Blaue Briefe für rotes Tuch

Welttextilhandel Auch wenn die USA lautstark gegen die chinesischen Exporte protestieren - die wahren Leidtragenden leben in Bangladesch und Sri Lanka

Die 20-jährige Farida war Textilarbeiterin in der Nähe von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Dort arbeitete sie für 35 Euro im Monat. Für dortige Verhältnisse nicht schlecht. Im Frühjahr hat Farida, die jetzt auf den Strich geht, ihren Job verloren. Ihre Fabrik musste schließen, weil die WTO das Welttextilabkommen hat auslaufen lassen. Besondere Exportkontigente, die kleine Länder begünstigten, gibt es nun nicht mehr. Damit stehen fast der gesamte Außenhandel von Bangladesch und mit ihm eine Million Arbeitsplätze zur Disposition, denn 95 Prozent der Exporte sind Textilien.

Bei der italienischen Edelfirma Luciano Barbera ist Franco Mercandino für die Qualitätssicherung zuständig. Wie lange noch? "China macht uns Angst", räumt er ein. "Die Chinesen produzieren zu völlig anderen Bedingungen, nicht nur was die Löhne, auch was die Qualität angeht", beschwert sich Franco in seinem Großraumbüro.

Beide, die Textilarbeiterin aus Bangladesch und der Textilmanager aus Italien, haben scheinbar nicht viel miteinander zu tun. Und doch haben sie mit den Folgen desselben Phänomens zu kämpfen, der fortschreitenden Liberalisierung, die im Moment vor allem die Unternehmen der Volksrepublik China begünstigt. Schon heute kommt ein beträchtlicher Teil der Weltbekleidung aus China. Seit Januar 2005 sind nach einer Citibank-Studie die Textilexporte in die Europäische Union um 48 Prozent, in die USA um 89 Prozent gewachsen. Auch wenn sich EU-Handelskommissar Peter Mandelson und der chinesische Handelsminister Bo Xilai vor kurzem auf eine zehnprozentige Erhöhung der Exportzölle geeinigt haben, bleibt China der Gewinner der Marktöffnung. Die WTO hatte andere Länder schon lange vor dem zu erwartenden Schock gewarnt.

Nachteile erleiden vorrangig arme Länder wie Bangladesch, Kambodscha oder Madagaskar, die von der Zuteilung von Kontingenten profitiert hatten. Das ist jetzt anders. Auch beim Preiswettbewerb können diese Staaten mit der Volksrepublik nicht mithalten, weil die Chinesen die gesamte Produktionskette beherrschen: von den Fasern bis zum Design. Außerdem haben die chinesischen Fabriken massiv in moderne Textiltechnik investiert. Seit Mitte der neunziger Jahre wurde jeder zweite weltweit produzierte Webstuhl im Reich der Mitte aufgestellt. Ein weiterer Vorteil für China ist die schiere Größe. Alles was die großen Konzerne begehren - China kann es liefern.

Dazu kommen noch Logistikprobleme von Ländern wie Bangladesch: der Hafen von Chittagong gilt als einer der langsamsten der Welt. Der Einkäufer eines deutschen Unternehmens erhält Ware aus Bangladesch in 90 Tagen, aus China in 25 bis 30 Tagen. Das spielt bei der auf kurzfristige Moden ausgerichteten Textilindustrie eine sehr große Rolle. So berichtet Ingeborg Wick vom Südwind-Institut, dass seit Januar 2005 in Kambodscha 20 Textilbetriebe geschlossen und 26.000 Beschäftigte entlassen wurden. In Sri Lanka sind 46 und in Guatemala 18 Fabriken aufgegeben worden. Von den Kompensationen, die Südwind fordert, ist bisher nichts angekommen.

Doch auch in Europa seien Jobs bedroht, betont die europäische Vereinigung der Textilindustrie (Euratex): in Deutschland 5.000 von 140.000 Arbeitsplätzen, in Portugal sogar 100.000 Jobs. Der österreichische Unternehmer Dionys Lehner von Linz Textil nennt das einen "Tsunami" und schürt damit rassistische Ängste. Die Doppelmoral, die hinter solchen Äußerungen steckt, wird wiederum von China benannt: Die Industrieländer wollen den Freihandel, wenn er ihnen Vorteile bringt, betont Handelsminister Bo. Aber wenn sie ihre Interessen bedroht sähen, schotteten sie ihre Märkte ab.

Jenseits des eher verlogenen Streits über Freihandel und Protektionismus kritisiert die Kampagne Saubere Kleidung die frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen in der chinesischen Textilindustrie: wöchentliche Arbeitszeiten von 60 bis 80 Stunden für die größtenteils weiblichen Arbeiterinnen, unbezahlte Überstunden, fehlender Arbeitsschutz, bewachte Toilettengänge, keine Erlaubnis für Arztgänge und vorgeschriebene Schwangerschaftstests. Doch auch dort lassen sich laut China Labour Bulletin mittlerweile die Beschäftigten nicht mehr alles gefallen: es mehren sich die Streiks und die spontanen Protestaktionen. Dass es hinreichend Spielräume gäbe, für menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu sorgen, zeigt das Beispiel der Nike Trikots für die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft. Sie werden weltweit in Sport-Shops angeboten und kosten nicht selten mehr als 50 Dollar. Pro Stück verdienen die chinesischen Arbeiterinnen gerade mal 13 Cent.



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00:00 08.07.2005

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