Bei Doktor Viwanda lacht das Glück

Afrika (III) Malawi oder die Balance zwischen Chemie und Magie - von Pangani nach Nkhata Bay

Nachts um kurz vor drei klopft Iddi, der "Schiffsmakler" von Pangani, an unsere Zimmertür. Wir schnappen unser Gepäck und gehen hinunter zum Fluss, durch Berge von Kokosnussschalen. In der Dunkelheit wartet die Dhau, die schon am Abend vorher prallvoll mit Früchten beladen worden ist. Unsere Passage nach Sansibar. Mit nassen Hosenbeinen klettern wir an Bord. Die Milchstraße leuchtet, dazu eine einsame Neonröhre hinter uns im Ort. Die Crew schiebt das Boot in den Fluss und setzt das Segel. Kein Lufthauch bläht den Stoff. Langsam, ganz langsam treiben wir mit der Ebbe aus der Flussmündung in die Bucht.

Keiner redet, denn es gibt nichts zu sagen. Nur das Rauschen von Wellen, die in der Ferne auf eine Sandbank schlagen, ist zu hören. Rechts über dem Segel steht das Kreuz des Südens, hinter uns der Große Wagen. Einer aus der Crew schöpft Wasser aus dem lecken Bootsrumpf. Zusammengekauert hocken wir achtern am Ruder, auf dem letzten Flecken, der nicht mit Mangos, Bananen und Holzkohle beladen ist. Vor 500 Jahren kann es nicht anders gewesen sein.

Irgendwann, später, der Himmel vor uns hellt sich auf. Wir sind höchstens fünf Kilometer vorwärts gekommen. Sansibar, der Mythos, in dem sich Afrika und Orient treffen, einst Residenz des Sultans von Oman, ist immer noch nicht in Sicht. Die Seeleute wechseln sich mit dem Schöpfen ab. Eine erste leichte Brise, wir nehmen Fahrt auf. Ich suche in meinem Sprachführer einige Brocken Kisuaheli zusammen, um mit der Crew, die nicht Englisch spricht, überhaupt ein paar Worte zu wechseln. "Kuna upepo kidogo" - "es gibt nicht viel Wind". Zustimmendes Gelächter. Im Morgenlicht tauchen weitere Segel am Horizont auf. Eine große Dhau auf dem Weg von Tanga nach Stone Town, der Hauptstadt Sansibars, kreuzt dicht hinter uns. Das Meer ist tiefblau, alles ist perfekt, nur der Kaffee fehlt.

Einer der Seeleute summt leise ein Lied, die anderen dösen. Die Sonne steigt höher, erscheint über den Wolken, der Wind kommt und vergeht doch wieder. In der Crew entspinnt sich plötzlich eine Diskussion, lauter und immer lauter, unterbrochen von kurzen Lachern. Wer schreit, hat Recht, das scheint hier auch nicht anders zu sein. Ich lausche dem angenehmen Klang des Kisuaheli, schnappe ein paar Zahlen auf, die ich wiedererkennen kann. Dann verfallen alle wieder in Schweigen und ergeben sich der heraufziehenden Hitze. Ein Schluck Wasser, eine Mango, eine Zigarette, das ist unser Frühstück.

Doch dann, endlich, tauchen am Horizont die ersten Palmen von Sansibar auf, und Wind dazu, jetzt geht es voran, ein wenig Gischt spritzt, das Boot schaukelt durch die langen, flachen Wellentäler des Indischen Ozeans. Der Strand von Nungwi kommt in Sicht. Wir zahlen den Rest unserer Passage und nach neun Stunden landet die Dhau am Korallenstrand. Einigen Touristen fallen in ihren Beach-Ressort-Liegen die Augen aus, Kameras klicken, als wir wie aus einem anderen Zeitalter von Bord ins türkis blaue Wasser springen. Wir setzen uns in den Sand und können es kaum glauben - wir sind in Sansibar.

Aber die Begeisterung verebbt bald. Je länger wir hier sind, desto schlapper fühlen wir uns in dieser Wirklichkeit gewordenen Bacardi-Werbung. Sogar der moslemische Koch vom Union Beach schläft neben uns ein. Sein Kopf liegt auf der Tischkante, die bestickte Kappe daneben. Eben hat er noch in meinem Economist geblättert, aber interessiert hat´s ihn wohl nicht. Die restliche Belegschaft döst im Schatten zwischen den Bäumen.

