Biotop des Dritten Reiches

Das Unternehmen "Wüste" Michael Grandt dokumentiert die vergessene Geschichte des NS-Ölschieferprogramms auf der Schwäbischen Alb

Im Frühjahr 1944 entwickelte sich der zunehmende Treibstoffmangel für die deutsche Kriegsmaschinerie zum Fiasko. Die russische Armee besetzte die wichtigen Ölfelder im rumänischen Ploesti, und darüber hinaus vernichtete die 8. US-Air Force die letzten Herstellungsanlagen für synthetisches Öl in Deutschland. Ende des Jahres war die Luftwaffe nicht mehr in der Lage, mehr als fünfzig Abfangjäger gleichzeitig in der Luft zu halten. Ein Drittel aller PKW von Wehrmacht und Waffen-SS wurden stillgelegt. In dieser fast aussichtslosen Situation entschloss sich die NS-Führung zu einer ihrer letzten und an Sinnlosigkeit kaum zu übertreffenden Verzweiflungstaten. In engster Abstimmung zwischen SS und Albert Speers Rüstungsministerium wurde im Hinterland der Schwäbischen Alb das Unternehmen "Wüste" gestartet. Ziel war es, aus dem Schiefergestein der Schwäbischen Alb Öl zu pressen. Dafür wurden in Abständen von wenigen Kilometern noch kurz vor Kriegsende sieben KZ aus dem Boden gestampft. Arbeitslager für Tausende von Häftlingen aus ganz Europa, die in den zehn Steinbrüchen und Ölmeilern eingesetzt wurden. Das letzte KZ des Unternehmens und des Dritten Reiches wurde im Januar 1945 in Dormettingen bei Balingen in Betrieb genommen - im gleichen Monat, in dem Auschwitz befreit wurde. Am Ende des Krieges hinterließ das Unternehmen "Wüste" über 3.500 Leichen, 1.500 Tonnen minderwertiges Öl und die Erinnerung an unbeschreibliches menschliches Leid.

Ölschiefer - Hitlers letzte Hoffnung
Der Journalist und Autor Michael Grandt hat die Spuren dieser beinahe in Vergessenheit geratenen Episode des Nationalsozialismus verfolgt und die Ergebnisse in einem eben erschienenen Buch festgehalten. Sorgfältig recherchiert, stützt es sich auf Zeitzeugenaussagen und die Erinnerungen von Überlebenden. Die Besonderheit des Unternehmens "Wüste" jedoch liegt in seiner zeitlichen und räumlichen Begrenztheit: Sieben KZ in unmittelbarer Nähe zueinander, fast durchweg von wenigen hundert Häftlingen und nur wenigen Aufsehern bewohnt unter denselben Rahmenbedingungen, in einem Zeitraum von nur sechzehn Monaten. "Das Unternehmen ›Wüste‹ ist wie ein Biotop", erklärt der Autor, "der Nationalsozialismus und wie er funktionierte kommt darin auf engstem Raum zum Ausdruck."
Die Idee, aus dem Ölschiefer der Schwäbischen Alb Öl zu gewinnen, ist am Ende des Zweiten Weltkriegs weder neu, noch hätten die Nationalsozialisten von dessen Ertrag enttäuscht sein dürfen. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und während des Ersten Weltkriegs gab es mehrere ernsthafte Versuche, dem blättrigen Posidonienschiefer (Lias epsilon) Öl abzutrotzen. Die Experimente wurden eingestellt, weil sie kein rentables Ergebnis brachten.
Trotzdem ließ die NS-Führung an der Zugstrecke Tübingen-Rottweil zehn Ölschieferwerke und sieben Konzentrationslager für Tausende von Arbeitskräften errichten, die zunächst aus dem Konzentrationslager Natzweiler-Struthof und später aus Dachau und Auschwitz heran transportiert wurden. Es gab zu diesem Zeitpunkt drei konkurrierende Verfahren zur Schwerölgewinnung aus Schiefer, von denen sich das Meilerverfahren schließlich durchsetzte. Für nur eine Tonne Öl mussten die Häftlinge 35 Tonnen Schiefergestein herausbrechen, zermahlen und zu riesigen Meilern aufschichten. Damit der Schiefer gezündet werden konnte, ummantelten die Arbeiter ihn mit einer dicken Schicht brennbaren Materials, meist Torf oder Braunkohle. Das Schieferöl wurde letztendlich aus dem Gas gewonnen, das kondensiert, gereinigt, zerlegt und über Rohre in Auffangbecken gesammelt wurde. Der Zeitzeuge Alfred Kron berichtet, dass wahrscheinlich "alle 5, kann auch 4 oder 6 Minuten gewesen sein, aus dem Rohr ein Tropfen in die Zisterne herein geflossen ist". Die große Leistung des Schieferwerks in Bisingen bestand darin, dass "alle Minute ein Tropfen tickt".

