Behutsamer Stillleger?

Spurensuche Am 1. April 1991 fiel der Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder einem Attentat zum Opfer

Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist der prominenteste Trauerredner, als Detlev Karsten Rohwedder am 10. April 1991 mit einem Staatstrauerakt geehrt wird. Wer auch immer das Wort ergreift, ist voll des Lobes über die Lebensleistung des Toten, besonders seine Führungstätigkeit in der Treuhandanstalt. Seit er im August 1990 die Privatisierungsagentur übernommen habe, sei das anfängliche "Gründungschaos in der größten Holding der Welt" bewältigt worden, heißt es.

Auf Rohwedder ging die im Herbst 1990 vorgenommene Einteilung der Treuhandanstalt in eine Berliner Zentrale, die sich mit 3.800 "großen" Privatisierungsfällen beschäftigte, und 15 Niederlassungen - zuständig für die "kleinen Fische" (etwa 3.000 Betriebe) - zurück. Der Initiative des THA-Chefs war es zu verdanken dass der Bundestag im April 1991 das so genannte "Spaltungsgesetz" verabschiedete, mit dem große DDR-Kombinate oder Ex-VEB "käuferorientiert" in kleineren Einheiten angeboten werden konnten.

Die Trauergemeinde war sich einig - in der kurzen Zeit, die Rohwedder der THA als Präsident vorstand, habe er aus einen Reißbrettentwurf eine handlungsfähige Institution geformt. Was seine Amtsführung betraf, so habe er stets versucht, unvermeidbare Härten für die betroffenen Belegschaften zu mildern. Es kursierte seinerzeit ein als "Testament" bezeichneter "Osterbrief", den Rohwedder am 27. März 1991 verfasst hatte, bevor er zum Osterfest mit seiner Familie von Berlin nach Düsseldorf aufbrach, und in dem einleitend zu lesen war: "Die Treuhand erfüllt ihren Auftrag: Schnelle Privatisierung - entschlossene Sanierung - behutsame Stilllegung".

Ein ganz anderes Rohwedder-Bild ergibt sich aus den Botschaften der RAF, die seinerzeit behauptete, für das Attentat verantwortlich zu sein. Rohwedder sei "Kapitalstratege" und "einer dieser Schreibtischtäter gewesen, die tagtäglich über Leichen gehen und im Interesse von Macht und Profit Elend und Not von Millionen Menschen planen". Für Rohwedder habe es von Anfang nichts in der Ex-DDR gegeben, "was nach seinem auf Profit ausgerichteten Blick irgendwelche Werte hatte. Alles dort war für ihn immer nur Konkursmasse ..."

Eher widersprüchliche Urteile finden sich auch in der schöngeistigen Literatur - Günter Grass lässt in seinem Roman Ein weites Feld den bei der Treuhand beschäftigten Aktenboten Theo Wuttke, Fonty genannt, über Rohwedder sagen: "Sah kürzlich unseren Chef aus dem Paternoster steigen. Mit dem ersten Blick gesehen: ein forscher Kerl. Ist Erfolg gewohnt, versteht es zuzupacken. Hat etwas Gewinnendes." Diesen Eindruck abschwächend, sagt Fonty an anderer Stelle: "Sicher, er war fürs Schnelle veranlagt. Das konnte er: Härte beweisen."

Ganz anders sieht die Hildegard in Rolf Hochhuths Wessis in Weimar den THA-Präsidenten. In einer Konfrontation mit ihm verhehlt sie nicht ihren Unmut. "Sie berauben die, die Bürger... jetzt durch Ihre Treuhand. ... Nie kam Ihnen offenbar die Idee, dass die Maßstäbe unserer westlichen Industriegesellschaft auf die des Ostens nur übertragen werden dürfen, wenn das Volk im Osten den Nutzen davon hat - nicht aber unsre Wirtschaftshaie! ... Sie sind es, der diesem Land die Massenarbeitslosigkeit beschert."

Nicht die Treppe herunter stoßen

Wer war, woher kam dieser, in der Beurteilung seines Handelns so umstrittene Detlev Karsten Rohwedder? 1932 geboren, hatte er Jura studiert und in Rechtswissenschaften promoviert. Er begann seine Karriere als Wirtschaftsjurist. Rohwedder war Mitinhaber einer Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, als ihn Karl Schiller 1969 als Staatssekretär in das Bundeswirtschaftsministerium holte. Er wurde Mitglied der SPD. Wegen seiner überragenden Sachkenntnis blieb er im Amt, als die Minister wechselten, und diente unter dem Kanzler Helmut Schmidt (SPD) Hans Friedrichs und Otto Graf Lambsdorff von der FDP. 1979 trat er zunächst als Mitglied des Vorstandes in die Hoesch AG ein, um ein Jahr später dessen Vorsitz zu übernehmen und angesichts der Talfahrt des Unternehmens die von ihm erwarteten "Saniererqualitäten" zu offenbaren. Nach zehn Jahren unter seiner Leitung hatte der Konzern die Gewinnzone erreicht. Die Hoesch AG war gerettet und die Belegschaft um ein Drittel geschrumpft. Dem "knallharten Sanierer" traute es Finanzminister Theo Waigel (CSU), dem die THA unterstellt war, zu, auch die "maroden DDR-Betriebe" der freien Marktwirtschaft zu übergeben.

