Besucher vom anderen Stern

Alltag Im brandenburgischen Rüdersdorf vereint der Zirkus und die Villa "Bunterhund" Verrückte aller Art

Drei Fußgängerminuten entfernt vom Zentrum des Örtchens Rüdersdorf, im Osten der Hauptstadt gelegen, steht ein blaurotes Zirkuszelt, getragen von silbernen Masten. Es hat vor gut einem Jahr seinen Platz hier gefunden, inmitten der saftigsten Naturblumenwiese, nahe dem historischen Kalkwerk, dessen "Gebrannter" in unzähligen Berliner Fugen bröselt. Um das Zelt herum auf der Naturblumenwiese stehen ein paar Zirkuswagen. Einige sind zu Übernachtungsstätten von mönchischer Lebensqualität umgebaut, einer zum Café. Aus ihm kommt gerade Michael Teichmann. Er ist dreißig und erinnert im Figürlichen an den Gert Fröbe der Schänderphase. Michael T. ist ehrenamtlich in der vielfältigen Integrationsarbeit von Zirkus und Villa "Bunterhund" tätig. Praktisch der zweite Mann am Platz. Er trainiert und spielt und inszeniert mit Jungen und Alten, mit Biederen und Durchgeknallten, mit Normalen und Behinderten. Und zwar mit allen zusammen. Er tanzt sogar, dieser massige Mensch. Seit ihn am Rande eines Workshops eine Tänzerin aus Frankfurt/ Main entdeckt und zu einer Inszenierung verpflichtet hat, scheint ihm Körperarbeit unverzichtbar. Da ist er hier richtig.

Früher war Teichmann Schaffner. Die Erfüllung eines Wunsches, der vielleicht noch geprägt war von der Beengung des Lebens in der DDR, das er gleichwohl mit jugendlicher Abenteuerlust durchlebte. Aber halt die Welt kennen lernen! So kam er von Saßnitz bis Plauen und wäre am Ende noch weiter gekommen, hätte der Rüdersdorfer Racker nicht zu Wendezeiten eine gewisse Boden- und Orientierungslosigkeit verspürt, eine fehlgeleitete Spielleidenschaft entwickelt, die zu stillen den Griff in die Nachlösekasse gebieterisch erzwang. Ferne ade!

Da schlurfte er in Rüdersdorf wieder durch den Kalk und stieß eines Tages auf eine Spielschar, die im Parterre eines Privatwesens vor sich hinwerkelte. Auf die schüchterne Frage, ob er sich einbringen könne, erhob sich eine große Frau mit Stirnband und wies ihn an, den Keller aufzuräumen. Das war im 91er Jahr. Seitdem hat er nicht aufgehört aufzuräumen, sich einzubringen. Und die unheilvolle Spielsucht hat sich in eine Leidenschaft fürs edle Bühnenwerk und die Hinwendung zum wollenden wie leidenden Menschen transformiert. Aber der erste Eindruck von der großen Frau mit dem breiten Stirnband ist geblieben: diese handelnde Kraft, diese unerschöpfliche Emotion!

Die große Frau, Christina Reitmayer, die wir uns vielleicht wie eine Olympiawerferin oder -stößerin ohne anabole Steroide vorstellen können, hatte vier Jahre vor der Wende ein geistig behindertes Knäblein zur Welt gebracht. Und da es heranwuchs war ihre größte Sorge, dass es ausgegrenzt würde, ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der Zukunftmeißelnden, wie es in der DDR ja nun Praxis war, bei nicht zu leugnender Fürsorge. Es gelang ihr, das Kind bei sich und in der Welt zu halten. Noch konnte der Kleine zwischen den Tonpatzen der Töpfernden herumkriechen, denn sie ist von Haus aus Künstlerin. Noch konnte sie, dem Keramikerinnenimperium derer von Havemann und Bohley verbunden, Kunst und Kind unter einen Topf bringen. Schon ab 1988 beginnt sie, vorausschauend, in einem "Arbeitskreis Integration" ähnlich Betroffene um sich zu scharen und sie beginnt mit Theaterarbeit. Dann kommt die Wende. Und die Frau mit dem Stirnband macht sich unter dem Segenssurren der zurückbleibenden Töpfer-Scheiben auf, ein Stück Welt für ihren Sohn und Seinesgleichen zu erobern.

