Back-up für die Endzeit

Biologie Nahe dem Nordpol, im Innern eines Berges, lagert Saatgut aus 217 Ländern. Im Fall der Apokalypse soll es die Menschheit retten
Michael Marek | Ausgabe 37/2016 7

In die eisige Stille platzt ein lautes Brummen. Das müssen die Ventilatoren der Kühlanlage sein. Von außen ist nur ein schmales Eingangsportal aus Beton zu erkennen, es scheint aus dem Berg zu wachsen. Ein schlichtes Schild, auf einem Holzpfahl angebracht, weist auf den Svalbard Global Seed Vault hin. Hier, tief im Platåberget vergraben, lagert das, womit die Menschheit ihr Überleben nach einer Apokalypse sichern will: gut 852.000 Samenproben von sieben Kontinenten, Mais, Reis, Weizen, andere Nutzpflanzen.

Hinter Stahltüren gesichert, geschützt vor saurem Regen und radioaktiver Strahlung, liegt das Material, das nach der großen Katastrophe helfen soll, die Erde wieder zu kultivieren, etwa wenn Kriege, Epidemien, Hochwasser, Dürre oder Seuchen Ackerland großflächig vernichtet haben. Mehr als 1.400 Genbanken für Pflanzensamen gibt es auf dem Globus. „Weltweiter Saatguttresor Spitzbergen“ lautet der offizielle Name dieser Anlage. Manche sprechen von einer „modernen Arche Noah“ oder von einem „Doomsday Vault“ – einer Schatzkammer für das Jüngste Gericht.

Brian Lainoff öffnet die Eingangstür aus Stahl. Dahinter liegt ein betonierter Vorraum zum Anlegen von Sicherheitskleidung und -helmen. Lainoff, ein US-Amerikaner, arbeitet für den Global Crop Diversity Trust, den Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt, eine unabhängige internationale Organisation mit Sitz in Bonn, die die Oberaufsicht über die Anlage hat. Kühle, trockene Luft schlägt uns im Inneren entgegen. Nach einer weiteren Stahltür kommt ein 120 Meter langer, sanft nach unten abfallender Tunnel, er führt in den Berg hinein. Neonlicht wird vom hellen Boden reflektiert. Die Schritte hallen von den Metallwänden wider. Die Temperatur beträgt in diesem Bereich minus sieben Grad Celsius.

Der sicherste Ort der Erde

Außen kann es deutlich kälter werden. Wir befinden uns in Longyearbyen, der Verwaltungshauptstadt der Inselgruppe Spitzbergen, gut 1.300 Kilometer vom Nordpol entfernt. Die Luft ist glasklar, der Himmel strahlend blau, ringsum breiten sich Gletscher aus. Im Sommer ist es 24 Stunden lang hell, im Winter genauso lang dunkel, dann sinkt die Temperatur auf 25 Grad unter null. Von Oktober bis Februar dauert die Mørketid, die dunkle Zeit, in der es nicht einmal mittags kurz hell wird.

Knapp 2.500 Menschen wohnen in Longyearbyen, bunte Holzhäuser prägen den Ort. Es gibt eine Schule, ein Krankenhaus, ein Kino, ein Schwimmbad, eine Post, einen Polizisten, das „Norwegische Polarinstitut“, eine Hubschrauberstation, eine Tankstelle und deutlich mehr Schneemobile als Autos. Praktisch alle Erwachsenen sind erwerbstätig. Es gibt keine Arbeitslosen, keine Flüchtlinge und keine Rentner. Menschen aus 43 Nationen leben hier, sie verdienen ihr Geld etwa als Tourguides für Gletscherexpeditionen. Die meisten sind (Festlands-)Norweger, gefolgt von Schweden und Thailändern, Dänen, Russen, Deutschen, Briten und Chilenen. Ein dynamischer Mikrokosmos: Jedes Jahr zieht etwa ein Viertel aller Einwohner weg, dafür kommen andere aus der ganzen Welt hinzu. In Longyearbyen wird man nicht geboren, heißt es, nach Longyearbyen wandert man aus.

