Achim Engelberg
20.10.2012 | 09:00 2

Bismarck war kein Magier

Verriss Jonathan Steinberg zieht in seiner Biografie zu Unrecht eine Linie vom ersten Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898) zu Hitler

Im September vor einhundertfünfzig Jahren ernannte König Wilhelm I. überraschend den 47-jährigen Otto von Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten und Außenminister. Bekanntlich vereinte Bismarck in seiner 28 Jahre langen Regierungszeit Deutschland und veränderte damit grundlegend das europäische Kräfteverhältnis. Zu diesem Jahrestag erscheint nun die deutsche Übersetzung von Jonathan Steinbergs Bismarck-Biografie, die in der englischsprachigen Welt viel Aufmerksamkeit erhielt.

Wahrlich, widersprüchlich ist dieser Otto von Bismarck gewesen: Öffentlich trat er stets in Uniform auf, doch nie diente er im Militär. Als Eiserner Kanzler zum Mythos geworden, schrieb er eine Prosa von lyrischer Zartheit und dramatischer Anschaulichkeit. Berüchtigt als Hassredner gegen die Revolutionäre von 1848, erreichte er ihr wichtigstes Ziel mithilfe einer Revolution von oben. Steinbergs Buch ist unterhaltsam geschrieben, und er weiß pointiert zu formulieren: „Otto von Bismarck hat Deutschland geschaffen, war aber nie sein Herrscher.“ Im Gegensatz zu Napoleon oder Friedrich den Großen konnte er entlassen werden, was 1890 eben auch geschah. Eine höchst seltene Konstellation für einen Geschichtsmächtigen dieses Kalibers.

Schiller und Shakespeare

Was das politische, intellektuelle und private Leben Otto von Bismarcks betrifft, sind für ein Standardwerk allerdings zu viele Aussagen zu bezweifeln, manche schlicht falsch.

1. Das intellektuelle Leben. Steinberg behauptet, dass Bismarck „ausschließlich Lyrik aus seiner Jugendzeit oder eskapistische Literatur“ las. Falsch. In seinen Briefen findet man immer wieder Bezüge auf die klassische und romantische deutsche Literatur wie auf die englische und französische. Besonders nah sind ihm Schiller und Shakespeare. Nach seiner Entlassung nimmt Bismarck sich vor, Schillers Dramen noch einmal in der Reihenfolge ihrer Entstehung zu lesen. Dabei sind klare Vorlieben zu erkennen. Bismarck liebte den Wallenstein, aber war kritisch bei Wilhelm Tell, weil der Titelheld Geßler brutal tötet. Er war angetan von Faust 1, weniger von Faust 2; und einmal schreibt er über einige Gestalten von Goethe wie Tasso oder Egmont, es wären „schwache weichliche, sentimentale Menschen, keine Männer wie bei Shakespeare“. Aus einigen Dramen von letzterem – Hamlet, Richard III. oder Macbeth – konnte er frei zitieren. Dadurch wird auch deutlicher, warum Otto von Bismarck einen so beeindruckend bildhaft-präzisen Stil besaß.

2. Das private Leben. Ihn einen Familientyrannen zu nennen, ist unzutreffend. Er war ein Mann, der, wie er schrieb, „in der Welt ein Heim suchte, das all die dürren Winde nicht erkälten“ und der seiner fürsorglichen Johanna wie seinen drei Kindern herzlich zugetan war. Sicherlich, ein tiefgreifendes Familiendrama ist die Auseinandersetzung mit seinem Sohn Herbert und dessen vorgesehener Heirat mit der Fürstin Elisabeth zu Carolath-Beuthen. Bestimmt zerstörte Bismarck hier eine Liebe, aber es geschah in einer extrem schwierigen Situation. Nur soviel: Otto von Bismarck brauchte damals, 1881, seinen Sohn als Sekretär und wichtigsten Mitstreiter, und dessen Erwählte kam nun einmal aus dem Lager der politischen Gegner. Darüber gerieten alle in schwere Konflikte, die nur mit Blessuren enden konnten. Zweifellos verschlimmerte der durch viele politische Intrigen misstrauisch und argwöhnisch gewordene Otto von Bismarck die Situation stärker als notwendig, aber mit Sicherheit war es nicht so, dass „die zerstörerischen Elemente der Charaktere von Otto und Johanna von Bismarck, sich gegenseitig verstärkend, zusammenwirkten und Herz und Gemüt ihres älteren Sohns brachen“.

