Dieter Chill
Ausgabe 0614 | 11.02.2014 | 06:00

Bewegliches Heer aus Pixeln

Berlinale Die Digitalisierung bedeutet für die Produktion und Projektion einen tiefgreifenden Wandel

Bewegliches Heer aus Pixeln

Eine Frage der Aura: Kleine Kinos zeigen bisweilen noch Originalkopien

AFP/Getty images

Bei der diesjährigen Berlinale wird der Anteil digitaler Filmvorführungen bei etwa 90 Prozent liegen. Analoge Kopien sind vor allem den Sektionen Retrospektive und Hommage vorbehalten, wo ältere Werke laufen, die naturgemäß auf Film gedreht wurden. Als Berlinale Classics werden weiterhin berühmte Filmklassiker wiederaufgeführt wie Das Cabinet des Dr. Caligari und Rebel without a Cause – in aufwändig restaurierten digitalen Fassungen.

Der irische Kameramann Robbie Ryan, dessen jüngster Film Philomena bald in die deutschen Kinos kommt, sagt, dass der Wandel zum Digitalen sich viel schneller vollziehe, als wir uns das vorstellen konnten. Damit bezeichnet er nicht weniger als das Verschwinden des Films in seiner ursprünglichen Bedeutung, also die konsequente Ablösung der fotochemischen Bildaufnahme durch datenbasierte Aufzeichnungsverfahren. Dieser Wechsel vom Silberkorn zum Pixel als dem Grundelement des bewegten Bildes ist Teil einer umfassenden kulturellen Transformation der postindustriellen Gesellschaft.

Die Langlebigkeit der analogen Filmherstellung wirkt heute erstaunlich. Seit der Erfindung der Kinematografie gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde diese Technologie zwar stetig perfektioniert, nicht aber durch andere Verfahren abgelöst. Wenn es neue Entwicklungen gab – Tonfilm, Farbfilm oder analoger 3-D-Film –, basierten diese auf dem bestehenden Verfahren: einem im Kern simplen Aufnahme- und Verarbeitungsprozess.

Für die digitale Bewegtbildaufzeichnung gilt dies nicht. Sie ist eine neue, dynamische und nach vielen Seiten offene Technologie. Infolge kurzer Innovationszyklen etablieren sich kaum mehr verbindliche technische Standards. Zugleich wachsen die quantitativen Anforderungen: Immer größere Datenmengen müssen aufgezeichnet, gesichert, bearbeitet, archiviert sowie übertragen und abgespielt werden.

Der entscheidende Unterschied aber besteht in der Komplexität der Bildaufnahme. In ihrem modularen Aufbau gleichen digitale Kamerasysteme einer Blackbox, in der Dinge passieren, die sich jedem sinnlichen Zugang entziehen. Während früher der Belichtungsmesser genügte, muss der digitale Aufnahmeprozess auf ständig weiterentwickelte Hard- und Softwarekomponenten (Sensoren, Bildwandler, Prozessoren, Datenspeicher, Codecs, Bitraten, Kompressionsformate usw.) abgestimmt werden. Die sich aus diesem Prozess ergebende Arbeitsteilung hat Folgen für die Bildgestaltung und den Look eines Films – ein Aspekt, der Fragen der Urheberschaft digital erzeugter Inhalte aufwirft.

Auch der Filmbegriff selbst hat sich durch die Digitalisierung verändert und erweitert. Das hat wesentlich mit der Einschreibung der Bildinformation auf den Datenträger zu tun: Das analoge Filmnegativ besteht, einmal belichtet und entwickelt, in materialisierter Form und ist auch ohne technische Hilfsmittel optisch wahrnehmbar, die gespeicherte Bildinformation nicht durch eine andere überschreibbar. Das digitale Bild ist dagegen nicht mehr als eine Referenz von Binärzahlen auf einem potenziell immer wieder neu beschreibbaren Speichermedium.

„Tonfilm ist Mord“

Diese grundlegende Veränderung hat entscheidende Konsequenzen. So wie dem analog aufgenommenen Bild eine immanente Authentizitätsversicherung zugestanden werden kann, unterliegt das digitale Bild einem quasi systemischen Manipulationsverdacht. Es ist also das Wesen des Aufnahmeverfahrens selbst, das die Indexikalität und damit die sogenannte Unbestechlichkeit des filmischen Abbildes endgültig aufhebt. Gleichzeitig wird die Transzendenz zu einem neuen, nunmehr perfekten Illusionsmedium möglich, in dem die außerfilmische Realität nur noch ein Element filmischer Imagination von vielen ist. Letztlich könnte die Entwicklung darauf hinauslaufen, dass die Kamera nicht mehr als einen ungestalteten Rohstoff auf Pixelbasis liefert. Der Film der Zukunft wäre folglich ein digitales Kompilationsprodukt aus unendlich vielen realen Quellen und synthetischen Ursprüngen – und damit nicht weniger als eine „Neuerschaffung der Welt in ihrem eigenen Bild“ (André Bazin).