Man kann es hier nur gröblichst zusammenfassen: Über die Suche nach Eltern mit behinderten Kindern, Kontakten zu einschlägigen Betreuungsunternehmen und ihren Fachkräften, Beackerung der örtlichen Organe und Nutzung der schwer beladenen Runden Tische, bis zur Gründung des dann bei der "Lebenshilfe e.V." als Ortsverein unterschlüpfenden Bunterhund, gab es Wechselbäder von Enttäuschungen und Hoffnungen, Siegen und Niederlagen. Aber von Anfang an die Unterstützung des Bürgermeisters. Die Institutionen des Ortes begannen sich zu öffnen und Reitmayers Behinderte wurden in einen Kindergarten integriert.

Das war eine Sache. Eine andere die Intensivierung der Theaterarbeit, des künstlerischen Gestaltens in der "Villa", und der soziokulturellen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen an den schönsten oder geheimnisvollsten Orten der Gegend. Auch die Betreuer und Eltern selbst begannen mit dem Theaterspiel da draußen. Zuerst trat man in einer Wirtschaft auf- da spielte der schwarzbärtige Wirt gleich mit - und dann, des krachenden Erfolges wegen, im großen Kulturhaus, das in schäbigster Nachbarschaft wie ein gefakter antiker Tempel, "Akropolis von Rüdersdorf", auf dem Hasenberg steht und mit Bühnentechnik und 400 Plätzen verwöhnt.

Christina Reitmayer: "Wenn wir spielen, sitzt das Publikum dicht aneinander: Rollstühle mit darin sitzenden Kindern, Kinder auf dem Schoß von Erwachsenen, Erwachsene, die laut die Stücke kommentieren, lachen oder weinen. Sie alle erleben Theater und kennen keine Berührungsängste. Vor der Wende hatte man in diesem Saal nie Menschen mit geistiger Behinderung gesehen." Und: "Plötzlich waren wir berühmt, und etabliert in Rüdersdorf." 1996 fusionierte die Reitmeyer-Truppe mit einer Gruppe hochbegabter behinderter Spieler aus dem nahen Strausberg. Das gab einen weiteren kreativen Schub. Die Behinderten erobern die Bühne.


Bergfest in Rüdersdorf. Die große Frau mit dem breiten Stirnband ist jetzt nicht ansprechbar. Sie hätte es gern noch etwas dunkler für das Maskenspiel, das sie auf dem Platz vor dem alten Bergwerksgemäuer gleich aufführen werden. Ihre Trommler legen sich ins Zeug, dreschen auf großen Fässern herum. Dann kommen die Masken: Besucher von anderen Sternen, faule Monster aus dem Erdinnern, selbstverliebte Bauchnabelprinzessinnen, Stelzenläufer und Feuerspucker tanzen und stelzen ihre Träume und Kämpfe. Da steht das ganze Rüdersdorf rings herum und lässt sich verzaubern. Und welch ein am Ende auch noch musikpädagogisch wertvoller Kontrast, wenn nach dieser von sehnsüchtigster Musik und Dead Can Dance bewegten Show, die Bergblaskapelle mit ihrem Umpfdada einläuft!

So bestreiten die Buntenhunde nun schon traditionell die Kultur der örtlichen Feste: Bergfest, Wasserfest, Weihnachten...: "Sie sind aus Rüdersdorf nicht mehr wegzudenken", sagt der Bürgermeister. An der Millenniumsscheide lief er mit Christina Reitmayer durch den Ort auf der Suche nach einem optimalen Zeltplatz. Sie kamen auf die Naturblumenwiese und wussten: das ist er.

An dieser Stelle der Geschichte hätte Christina Reitmayer noch einmal die Chance gehabt, ihre alte Töpferscheibe wieder anzuwerfen. "Noch ein Zirkus", sagten die ihr Nächsten, "wo wir schon mehr Zirkus haben, als wir verkraften können!" Aber welche Möglichkeiten sich auftaten!

Freunde aus der Berliner Cabuwazi-Kinderzirkuskette griffen das Geld fürs Zelt vorschießend tief in die Privattaschen, Handwerksmeister aus dem Ort schütteten Material und Know-how dazu, und viele Rüdersdorfer kamen vorbei, halfen und schwitzten zwei Tage, bis das Zelt stand. "Aber man überschätzt sich manchmal. Nicht an den Ideen gehen die Projekte zugrunde, sondern an deren Folgekosten." Und so hat man, finanziell abhängig von Projektförderung und Sponsoring und ohne festen Etat, just an jenen zu kauen. Allein die Heizkosten! Andrerseits: Gastspiele, litauische Kinder, Ferienworkshops, interkulturelle Begegnungen, Schulprojektwochen und natürlich eigene Aufführungen. Die Verbesserungen der Arbeitsmöglichkeiten und ihre Erweiterung ins Zirzensische hinein! Und die Woche mit Julie Stanzak, vom Wuppertaler Tanztheater der Pina Bausch, hat Christina Reitmayer, alte Bausch-Verehrerin, besonders berührt und bestärkt darin, dass ihr Weg richtig war, gegen die Widerstände der Märchentheaterfreunde, ein Körper- und Bildertheater durchzusetzen, in dem die Wahrhaftigkeit der Spielerbiografien ihren eigenen Ausdruck finden.