Abschließend zu diesem Familiendrama heißt es bei Jonathan Steinberg apodiktisch: „Herbert starb, zum schweren Trinker geworden, 1904 im Alter von nur 55 Jahren, ein Opfer seines Vaters.“ Seiten später wird am Rande erwähnt, dass Herbert von Bismarck eine neue Gefährtin gefunden hatte, die er heiratete. Konnte man sich als Sohn Otto von Bismarcks nicht entziehen? Das Beispiel des jüngeren Sohnes Wilhelm zeigt, dass das möglich war. Dazu kommt noch etwas, was Herbert beeinflusste: Elisabeth zu Carolath-Beuthen war zehn Jahre älter und zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung 42 Jahre alt. Gerade bei Adelsfamilien aber spielt die Frage der Nachkommen traditionell eine existenzielle Rolle, und beim damaligen Stand der Medizin wäre eine so späte Schwangerschaft höchst problematisch gewesen. Aus der Ehe mit Gräfin Marguerite Hoyos gingen immerhin fünf Kinder hervor. Auch hier gibt es also rationale Erklärungen, die Jonathan Steinberg unterschlägt.

Genauer Beobachter

Verursacht sind zahlreiche Fehler im Buch dadurch, dass Steinberg eine windschiefe politische Konstruktion wählte: Zuerst wird Otto von Bismarck als „eine der größten politischen Gestalten aller Zeiten“ aufgebaut, um ihn anschließend gnadenlos zu demontieren und in der Schlussbetrachtung als eine „unheilvolle politische Figur“ zu präsentieren. Steinberg behauptet sogar, dass eine „gerade, direkte Linie von Bismarck zu Hitler“ führt. Um sie dem Leser nachvollziehbar zu machen, wird Otto von Bismarck nicht als einfach widerspruchsvolle, sondern – so wörtlich – „gestörte“ Persönlichkeit vorgestellt. Dabei kontrastieren manche Passagen geradezu, anfangs wird noch Bismarcks Schiller-Begeisterung erwähnt, im letzten Drittel des Buches läuft das nur unter „eskapistischer Literatur“.

Für Bismarcks unabweisbare Geschichtsmächtigkeit – er begann schließlich seine Regierungstätigkeit als Ministerpräsident eines Staates von mittlerer Bedeutung, und als er sein Amt aufgeben musste, war sein Land das leistungsstärkste des Kontinents – nutzt Jonathan Steinberg zahlreiche irrationale Erklärungen. So lautet ja der Untertitel „Magier der Macht“. Gewiss, Otto von Bismarck besaß wie fast jeder wirkmächtige Politiker eine starke Ausstrahlung und etwas Inkommensurables, was ihn immer wieder reizvoll für Biografen macht. Aber nicht als Zauberer, sondern als genauer Beobachter und Analytiker der Verhältnisse vermochte er diese zu verändern und setzte durch, was in einer entscheidenden Phase der europäischen Geschichte möglich war. In einer Epoche von Staatsbildungen, man denke nur an die italienischen Einigungskriege ab 1859, schuf er durch drei Kriege ein vereintes Deutschland unter Ausschluss Österreichs und verschob entscheidend die Kräfteverhältnisse in Europa. Hier liegt seine Größe und auch eine Tragik, da die Entwicklung des politisch wie wirtschaftlich neu strukturierten Kontinentes in das Katastrophenzeitalter 1914-45 mündete.

