Andrea Roedig
27.02.2012 | 11:30 29

­­­­Bildung schadet

Prekär Die Kopfarbeit ist unter die Räder gekommen: Obwohl immer mehr Wissen produziert wird, können immer weniger von ihrer Arbeit leben

„Wissensgesellschaft“ ist ein hübsches Wort. Es klingt sauber, friedlich, nach einer Welt, in der die Menschen mit Büchern oder Laptops unter dem Arm wie in einer großen Bibliothek dahingleiten und den lieben langen Tag nichts anderes tun, als Wissen zu erwerben und Wissen zu produzieren. Es klingt, als sei die Gesellschaft zuletzt im Elysium legitimer Glasperlenspiele angekommen, als sei es mit dem Dreck der Industrie- und Arbeitsgesellschaft endlich vorbei, als gelte das Privileg geistiger Arbeit nun für alle. Es klingt nach Wertschätzung von Klugheit und Intelligenz. Es klingt richtig gut.

Viele Utopien knüpfen sich an die Idee der Wissensgesellschaft, die im Kern nichts anderes besagt, als dass der Wohlstand der ersten Welt künftig auf „knowledge based economies“ beruhe. In ihnen wird „Wissen“ zu einer Schlüsselressource, zur neuen Produktivkraft schlechthin. Wissen schafft Mehrwert, Wissen tritt an die Stelle von Arbeit – Wissen ist die neue Arbeit.

Folglich steigt auch der Wert von „Bildung“, sie wird zum unverzichtbaren Gut. Daher schreiben Politiker, Wirtschaftsexperten, Soziologen, Pädagogen und vor allem die OECD seit Jahren schon den generalisierten Bildungsimperativ deutlich auf jedes verfügbare Banner: „Bildung, Investition in Wissen, ist die Zukunft.“ Zunächst gilt dieser Satz unspezifisch für jedes erworbene Wissen. Eine Bildung ist besser als keine Bildung. Die Statistiken belegen klar, dass AkademikerInnen seltener arbeitslos werden und mehr verdienen als die einfacher ausgebildeten KollegInnen, und dass – traurige Kehrseite dieser Medaille – Menschen ohne Schulabschluss kaum mehr eine Chance haben. Der Run auf die Universitäten hält ungebrochen an, doch immer noch ist die OECD in ihren jährlichen Berichten „Education at a Glance“ nicht zufrieden, als gelte es, eine vollständige Durch­akademisierung der Gesellschaft zu organisieren.

Das Kullmann-Dilemma

Die Eloge auf den generellen Wert der Bildung ist allerdings so glatt, dass Zweifel und Verwerfungen nicht ausbleiben. Wenn alle studieren, wird über kurz oder lang der exklusive Wert der akademischen Ausbildung sinken, beziehungsweise ein Verdrängungswettbewerb nach unten stattfinden. Bourdieu nannte das die „Bildungsillusion“. Nicht ins schöne Bild passt beispielsweise die gerade vom Bundesverfassungsgericht abgemahnte Dumping-Besoldung für W-Professuren. Zu denken gibt auch, dass bei den Sozialprotesten der „Indignados“ in Spanien vor allem gut ausgebildete junge Menschen auf die Straße gingen, weil sie keine Chance auf Arbeit haben. Nicht ins Bild passen die frischgebackenen AkademikerInnen, die hierzulande als „Generation Praktikum“ monate-, vielleicht auch jahrelang unbezahlte Dienste leisten. Nicht ins Bild passen die prekären Arbeitsverhältnisse neuer Selbstständiger und „atypisch Beschäftigter“, von denen man weiß, dass sie zunehmend auch am oberen Ende der Bildungsskala anzusiedeln sind. Der beschworene „Akademikerbedarf“ auf der einen und der „Rückgang der Normalarbeitsverhältnisse“ auf der anderen Seite ergibt zusammengenommen keinen, oder wenn, einen recht bedenklichen Sinn.


All die Unstimmigkeiten lassen sich auf eine recht simple Frage reduzieren: Welche Kopfarbeit wird in der „Wissensgesellschaft“ eigentlich bezahlt, und warum wird manche besser bezahlt als andere?

Im letzten Jahr hat Katja Kullmann mit ihrem Buch Echtleben eindrücklich dargestellt, was es heißt, dem Bildungsversprechen blind zu trauen. Das Buch mag Mängel haben und an manchen Stellen zu selbstmitleidig die alte Bundesrepublik zurückwünschen. Doch es trifft exakt die Situation gebildeter Mittdreißiger, deren Lebensentwürfe ins Leere zu laufen drohen. Die seiltanzend prekäre Situation von freien Kulturschaffenden, Journalisten, Desi­gnern und Architekten ist längst zu einem allgemeinen, wenn auch ungern offen thematisierten Phänomen geworden. Kullmann beschreibt dabei ein sehr typisches Dilemma: Sie konnte sich entscheiden, entweder auf dem Niveau einer Hartz IV-Existenz gute Texte zu schreiben oder in prächtig bezahlter Position schlechte, die weit unter ihrem intellektuellen Niveau lagen. Dazwischen gab es nichts.