Das Zelt ist gut gefüllt am Abend. Corinna Wichmann aus Köln hat einen 45-minütigen Video-Film "Villa Bunterhund" für den ORB gedreht. Hier ist die Premiere. Die Verrückten und Versehrten sind so gespannt wie die Anverwandten, die Animateure und Macher. Uwe, ein Schöpfer herzzerreißender Art-brut-Installationen, läuft zum Bogen verzurrt durch die Reihen und will keinen Platz finden. Manfred rollt auf seinem Stuhl herein, von der Partnerin in die gültige Position geschupft. Ein kleiner, stoppelhaariger Mongo pendelt im Schneidersitz über der Bank hin und her und freut sich. In herben Schnitten hat Corinna Wichmann die Trostlosigkeit der erhaltenen DDR-Provinz mit der Theaterarbeit der Villa Bunterhund kontrastiert. Wie die Spieler ihre Möglichkeiten austasten, wie sie scheuen und aus sich herauskommen, in ihren Proben Geschlechterverhältnisse ausmessen und umdrehen, wie sie sich ins Vertrauen hineinspielen und es sie immer wieder wie zum Schutz zusammendrängt, bei all den auf die Bretter geworfenen Gefühlen. Und wie dazwischen die Verrückten ihre ganz normalen Träume vom bürgerlichen Leben erzählen.

"Endlich konnten wir uns einmal sehen!", rufen die. "Sonst sehen uns immer nur die andern!" - "Das bin ich!" Verstört, lachend, verwundert, stolz. Und während die Filmemacherin mit Blumen dasteht, Christina Reitmayer zu reden beginnt und im Überschwang nicht aufhören will, laufen Manfred die Tränen übers Gesicht und er kann sie nicht abdrehen. Manfred, heute Mitte Vierzig, der schon abgestellt war im Altersheim. Seinen Stuhl zur Festung gemacht, die er nie verließ, in der er sich verbarg, aus der heraus er gern den Tyrannen gab. Und den sie herauszerrten, in aller Freundschaft, auf den Boden setzten, auf Stühle und zur Bewegung brachten nach seiner Art.


Nirgends bekommt man so viel zurück wie in der Arbeit mit Behinderten, sagt Michael Teichmann. Ein Grund, warum er es immer noch macht. Die am häufigsten gebrauchten Wörter der Christina Reitmayer sind "Kreativität" und "Integration": Ein Mensch, der kreativ bleibt, verkrüppelt nicht. Kreativität füttert sich selbst.

Michael Teichmann wird jetzt gleich im Zelt mit den Kids trainieren: Trampolin. Nicht höher-weiter-saltoreicher, sondern Ausdruckstrampolin, sozusagen. Jetzt beginnt es wieder, das Drama der Integration: Die normalen Kinder - verdorben von der stupiden Rasanz der Action-Cuts, vom alles durchseuchenden Konkurrenzunwesen, ohne Toleranz - und die Behinderten zu einer produktiven Gruppenarbeit zusammen zu quirlen. Dabei sind die Haltungsschäden und Bewegungsstörungen der normalen Gören mittlerweile so gravierend, dass man kaum noch unterscheiden kann. Aber das will hier ja sowieso keiner.

Zum Abschied sagt die große Frau mit dem breiten Stirnband noch etwas ziemlich wichtiges: Dass dieses Bunterhund-Projekt ein "Stop" setzt gegen die rasende Verrohung der Welt. Und jeder so einen Punkt setzen müsse, weil sonst nur Jammern bliebe, oder Hass.

Die nächsten und für dieses Jahr letzten Vorstellungen, "Clownsgeschichten", sind am 20. 12. um 8.30 Uhr und um 10 Uhr zu sehen. Wiesenzirkus Bunterhund, Straße der Jugend (Zelt hinter der Kirche), Rüdersdorf

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00:00 14.12.2001

Ausgabe 43/2021

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