Beat Box Colombia

Die Rapper im Viertel Aquablanca Es überlebt, wer Glück hat

"Dort, wo in Kolumbien der Asphalt endet, endet auch die Staatsgewalt."Sprichwort aus Bogotá

Auf der Straße, vor den Toren der Stadt Cali, hat die Armee eine Straßensperre errichtet. Die Soldaten sind jung, nicht viel älter als 20. Sie fordern jeden, der hier durchkommt, ob im Jeep, Bus oder PKW, ruppig auf, unverzüglich auszusteigen. Anschließend werden die Papiere kontrolliert, die Fahrzeuge und das Gepäck durchsucht. Die Soldaten sind schwer bewaffnet, die Atmosphäre ist angespannt. Misstrauisch erwarte ich das Ende dieses unfreiwilligen Aufenthalts. Oft würden Reisende nach derartigen Straßenkontrollen spurlos verschwinden, heißt es.

Unser Jeep ist auf dem Weg nach "Aquablanca", dem größten Armenviertel Calis, in dem schon lange keine kolumbianische Staatsmacht mehr existiert. Cali liegt im Westen, nahe der Pazifikküste. Von den zwei Millionen Einwohnern dieser Stadt sind viele aus der Küstenregion vertrieben worden, mehrheitlich Schwarze und Indigenas, die der Bürger- oder irgendein Bandenkrieg gezwungen hat, ihre Heimat zu verlassen.

Auf dem Sitz neben mir sitzt Micaela, 15 Jahre alt, von der Rapgruppe Zaxfiro. Lange Rastazöpfe, Stirnband, große dunkle Augen. Amüsiert und lachend erzählt sie über sich und Geschichten, wie sie die meisten Teenager aus "Aquablanca" erleben. Micaela zeigt auf das Stirnband, gestern sei ihr bei MTV eine Sängerin aufgefallen, die es genauso trug. Dann passiert das Auto eine endlos wirkende Brache.

"Hier werden die vergewaltigten Mädchen weggeworfen", erzählt Micaela eher beiläufig. Es gäbe junge Frauen, die würden verschleppt, missbraucht, getötet - und ihre Leichen anschließend auf dieses Feld gebracht - eben weggeworfen zwischen Müll, Schutt und Schrott. Meistens täten das die Leute aus den bewaffneten Banden der Gegend, aber auch welche aus der Nachbarschaft oder aus dem Bekanntenkreis. Selten werde jemand dafür verfolgt oder gar bestraft. Es würden ja täglich so viele verschwinden in Kolumbien.

Es ist Nacht in Aquablanca. Micaela besucht ihre Rapper-Freunde Boris und Wilson von der Gruppe Ghettos Clan. An den Wänden hängt Ché Guevara neben Ice-T und einer halb nackten, vollbusigen jungen Frau, die für ein einheimisches Getränk wirbt. Zur Auswahl stehen zwei Biersorten, aus den Boxen dröhnt Ghettos Clan und immer wieder Ghettos Clan. In einem Frisörladen, dem Szenetreff inmitten der Wellblech-Ödnis, schreien Boris und Wilson ihre Wut in selbst geschriebenen Texten aus sich heraus. Ihr Zuhörer sind die Kids aus dem Viertel, einheitlich uniformiert - dicke Goldkettenimitate, viel zu große Mützen, weite HipHop-Hosen, dunkle Sonnenbrillen. Verzaubert von jeder Bewegung, jeder Geste, jedem Ton ihrer singenden Idole. Sehnsucht nach Gangster HipHop à la Wu Tang Clan liegt in der staubig schwülen Tropenluft. Beim Refrain "basta ya" (es reicht!) scheinen die dünnen Blechwände zu bersten.

"Man hat immer Feinde. Und was tun Feinde? Sie behindern dich." Boris dreht sich weg und schaut über die Dächer der Vorstadt. "In dem Augenblick, wenn ein Feind Stress macht, wehrst du dich. Und dieses Treffen kann mit dem Messer enden ..."

Es ist der Morgen nach ihrem Ghetto-Konzert. Wir stehen auf einer Terrasse. Am Horizont, weit entfernt, lagert die Skyline von Cali. Unter uns Busse, Menschen, hupende Autos, irgendwo schreit ein Kind, und es gibt Salsa aus dem Ghettoblaster. Boris lacht übers ganze Gesicht: "Musik, weißt du, das ist aber auch eine gute Möglichkeit, Frauen kennen zu lernen."