Kommandos "ohne Schuhe"
Viele der Arbeiter die als Häftlinge in den sieben Konzentrationslagern, Schömberg, Schörzingen, Frommern, Erzingen, Bisingen, Dautmergen und Dormettingen eingepfercht waren, starben nicht nur durch Überanstrengung bei der Arbeit, sondern wurden zusätzlich bewusst Hunger, Nässe, Kälte und Krankheiten ausgesetzt. In den meisten der Konzentrationslager wurde geschlagen und gefoltert. Zwar waren die sieben KZ des Unternehmens als Arbeits- und nicht als Todeslager konzipiert, doch an die Wirklichkeit in den KZs erinnert sich der Überlebende des KZ Schömberg, Germain Lutz: "Jedes dieser Lager war ein ›Vernichtungslager‹, es kam nur auf die Länge der Zeit an!"
Als zum Jahreswechsel 1943/44 der erste Häftlingstransport aus dem Stammlager Natzweiler-Struthof im Elsaß in dem kleinen Bahnhof des Dorfes Schömberg bei Balingen eintraf, war noch kaum etwas zu erkennen vom Unternehmen "Wüste". "Wir wurden rechts abgetrieben, durch hohen Schnee gehetzt, einer Baracke zu, die anscheinend verlassen in einer makellosen Schneelandschaft stand", beschreibt der ehemalige Häftling Tadeusz Noiszewski seinen ersten Eindruck. Es existierte noch kein Lager.
Auf der gegenüber liegenden Straßenseite lagen Rohre, Kesselanlagen und die halbfertigen Gemäuer einer Fabrikanlage. Ein teerartiger Gestank wehte zu den Häftlingen herüber. Gleich nach ihrer Ankunft wurden sie in Arbeitskolonnen aufgeteilt. Ein Teil von ihnen wurde zum Aufbau des KZ herangezogen, errichtete Zäune und die Barackenunterkünfte, baute Straßen und verlegte Feldbahnschienen. Der Großteil aber wurde in den Steinbrüchen und Meilern eingesetzt. Graben, Schleppen und das Zermahlen des Schiefers war ihre Hauptaufgabe. Mit Hämmern und Pickeln, später mit bloßen Händen mussten breite Erdschichten aus den Hängen der Schwäbischen Alb geschlagen werden. Die meisten Häftlinge waren auch im Winter barfuß oder trugen Holzschuhe. Der Kommandant des KZ Schömberg, SS-Hauptscharführer Seuß, genannt "Zack-Zack", bildete sogar offiziell sogenannte Kommandos "ohne Schuhe". Der gestreifte Häftlingsanzug und eine Mütze waren der einzige Schutz vor Nässe und Kälte. Die Kleidung konnte nicht gewechselt oder gewaschen werden und war deshalb voller Läuse, die das Fleckfieber übertrugen, an dem viele Häftlinge starben.
Die "Wüste"-Häftlinge setzten sich aus den unterschiedlichsten Nationalitäten zusammen und waren wegen verschiedenster "Vergehen" inhaftiert worden. Unter ihnen waren viele der letzten überlebenden Juden aus Litauen, dem Warschauer Ghetto oder aus Ungarn. Estnische Juden, die in ihrer Heimat schon in der Ölförderung gearbeitet hatten, brachten notwendige Kenntnisse mit. Es gab Sinti und Roma und aktive Widerständler aus Polen, Skandinavien und Westeuropa. Diese "politischen" Häftlinge, in erster Linie "Saboteure" aus den von Deutschland besetzten Gebieten, kamen meist über den "Nacht-und-Nebel"-Erlass in die KZ, einer Sonderform der "Bestrafung", die auf Anordnung alles bisherige Maß übertreffen sollte. Diese Häftlinge wurden entweder sofort und ohne Verfahren hingerichtet oder geheim und ohne Nachricht über ihren Verbleib nach Deutschland überführt, mit dem Ziel, die Angehörigen zu demoralisieren.
"Unternehmen Wüste" zeichnet jedoch nicht nur ein Bild des Lebens der Zwangsarbeiter, sondern auch die Biographien der Lagerkommandanten nach. Es sei, so Autor Grandt, "erschreckend zu sehen, wie die Zustände, wie Leben und Sterben, ja wie der gesamte Charakter der Lager vom Charakter der jeweiligen KZ-Kommandanten abhing." Grandt nennt sie in seinem Buch deshalb auch nicht "Wärter" oder "Lageraufseher" oder "KZ-Kommandant", sondern bei ihrem vollen Namen. "Schließlich waren Menschen für das Grauen verantwortlich. Es waren unsere Großväter. Keine Wesen aus dem All." So trennten nur fünf Kilometer die Häftlinge, die unter dem Kommando des sadistischen SS-Rottenführers Oehler die Hölle erlebten, von den KZ-Insassen, die Kommandant Erwin Dold unterstellt waren. Dold war der einzige Lagerkommandant in der Geschichte des NS, der je von einem Kriegsverbrechertribunal der Alliierten wegen erwiesener Unschuld frei gesprochen wurde.

