Bis zum Äußersten mitbieten

ZUKUNFT DER TELEKOMMUNIKATION Wer eine UMTS-Lizenz ersteigert, kann für 20 Jahre mit einem stabilen Oligopol rechnen

Nur in seltenen Momenten finden Fragen der Technologiepolitik und der damit zusammen hängenden Infrastruktur-, Regulations- und Bildungsaufgaben die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit, und wenn sie es tun, dann driftet ihre Behandlung meist schnell zu ihren scheinbar spannenden, doch weit vom Kern liegenden Rändern ab. So etwa in Gestalt der aus dem Unternehmerlager vernehmbaren Aufforderungen an den Finanzminister, die Einnahmen, die aus dem Verkauf der Lizenzen für die Mobiltelefonnetze der dritten Generation zu erwarten sind, doch gleich wieder in Form von Steuerermäßigungen in ihre Taschen auszuschütten. In Großbritannien brachte die Lizenzversteigerung im vergangenen Monat 75 Milliarden DM. Kein Wunder, wenn manche Prognosen den Erlös aus der im Sommer dieses Jahres ausstehenden Versteigerung der Lizenzen - genauer: der Frequenzbänder für die Funknetze - in dem um 40 Prozent größeren deutschen Markt auf bis zu 120 Milliarden DM schätzen. Das sind immerhin 1.500 DM pro Kopf der Bevölkerung. Wenn auch der absurd hohe Kurs des britischen Pfunds gegenüber dem Euro die Lizenzsumme bei Umrechnung in Mark überzeichnet, so ist doch klar, dass es hier um viel Geld geht - und schon allein dieser Umstand beflügelt die Phantasie.

Zwei Fragen drängen sich in den Vordergrund. Erstens: Wohin mit dem vielen Geld? Zweitens: Woher bezieht der Staat die Rechtfertigung dafür, so viel Geld einzunehmen? Über den Verwendungszweck spekulieren alle, die sich eine Chance ausrechnen, die Antwort zu ihren Gunsten beeinflussen zu können. Die zweite Frage versuchen all jene populär zu machen, die zumindest vorläufig zu zahlen haben: die Telekommunikationsunternehmen, die sich um Lizenzen bewerben.

Der rhetorisch nie besonders verlegene Telekom-Chef Ron Sommer sieht hier einerseits eine Wettbewerbsverzerrung, da die Lizenzen, die hier teuer ersteigert werden müssen, in anderen Ländern, wie etwa in Frankreich und Spanien, als Prämie in einem "Schönheitswettbewerb" der Unternehmenskonzepte quasi verschenkt werden. In Deutschland dagegen seien die voraussichtlich zu zahlenden Summen eine schwere Hypothek auf eine der zentralen europäischen Zukunftstechnologien, für die am Ende die Kunden aufkommen müssten. In seltener Einmütigkeit stimmen ihm darin seine Kollegen von der Konkurrenz zu. Wie so oft sind Sommers interessengeleitete Interventionen zwar nicht unbedingt zustimmungsfähig, führen jedoch zum Kern der Sache. Zu fragen ist: Was verbirgt sich hinter der Rede von den Mobiltelefonsystemen der dritten Generation? Genauer: Welche Bedeutung haben sie für die europäische Telekommunikationsinfrastruktur einerseits und für die involvierten Industrien andererseits? Zunächst: Was waren beziehungsweise sind die Mobiltelefonsysteme der ersten und zweiten Generation?

Gemeinsam ist diesen Systemen das Merkmal, dass die Teilnehmer nicht unmittelbar miteineinander, sondern mit Funkstationen in Kontakt treten. Diese leiten die Verbindungsanforderung weiter ins Festnetz oder an die Funkstation, in deren Bereich sich der angerufene Teilnehmer aufhält. Die entsprechenden Bereiche heißen Zellen, weshalb man auch von zellulären Netzen spricht. Die auf analoger Technik basierenden Systeme der ersten Generation litten unter mehreren Schwächen: Unterbrechung der Verbindung beim Wechsel zwischen den Zellen, durch unterschiedliche nationale Standards bedingte Beschränkung auf einzelne Territorien, schlechte Dienstqualität bei niedriger Kapazität und hohen Kosten.

Mit den digitalen Systemen der zweiten Generation gelang nicht nur ein technischer, sondern auch ein wirtschaftlicher Durchbruch. Der seit 1982 entwickelte und 1991 umgesetzte europäische GSM-Standard - ursprünglich benannt nach der Group Spécial Mobile der CEPT (Conférence Européen des Administrations des Postes et des Télécommunications) und später umbenannt in Global System for Mobile Communications - ermöglicht nicht nur unterbrechungsfreie Verbindungen in akzeptabler Qualität und den grenzüberschreitenden Einsatz derselben Geräte, sondern erwies sich zudem als Exportschlager. Auch außerhalb Europas fand die GSM-Technik Akzeptanz. Abseits blieben nur Japan und die USA, die mit einer lückenhaften, technologisch fragmentierten und rückständigen Infrastruktur in der Mobiltelefonie gegenüber Europa lange das Nachsehen hatten.

