„Bis hin zu Körperverletzung“

Gesundheitssystem Die Probleme begannen nicht mit Corona: Der Arzt und ehemalige DIVI-Präsident Uwe Janssens erzählt im Interview, wie die Ausrichtung der Kliniken auf Profit die Pflege zerstört hat
„Bis hin zu Körperverletzung“

Illustration: der Freitag

Die Corona-Zahlen steigen, auch Pflegekräfte infizieren sich mit Omikron, und der Expertenrat der Bundesregierung warnte vor einer Überlastung der Kliniken. Uwe Janssens war Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), hat Erfahrung als Intensivmediziner und berichtet von einer – seit Jahren – katastrophalen Situation.

der Freitag: Herr Janssens, wieso sind Intensivstationen noch immer so schnell am Limit?

Uwe Janssens: Der absolute Hauptgrund für die Bettenschließungen auf den Intensivstationen ist der Pflegepersonalmangel. In unserer DIVI-Befragung unter 643 erfahrenen Chef- und Oberärzten, die verantwortlich eine Intensivstation leiten, gaben drei Viertel an, dass das Pflegepersonal fehle.

Das weiß man ja schon länger ...

Zu lange hat man auf Virologen und Epidemiologen wie etwa den ehemaligen Experten der Weltgesundheitsorganisation Dr. Klaus Stöhr gehört, der sagte, die Krankenhäuser könnten das problemlos stemmen. Ich glaube nicht, dass er genaue Kenntnis von den tatsächlichen Belastungen auf den Stationen hat.

Wie sehr beeinflusst die Corona-Pandemie den Personalmangel?

Eine Mitarbeiterin aus der Pflege, die nach 45 Dienstjahren nun berentet wurde, sagte mir, die letzten 18 Monate in der Corona-Pandemie seien mit das Schlimmste in ihrem Berufsleben gewesen: die soziale Isolierung der Patienten, das dauernde Umkleiden, die ganze Art des Arbeitens, die völlig anderen Arbeitsabläufe, die strengen Hygienemaßnahmen, das stundenlange Arbeiten mit Maske. Für den enormen Stress im Gesundheitswesen im Zusammenhang mit Corona gibt es kaum Kompensationsmechanismen.

Welche wären das?

Wenn ein schwerer Unfall passiert, unterstützen Seelsorger und Unfallpsychologen die Rettungsteams bei der Aufarbeitung dessen, was sie da erlebt haben. In den Kliniken ist das oft nicht der Fall, es gibt auch kaum Finanzierung dafür. Viele sind frustriert, weil die Krankenhausrealität von der Politik nicht wahrgenommen wird.

Zur Person

Imago/Ipon

Uwe Janssens, Jahrgang 1960, ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin in St.-Antonius-Hospital Eschweiler, zuvor leitete er die Intensivstation an der Universitätsklinik Aachen. Bis 2020 war er Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)

Der Frust steigt also weiter an.

In den Kliniken müssen sich Pflegepersonal und Ärzte tagtäglich schrecklichen Bildern stellen. Sie gehen mit einem hohen Anspruch an sich selbst in die Behandlung, dass diese Patienten überleben werden. Sie behandeln nach dem Gleichheitsprinzip. Und dann verlieren sie auf den Intensivstationen die Hälfte der beatmeten Patienten, die sie bei ihrer wochenlangen Therapie begleitet haben.

Bei Omikron schießen die Zahlen in die Höhe. Wann und ob eine allgemeine Impfpflicht kommt, ist gerade offen ...

Bei der Diskussion um eine allgemeine Impfpflicht wurde zu lange der Grundsatz der persönlichen Freiheit über das Recht auf körperliche Unversehrtheit gestellt.

Sie haben am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler eine Impfquote von 98 Prozent erreicht, noch ohne Impfpflicht. Wie überzeugten Sie die Impfunwilligen?

Als Ende 2020 deutlich wurde, dass bald Impfstoffe zur Verfügung stehen, stellten wir an unserer Klinik fest, dass sich ein Teil des Pflegepersonals nicht impfen lassen wollte. Wir haben dann sehr viel zur hohen Schutzwirkung über den persönlichen Schutz hinaus aufgeklärt. Ich habe in Fortbildungen auf unsere Berufsethik hingewiesen und das persönliche Gespräch gesucht. Sie können aber mit nichts auf der Welt alle Impfunwilligen überzeugen.