Verfolge deinen Traum!

Das besagte Dilemma gewinnt unter der gegenwärtigen Ideologie persönlicher Erfolgsverantwortung noch an Schärfe: Steh zu dir! Greif nach den Sternen! Verfolge deinen Traum! Einen unterqualifizierten Job anzunehmen bedeutet, die erlangten Bildungserfolge teilweise aufzugeben. Die Abwärtsbewegung der De-Qualifizierung ist damit in Gang gesetzt.

Studien zum Verbleib von GeisteswissenschaftlerInnen sehen die Lage nicht ganz so kritisch. Einer Auswertung der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) zufolge, nehmen beim Berufseinstieg rund 40 Prozent der GeisteswissenschaftlerInnen nicht adäquate Arbeit an – im Gegensatz zu 20 Prozent inadäquater Anstellung bei UniversitätsabsolventInnen insgesamt. Die Quote sinkt in der Folge auf ein Drittel nicht-adäquat beschäftigter Geisteswissenschaftlerinnen. Kolja Briedis, Projektleiter des Arbeitsbereichs Absolventenforschung am HIS, würde daher auch nicht von einem generellen Trend zur Prekarisierung sprechen. „Das geben die Zahlen nicht her“, sagt er.

Allerdings sind Geisteswissenschaftler häufiger als andere nur auf Honorar- und befristeter Werkvertragsbasis beschäftigt, der Anteil der Selbstständigen unter ihnen wird wachsen, und das durchschnittliche Jahresbruttoeinkommen von 22.500 Euro liegt ein Drittel unter dem der UniversitätsabsolventInnen insgesamt. Selbständige müssen im Schnitt mit 18.500 Euro im Jahr auskommen, das liegt exakt zwischen dem vom statistischen Bundesamt angegebenen Bruttojahresgehalt einer Frisörin (15.000 Euro) und dem eines Wurstwarenherstellers (23.000 Euro). „Nun“, wird man sagen, „mit Geist ließ sich noch nie viel Geld verdienen.“ Erstaunlich ist aber, dass sich das unter den Bedingungen der Wissensgesellschaft nicht grundlegend zu ändern scheint.

Wissen verliert an Wert

Dass geisteswissenschaftlich fundierte Arbeit es schwer hat, Mehrwert zu erzielen, liegt einerseits an einer historisch gewachsenen monetären Überbewertung des technischen, wirtschafts- und (bedingt) naturwissenschaftlichen Sektors. Ein zweiter Systemfehler liegt andererseits in einer Entwicklung, die man neudeutsch als „Outsourcing von Content“ bezeichnen könnte und die über kurz oder lang nicht nur die Geistes- und Kulturwissenschaften, sondern geistige Arbeit schlechthin betreffen wird.

In den letzten Jahren hat sich die fest angestellte Beschäftigung zunehmend auf reine Managementfunktionen konzentriert, nicht nur in wirtschaftlichen Organisa­tionen, sondern auch in Zeitungen, Verlagen, Universitäten und Bildungseinrichtungen. An den Universitäten beispielsweise sind Forschungs- und Lehrstellen immer befristet ausgeschrieben, während es unbefristete Positionen in den neuen Arbeitsbereichen wie „Qualitätsmanagement“ und Forschungsförderungsberatung gibt. Was geschieht da? Nicht Inhalte werden bezahlt, sondern die Verwaltung von Inhalten, nicht Wissen, sondern Wissensmanagement.


Die Inhalte aber, von denen man eigentlich meinen könnte, es käme auf sie an, produzieren oft jene Personen, die auf prekären Stellen sitzen oder überhaupt freiwillig und unbezahlt „Content“ erstellen. Der böse Hintersinn jener Entwicklung, in der Wissen zu Arbeit wird, ist nämlich, dass über kurz oder lang die Produkte der Wissensarbeit in genau derselben Profitlogik zerrieben werden, wie alle anderen Waren auch: Sie verlieren an Wert. Das Kapital setzt auf Masse, den höchsten Profit garantiert nur Steigerung der Stückzahl bei Verringerung des Einzelpreises. Das bekommen alle Kopfarbeiter zu spüren, die nicht unter der Kategorie „Celebrity“ rangieren. Ihre Arbeit – vom Pressetext bis zur wissenschaftlichen Publikation – gerät notwendigerweise unter die fordistischen Räder. Schneller produzieren für weniger Gewinn.