Kriminalität ist hier unbekannt, allenfalls gibt es zu viel Alkoholkonsum. Manche sagen, es sei der sicherste Ort auf der Erde. Gemäß dem Spitzbergenvertrag von 1925 handelt es sich um eine entmilitarisierte Zone. Außerdem ist es der nördlichste Punkt, den man mit einem Linienflug erreichen kann. Die eisig-einsame Landschaft und ihre tierischen Bewohner, etwa 3.500 wild lebende Eisbären, ziehen eine stetig wachsende Zahl von abenteuerlustigen Touristen an.

Einst war Spitzbergen für seine Kohle berühmt, heute sind nur noch drei Minen aktiv. Dafür hat sich Longyearbyen zu einem Zentrum für die Klimaforschung entwickelt. 1993 wurde hier die nördlichste Universität der Welt eröffnet, rund 650 Studenten sind inzwischen immatrikuliert. Meeresbiologen, Meteorologen und Geophysiker nutzen die Region für ihre Forschung. Denn: „Der Klimawandel ist auch hier angekommen“, sagt Kim Holmén, der schwedische Direktor des Norwegischen Polarinstituts. Die wachen Augen hinter seiner Designerbrille schauen etwas mürrisch, die Fakten hat er Journalisten und Politikern schon allzu oft buchstabiert: Der Fjord vor Longyearbyen friert nicht mehr zu, die Gletscher gehen zurück, die Zahl gebietsferner Fisch- und Vogelarten ist gestiegen. So wandern etwa Makrelen aus wärmeren Zonen bis an die Küsten Spitzbergens. Seit 1973 hat Norwegen etliche Naturschutzreservate in der Region eingerichtet.

Zu den Herausforderungen durch die Umwelt gehören für die Anwohner auch die Beschwernisse des Alltags: Jede Glühbirne muss eingeflogen oder per Schiff vom Festland herangeschafft werden, jedes Baugerät, jede Arznei, jeder Apfel, jede Zahnpasta – und eben auch jede Samenprobe für den Tresor.

2008 ging das Saatgutarchiv in Betrieb. Amarant aus Ecuador, Wildbohnen aus Costa Rica, Tomaten aus Deutschland, Gerste aus Tadschikistan, Kichererbsen aus Nigeria: 5.253 Pflanzenarten sind hier vertreten. „Der Verlust einer Kulturpflanzengattung ist so unumkehrbar wie das Ende der Dinosaurier“, sagt Brian Lainoff. Für Betrieb und Verwaltung des Svalbard Global Seed Vault ist „NordGen“ verantwortlich („Nordic Genetic Resource Center“), ein Zusammenschluss von Genbanken der skandinavischen Länder und Islands. Der Crop Trust trägt die Hälfte der jährlichen Betriebskosten von gut 100.000 Euro, der norwegische Staat zahlt den anderen Teil und übernahm auch die Baukosten von etwa 6,3 Millionen Euro. Unleugbar schreitet der Klimawandel voran – deshalb sei es wichtig, „ein Back-up System zu haben“, erklären alle, die mit dem Projekt zu tun haben.

Nach 120 Metern durch den Stollen nähern wir uns dem Herzen der Anlage: einer Halle mit konkav gewölbter Betonwand – um bei einem „Bombenangriff“ die Druckwelle abfangen zu können, sagt Lainoff. Daneben drei Lagerräume, jeweils mit zwei Stahltüren hintereinander versehen, alle bedeckt von einer Eisschicht. Hier herrschen jetzt minus 18 Grad. Die Temperatur und die niedrige Feuchtigkeit sorgen für eine geringe Stoffwechselaktivität, was die Samen über lange Zeit lebensfähig hält – aber eben nicht für die Ewigkeit. „Weizen kann bis zu 1.200, Rettich um die 80 Jahre gelagert werden“, erklärt Lainoff. Das Gebiet sei geomorphologisch stabil, und selbst wenn die Technik einmal ausfallen sollte, würde der Permafrost für natürliche Kühlung sorgen.

In Längsreihen stehen blau-rot-graue Hochregale, Marke Billigbaumarkt. Hier wird das Saatgut in luftdicht versiegelten Aluminiumverpackungen verwahrt. Diese liegen in Boxen: Nordkorea schickt rote Holzkisten, Nigeria und Mexiko graue Kunststoffbehälter, die Ukraine und die USA versenden ihre Proben in schnöder Wellpappe, und Deutschland bevorzugt grüne Boxen. Selbige kommen aus Gatersleben vom Leibnizinstitut für Pflanzengenetik.

