Besser als die HO

150 Jahre Konsum Vom Selbsthilfeverein über Co op (West) und Konsum (Ost) bis hin zum car-sharing - der Bedeutungswandel genossenschaftlicher Selbsthilfe

Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland: Wer Lebensmittel beim Krämer, Brot beim Bäcker oder Milch beim Milchhändler kauft, wird oft "übervorteilt". Eine freundliche Umschreibung für die Betrügereien der Verkäufer, die in vielen, auch behördlich festgestellten Fällen Mehl mit Gips streckten, untergewichtiges oder mit Sägemehl verlängertes Brot über den Ladentisch reichten und auch die Milch, die damals nur offen verkauft wurde, mit Wasser panschten.

Die "Redlichen Pioniere" von Rochdale

Irgendwann wurde es den Konsumenten zuviel, sie schritten zur Selbsthilfe und gründeten Konsumvereine. Gemeinsam wurden Grundnahrungsmittel und Waren des täglichen Bedarfs eingekauft und unter den Mitgliedern verteilt. Diese bescheidenen Anfänge hatten ihr Vorbild im englischen Rochdale, wo 28 Weber, die sogenannten Redlichen Pioniere, im Jahre 1844 die erste Konsumgenossenschaft überhaupt gegründet hatten. Trotz vieler behördlicher Schikanen und wütender Proteste der gewerblichen Händler und Handwerker, die die Einrichtungen der Konsumenten natürlich als Konkurrenz begriffen und umgehend aufgelöst sehen wollten, breitete sich die Selbsthilfe der Konsumenten langsam in ganz Deutschland aus.

Berlin-Lichtenberg, im Juni 2003: Die von den Mitgliedern gewählten Vertreter der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend eG tragen ein im Vorstand ausgearbeitetes Sanierungskonzept nicht mit. Kurz vor der außerordentlichen Vertreterversammlung erklären die Verfechter des Konzepts ihren Rücktritt, womit sie ihrer Amtsenthebung zuvorkommen. Ganz aus dem Schneider sind sie nicht: Eine kürzlich angesetzte Sonderprüfung des letzten Jahresabschlusses nährt den Verdacht, der Vorstand habe die Bilanzen geschönt. Mittlerweile werden rechtliche Schritte gegen die damaligen Verantwortlichen geprüft.

Auf der Juni-Versammlung werden zunächst die Weichen für einen Sanierungskurs gestellt, der, so die Meinung der Vertreter, den Interessen der Mitglieder der Konsumgenossenschaft Rechnung trägt und ihre Mitsprache sichert.

Auch das Selbsthilfe! Gewissermaßen eine besondere Form, die den veränderten Rahmenbedingungen konsumgenossenschaftlicher Realität geschuldet ist. Wie alle Genossenschaften sind auch die Konsumgenossenschaften Zusammenschlüsse von Einzelpersonen, die aber, anders als in Kapitalgesellschaften, ihr Stimmrecht nicht durch hohe Geldeinlagen mehren können. Ziel der Genossenschaften ist nach geltendem Gesetz die Förderung ihrer Mitglieder.

Ein Blick auf die gut 150-jährige Geschichte der Konsumvereine in Deutschland offenbart allerdings auch Veränderungen. Die Professionalisierung der Vorstände beispielsweise, die zu Gründungszeiten noch ehrenamtlich arbeiteten, ging zu Lasten der Mitwirkungsmöglichkeiten der Mitglieder. Bald trat an die Stelle der Mitgliederversammlung, auf der über die Geschäftspolitik entschieden wurde und der Vorstand Rechenschaft abzulegen hatte, eine Versammlung gewählter Vertreter, denen es zunehmend schwerer fiel, gegen die hauptamtlichen Vorstandsmitglieder zu bestehen. Inzwischen verlaufen die Vertreterversammlungen zumeist ungestört nach dem Drehbuch der Vorstände. Der Aufstand im Konsum Berlin bildet eine Ausnahme, die zugleich belegt, dass die demokratische Kontrolle funktionieren kann, wenn Mitglieder vorhanden sind, die ihre gesetzlichen Kontrollrechte auch wahrnehmen.