Eine weitere Parallele zur Herstellung von materiellen Gütern fällt auf, denn den Mehrwert des Produktes schöpfen nie die ProduzentInnen ab. Insofern unterscheidet sich der Autor eines Buches nicht vom kolumbianischen Kaffeebauern, der an seinen Bohnen auch weniger verdient als der Händler.

Bologna-Joghurt

Warum protestiert niemand, warum steht die Maschinerie nicht lang schon still, warum schreiben Autoren noch, warum hangeln sich Dokumentarfilmer von einer wackeligen Förderung zur nächsten, warum decken Privatdozenten für eine erbärmliche Aufwandsentschädigung einen großen Teil der universitären Lehre ab? Es trifft sich gut, dass inhaltlich orientierte AkademikerInnen eine hohe intrinsische Motivation mitbringen. Sie passen perfekt ins neoliberale „Regime der Selbstführung“, wie es unter anderen Jan Masschelein und Maarten Simons in ihrem Buch Globale Immunität beschreiben. Der Imperativ, möglichst viel aus dem eigenen Leben herauszuholen, lässt die neuen Selbstständigen wie am Schnürchen laufen, sie funktionieren als gut geölte Gratis-Maschinerie kultureller Wissensproduktion.

Unterdessen wächst der Bildungsmarkt, das heißt der Verkauf der Ware „Bildung“, und absurderweise verdient mancher Geistes- und Kulturarbeiter damit Geld, Menschen in etwas zu unterrichten, das ihn selbst nicht ernähren kann – Schreiben zum Beispiel. „Wissen hat immer Konjunktur“ wirbt das österreichische Berufsförderungsinstitut bfi, und wie wahr: Unter den Bologna-Reformen haben sich die Studiengänge diversifiziert wie Joghurtsorten im Supermarkt. „Caritaswissenschaft“ oder „Digital Humanities“ sind im Angebot, „Text- und Kultursemiotik“, „Kulturwirtschaft“ oder „Hospitality Management“.

Wie dumm sind wir?

All das mag zwar ­wenig nachhaltig sein, aber arbeitsmarkttechnisch angepasst ist es. Und der alte Reichskanzler Otto von Bismarck, der sich vor einem gefährlichen akademischen Proletariat fürchtete (ja, so alt ist das Motiv), wäre beruhigt zu wissen, dass dereinst promovierte SozialwissenschaftlerInnen als meinungsforschende „Senior Research Manager“ eine Anstellung finden, um „internationale ethnografische Automotive-Forschung“ durchzuführen oder „semiotische Gebrauchsgüteranalysen“.

Wie dumm sind wir denn? Das Kullmann-Dilemma der Wahl zwischen prekärer Intelligenz und bezahltem Stumpfsinn bleibt, inklusive der unerfreulichen Aussicht für Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen, am Ende doch genau die Tätigkeiten ausführen zu müssen, gegen die sie mit der eigenen Studienwahl opponieren wollten.

Der beschworene „Akademiker- und Fachkräftemangel“ meint nicht die Geisteswissenschaften, das ist klar. In diesem Bereich gibt es offenbar mehr kluge Menschen als kluge Arbeitsstellen. Das heißt aber auch, dass die Wissensgesellschaft nicht auf Höhe ihrer geistigen Potenziale agiert. Denn Qualität verkauft sich schlecht, und man könnte Georg Seeßlens schönen Begriff der „Blödmaschinen“ bemühen, um festzustellen, dass Bildung hier nur schadet.

Kommentare (29)

Silverhair 27.02.2012 | 13:40

Vielleicht ein Missverständnis? Dieses Wirtschaftsystem bezahlt nicht "arbeit", sondern den Gewinn den der "Besitzer" der "Handelsware" und nicht der Ersteller bekommt! Der sog. Mehrwert ist bestenfalls der "Gewinn" den der Besitzer bekommt, ansonsten ist es ein Illusionswort! Seit ein paar Mio Jahren ist die gegenseitige Versorgung der Menschen der garant für Überleben - einen "Mehrwert" gibt es da nicht - entweder überleben alle indem jeder einen Teil zum notwendigen Überlebenserhalt der Menschen beiträgt , oder die Gruppe geht unter!
Und Kapitalismus beruht eben auf "periodisch wiederkehrender Handelsware" - nur diese kann für die Besitzer der Ware einen Gewinn bringen , und da unterscheidet sich der Handarbeiter nicht vom Kopfarbeiter - er bekommt einen kleinen Anteil der "Gewinne" eben, nicht für Arbeit, sondern einfach dafür das er einem der nichts dazu beiträgt einen Gewinn gebracht hat!

Und so ist auch die Antwort auf die Frage "warum wer wieviel bekommt leicht zu finden" Es ist derjenige der dem Besitzer der Ware den meisten Gewinn bringt , vollkommen irrelevant was er im Kopf hat, wieviele Autos oder Beiträge er schreibt - nur der "Gewinn" zählt dabei!