Was hat es für den Arbeitsalltag bedeutet, wenn sich Gesundheitspersonal nicht impfen ließ?

Zum Teil haben wir ungeimpfte Ärzte und Pflegekräfte aus der Versorgung von abwehrgeschwächten Menschen, wie Tumorpatienten, rausgenommen. Wenn sich ein wesentlicher Teil der Mitarbeiter in einem Alten- und Pflegeheim nicht impfen lässt, dann ist das im Hinblick auf die bevorstehende Impfpflicht natürlich eine Katastrophe. Gleichzeitig empfinden viele Ärzte und Pflegekräfte es als eine berufsethische Verpflichtung, sich impfen zu lassen. Wenn ich schon nicht an mich selbst denke, dann doch wenigstens an die mir anvertrauten Personen, damit ich ihnen nicht schade.

Welche Folgen hat der Personalmangel, abgesehen von Überlastung? Wie groß sind etwa die Hygienemängel, durch die Menschen vermeidbar sterben?

Zu Beginn der Pandemie dachte ich noch, dass die Zahl der Krankenhausinfektionen aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen abgenommen haben müsste. Laut dem neuesten Barmer Krankenhausreport ist sie während der Corona-Pandemie aber noch gestiegen. Bis Ende 2020 hat es deutschlandweit 34.000 zusätzliche Infizierte und 1.300 weitere Todesfälle aufgrund von Krankenhausinfektionen gegeben. Dazu kommen Langzeitschäden, die dadurch entstehen, dass man die Versorgung zu lange und zu sehr auf Covid ausgerichtet hat. Dadurch ist vieles auf der Strecke geblieben: Vorsorgeuntersuchungen, die nicht gemacht wurden, OPs, die verschoben wurden.

Viele Pflegekräfte kehren ihrem Pflegeberuf nun den Rücken. Ein Heim in Schliersee, für das ein italienischer Großkonzern die Verantwortung innehatte, ist inzwischen geschlossen, weil Pflegebedürftige ausgezehrt und verhungert waren.

Das ganze Altenpflegeheim-System in Deutschland ist durchzogen von sogenannten Private-Equity-Investoren, die irgendwo im Ausland sitzen, ganze Pflegeheimketten aufkaufen und dabei enorme Gewinne machen. Es ist eine wirklich dramatische Entwicklung, die in letzter Konsequenz zu einer zunehmenden Unterversorgung der Bedürftigen führt. Die Politik ist diesem Thema bislang aus dem Weg gegangen und hat stattdessen gesagt: „Ach nein, wir haben eine freie Marktwirtschaft, da gibt es auch Private.“

Was entgegnen Sie dem?

Wir sollten uns daran erinnern, dass wir im Kern ein für alle zugängliches, solidarisch finanziertes Gesundheitssystem haben. Der in den letzten Jahren zunehmende Anteil privater Krankenhausträger – 2018 waren 37 Prozent der Krankenhäuser in privater Trägerschaft – wird unser Gesundheitssystem weiter von der ursprünglichen Grundidee entfernen. Und wenn in einem sozialen Gesundheitssystem die Krankenkassenbeiträge unter anderem dafür eingesetzt werden, international operierende Konzerne bei der Ausschüttung von Dividenden an die Aktionäre zu unterstützen, finde ich das mehr als bedenklich.

In Hessen wurden 2006 auch zwei Universitätskliniken, Marburg und Gießen, privatisiert.

Es ist aus meiner Sicht erschreckend, dass Universitätskliniken in Deutschland von einem privaten Konzern gekauft werden! Ich hoffe nicht, dass dieses Modell Schule machen wird. Kann so die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung gewährleistet werden? Der Deutsche Hochschulverband warnte bereits 2013, die Universitätsmedizin müsse als Teil der staatlichen Daseinsvorsorge öffentlich-rechtlich organisiert sein.

Welche Rolle spielen Städte und Kommunen bei der Organisation der Krankenhäuser?

Die städtischen Kliniken wurden nach und nach an private Konzerne verkauft. An Gesundheit soll jeder sein Auskommen haben, der hier Leistungen erbringt, aber man sollte mit Gesundheit keinen Gewinn machen, der sich nachher in börsennotierten Unternehmen widerspiegelt. Die neue Bundesregierung hätte jetzt die Chance, sich das Gesundheitssystem noch einmal vorzunehmen. Insbesondere das Abrechnungssystem der Krankenhäuser braucht dringend eine Reform. Die gesetzlich verankerte duale Finanzierung der Krankenhäuser funktioniert nicht.