Dass GSM ganz nebenbei die Milliardeninvestitionen eines Konsortiums um den US-Technologieriesen Motorola in das satellitengestützte Mobiltelefonsystem Iridium zum Jahreswechsel zu Schrott machte, sitzt manchem Investmentbanker an der Wall Street noch tief in den Knochen: Angesichts der Verbreitung von GSM-Systemen auch in der dritten Welt wollte niemand viel Geld für eine umständliche, neue Technik ohne erkennbaren Zusatznutzen ausgeben.

Die digitale Mobiltelefonie nach dem GSM-Standard erreichte innerhalb weniger Jahre eine Marktdurchdringung, die vor kurzem noch unvorstellbar schien. Es gibt Schätzungen, nach denen noch in diesem Jahr praktisch jeder zweite Bundesbürger zum Teilnehmer wird. Nicht der Laptop, wie manche technikbegeisterte Pädagogen sich ersehnen, sondern das Handy - die Bezeichnung ist ein genuin deutscher Neologismus, in der Schweiz heißt das Ding Natel, und in der englischsprachigen Welt versteht das Wort niemand - scheint zur Standardausrüstung der Schulkinder zu werden. Den entscheidenden Beitrag zu dieser Entwicklung leistete die Miniaturisierung der elektronischen Komponenten. Innerhalb eines Jahrzehnts wurde aus kiloschwerem Gerät das wenige Gramm leichte Handy. Entscheidend für die digitale Mobiltelefonie waren allerdings Fortschritte der digitalen Signalverarbeitung, und einer der größten Nutznießer des Mobilbooms ist mit Texas Instruments der führende Hersteller von digitalen Signalprozessoren.

Auch wenn die Europäische Kommission sich begierig an die Wiege drängte, um ihre Patendienste anzubieten, war GMS doch ein Produkt des alten Telekommunikationsregimes: Ein Projekt der nationalen Monopole, das vielleicht noch lange als Monument der technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Überlegenheit jenes heute als zurückgeblieben beargwöhnten Regimes in das neue Zeitalter der Liberalisierung hineinragen wird.

Unter dem Titel UMTS (Universal Mobile Telephone System) entwickelt die EG mit Partnern aus der europäischen Telekommunikationswirtschaft schon seit 1988 einen Nachfolger für den GSM-Standard. Die vom ETSI (European Telecommunication Standards Institute) begleitete Grundlagenforschung fand hauptsächlich im Rahmen des RACE-Programms der EG (Research and Development in Advanced Communications Technologies in Europe) statt. Zielsetzung des Projekts war zunächst die Integration aller Mobilfunkdienste in einem einzigen System - also neben dem bisher im Zentrum stehenden Sprachdienst auch der Funkruf-, der Kurznachrichten- sowie der immer wichtiger werdenden Datendienst. Die weiter reichende Perspektive hinter UMTS besteht jedoch in einem Mobilitätskonzept, das zur generellen Gleichwertigkeit von Mobil- und Festnetz führen soll. In diesem Rahmen sollen die Techniken der Mobiltelephonie und der schnurlosen Endgeräte für das Festnetz verschmelzen, um die generelle Erreichbarkeit mittels desselben Endgerätes unter einer einzigen Nummer zu ermöglichen. Breitbandige Daten- und Mediendienste sollen auch außerhalb des Festnetzes zur Verfügung stehen.

Das UMTS-Projekt stand von Anfang an in einem komplexen Spannungsfeld. Die Betreiber der GSM-Netze hielten sich zunächst zurück, um ihre Forschungs- und Entwicklungskapazitäten auf die Etablierung und Weiterentwicklung dieses Standards zu konzentrieren, und wohl auch, um ihre Investitionen in diese Technik und auch in die Festnetze, die viele von ihnen besitzen, nicht allzu schnell zu entwerten. Wohl auch aus diesen Gründen sah sich die EG gezwungen, den ursprünglich für 1995 angesetzten Einführungstermin auf die Zeit nach der Jahrtausendwende zu verschieben.