Es ist ein ziemlich dummes System - weil es nur auf der basis von dummen funktionieren kann - die sich selber zu willfährigen Arbeitsmaschinen erklären - und für einen - na man könnte durch aus "Ihren Besitzer" sich abrackern .. egal ob mit dem Kopf oder mit den Händen!

karanda 27.02.2012 | 16:06

Die akademischen Mittfünfziger beziehen so wie ich (Dipl.-Ing.) Grundsicherung und bewahren sich mit einem kleinem Job (kein Minijob!) vor der 1-Euro-Job-Maschinerie. Dabei ziehe ich meine Zufriedenheit aus anderen Dingen als dem Gefühl, nur Arbeit (mit reichlich Bezahlung) beschere Glücksgefühle und plädiere dafür, den Konsum denjenigen zu überlassen, die es nicht besser wissen.

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Ehemaliger Nutzer 27.02.2012 | 17:17

"... Das Kullmann-Dilemma der Wahl zwischen prekärer Intelligenz und bezahltem Stumpfsinn bleibt, inklusive der unerfreulichen Aussicht für Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen, am Ende doch genau die Tätigkeiten ausführen zu müssen, gegen die sie mit der eigenen Studienwahl opponieren wollten. ..."

Das trifft schlicht und ergreifend alle Berufstätigen aller Qualifikationsstufen in allen Arbeitsbereichen und Funktionen. Jeder macht genau das, was der jeweilige Auftraggeber von ihm verlangt und ihn dafür bezahlt. Da darf man gar nicht nach dem Sinn des Auftrages und der Tätigkeit frage, oder meinen, es gäbe Wichtigeres zu tun, was es zweifelsohne gibt, denn daran verzweifelt man nur. Glücklich ist nur derjenige, der sich die Aufträge aussuchen kann, oder der als abhängig Beschäftigter eine einigermaßen vernünftige Tätigkeit ausführen darf. Noch glücklicher ist nur derjenige, der als Wissensarbeiter an einer Uni tatsächlich forschen darf und keinerlei Diktaten unterworfen ist, oder der soviel Geld hat, dass er tun und lassen kann, was er will.

jens kassner 27.02.2012 | 19:19

Der Artikel ist ein schönes Argument für das bedingungslose Grundeinkommen. Viele Akademiker ohne Festanstellung könnten dann etwas entspannter an die Sachen herangehen, die sie am besten können und gern machen. Zugleich würde aber wegen der zunehmenden Verweigerung von Hilfsjobs der Druck auf die Institutionen wachsen, die sich auf das unterbezahlte Absaugen von Wissen bequem eingerichtet haben.
Ich persönlich, auch so ein Fünfziger in relativ prekärer Lage, habe erfahren, dass bestimmte Bildungsabschlüsse sogar hinderlich sein können. Zumindest im öffentlichen Dienst wird man mit einem Doktortitel bei Bewerbungen gleich aussortiert, wenn die Stelle formal niedriger angesiedelt ist.
Zur Frage, warum denn niemand dagegen protestiert: Weil es eben alles Einzelkämpfer ohne Organisation sind. Die traditionellen Gewerkschaften juckt das Problem absolut nicht. Und neue Zusammenschlüsse gibt es offenbar nicht.

ebertus 27.02.2012 | 20:21

Ja, so kam der Beitrag bei mir ebenfalls an, eine Aufforderung an das BGE in einer Größenordnung, welche die vollumfängliche gesellschaftliche Teilnahme ermöglicht - nicht die der sog. "Chemnitzer Wissenschaftler", deren einem menschlichen Haustier gerade genügenden Bedarfsrechnung für die zunehmende Zahl der Überflüssigen und Minderleister.

Bildung, auch ein Altersstudium eben dieser ansonsten relativ brotlosen Künste, der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften kann eine Option sein, ist bei erwartbar zunehmender Altersarmut für viele Menschen, junge wie alte aber eben nur via BGE darstellbar.

Achtermann 27.02.2012 | 21:15

Jeder macht genau das, was der jeweilige Auftraggeber von ihm verlangt und ihn dafür bezahlt.

Ja, so ist es. Alles andere ist Luxus. Diesen Luxus leistet sich höchstens noch der Staat, indem er Menschen im kulturellen Bereich (Unis, Museen, Archive etc.) beschäftigt. Der Staat hat sich Schmalhans als Küchenmeister geholt (Stichwort: Agenda 2010). Da bleibt immer weniger für das Luxuriöse. Gut bezahlte Geistesarbeit als L’art pour l’art ist passé, gesellschaftlich zwar wichtig, für das BIP jedoch bedeutungslos.