Draußen im Meer suchen Frauen im seichten Wasser der Ebbe nach kleinen Fischen. Ein Fischerboot segelt in der Ferne vorbei. Doch die Idylle ist seltsam. Da ist zum Beispiel dieses Fitnessstudio eines italienischen Edelressorts auf einem Pier im Meer, in dem übergewichtige Europäer im Angesicht des Sonnenuntergangs auf Laufbändern traben. Masai rennen als Strandwächter in ihren traditionellen roten Roben und weißen Sandalen rum und haben dabei ultracoole Sonnenbrillen auf.

Die Fischerboote am Strand sind malerisch, aber sie wirken wie eine Dekoration, in der Afrikanern nachempfundene Roboter so tun, als ob sie Fische fangen. Nungwi ist so glatt wie Westworld, jener roboterbestückte Ferienpark aus dem Siebziger-Thriller mit Yul Brynner, in dem sich Westler glückliche Tage in einer angenehm temperierten Welt kaufen können. Willkommen in Swahili-World.

Der reale Nungwier ist Anfang 20 und fischt höchstens noch nach guten Deals mit Touristen. Morgens kommt er aus dem Dorf in die Kulisse der Hütten, Bungalows und Bars am Strand und sagt ständig "Karibu" (willkommen), aber es klingt wie "Karibu, Dollar". In seinen Augen kann ich nichts entdecken außer dem Appetit auf den Westen. Das Leben an der Swahili-Küste war gestern. Er träumt davon, hip zu sein und abends mit den Touristen in Cholo´s Bar zu trinken. Teil der ewigen Party zu sein, die von den Westlern hier inszeniert wird, weit weg von Afrika, das irgendwo hinter dem Meer, hinter dem Horizont liegt.

Die Tage vergehen, alle gleich schön und gleich belanglos. Dann wachen wir eines Morgens auf und haben nur noch einen Gedanken: Bloß weg hier. Wir flüchten nach Stone Town. Aber da kommen wir vom Regen in die Traufe.

Auf der Terrasse des Africa House, des ehemaligen Britischen Clubs von Sansibar, naht der Sonnenuntergang. 200 meist gestylte Leiber lümmeln sich in schweren Bar-Sesseln, stehen am Terrassengeländer, reden, schreien, lachen. Alle stürzen Bier oder Cocktails hinunter. Sehen und gesehen werden, Fleischbeschau à la MTV. Überflüssig zu erwähnen, dass sich außer den Kellnern kein Sansibari in dieses Sundowner-Gelage verirrt. Es ist der neue Spaßkolonialismus, mit Dollarscheinen in der Hand, der die britischen Kolonialherren von einst beerbt hat.

500 Meter entfernt und 30 Minuten nach Sonnenuntergang - die Forodhani-Gärten an der Uferpromenade von Stone Town, die von den alten Sultanspalästen überragt werden. 20 Garküchen bieten hier alles, was der Indische Ozean an Meeresfrüchten herzugeben hat. Riesige Krebse, Hummer, Fische in allen Größen... Sansibaris bummeln mit Kind und Kegel an den Ständen entlang, es ist Wochenende, Zeit zum Flanieren unter den ausladenden Bäumen des Gartens.

Wir setzen uns mit einer Zanzibar Pizza (Ei, Zwiebeln, Hackfleisch in einer Teigtasche frittiert) und Tintenfisch an einen der Plastiktische. Ein älterer Sansibari spricht uns an und wundert sich, dass wir von den bevorstehenden Wahlen gehört haben. Seit wann interessieren sich Westler für Politik? Wir fragen ihn nach der Lage der Insel in der United Republic of Tanzania. Der Schurke kommt vom Festland, stellt sich heraus. Aus der Zweckehe der einstigen Länder Tanganjika und Sansibar sei immer noch keine Liebe geworden. Die Leute aus Daressalam seien es, die hier in Stone Town Touristen überfallen und an den Stränden das große Geld machten. Die Dörfler kämen selten zum Zuge, wenn die Inselregierung Konzessionen für neue Ressorts vergebe. Der Boom geht an den Sansibaris vorbei. Sie werden ja auch nur als Statisten gebraucht.