Wieso nicht?

Bisher wurden Investitionskosten für Gebäude und Großgeräte durch die Länder getragen, während die Kosten für den Krankenhausbetrieb mit den Erlösen aus der Krankenversorgung bestritten werden. Doch die Länder haben sich aus der dualen Finanzierung nahezu komplett herausgezogen, weshalb die Kliniken, wenn ein Fenster kaputtgeht oder wir einen Hubschrauberlandeplatz brauchen, damit beschäftigt sind, die benötigten Mittel aus der Krankenversorgung herauszunehmen oder durch Einsparung bei Personalkosten sicherzustellen. Gerade in privaten Krankenhauskonzernen wurde beim Pflegepersonal über viele Jahre erheblich gespart. Das macht sich jetzt bemerkbar. Die Einführung von Pflegepersonal-Untergrenzen in einzelnen Bereichen ist ein erster und wichtiger Schritt zur Stärkung der Pflege.

2019 wurde das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz eingeführt. Von den Krankenkassen werden zusätzlich 13.000 Pflegestellen finanziert – Stellen, die doch zuvor wegrationalisiert worden waren?

Ja, richtig.

Die Bürger*innen helfen mit diesem Gesetz also börsennotierten Konzernen, ihre Gewinne zu maximieren?

Richtig. Das heißt, wir brauchen eine Änderung des Gesundheitssystems. Sie können aber nicht nur eine Sache ändern. Sie müssen das ganze System ändern, das ist ein gesellschaftlicher Prozess.

Die Kliniken nehmen vor allem durch Diagnostik und medizinische Interventionen Geld ein: Leistungen, die von Ärztinnen und Ärzten erbracht werden und nicht durch das Pflegepersonal.

Der sogenannten „sprechenden Medizin“, der intensiven menschlichen Betreuung, sind keine Abrechnungsziffern zugeordnet: Hier herrscht eine völlige Unterfinanzierung. Dabei sind diese Aspekte für eine ganzheitliche, patientenzentrierte Medizin unentbehrlich.

Führt dieser Zustand auch dazu, dass nicht notwendige Operationen durchgeführt werden – eine Magenresektion mehr, ein Kaiserschnitt mehr?

Das System der Fallpauschalen ist ein Anreizsystem und verleitet dazu, möglichst viele erlösrelevante Prozeduren durchzuführen. Entsprechend wurden Betten und Behandlungsfälle in lukrativen Bereichen gesteigert. Das Personal dafür aber fehlt. Ob diese Prozeduren allesamt Patienten nützen – das sollten andere beurteilen.

Wenn man in einen Körper eingreift, ohne dass dieser es braucht, handelt es sich doch um Menschenrechtsverletzungen.

Das ist überspitzt ausgedrückt, ich würde in so einem Fall eher von Körperverletzung sprechen. Wir sollten in Deutschland endlich verbindliche Regeln zur Überprüfung der Indikationsqualität einführen. Ein Eingriff sollte nur dann durchgeführt werden, wenn er zuvor vereinbarte, wissenschaftlich evidenzbasierte Kriterien erfüllt, das würde auf allen Seiten mehr Sicherheit schaffen. Wir haben in Deutschland in manchen Bereichen eine Tendenz zur Überversorgung. Ich führe doch keine Operation durch, wenn ich von vornherein sicher sein kann, dass der tatsächliche Nutzen für den Patienten überschaubar ist und möglicherweise ein Schaden auftritt.

Warum tun es viele trotzdem?

Die Arbeit in einem gewinnorientierten Konzern bedeutet, dass man sich als verantwortlicher und indikationsstellender Arzt in letzter Konsequenz den Konzernzielen unterordnen muss. Eine ärztliche Unabhängigkeit gibt es hier nicht, das liegt auf der Hand. Die Politik, auch die Gesellschaft sollten gemeinsam mit uns über den Sinn der Medizin diskutieren.

Welches System könnte hierbei ein Vorbild sein?

Länder in Skandinavien haben uns das längst vorgemacht. Hier wurden über Jahre in einem transparenten Dialog gemeinsame Konzepte dafür entwickelt, was ein Gesundheitssystem leisten kann und vor allem soll. In Deutschland herrscht weiterhin ungebremster und unkontrollierter Wettbewerb.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 25