Es stimmt nicht, wenn Jonathan Steinberg behauptet, Otto von Bismarck hätte, ohne an die Folgen zu denken, den Antisemitismus benutzt, so dass dieser „und sein antiliberales Gift (...) gleichsam in den deutschen Blutkreislauf“ gelangten. Wenige antisemitisch zu deutende Bemerkungen Otto von Bismarcks werden in dieser Biografie in unangemessener Weise überhöht, um eine Vorläuferschaft zu Hitler zu bewerkstelligen. Nicht die „rassische“ Frage, sondern die soziale, die „alle Regierungen schaudern“ (Bismarck) macht, trieb ihn nach der Reichsgründung an. Er versuchte sie durch die Peitsche des Sozialistengesetzes und das Zuckerbrot seiner Sozialgesetzgebung zu beantworten.

Es gibt allerdings personelle Verbindungen, die bis zu den Nazis reichen, immerhin waren etliche seiner Nachfahren zumindest am Anfang von Hitler angetan und dieser suchte deren Nähe, andere erkannten aber auch deutlich das Verbrecherische dieses Regimes.

Sicherlich spielte die militaristische Tradition eine Rolle. Auch der Bismarck-Mythos, als Sehnsucht nach einer genialen Führergestalt, an die viele Deutsche nach dem verlorenen Weltkrieg und der Wirtschaftskrise glaubten, half Hitler an die Macht.

Es war jedoch Otto von Bismarck, der vor aufkommenden Gefahren warnte. Bis kurz vor seinem Tod 1898 riet der Altkanzler angesichts der aggressiven wilhelminischen Weltpolitik, Deutschland solle sich in keine überseeische Unternehmungen einlassen, wenn dadurch Konflikte mit anderen Großmächten entstünden. Man wäre nun „satt“, meinte er. Einen größeren Gegensatz zu Hitler kann es kaum geben.

Bismarck – Magier der Macht Jonathan Steinberg Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter Schmidt, Propyläen 2012, 752 S., 29,99 €

Von Achim Engelberg erschien zuletzt Die Bismarcks – Eine preußische Familiensaga vom Mittelalter bis heute (Siedler Verlag, zusammen mit Ernst Engelberg)

Kommentare (2)

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Ehemaliger Nutzer 20.10.2012 | 18:42

Es führt ein Linie von Bismarck zu Hitler. Natürlich nicht zu der idiotisch-kriminellen Rassenpolitik der Nazis, aber zu Hitlers Krieg.

Das militärische "Riesenspielzeug", das Deutsche Reich hat doch wohl Bismarck geschaffen. Der lockere Deutsche Bund des nachnapoleonischen Zeitalters war eher ein Schwamm als ein sich zum Sprung duckender Tiger...

Bismarck hat die nachnapoleonische Friednsordnung in Europa doch zerstört. Übrigens nicht nur durch Einigung Deutschlands (Einigung wozu nochmal?), sondern auch durch dessen Spaltung (Österreich).

Und natürlich war Bismarck, gewissermaßen mit Blick auf seine Handwerkskiste, der fähigste Diplomat, den das 19. Jahrhundert gesehen und die Deutschen wohl jemals hervorgebracht haben. Allerdings hat er trotz seiner Fähigkeiten etwas zutiefst ambivalentes geschaffen. Das Deutsche Reich mit seiner "unglücklichen Größe", wie Sebastian Haffner das genannt. Dessen Deutung "Von Bismarck zu Hitler" sei empfohlen.

s0cialliberalism 21.10.2012 | 12:57

Eins muss man bedenken: Damals waren Gesellschaften militaristischer. Vorallem die preußisch-deutsche. Aber auch in Frankreich und anderen Ländern sind die Leute z.B. vorm Beginn des ersten Weltkrieges alle voller Enthusiasmus in die Rekrutierungsbüros gerannt und wollten unbedingt kämpfen. Das ist etwas, was für uns heute kaum vorstellbar ist.

Und wenn der Militarismus der gemeinsame Nenner von Bismarck und Hitler ist - nun, dann ist es keiner. Dann kann ich auch Karl den Großen oder Friedrich I in die gleiche Tradition stellen. Oder George W. Bush. Oder Romney, der will ja das US-Militär-Budget um 2 Billionen US Dollar erhöhen.