Die Entscheidung, welche Samen eingelagert werden, treffen die Länder selbst. Mit einer Ausnahme: Genetisch verändertes Saatgut muss in jedem Fall draußen bleiben! 217 Länder haben ihre Proben auf Spitzbergen gesichert, sogar untergegangene Staaten wie die Sowjetunion, die DDR und Jugoslawien sind dabei, da deren Proben von den Nachfolgestaaten übernommen wurden. Die Samen bleiben im Besitz des Herkunftslandes.

Die Lagerräume verfügen über Kapazitäten für 4,5 Millionen verschiedene Arten – doch zuletzt wurden immer weniger Proben eingelagert. Die Archivierung des Saatguts im Eistresor ist kostenlos für die Länder, für den Versand müssen sie selbst aufkommen. Gerade für sogenannte Drittweltländer sei es schwierig, überhaupt eine ausreichende Qualität des Materials zu gewährleisten, erklärt Lainoff.

Matthias Meißner vom „World Wide Fund For Nature“ Deutschland (WWF) betrachtet Saatgutarchive wie den Svalbard Global Seed Vault aus einem anderen Grund kritisch: „Viel wichtiger ist es, die Pflanzen und das Saatgut in situ, direkt bei den Landwirten, zu bewahren“, sagt er. Die Widerstandsfähigkeit einer Pflanze oder eines Ökosystems hänge auch von der Fähigkeit ab, die Folgen von Umweltveränderungen wie Trockenheit und Versalzung zu bewältigen. Diese Anpassung sei ein Prozess, der nicht in einem „Kühlfach“ gelingen könne: „Wenn wir es nicht schaffen, im wirklichen Leben, in der Natur, Orte zu bewahren, wo diese Pflanzen ausgesät und geerntet werden können, geht das Wissen verloren, wie man mit Kulturpflanzen adäquat umgeht.“

Tausend Jahre alte Brösel

Tatsächlich war es eine Tausende von Jahren alte Tradition, dass Bauern einen Teil ihrer Ernte als Saatgut zurückbehielten, um es in der nächsten Saison wieder auszusäen. Heute ist dieser Nachbau nicht mehr überall üblich. Zum einen, weil viele Feldfrüchte wie Mais, Raps und Weizen unter das „Sortenschutzgesetz“ fallen und nur gegen Lizenzgebühren nachgebaut werden dürfen; zum anderen, weil ein großer Teil der gewerblich genutzten Pflanzensorten sogenannte Hybridzüchtungen sind, die „oft sehr ertragreich sind, traditionelle Pflanzen aber verdrängen“, wie WWF-Mann Matthias Meißner erklärt.

Zu den Unterstützern des Crop Trust gehören Einzelstaaten wie Ägypten, Australien, Brasilien, Deutschland und die USA. Aber auch Firmen wie DuPont Pioneer Hi-Bred und Syngenta – die sich stark auf dem Gebiet der Gentechnik engagieren. Schon jetzt kontrollieren die weltweit größten acht Konzerne in jenem Segment rund 94 Prozent des Saatgutmarktes. Fernab von der eisigen Ruhe in Spitzbergen streiten Agrarkonzerne, Bauern und unabhängige Pflanzenzüchter darüber, wer das Recht hat, Saatgut herzustellen und in den Handel zu bringen. Vor allem deshalb halten der WWF und andere Kritiker die Verstrickung von Wirtschaft und Crop Trust für problematisch.

Aber selbst wenn Gentechnikunternehmen nicht als finanzielle Unterstützer am Samenarchiv beteiligt wären: Der Global Seed Vault kann der Nachwelt nur einen Abglanz unserer Agrarkultur überliefern. Die Überlebenden einer Katastrophe wüssten ja nicht, ob das Saatgut bei veränderten Klimabedingungen überhaupt noch gedeihen würde. Und wenn der Samenbunker erst 1.000 Jahre nach dem großen Crash entdeckt würde? Wer würde dann die Eingangstür zum Svalbard Global Seed Vault öffnen – und wer würde ihm oder ihr erklären, was mit all den Bröseln aus den bunten Boxen anzufangen wäre?

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06:00 21.09.2016

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