Malte Krøgergaard 28.02.2012 | 00:15

Bildung hat inzwischen - Bachelor sei Dank! - bereits an den Universitäten selbst einen prekären Stand. Nicht, dass sie nicht erwünscht wäre, ganz im Gegenteil. Als geisteswissenschaftlicher Student in eben diesem System macht man aber schnell die Erfahrung, dass Bildung im Sinne von Selbststudium nur noch äußerst eingeschränkt möglich ist. Eigene Interessen können im verschulten Unibetrieb kaum verfolgt werden, zu verstopft ist der Stundenplan mit verpflichtend abzuarbeitenden ECTS-Punkten. Müßig zu erwähnen, dass die Bepunktung in den meisten Fällen schwer nachvollziehbar ist oder schlicht willkürlich erfolgt.

Das sinkende Niveau, von dem Frau Roedig schreibt, manifestiert sich schließlich darin, dass Wissen in Form von lebendiger Forschung auf die stumpfe Widergabe von Daten und Fakten heruntergebrochen wird. Bulimielernen ist angesagt. Anders scheinen die Institutionen die schiere Masse nicht bewältigen zu können.

Ich für meinen Teil kann nachvollziehen, dass Arbeitgeber mit geisteswissenschaftlichen Uni-Abgängern zurückhaltend umgehen, auch wenn ich es natürlich nicht begrüße. Denn man wird eher getrieben als gebildet. Die größten "Blödmaschinen" derzeit sind die Unis selbst.

Der Inhalt vieler Seminare wird in der Form erarbeitet, dass die StudentInnen ihren Kommilitonen Referate vortragen für deren Qualität dann keiner so recht verantwortlich ist. Ein in München studierender Freund von mir hat es sinngemäß auf den Punkt gebracht: "Ein Großteil meiner Studiengebühren geht dafür drauf, dass Leute, die noch keine Ahnung haben, anderen, die noch keine Ahnung haben, etwas erzählen."

Wendet man sich an die Lehrenden, verweisen da auch viele auf das böse, übermächtige System. Ich bin es leid, das System.

Meyko 28.02.2012 | 10:07

Vielen Dank erstmal.

"Warum protestiert niemand, warum steht die Maschinerie nicht lang schon still, warum schreiben Autoren noch, warum hangeln sich ..."

Mein erster Gedanke dazu: Geisteswissenschaftlern hängt scheinbar das Bild des "brotlosen Daseins" von jeher irgendwie immer noch an. Das macht den Einzelnen sicherlich schnell mutlos. Man fügt sich dann halt.

Ein weitere Grund ist vermutlich, dass die Situation der abhängig Arbeitslosen (Über 6 Mill. Hartz VI Empfängern stehen nur 800:000 offene Stellen gegenüber) schwer in Worte gefasst werden kann, ohne sogleich in die Schublade gestriger Linker gestopft zu werden.
Hier hat Herr Precht mal ein "vier Minuten Statement" dazu abgegeben: www.youtube.com/watch?v=gSUCi7MmKBU=related

rosi 28.02.2012 | 13:55

Es gibt kaum völlig unkreative, gebildete Menschen ...

Bildung "schadet" immer dann, wenn die jeweilige "Führung" sich durch den Schutzwall der Dummheit in Position zu halten wünscht. Die Dummheit wird dazu gebauchpinselt und "intellektuell" oder "gebildet" wird quasi zum Schimpfwort.

Natürlich auch der vorangegangene, an sich recht harmloser Satz wirkt dabei despektierlich; enthält er doch glatt eine Botschaft: "Bildung sei schädlich, Bildung schade der Kreativität".

Das Problem dabei ist, dass es sich bei einem reinen Wissenstraining auf der Basis gesetzter Erziehungs-Parameter (festgelegtes Wissensziel) gar nicht im eigentlichen Sinne um Bildung handelt, das jedoch gerne darauf übertragen wird.

Bildung selbst wirkt im Ergebnis (völlig irrelevant, ob man eine jede solche für konstruktiv erkennt) immer kreativ. Kann nur kreativ wirken, denn sie erweitert unseren Horizont der Subjektiven Wahrnehmung.

Wer also die Bildung zu begrenzen wünscht, dessen Ziel ist keinesfalls die Kreativität, sondern die Begrenzung des Horizonts (im weitesten Sinne spricht man ein Denkverbot aus).

Ansonsten bliebe mir nur die Schlussfolgerung: zu mehr "Stoff" im Kopf würde es halt nicht reichen ... Das halte ich für ausgeschlossen, denn der menschliche Geist ist zu vielen Dingen fähig (das hat er m.E. mehr als nur empirisch bewiesen). Dazu gehört u.v.a.m., entsprechend zu filtern, sich innerhalb seiner Ressourcen Platz zu verschaffen, damit die Kreativität/freies Denken ihren Raum erhält. Mehr oder weniger ist eigentlich ein jeder kreativ. Ob wir alle jedoch die Möglichkeit erhalten, dies auch zu zeigen, das steht auf einem völlig anderen Blatt.