Als er zusammen mit Wilson Ghettos Clan vor einigen Jahren gründete, war es anfangs nur eine Laune, eine fixe Idee, mittlerweile ist ihnen die Musik zur Religion geworden. Gruppen wie Ghettos Clan waren die ersten Wortakrobaten in ihren Vierteln, als aus den anfangs dilettantischen Beats eine landesweite Musikszene entstand. Andere Gruppen nannten sich Zaxfiro, Operando oder Flaco Flow - die Mitglieder sind bis heute nicht älter als 30. In ihren Liedern singen sie vom Bürgerkrieg, von der Gewalt auf der Straße, von korrupten Politikern, von Drogen und von Freunden, die nie wieder auftauchten.

"Wenn ein Polizist bewaffnet auf Streife ist, fühlt er sich überlegen. Schlägt er dich und du wehrst dich, dann heißt es gleich: fehlender Respekt gegenüber einer Autorität, und sie machen mit dir, was sie wollen." Gern präsentiert sich Boris in den staubigen Straßen seines Viertels. Da ein Hallo, dort ein obszöner Scherz, einer vorbeilaufenden jungen Schönen flüchtig hinterher geworfen. Man kennt sich. "Die Polizei? Die sehen einen Schwarzen und schlagen ihn. Hinterher fragen sie: ›Und, hat es dir nicht gefallen?‹ Und du antwortest: ›Nein, es hat mir nicht gefallen‹. Dann schreien sie: ›An die Wand mit dir, du Dieb, du schwuler Neger!‹ - Ein bisschen kann ich´s verstehen. Die Polizisten betreten das Viertel und werden nervös, weil sie immer damit rechnen müssen, dass auf sie geschossen wird."

Seit 1819 ist Kolumbien eine Republik, doch keine demokratische. Seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nun schon ist die Furie des Bürgerkrieges dabei, das Land gründlich abzugrasen. Längst nicht mehr ist überschaubar, wer gegen wen und wofür und warum kämpft. Gemessen an seiner Bevölkerungszahl weist Kolumbien weltweit die höchste Mordrate in Lateinamerika auf. Polizei und Armee, oft bis auf die Knochen korrupt, stehen Guerilleros, Mafia-Clans, die Traffic-Szene, Devisenschieber oder paramilitärische Gangs gegenüber, die sich ihre Jagdreviere und Geschäftsinteressen nicht nehmen lassen.

Auf den killing fields der Großstädte werden tagtäglich so genannte "sozial unerwünschte" Personen - Homosexuelle, Prostituierte, Drogenabhängige, Obdachlose, Straßenkinder, Oppositionspolitiker, Gewerkschafter, Rechtsanwälte - gezielt liquidiert. Die "sozialen Säuberungen", wie die Mordorgien heißen, werden "Todesschwadronen" zugeschrieben, die sich auch aus den Reihen der Nationalpolizei oder irgendwelcher Sicherheitsdienste rekrutieren können.

Micaela wartet schon auf uns. Das Wellblechdach, unter dem sie lebt, teilt sie mit ihrer Mutter und der Großmutter. Drei Frauen, drei Generationen. Und Männer? Alles Schweine! Männer führen Krieg, Männer debattieren zuviel, Männer verdienen am Tod. Einen Vater hatte sie nie. Einen Freund? Nein! Viele Verehrer, die hat sie und ihren ganz persönlichen Albtraum: als mit Kindern gesegnete Hausfrau in diesem Viertel und am Kochherd zu enden. Die klassische kolumbianische Liebe, kurz nach dem "Honeymoon", sieht für Micaela so aus: Der Mann kommt betrunken nach Hause. Wenn die Frau Glück hat, wird sie nicht verprügelt, sondern nur beschimpft - und die Nebenbuhlerin wohnt zwei Türen weiter.

So liebt Micaela eben die Musik. Ihre Augen leuchten: "Musik ist wie die Rettung der Seele. Musik fängt dich auf, wenn du traurig bist, Freude suchst oder Schmerzen. Durch Musik drückst du dein ganzes Leben aus."

"Der Bus kommt schon, entspann dich." Boris schmunzelt über meine Unruhe, wieder nach Cali zu kommen. 24 Stunden "Beat Box Colombia" in Aquablanca gehen zu Ende. Adressen werden getauscht und die Versprechen, sich unbedingt wiederzusehen. Boris trägt meinen alten Rucksack. An der Haltestelle erklärt er mir, was es für ihn heißt, Kolumbianer zu sein: "Ehrlich gesagt möchte ich nicht mehr in diesem Land leben. Ich bin Kolumbianer. Es gibt Leute, die stolz darauf sind. Ich gehöre nicht dazu. Wir Kolumbianer sind gezeichnet. Kolumbien steht für Drogen und Gewalt, Kolumbien ist kaltblütig und boshaft - unser Land, das sind immer nur schmutzige Geschäfte. Wir sind dazu verurteilt, in einem Land zu überleben, das in der Scheiße versinkt. Und das macht mich wütend, das lässt mich nicht mehr schlafen..."


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00:00 14.04.2006

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