Die "Wüste" als Teil des SS-Wirtschaftsimperiums
Durch die Überschaubarkeit des Unternehmens "Wüste" werden aber auch größere, sonst schwer zu überblickende Zusammenhänge des Nationalsozialismus begreifbar. "Wüste" verband ein weitverzweigtes SS-Wirtschaftsimperium, das von Anfang an aus allen Teilen des Unternehmens Kapital schlug. Im Stile einer Sklavenhändlerfirma kassierte die SS vier bis sechs Reichsmark Tagesmiete pro Häftling. Die Zahl berechnete die SS anhand der Belegzahlen, in die auch die todgeweihten, arbeitsunfähigen Kranken in den "Schonungsblöcken" einbezogen waren. Aber damit nicht genug, stellte die SS auch das Morden in Rechnung. "Für die im hiesigen Konzentrationslager exekutierten und eingeäscherten 20 Häftlinge sind an Kosten RM 127,05 entstanden", ist ein Schreiben der Waffen-SS überliefert. Die Kommandantur bittet um baldige Überweisung.
Als die französische Armee die KZ des Unternehmens "Wüste" im April 1945 befreite, waren die Lager zum größten Teil bereits von der SS geräumt und die Häftlinge in andere KZ gebracht worden oder auf den "Todesmärschen" ins noch nicht befreite Hinterland Richtung Bodensee oder nach Bayern unterwegs. Nur wenige kamen zurück. Die einen, um sich bei jenen Anwohnern zu bedanken, die versuchten, den Häftlingen zu helfen. So etwa dem alten Ehepaar aus Dautmergen, an das sich ein Häftling erinnert, weil ihm beim Anblick einer Häftlingskolonne Tränen in den Augen standen. Am Tag darauf lagen Kohlrüben am Weg zu den Steinbrüchen. Noch ein Tag später sahen die Häftlinge die toten Tiere der Alten in deren ausgebrannter Scheune liegen.
Es kamen aber auch solche wie Milan Kovar und der selbsternannte Oberleutnant Deletre, ehemalige Häftlinge aus dem KZ Dormettingen, die am 24. April 1945 das Lager "Wüste 7" als illegales "schwarzes" KZ wieder eröffneten und deren Grausamkeiten sich nun auf alle richteten, die sie aus dem Umfeld und dem Umland des Unternehmens "Wüste" fassen konnten. Und einmal im Jahr kehren die letzten acht bekannten Überlebenden des Unternehmens "Wüste" zurück an den Ort des Schreckens. Am 20. April dieses Jahres konnte Michael Grandt ihnen sein fertiges Buch überreichen. Für ihn der erschütterndste Augenblick: "In diesem Moment wusste ich, egal ob dieses Buch jemand liest oder nicht, schon dafür hat sich die zweijährige Arbeit gelohnt."

Zum Weiterlesen:
Michael Grandt: Unternehmen Wüste. Hitlers letzte Hoffnung. Das NS-Ölschieferprogramm auf der Schwäbischen Alb. 224 Seiten Silberburg-Verlag Tübingen 2002, EUR 18,90

00:00 07.06.2002

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