalisierung und damit der Sehnsucht nach kultureller Identität widmete. Ein Kinosaal war in einen Ausstellungsraum verwandelt worden, in dem fünf Künstler mit ihren Installationen Migration und Entwurzelung thematisierten. Der Schweizer Costa Vece zum Beispiel besorgte sich in den Supermärkten von Oberhausen Abfallkartons und Paletten, die - ganz global - Güter aus der gesamten Welt transportierten, und baute aus ihnen einen Leuchtturm. Der ja eigentlich - ganz lokal - Sicherheit verheißt. Aber Costa Veces Leuchtturm projizierte zugleich Bilder an die Wand, die eher eine Endzeitstimmung verbreiteten: Ein durchs Weltall schwebender Astronaut, Bilder von Explosionen oder Wüstenlandschaften. "Ich habe keine hoffnungsvollen Bilder ausgesucht, sondern eher das Ende der Welt. Ich bin ein pessimistischer Mensch. Auch wenn es vielleicht immer irgendwie weiter geht."

Das Ende der Welt oder der Anfang des Lebens, so ließe sich ein weiterer Trend der Kurzfilmtage beschreiben. Denn auf dem Festival waren auffallend viele Filme, die sich mit der menschlichen Existenz befassen. Dazu gehört auch Paralleluniversen von Carolin Schmitz und Heike Mutter, zwei Studentinnen der Kunsthochschule für Medien in Köln. Der Film handelt von einer Sternwarte in Chile und den Astronomen, die dort arbeiten. Einer von ihnen meint: "Ich kann mir die Sterne ansehen und an alles Mögliche denken. Und manchmal stelle ich mir vor: Ja, ich schaue in das Gesicht Gottes. Es hängt ganz von deiner Religion ab, wie du das Universum betrachtest." Paralleluniversen war der einzige deutsche Film im Internationalen Wettbewerb. Unterstützt von wunderschönen Kameraeinstellungen karger Wüstenlandschaften, Abenddämmerungen und Lichtreflexionen beschreibt der Film die menschliche Sehnsucht, die Galaxien jenseits der Milchstraße zu ergründen. Zugleich handelt er von einem Sandkorn im kosmischen Spiel, das sich Mensch nennt.

Ein anderer ungewöhnlicher Film war Frozen War aus Großbritannien: Als der Filmemacher John Smith am 8. Oktober 2001 in sein Hotelzimmer kam und den Fernseher einschaltete, sah er auf BBC nichts als ein erstarrtes Bild: Hinter der Überschrift Strike on Afghanistan war ein Mann mit geöffneten Mund zu sehen. Smith nahm seine Kamera, filmte die Szene und ließ dazu seinen Gedanken freien Lauf: "Ich schaue auf dieses Bild, und es macht mir irgendwie Angst. Das Fernsehbild ist erstarrt und der Mann wirkt schockierend auf mich. Wer ist er, und worüber spricht er? Was ist in London passiert? Wahrscheinlich ist in dem verdammten London nichts passiert, aber eine Menge in Afghanistan. Jedenfalls genug, um mich zu verunsichern, mich und viele andere Leute."

00:00 09.05.2003

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