Zugleich konkurrierte das europäische UMTS-Projekt mit einem zielgleichen Vorhaben der ITU (International Telecommunications Union), auf das viele asiatische Länder setzten, allen voran Japan. Dies umso mehr, als die EG und das ETSI außereuropäische Interessenten ausschlossen, obwohl es sich dabei zum Teil um Länder und Unternehmen handelte, die bereits eine Entscheidung zugunsten europäischer Technik in Gestalt von GSM getroffen hatten. Die Federführung an die ITU abzugeben, waren die Europäer nicht bereit, da diese ihrer Meinung nach für ein so anspruchsvolles Vorhaben keine ausreichenden Ressourcen besaß. Nach langem Hin und Her erzielte man schließlich 1997 einen Kompromiss, der UMTS in den Rahmen des heute IMT-2000 (International Mobile Telecommunications) genannten ITU-Standards einfügte. Am Ende war aus UMTS ein Mantel für eine Reihe unterschiedlicher Standards geworden. Da unterschiedliche Spieler unterschiedliche Techniken favorisierten und die Betreiber von GSM-Netzen deren Übergang zur neuen Technik sicherstellen wollten, erklärte man einfach mehrere Konzepte zum Standard - mit der Folge, dass ein UMTS-Endgerät ein halbes Dutzend unterschiedliche Radioarchitekturen beinhalten und entsprechend teuer und störungsanfällig sein wird. Dazu kommt, dass UMTS auch zwei unterschiedliche Netzarchitekturen integriert: eine leitungsvermittelte für zeitkritische Sprach- und Mediendienste und eine paketvermittelte für Datendienste.

Im Jahre 2002 sollen die ersten UMTS-Netze in Betrieb gehen, doch vor 2006 oder 2007 ist nicht damit zu rechnen, dass auch nur 50 Prozent der Länderterritorien abgedeckt sind. Bis dahin werden die Betreiber nach Schätzungen von McKinsey europaweit Investitionen im Umfang von mehreren Hundert Milliarden DM in die Infrastruktur vornehmen müssen, was den Konzentrationszwang unter den Betreibern unweigerlich verstärken wird. Die sicheren Gewinner werden auf jeden Fall die Telekom-Ausrüster sein: Alcatel, Ericsson, Lucent, Nokia, Nortel, Phillips, Siemens und ihre Chiplieferanten.

Wie schnell sich die riesigen Investitionen rentieren, ist dagegen ungewiss. Grund genug für die Analysten der Investmentbanken und für die Rating-Agenturen, die Kreditwürdigkeit der Betreiber herabzustufen, das heißt ihre Kapitalkosten zu erhöhen. Wer eine oder gar mehrere teure Lizenzen ersteigert, wird umso kritischer unter die Lupe genommen. Die vielbesungenen Kapitalmärkte mögen eben keine langfristigen Investitionen in Technologie und Infrastruktur. Ron Sommer weiß das genau. Die Telekom trägt immer noch schwer an den Schulden, die sie für die deutsche Einheit machte: für den Ausbau der Netzinfrastruktur im Osten, damals noch auf Geheiß der Politik.

Ob sich der GSM-Erfolg wiederholen lässt, ist zweifelhaft. Denn die meisten Teilnehmer wollen zunächst nur telefonieren, und das geht mit UMTS nicht besser. Wieviele Teilnehmer die breitbandigen Daten- oder gar Mediendienste werden nutzen wollen, ist dagegen ungewiss, zumal eine flächendeckende Versorgung noch viele Jahre aussteht und auch die versprochenen Bandbreiten mit Fragezeichen zu versehen sind. Als Kunde steht zunächst wohl nur der harte Kern der professionellen Vielkommunizierer bereit. Zudem wird ab nächstem Jahr GPRS (General Packet Radio Service) verfügbar sein, das paketvermittelte Datendienste mittlerer Bandbreite ergänzend zum GSM-Standard anbietet.

Wie das Marktforschungsinstitut Forrester Research berichtet, zögern bisher die IT-Chefs in den Unternehmen, auf die neue Technik aufzuspringen. Wird GSM nach Iridium auch seinen Nachfolger zur Strecke bringen? Andererseits stellt die zunächst für 20 Jahre erfolgende Zuteilung von Frequenzen für den UMTS-Betrieb die Eintrittskarte in ein stabiles Oligopol dar, das bei Markterfolg nicht nur gute Rendite verspricht, sondern grundsätzlich über Dabeisein oder Nicht-Dabeisein entscheidet. Den großen Betreibern bleibt deshalb kaum eine Alternative. Sie müssen bis zum Äußersten mitbieten - egal, was die Kapitalmärkte denken.

Selbstverständlich zahlen am Ende die Kunden. Doch wer sich in naher Zukunft ein UMTS-Gerät leistet, gehört, wie die Inhaber von Betreiber-Aktien, sicher nicht zu den Benachteiligten. Dass sich der Staat gleich mal ein Stück von der zu erwartenden Wertschöpfung abschneidet, ist jedenfalls vertretbar, sofern er das Geld nicht gleich wieder privatisiert. Schließlich gewährt er exklusive Nutzungsrechte für einen Teil des elektromagnetischen Spektrums, einer der Allgemeinheit gehörenden, knappen Ressource.

00:00 19.05.2000

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