Irgendwie ähneln sich die Zeiten in der Geschichte ... wenn man damit beginnt, gegen Bildung und Intellektualität zu insistieren ... Immer dasselbe ...

Meistens gibt dann der sog. "Klügere" nach, was dann dazu führt, dass die Dummheit regiert.

rosi 28.02.2012 | 14:18

"Hier hat Herr Precht mal ein "vier Minuten Statement" dazu abgegeben: www.youtube.com/watch?v=gSUCi7MmKBU=related"

Tschah, da kann man sich seit Jahren im Land den Mund fusselig reden, leider auch ein David Precht (u.v.a.m.). Es ändert sich nichts, die destruktive Kraft des Wunsches nach Sanktionierung negiert jede Logik, selbst kleine, ganz einfache Subtraktionen. Und natürlich auch das, was wir ansonsten unter Menschlichkeit verstehen. Bricht immer wieder durch ... denn wir brauchen ganz offensichtlich ständig Sanktions-Opfer. Egal, ob es jetzt HarzIV Empfänger sind, Migranten oder gar Intellektuelle, andere Nationen, ganz aktuell das "faule" Griechenland. Sobald man über Sanktionsmaßnahmen spricht, ist ein unglaublich großer Teil der Menschheit immer wieder auf das Neue begeistert ...

PS: Schubladen ... "ewig gestriger Linker = Gutmensch = Intellektueller" ... so zumindest der Tenor. Man kann die Reihenfolge natürlich auch beliebig umdrehen ;).

Eigentlich müsste man darauf antworten: "hochmoderner Nichtlinker = Bösmensch = Ungebildet".

Doch dazu ist man zumeist zu "gut" erzogen ;)

Menschenskind 28.02.2012 | 16:49

Um diese Entwicklung nachvollziehen zu können, müssen wir viele Teilbereiche, die wie in ein Puzzle ineinander greifen, betrachten.

Da ist zum einen die sog. "Wissensgesellschaft", die nicht einmal dazu in der Lage ist zu erkennen, was aktuell passiert.

Wie im Artikel bereits erwähnt, werden Fachkräfte, die inhaltlich arbeiten und wissen was sie tun, seit einigen Jahren durch Technokraten ersetzt, die das "Funktionieren" der neuen Arbeitswelt und ihrer Akteure steuern und überwachen. Wir haben uns angewöhnt, in Projekten zu denken. Projekte sind toll, neu, innovativ und ach so problemorieniert. Mit Projekten kann man als Personaler Punkte machen; Projekte sind gelebter Zeitgeist in einer modernen Arbeitswelt. Gleichzeitig ist ist mit der Projektidee immer verbunden, dass die Erfolgsverantwortlichen mit der Zielerreichung ihre Schuldigkeit getan haben und entlassen werden. Die Nachhaltigkeit besteht in der Projektdokumentation, die in irgendwelchen Datenbanken verschwindet.

Der Mehrwert, den heute Wissensmitarbeiter erbringen, mündet in Erkenntnissen, Verfahren, Rechten und Patenten, von denen der Erschaffer am wenigsten profitiert. Im IT-Bereich kann man das anschaulich am Beispiel einer sog. "App" belegen, die einmal programmiert, danach 100.000-fach immer wieder verkauft und verkauft wird auch dann noch, wenn der geistige Schöpfer schon längst wieder Arbeitslosengeld bezieht.

Gleichzeitig ist ein freies Wirken und Entfalten für den Einzelnen immer weniger möglich. Wir sind mittlerweile eingezingelt von Vorschriften und Verordnungen, die eigenes Unternehmen unter rechtlichen Aspekten regelrecht gefährlich machen. Mit einer innovativen Idee und deren Umsetzung, stehen Sie als unerfahrener Firmengründer heute mit einem Bein im Gefängnis. Es ist nahezu unmöglich, für eine Einzelperson, alles richtig zu machen. Das gilt mittlerweile leider auch für Geschäftsideen im Internet.

Was unter diesen Bedingungen bleibt, ist nur die Zuarbeit, der große Traum von Arbeitgeber- und Unternehmerverbänden. Der künftige Wissenszeitarbeiter arbeitet allein zu Hause, ohne das echte soziale Netzwerk einer Kollegengemeinschaft, nutzt seine eigenen Arbeitsmittel und benötigt kein firmenbezahltes Büro. Verträge sind dann immer Individualvereinbarungen auf Werkvertragsbasis ohne Mindeststandard. Das kann sogar einige Jahre funktionieren. Spätestens aber, wenn man nicht mehr jung, dynamisch und am Puls der Zeit agiert, endet dieses Beschäftigungsmodell.