Und auch die Selbsthilfe, die die wirtschaftliche Not der Mitglieder lindern sollte, hat in den Konsumgenossenschaften durch die gesamtwirtschaftliche Entwicklung an Bedeutung verloren: Die bescheidenen Anfänge der ersten deutschen Konsumvereine vor 150 Jahren wuchsen zu einem eindrucksvollen Wirtschaftskomplex heran, mit eigenen Fabriken, eigenem Großhandel und, auf dem Höhepunkt, Ende der zwanziger Jahre, mehr als 12.000 Läden, in denen sich fast drei Millionen Mitglieder versorgten. Im Konsum gab es nicht nur Mehl, Seife, Brot und Linsen, auch Neuigkeiten und Informationen gingen in der noch fernsehlosen Zeit über den Tresen. Und natürlich wurde gemeinsam gefeiert. Die geselligen Zusammenkünfte in den Konsumgenossenschaften sind Legende.

Genossenschaft in der Systemkonkurrenz: Co op und Konsum

Mit den Nazis begann der Niedergang. Nicht sofort, sondern schleichend und in Etappen. 1935 wurden die großen Konsumvereine aufgelöst, der Rest folgte im Krieg. Ihr Vermögen riss sich die Deutsche Arbeitsfront (DAF) unter den Nagel. Nach Kriegsende ließen sich die wirtschaftlichen Schäden allmählich beheben, doch die Bewegung mit ihren Idealen vermochte sich, trotz intensiver Bemühungen, von diesem Schlag nicht mehr vollständig zu erholen.

In der sowjetischen Zone wurden die Konsumgenossenschaften im Dezember 1945 durch den Befehl Nr. 176 der Sowjetischen Militäradministration "wiederhergestellt", genaugenommen: nachträglich, denn bereits unmittelbar nach Abschluss der Kriegshandlungen hatten ehemalige Mitglieder damit begonnen, die verbliebenen Einrichtungen für die Versorgung der Bevölkerung zu nutzen. Und auch im Westen erlaubte die britische Militärregierung nachträglich, allerdings erst im März 1946, die Neugründung von Konsumgenossenschaften in ihrer Besatzungszone.

Mit der doppelten Staatsgründung des Jahres 1949 trennten sich auch die Wege der Konsumgenossenschaften in Ost und West für lange Zeit. Während in der DDR Konsumgenossenschaften zur Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Waren aller Art unverzichtbar waren, markiert der Co op-Skandal in der BRD ihren Niedergang. In den siebziger Jahren hatte sich die Mehrzahl der westdeutschen Konsumgenossenschaften in Aktiengesellschaften unter dem Dach der späteren Co op AG umgewandelt. Die genossenschaftliche Selbsthilfe war damit an ihr Ende gekommen. Durch Bilanzfälschungen und den Aufbau eines unübersichtlichen Unternehmensgeflechts bereicherten sich Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder des Handelskonzerns jahrelang persönlich. Ende der achtziger Jahre flog der Schwindel auf. Mit Ausnahme der größten Konsumgenossenschaft, der Co op Schleswig-Holstein, existieren auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik nur noch wenige Unternehmen, die einzelne Lebensmittelgeschäfte betreiben und ansonsten ihre Immobilien verwalten. Selbsthilfe?

Von den gut 200 Konsumgenossenschaften der DDR hat dagegen ein Zehntel den Weg in die Marktwirtschaft überlebt. Auch das funktionierte nur, weil die Mitglieder ihrem Konsum die Treue gehalten oder gerade noch rechtzeitig zu ihrem Konsum zurückgefunden haben. Denn nach der "Wende" ging auch im Konsum erst einmal gar nichts mehr. Die Mitglieder kauften bei den westdeutschen Ketten, die generalstabsmäßig über die DDR hergefallen waren.

Vergleicht man die Statistiken der Konsumgenossenschaften in beiden deutschen Staaten, so lässt sich der Niedergang vornehmlich im Westen verfolgen. Obwohl in den fünfziger Jahren gut positioniert, wurden die Konsumgenossenschaften von ihren Konsumenten überholt. Vor allem bei der Umsetzung der Selbstbedienung als neuer Verkaufsform im Einzelhandel verschliefen die westdeutschen Konsumvereine die Entwicklung. Auf der Suche nach Kapital für die notwendigen Investitionen verfielen sie schließlich auf die Idee, die Vereine in Aktiengesellschaften umzuwandeln.