Dabei hatte Rohwedder, der zu den Managern gehörte, die gelegentlich in kleinerem Kreise ihre Absichten und Arbeitsziele erläuterten, noch im August 1990 Walter Romberg (SPD), damals Finanzminister der Regierung de Maizière, versichert, er rechne damit, "dass es noch in zehn Jahren Staatsbetriebe in großem Umfang" geben werde. In einem Brief, verfasst Ende November 1990, hieß es dann allerdings: "Es kann und darf nicht die Erwartung geben, ehemals volkseigene Betriebe könnten in der Obhut der Treuhandanstalt und eines öffentlichen Eigentümers bleiben." Als der damalige Finanzstaatssekretär und heutige Bundespräsident Horst Köhler Anfang 1991 auf einer Sitzung des Treuhandpräsidialausschusses verlangte, es müsse "in der ehemaligen DDR-Industrie auch mal gestorben werden", widersprach Rohwedder laut Sitzungsprotokoll nicht. Dem Thüringer Landesbischof freilich hatte er auf einen besorgten Brief hin geantwortet, er wolle die Menschen in der Ex-DDR "nicht die Treppe herunter stoßen, sondern vorsichtig herunter führen".

Solange die Akten der Treuhandanstalt öffentlicher Einsicht nicht zugänglich sind, und das wird noch anderthalb bis zwei Jahrzehnte so sein, müssen sich Nachforschungen zu der Frage, wie Rohwedder seine Tätigkeit als Chef der THA begriff, wohl oder übel auf die Analyse des erwähnten "Testaments" konzentrieren. Dort finden sich Sätze, die dem ersten Eindruck, die Treuhandanstalt habe drei gleichberechtigt nebeneinander stehende Ziele - Privatisierung, Sanierung, Stilllegung - verfolgt, klar widersprechen. Priorität, heiß es im Osterbrief, "wird auch weiterhin die Überführung von Unternehmen in privates Eigentum haben" -"Privatisierung ist die wirksamste Sanierung". Letzteren Satz nennt Wolfgang Seibel, Mitautor der 1993 erschienenen offiziösen ersten Treuhandgeschichte (er ist auch Verfasser der Treuhandanalyse Verwaltete Illusionen von 2005) "ein unmissverständliches programmatisches Signal". Für Seibel war die Formel von der Privatisierung als wirksamster Form der Sanierung fortan ein Credo, das "die extreme Verengung der Handlungsspielräume der Treuhandanstalt mit Hilfe einer geschickt gewählten rhetorischen Formel ins Positive wendete". Der Kernsatz des Führungsdokumentes habe monatelange Debatten unter den Verwaltungsrats- und Vorstandsmitgliedern der Anstalt zum Abschluss gebracht.

Wenn Detlev Karsten Rohwedder im Osterbrief verkündet hat, was Birgit Breuel als seine Nachfolgerin in den folgenden Jahren in die Tat umsetzte, verwundert die unterschiedliche Bewertung, die beide bis heute erfahren. In der Regel werden im Rückblick die für den Osten Deutschlands katastrophalen Resultate der Privatisierungspolitik allein Breuel angelastet, Rohwedder wird dagegen bescheinigt, bei ihm wäre eine solche Zäsur weitaus "menschlicher" und weniger verheerend ausgefallen wäre. Im Grass-Roman Ein weites Feld spiegelt sich das so wider: "Mit der Nachfolgerin des ermoderten Chefs kam ein neuer Ton ins Haus. Das Volkseigentum wurde zügiger und in schärferer Gangart abgewickelt: Was mal Osten gewesen war, ging Stück für Stück in westlichen Besitz über ... und nur die Schulden, für die niemand zu haben war, blieben bei der Treuhand liegen."

Kein Heftpflaster, wenn es weh tut

Worauf eigentlich beziehen sich die divergierenden Urteile über Rohwedder und Breuel? Gewiss auf das Tempo der Privatisierung: In der Ära Rohwedder zählte man in der THA 130 pro Monat. Unter Breuel waren es 1991 im Schnitt etwa 300 bis 400. Diese Dynamik blieb auch für 1992 (11.576 Privatisierungen pro Jahr) bestehen. Und verglichen mit der Zahl der im zweiten Halbjahr 1990 - noch unter Rohwedder - verkauften Betriebe (1.422) war das Veräußerungstempo noch 1994 mit 3.568 Firmen beachtlich hoch.