Warum wohl, wurde der sehr erfolgreiche Gründungszuschuss abgeschafft?! Eine Erfolgsgeschichte, die 80% der so Bezuschussten eine tragfähige kleine Selbstständigkeit ermöglichte. An dieser Stelle haben die Arbeitgeber interveniert. Schließlich waren es nicht nur Dienstleister und Handwerker, die dieses Modell für sich genutzt haben sondern in der Mehrheit die Studierten, die sich so eine Nische schaffen konnten, um als Lektor, Moderator, Dozent u. ä. zu überleben.

Damit fehlen aber den "Arbeitgebern" genau die billigen Wissensarbeiter, deren Wertigkeit auch durch das Bachelor-Studium in den letzten Jahren immer weiter herabgesetzt wurde. Im öffentlichen Dienst werden diese Absolventen mittlerweile mit TVöD E9 beschäftigt, selbstverständlich befristet. Damit lässt sich keine Zukunft mehr planen.

Das ganze System ist heute eindeutig darauf ausgelegt, aus der Arbeitskraft Mensch möglichst hohe Werte abzuschöpfen und dabei so wenig wie geht, zurück zu geben. Verantwortung wird nicht mehr übernommen bzw. auf die Allgemeinheit der Steuerzahler abgewälzt auch in Form von Kombilohnmodellen.

Wir dürfen die Realität nicht mehr länger verleugnen. Die soziale Marktwirtschaft ist bereits Vergangenheit. Wir verwalten lediglich noch die Reste eines Sozialstaatsmodells, das es so nicht mehr gibt. Tagtäglich erodiert das System immer weiter zu Ungunsten aller gesellschaftlichen Akteure, die nicht von der stetig wachsenden Ausbeutung profitieren. Und das ist die deutliche Mehrheit der Bevölkerung.

Globalisierte Großkonzerne und die weltweit vernetzte Finanzwirtschaft geben mittlerweile Inhalte und Takte vor, nach denen wir funktionieren sollen. Die Politik schafft dafür lediglich noch den rechtlichen Rahmen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der eigenen Bürger.

Ich als einfacher Kaufmann, bin einfach nur entsetzt darüber, dass es aus Akademikerkreisen so wenig Gegenwehr gibt bzw. ich bin verwundert darüber, wie einfach es ist, Menschen "zu kaufen", die dieses perfide System mit Leben füllen. Da geben sich z. B. studierte Juristen, selbst deutlich unterbezahlt und befristet beschäftigt, dafür her, Hartz IV - Beziehern Leistungen zu verweigern. Politiker und Vertreter der Arbeitgeberverbände klopfen sich dafür doch abends beim Luxusitaliener lachend auf die Schenkel. So viel Dummheit bestraft sich selbst!

Nur mal so am Rande: Das ist der Sumpf, aus dem ein sog. Drittes Reich entstehen konnte!

Wenn wir unseren Hintern noch retten wollen, müssen wir uns wieder angewöhnen, "Nein" zu sagen. Schluss mit überflüssiger Konsenssauce. Die nutzt nur den Profiteuren, die nicht darauf eingestellt sind, dass plötzlich Gegenwind weht.

Ja, die einzige Möglichkeit diese Entwicklung zu stoppen, heißt sich zu organisieren und Widerstand zu leisten. Das ist zwar im Moment nicht sonderlich angenehm, schützt uns aber langfristig vor Altersarmut. Wir Bürger jedenfalls profitieren nicht von einer entsolidarisierten Gesellschaft, weder heute noch morgen. In diesem Sinne lasst uns Netzwerke bilden und nicht mehr jeden Schei* mitmachen.

Die Frage lautet daher eher nicht, wie dumm wir sind sodern wie bequem wir geworden sind.

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Ehemaliger Nutzer 29.02.2012 | 21:21

@Malte Krøgergaard

Sehr treffende Beschreibung der Uni als "Blödmaschinen". Ich betrachte das aus dem Blickwinkel dessen der die Uni vor und nach der Bolognisierung (warum erinnert mich das an ein Nudelgericht mit Hack?) kennengelernt hat.

Heute herrscht i.d. Tat Bulimielernen wie in der Schule vor, Referate auf Referate in Seminaren, ansonsten Vorlesungen die man sich auch schenken kann, weil sowieso keine inhaltliche Debatte der Kernfragen möglich ist.

Letztlich löffelt da jeder modulweise seinen Bildungsbrei und sondert denselben bei passender Gelegenheit wieder ab.

Ich frage mich, was das - insbesondere in den Geisteswissenschaften - noch mit wissenschaftl. Arbeit zu tun hat.