Im Vergleich dazu liest sich die Statistik Ost beeindruckend. 1989 hatten die Konsumgenossenschaften der DDR mehr als 4,6 Millionen Mitglieder, das entspricht etwa 28 Prozent der DDR-Wohnbevölkerung. Sie wurden von knapp 29.000 Verkaufsstellen und etlichen Produktionsbetrieben für Nahrungs- und Genussmittel versorgt. Gleichzeitig verbindet sich mit dem Konsum immer das Bild vom Kramladen, der höchstens zur Eröffnung mit sauberen Verkaufseinrichtungen aufwartet und ansonsten unfreundliches Personal mit der stereotypen Antwort "Ham´ wa nich" auf die Kunden loslässt. Selbsthilfe?

Anfang der fünfziger Jahre hatte die SED den Konsum mit der Versorgung der Landbevölkerung beauftragt und ihn damit eingebunden in den Aufbau des Sozialismus "in einem halben Land". Man musste zu DDR-Zeiten allerdings nicht, wie noch in der Weimarer Republik, Mitglied im Konsum sein. Jeder und jede konnte wie im staatlichen Einzelhandel, der HO, im Konsum einkaufen. Doch nur die Mitglieder erhielten zum Jahresende eine Rückvergütung auf ihre Einkäufe. Das reichte - auch das eine vielzitierte Legende - immer für den Weihnachtsbraten. Das erklärt allerdings nicht die Attraktivität und die Erfolgsgeschichte des Konsum, der sich, um einen möglichen Einwand gleich vorwegzunehmen, auch keiner besonderen staatlichen Förderung erfreute.

Aus Konsum-Kreisen wird immer wieder betont, dass man in einem qualitativen Wettbewerb mit der HO stand, man wollte "besser" sein als der staatliche Handel und bemühte sich, das bessere Gemüse und das frischere Obst zu heranzuschaffen. Engagiert dabei waren die Verkaufsstellen-Ausschüsse, deren Mitglieder beratend und kontrollierend versuchten, auf das Warenangebot Einfluss zu nehmen. Hervorgehoben wird auch immer wieder das kulturelle Engagement dieser Ausschüsse - auf dem Land gingen die Uhren anders als in den (großen) Städten. Aber Selbsthilfe?

Selbsthilfe im Wandel

Ganz offensichtlich ist die "Selbsthilfe" im Sinne der traditionellen Konsumgenossenschaften, deren Wurzeln im 19. und frühen 20. Jahrhundert liegen, heute sehr viel stärker davon abhängig, ob sich Mitglieder finden, die bereit sind, entsprechendes Engagement aufzubringen. So selbstverständlich, gewissermaßen so eigendynamisch, wie in den Anfangszeiten der Konsumgenossenschaften ist dieses Engagement nicht mehr, wobei natürlich nicht die wirtschaftliche Lage hier zu Lande vergessen werden darf, mit ihrem bei allen aktuellen Armuts- und Krisenerscheinungen, insgesamt höheren Wohlstands-Niveau als um 1850, 1929/30 oder in den 1950er Jahren.

Während in den Konsumgenossenschaften traditionellen Typs der Selbsthilfegedanke an Bedeutung verloren hat, findet er bei Neugründungen von Unternehmen in jüngerer Zeit da und dort Eingang in die Unternehmensidee. Die ökologisch orientierte Food-Coops der achtziger Jahre oder genossenschaftliche car-sharing- und Taxibetriebe zeugen ebenso von einer vorsichtigen Renaissance wie der genossenschaftlich organisierte Betrieb von Gaststätten. Ob dieser Weg gegenüber den von der Politik favorisierten individuellen Strategien der "Ich-AG" erfolgreich sein kann, wird ganz erheblich davon abhängen, inwieweit die Mitglieder der neugegründeten (Dienstleistungs-) genossenschaften bereit sind, sich im Zuge der Selbsthilfe zu engagieren.

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00:00 05.09.2003

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