Besuch des alten Mahners

Griechenland Der einstige Nestbeschmutzer ist zur moralischen Autorität geworden - Petros Markaris beschreibt in zwei neuen Büchern eindrucksvoll die Krise seines Landes

Im Jahr 2004 war alles anders: Als Petros Markaris damals aus dem Fenster seiner Wohnung im Athener Zentrum sah, schien er auf ein Land im Aufbruch zu schauen. Die Straßencafés waren gut besucht, die Menschen plauderten und scherzten, modebewusst gekleidet flanierten sie am Straßenstrom, auf dem eine beträchtliche Zahl hochwertiger Autos vorbeirauschte. Das Land war gerade mit den Vorbereitungen für die Olympischen Sommerspiele beschäftigt, überraschend und erstmalig hatte es mit dem deutschen Trainer Otto Rehhagel einen Sieg bei der Fußballeuropameisterschaft errungen.

Trotz alledem gab Petros Markaris, der international berühmte Krimiautor, schon damals die Kassandra und sagte den bevorstehenden Untergang voraus. In perfektem Deutsch sagte er Sätze wie: „Man ist sehr verschwenderisch mit EU-Mitteln umgegangen, nicht nur aus egoistischen Gründen. Wir Griechen haben nicht diese Tradition des Investierens. Ein Grieche will sein Geld nicht in eine Firma stecken, er baut sich lieber eine Villa. Viel ausgeben, wenig investieren – irgendwann wird das zu Ende sein.“

Der heute 75-Jährige warnte vor einer neureichen Mentalität, legte ein Parteiensystem bloß, in dem wenige Familien abwechselnd ihre Pfründe in einem aufgeblähten Staatsapparat verteilten. Obwohl er schon damals der bekannteste lebende griechische Autor war, wollten manche das nicht hören, nicht in Griechenland und auch nicht hierzulande. Nun gilt Markaris, der das Fiasko schließlich vorausgesagt hat, als gewichtige Stimme in einer der größten Krisen des Landes. Der einstige Nestbeschmutzer ist zur moralischen Autorität geworden, zum gefragten Mann, den fast täglich Interviewwünsche aus der ganzen Welt erreichen.

Finstere Zeiten

„Der Etat der Olympischen Spiele betrug 2,4 Milliarden Euro. Gekostet aber haben sie 11,5 Milliarden. Die zusätzlich benötigten Milliarden wurden mit Krediten finanziert. Fast ein Fünftel der Kreditsumme, die das Land heute braucht, geht auf die Olympischen Spiele zurück,“ so berechnete Markaris, der, bevor er vom Schreiben leben konnte, als Volkswirt in einer Zementfabrik arbeitete, bereits im April 2010 das Desaster der Jubelorgie in einem Artikel.

Dieser und andere Alltagstexte und Zeitungskommentare, die in den Jahren der Krise entstanden sind, stehen nun gesammelt in einem informativen Buch, das soeben auf Deutsch erschienen ist. Der Titel Finstere Zeiten: Zur Krise in Griechenland spielt dabei auf das Gedicht An die Nachgeborenen von Bertolt Brecht an, das Markaris ins Griechische übersetzte: „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!/Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn/Deutet auf Unempfindlichkeit hin./Der Lachende/Hat die furchtbare Nachricht/Nur noch nicht empfangen.“

Brechts Gedicht bringe, so Markaris, der in diesem Jahr für den Europäischen Krimipreis nominiert wurde, die gegenwärtige Lage auf den Punkt, obwohl es in einer völlig anderen Situation entstanden ist. Allerdings gebe es keine lachenden jungen Leute mehr, denn sie haben die „furchtbare Nachricht über die Arbeitslosigkeit, die sie erwartet, bereits erhalten“.

Petros Markaris aber schreibt dabei keinen aktuellen Elendsbericht, sondern nähert sich den historischen Wurzeln des Desasters, die noch viel weiter als nur bis ins Jahr 2004 und zu den Olympischen Spielen zurückreichen: „Der monströse Staatsapparat, der heute Griechenland lahmlegt, ist das Endprodukt einer Entwicklung, die in der Zeit nach dem Bürgerkrieg Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre begonnen hat.“ Paradoxerweise baute damals die Rechte eine Art Realsozialismus auf, den die Linke später übernommen habe: „Ein Willkür- und Abhängigkeitssystem, das den zentral gelenkten Machtapparaten sowjetischer Prägung viel näher war als einem demokratischen Rechtsstaat“.

Trügerische Illusion

Nach 50 Jahren Kampf für eine parlamentarische Demokratie bezeichnet Markaris die Zeit der Jahre 1975 bis 1980 nachträglich als eine des Aufbruchs und der Hoffnung. Der Aufstieg wurde mit dem Beitritt zur EWG, dem Vorläufer der heutigen Europäischen Union, belohnt, und die Zeit der trügerischen Illusionen begann. Denn nun hieß es, dass man zur großen Familie Europas gehöre, reich sei, und sich alles leisten könne, wovon man in den Jahren zuvor nur geträumt habe.“

So lebte man nicht nur über seine Verhältnisse, sondern „wurde auch von seinem historischen Hintergrund abgekoppelt“. Der neugriechische Staat ruhte auf zwei Säulen: Die eine war das westliche Europa, die andere der östliche Balkan. Dieses widersprüchliche Fundament bestimmte die Identität des Landes. „Die falschen Illusionen hatten aber zur Folge, dass wir auch einer notwendigen Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit aus dem Weg gegangen sind,“ sagt der Schriftsteller.