Und das Publikum? Als der Tonfilm aufkam, war das neue Verfahren für die Zuschauer unmittelbar wahrnehmbar. Das Kinoerlebnis veränderte sich und die Reaktionen darauf waren zum Teil vehement: „Achtung! Gefahren des Tonfilms! … Tonfilm ist wirtschaftlicher und geistiger Mord!“, warnte eine Plakatkampagne von 1929. Der Filmtheoretiker Rudolf Arnheim sah im Tonfilm zwar „eine großartige technische Erfindung“, deren „künstlerischen Wert“ er gleichwohl bezweifelte. Verglichen damit wird der gegenwärtig für die Anbieterseite (Kreative, Produzenten, Verleiher) so einschneidende Prozess von den Rezipienten kaum reflektiert. Der erste Hobbit-Film von Peter Jackson, gedreht mit 48 Bildern pro Sekunde, löste zwar Irritationen wegen des vermeintlichen Videolooks aus. Ansonsten gehen die Leute weiterhin ins Kino, als wäre nichts passiert.

Premiere zu Hause

In Deutschland wurden inzwischen etwa 80 bis 85 Prozent (nach FFA-Angaben, geschätzt) der kommerziellen Filmtheater auf eine digitale Projektion umgerüstet. Kleinere Kinos setzen auf Übergangslösungen, halten daneben aber an der traditionellen Lichtspieltechnik fest, um weiterhin Filmkopien vorführen zu können. Damit scheinen das Blockbuster-Kino auf der einen und die sogenannte gehobene Filmkultur auf der anderen Seite mit ihrem jeweiligen Stammpublikum zumindest mittelfristig verortet.

Die Perspektive für die große Gruppe der Gelegenheitskinogänger ist dagegen unklar, denn noch immer schließen mehr Spielstätten als neue eröffnet werden. Mit veränderten Angeboten könnte sich daher das gemeinschaftliche Filmerlebnis in andere soziale Räume verlagern. Wenn sich die technischen Voraussetzungen (Datendurchsatz) weiter verbessern und akzeptable Inhalte für differenzierte Zuschauerinteressen zur Verfügung stehen, wird das moderne Home-Cinema zu einer deutlichen Diversifizierung bei der Filmrezeption beitragen.

In den USA bietet der Heimserver Prima Cinema bereits jetzt die Möglichkeit, aktuelle Kinofilme legal zu Hause anzusehen. Die Filme werden am Tag ihrer Premiere automatisch per Download überspielt. Das dafür erforderliche Gerät ist für 35.000 Dollar zu haben, pro Filmvorführung werden 500 Dollar fällig. Ähnliche Angebote werden folgen, zudem gibt es bereits qualifizierte Lösungen, die weniger ambitioniert sind und geringere Kosten verursachen.

Viele Wohnungen sind heute technisch gut ausgestattet, Flatscreens und Surround-Anlagen gehören inzwischen zum Standard. Die HD-Technik ist etabliert, 4K-Geräte (4K steht für eine Auflösung von, formatabhängig, 4000 Pixeln) sind auf dem Markt, aber noch ohne jeden Content. Die Vervielfältigung der Vertriebswege dürfte vor allem auf das Interesse junger Zuschauer stoßen, die besonders offen für neue Entwicklungen und Inhalte sind.

Etwa 120 Jahre nach der Erfindung der Kinematografie deutet vieles darauf hin, dass die siebte Kunst die erste sein wird, die durch den Wegfall einer funktionierenden Infrastruktur als ausgeübte Kulturtechnik zu existieren aufhört. Die im analogen Verfahren hergestellten Filme bleiben Bestandteil des kulturellen Erbes, und sie werden − digitalisiert − weiterhin gezeigt werden: Berlinale Classics. Die Vorführung von Originalkopien wird derweil weiter abnehmen – bis eines Tages analog projizierte Filme mit ihrer Aura aus Schrammen und Bildstandschwankungen nur noch so etwas sind wie Artefakte aus einer weit zurückliegenden Epoche.

Dieter Chill ist Kameramann und Autor

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/14.