Doch wer allein die "Privatisierungsfälle" bilanziert, verkennt die tatsächlichen Dimensionen der damaligen Praxis. Der Verkauf von "Filetstücken" der DDR-Kombinate erreichte unter Rohwedder bereits Ausmaße, wie sie die Privatisierungsgeschichte der Bundesrepublik nie gekannt hatte. Unter seinem Patronat wurden Großunternehmen wie die DDR-Energiekombinate mit 28.000 Beschäftigten den drei größten westdeutschen Stromkonzernen zugeschanzt. In der Bundesrepublik waren Energiebetriebe dieses Zuschnitts jahrzehntelang Eigentum der öffentlichen Hand geblieben, bevor in den achtziger Jahren die Entstaatlichung begann.

Da in großem Stil verkauft und stillgelegt wurde, waren schon unter Rohwedder die ökonomischen und sozialen Konsequenzen dramatisch. Bis Ende März 1991 hatte sich die Zahl der Beschäftigten in der ostdeutschen Industrie gegenüber 1989 um 975.000 verringert - in der Ära Breuel kamen noch einmal 1,6 Millionen verlorene Arbeitsplätze hinzu.

Mitunter sind die Auffassungen über Rohwedder und Breuel von deren Vorgeschichte und ordnungspolitischen Bekenntnissen beeinflusst. Rohwedder verdiente seine Sporen im Wirtschaftsministerium als Staatssekretär des Keynesianers und Industriepolitikers Karl Schiller. Birgit Breuel, die Bankierstochter, war CDU-Mitglied und überzeugte Anhängerin völliger Wirtschaftsliberalität. Von ihr stammen die in einer Botschaft an die Treuhandmitarbeiter enthaltenen Sätze: "Die soziale Marktwirtschaft ist nur eine Ordnungsnorm, keine praktische Lebenshilfe für Einzelfälle." Und sie wehrte sich gegen Auffassungen, die da meinten, man dürfe der Marktwirtschaft nicht ihren Lauf lassen. "Wenn es mit der Ordnung der sozialen Marktwirtschaft nicht schnell und einfach genug geht, vor allem, wenn es weh tut, dann kommt das Heftpflaster einer undefinierbaren Industriepolitik." Doch haben Rohwedder und Breuel "im Amt" ihr jeweiliges ordnungspolitisches Credo ausgelebt? Wolfgang Seibel hält das wegen der Gebote des Einigungsvertrag, aber auch wegen des Drucks, den Kanzler Kohl, Finanzminister Waigel und bundesdeutsche Konzerne auf die THA ausübten, für unwahrscheinlich.

Bleibt als letzte Erklärung für den Bonus, den Rohwedder verglichen mit seiner Nachfolgerin hat, die Vermutung, dass der gewaltsame Tod, der Rohwedder so jäh aus seiner Tätigkeit riss, Person und Amtsführung verklären ließ. Vor diesem Hintergrund mag mancher dessen Wunsch nach einer gemäßigteren, menschlicheren Treuhandpolitik in das "Testament" hineingelesen haben. Sätze wie - "Der Treuhandanstalt ist die Verantwortung für die Entscheidungen im Einzelfall übertragen worden. Sie hat das Tempo im Einzelfall und insgesamt unter Berücksichtigung der sozialen, wirtschaftlichen und finanziellen Folgen abzuwägen" - dürften derartigem Wunschdenken Nahrung gegeben haben. Ebenso Rohwedders im Osterbrief enthaltene Versicherung, den "Stilllegungsprozess behutsam zu strecken, um Zeit für das Aufwachsen neuer Arbeitsplätze zu gewinnen."

Ob Birgit Breuel, die maßgeblich an der Abfassung des Osterbriefes beteiligt war, diese Auffassung teilte, sei dahingestellt. Sie, nicht Rohwedder, war es, die mit der Forderung von Kanzler Kohl konfrontiert wurde, die Privatisierung bis Ende 1994 abzuschließen und die THA abzuwickeln. Für Oktober 1994 standen Wahlen ins Haus, und Kohl wusste, dass er mit der Treuhand zumindest im Osten nur Wähler verlieren konnte. Ob Rohwedder der Forderung nach einer solchen Beschleunigung um jeden Preis widerstanden hätte? Sein Tod enthebt uns einer Antwort, aber die Frage, ob er wirklich anders als Breuel gehandelt hätte, wäre er bis zum Schluss Treuhandchef geblieben, ist ernsthaft zu stellen. Er war sich der Grenzen seines Entscheidungsfeldes durchaus bewusst und bereit, sie zu akzeptieren. "Die Treuhandanstalt hat ihren gesetzlichen Auftrag, und sie leistet ihre Dienste in Erfüllung dieses Auftrages", verkündete er seinen Mitarbeitern im Osterbrief vor 15 Jahren.


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00:00 07.04.2006

Ausgabe 39/2020

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