Eine Woche später haben wir Swahili-World weit hinter uns gelassen. In einer grün bewachsenen Bucht am Malawisee duckt sich Nkhata Bay an den Hängen. Zweimal in der Woche kommt ein betagter Tropendampfer vorbei, der die Menschen über den See, eine der Lebensadern Malawis, transportiert. Wir nehmen einen Trampelpfad in eines der umliegenden Dörfer, Kakumbi, bis wir vor Doktor Viwandas Haus stehen.

"Ich bin kein Hexendoktor, den Namen habt ihr mir gegeben", sagt er nachsichtig lächelnd mit dem Hauch eines Vorwurfs, nachdem wir Hände geschüttelt haben. "Ich bin ein Naturheiler." - "Ihr", damit sind wir Europäer gemeint. Das seien doch wohl eher unsere Großeltern gewesen, versuche ich einen schwachen Einwand. Er überhört ihn. Der Unterschied zwischen Hexendoktor und Naturheiler ist für ihn eine Frage der Ehre. Denn Hexendoktoren, klärt er uns auf, beschränken sich darauf, böse Geister auf arglose Menschen zu hetzen. Er als Naturheiler hingegen will alles, was die Leute im Dorf quält, aus Körpern und auch Seelen vertreiben.

Dazu sammelt er in den umliegenden Wäldern Wurzeln, Blätter und Baumrinden und mahlt sie zu einem schwarzen feinen Pulver, das dieselbe Wirkung wie Aspirin hat. Sagt er. Gut möglich, dass in dieser Mischung aus mehr als 20 Pflanzen so viel Salicylsäure enthalten ist wie in Aspirin. Dieses wie seine Praxis Chapika genannte Pulver ist Viwandas Allzweckarznei gegen Kopfweh, Schmerzen, Fieber. Stressgeplagte, falls es die in Nkhata Bay geben sollte, können mit einem Trunk zur Ruhe kommen, in dem das Extrakt zweier Wurzeln (Lipulanda und Subala) steckt. Ein anderes Wurzelpulver helfe gar gegen Malaria.

Aber Doktor Viwanda hat noch mehr im Angebot. In einem Fläschchen schwimmen ein paar Münzen in einer nach Terpentin riechenden Flüssigkeit. Das Mittel werde verabreicht, wenn jemand Glück brauche, zum Beispiel ein gutes Geschäft abschließen wolle. Einfach ein paar Tage vor dem großen Augenblick ein wenig auf den Kopf reiben und warten, bis das Glück wirklich lacht. Meningitis wird angeblich dadurch geheilt, dass man dem Kranken einen Strick um den Hals legt. Recht straff, bis die Krankheit verschwindet. Und wer sich vor der Verwünschung eines Hexendoktors schützen will, kann sich von Viwanda zehn kleine Schnitte an verschiedenen Körperstellen beibringen lassen, in die der dann ein Pulver streut.

Der Übergang von der Chemie zur Magie ist bei Viwanda fließend. Aber in seinem Weltbild sind "harte" Fakten und "weiche" Mythen nicht getrennt. Alles gehört zusammen. Selbst als Exorzist verdingt sich Viwanda manchmal. Dann wird die von den Geistern der Vorfahren heimgesuchte Person einer zwei- bis dreistündigen Trance-Session unterzogen, bis der Doktor mit den Geistern direkt kommunizieren und sie vertreiben kann. Er selbst sei mit 18, 19 voller böser Geister gewesen, erzählt er, habe nur Unsinn geredet und sich von der Dorfgemeinschaft abgesondert. Dann ging er anderthalb Jahre nach Simbabwe, wurde geheilt und lernte selbst die Naturheilerei.

In Kakumbi sorgt er seit zehn Jahren für das Wohlergehen der Dörfler. Natürlich nicht aus reiner Selbstlosigkeit. Wer zu ihm kommt, muss auch zahlen. Eine dreitägige Behandlung mit dem Chapika-Pulver kostet 100 Kwacha, einen Dollar etwa. In Malawi ein Fünfzigstel des durchschnittlichen Monatseinkommens. Als ob bei uns eine schlichte Aspirin-Kur 30 Euro und mehr kosten würde. Für eine Glücksbehandlung mit seiner Münz-Tinktur nimmt er gar 300 Kwacha. Wenn das keine schwarze, ja kapitalistische Magie ist: Geld zieht Geld an. Da macht auch Afrika keinen Unterschied.

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