Nun befindet sich das Land in einer Phase der „tragischen Ernüchterung“, in der die Gräben zwischen den Generationen aufbrechen. So erzählt Markaris von einem alten Mann, dem er mal an einer Bushaltestelle, begegnet war und der beobachtete, dass es kaum mehr Autos auf den Straßen gab und kaum jemand mehr ein Taxi nahm. Noch vor der Krise war das ein sehr beliebtes Verkehrsmittel gewesen. Als Markaris dem Mann gegenüber auf die schwierigen Zeiten zu sprechen kommt, widerspricht ihm der Alte, er selbst sei in den vierziger Jahren aufgewachsen. „Wissen Sie, ich bin barfuß in die Schule gegangen, weil ich nur ein Paar Schuhe hatte und sie schonen musste.“ Das ist natürlich ein Argument, gegen das man schwer ankommt und das aber die jungen Menschen schwerlich überzeugen wird.

Falscher Reichtum

Und auch Petros Markaris gelingt es nicht, den alten Mann zu überzeugen – vielleicht aber seine Leser, die er daran erinnert, dass die Enkel-Generation nicht „in einer Zeit von echter Armut, sondern in einer des falschen Reichtums“ aufgewachsen ist: „Ihnen ist die Armut so unbekannt wie die Wüste.“ Dennoch habe die Väter-Generation das Land verwüstet. „Und morgen werden die Väter die Wut der Kinder zu spüren bekommen,“ resümiert Markaris.

Bei den letzten Wahlen im Frühjahr dieses Jahres hat sich das alte System, in dem zwei Regierungsparteien und wenige Familien ein verwobenes Vetternsystem schufen, nach knapp 40 Jahren aufgelöst. In die Lücken stößt mit der Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) nun eine Partei vor, die die Nazis verherrlicht und den Holocaust leugnet. Ob Memoranden, Sparmaßnahmen und Schuldenschnitt Griechenland retten werden, wisse er nicht, notiert Markaris im Mai 2012: „Sie haben aber mittlerweile die parlamentarische Landschaft zerstört.“

Die Krise bleibt für Markaris „zu 90 Prozent hausgemacht“, was nicht heißt, dass er keinen Grund findet, die EU oder Deutschland zu kritisieren. So prangert er beispielsweise die griechischen Journalisten und Parteifunktionäre an, die den Leuten empfohlen haben, die Akropolis oder einige ihrer Inseln zu verkaufen. „Sie hätten uns einen besseren Dienst erwiesen, wenn sie uns geraten hätten, mit unseren Rüstungsausgaben sparsamer umzugehen.“

Das gute Verhältnis zu Deutschland, das umso erstaunlicher war, weil die ehemaligen Besatzer als sympathischer als die englischen und amerikanischen Befreier galten, ist heute – und so endet die Textsammlung Finstere Zeiten – „gestört, was mich sehr traurig macht. Und ich muss sagen, dass die Deutschen ihren Teil dazu beigetragen haben. Die Schmährufe der Boulevardzeitungen, auch die Äußerungen der Bundeskanzlerin und immer wieder dieses Klischee vom faulen Griechen – das hilft nicht weiter.“

Zahltag

Seine regional verwurzelten Athen-Krimis um den Kommissar Kostas Charitos haben Markaris bekannt gemacht. Zugleich jedoch verstellen sie auch den Blick auf sein übriges Werk: Er hat die Dramen Faust und Mutter Courage ins Griechische übersetzt, als Drehbuchautor für den tödlich verunglückten Theo Angelopoulos und für die beliebte Fernsehserie Anatomie des Verbrechens gearbeitet. Er ist ein tiefgründiger Kurzgeschichtenerzähler, wie man etwa in Balkan Blues nachlesen kann – und Dramatiker im „Gastarbeiter“-Stück Fremdgeblieben.

Nun legt Petros Markaris nach Faule Kredite mit Zahltag den zweiten Band seiner Krisen-Trilogie vor. In Faule Kredite hatte eine Mordserie die Finanzwelt erschüttert und das Land – während die ersten Sparpakete beschlossen wurden – aufgewühlt. In Zahltag fordert nun ein selbsternannter „nationaler Steuereintreiber“ in Drohbriefen Reiche auf, ihre Steuern zu zahlen, sonst würden sie liquidiert. Nach dem dritten Mord fließen Millionen in die Staatskasse, der Täter verlangt vom Staat Provision für die Einnahmen. Ein groteskes Hin und Her – die Regierung möchte keinen Mörder unterstützen, will aber auch das Geld; wie einst die Stadt Güllen in Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame. Die Ermittlungen werden kurzfristig auf Eis gelegt, dann wieder aufgenommen; der „nationale Steuereintreiber“ avanciert zum Volkshelden, und der Kommissar traut sich nicht zu sagen, was er wirklich macht. Seine Frau Adriani rät ihm: „Du solltest ihn nicht so gnadenlos jagen. Wer weiß, vielleicht könnt ihr mit seiner Hilfe eure Zulagen retten.“

Das Buch traf in Griechenland den Nerv der Zeit. Auf das Cover musste der Verlag einen Hinweis drucken: „Nicht zur Nachahmung empfohlen.“

Achim Engelberg spazierte für den Freitag zuletzt durch Košice

Finstere Zeiten: Zur Krise in Griechenland Petros Markaris Diogenes 2012, 161 S., 14,90 €

Zahltag: Ein Fall für Kostas Charitos Petros Markaris Diogenes 2012, 418 S., 22,90 €

09:00 25.09.2012

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