Gelernt wird faktisch nur das, was die Autorin als Berufsperspektive für die GeiWis beklagt: content-producing.

Da kann es nicht erstaunen, daß die so erzeugten Produkte einander häufig sehr ähnlich sind und das selbständige Denken by the way auf der Strecke bleibt, oder?

Das hat in der Tat System, das leidige sog. Bildungssystem.

I.

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Ehemaliger Nutzer 01.03.2012 | 05:38

"Wie dumm sind wir denn? Das Kullmann-Dilemma der Wahl zwischen prekärer Intelligenz und bezahltem Stumpfsinn bleibt, inklusive der unerfreulichen Aussicht für Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen, am Ende doch genau die Tätigkeiten ausführen zu müssen, gegen die sie mit der eigenen Studienwahl opponieren wollten."

Ein weiteres gutes Argument für das steuerfreie Grundeinkommen!

silvio spottiswoode 01.03.2012 | 15:56

Gern gelesen! Grossartiger Artikel zu einem der wichtigsten gesellschaftlichen Themen überhaupt.
Die zentrale Frage hinter dem Ganzen ist dann immer die nach dem Wert, den eine Gesellschaft der geistigen Arbeit - der geisteswissenschaftlichen Bildung, zuschreibt. Angesichts von Werbeetats (privater Konzerne), die den Bundesetat für Bildung und Kultur um ein Vielfaches überschreiten, bleiben leider keine Illusionen, was die Lage der sogenannten "Wissensgesellschaft" anbelangt.

Mein Liebstes:
>> An den Universitäten beispielsweise sind Forschungs- und Lehrstellen immer befristet ausgeschrieben, während es unbefristete Positionen in den neuen Arbeitsbereichen wie „Qualitätsmanagement“ und Forschungsförderungsberatung gibt. Was geschieht da? Nicht Inhalte werden bezahlt, sondern die Verwaltung von Inhalten, nicht Wissen, sondern Wissensmanagement.

>> Und der alte Reichskanzler Otto von Bismarck, der sich vor einem gefährlichen akademischen Proletariat fürchtete (ja, so alt ist das Motiv), wäre beruhigt zu wissen, dass dereinst promovierte SozialwissenschaftlerInnen als meinungsforschende „Senior Research Manager“ eine Anstellung finden, um „internationale ethnografische Automotive-Forschung“ durchzuführen oder „semiotische Gebrauchsgüteranalysen“.

Die Unsichtbaren Deutschen 17.07.2012 | 15:37

Zitat:

"Dass geisteswissenschaftlich fundierte Arbeit es schwer hat, Mehrwert zu erzielen, liegt einerseits an einer historisch gewachsenen monetären Überbewertung des technischen, wirtschafts- und (bedingt) naturwissenschaftlichen Sektors. Ein zweiter Systemfehler liegt andererseits in einer Entwicklung, die man neudeutsch als „Outsourcing von Content“ bezeichnen könnte und die über kurz oder lang nicht nur die Geistes- und Kulturwissenschaften, sondern geistige Arbeit schlechthin betreffen wird."

Da hat sich der Verfasser verrannt. Jeder Geistesarbeiter in einer produzierenden Gesellschaft muss erklären, weshalb er nicht in der unmittelbaren Produktion mit macht.

Bei Naturwissenschaftler, Technikern und Wirtschaftswissenschaft ist das sehr einfach, weil sie die Energieeffizienz und die Produktivität der Produktion steigern können. Bei der Allokation der Neu-Investitionen zwischen R&D, Produktion und Distribution werden diese Fächer anders beurteilt. Die Ursache für eine andere monetäre Bewertung liegt aber nicht an der Respektlosigkeit gegenüber Geisteswissenschaftlern, sondern am Interesse an anderen ökonomischen Stoffwechsel-Prozessen mit Mensch und Natur.

In der Anthropologie gibt es die Theorie des Neoevolutionismus, die soziokulturellen Fortschritt mit Information und Energie-Technologien erklärt. MINT und Wirtschaftswissenschaften verändern aktiv Informations- und Energietechnologien.

Grundsätzlich liefern die Fächer das Know-How für eine andere Organisation der Produktion und Distribution.

Für die Machbarkeit einer anderen gesellschaftlichen Organisation fehlen allerdings immer noch die Anreizmechanismen um akkurate Eingabe-Parameter in die Produktionsplanung zu füttern.

Ausserdem fehllt eine präzise Wertheorie für eine kollektive Ressourcenallokation. Arbeitswerttheorie berücksichtigt keine Ressourcenknappheit oder Energieeffizienz Betrachtungen. Es existiert auch keine Werttheorie, die den organisatorischen Informations- und Kommunikationsaufwand für die Wertbestimmung mit berücksichtigt.

Solange man das nicht weiss, wird es nichts mit der alternativen Wirtschaftsordnung.