Blendwerk

Revolution als Farbenlehre Erst Rosen in Georgien, dann Orange in der Ukraine - jetzt Safran in Birma

Ungewohnte Bilder aus dem ansonsten eher introvertierten Birma - Tausende buddhistischer Mönche zogen während der vergangenen Woche protestierend durch Rangun und das geistliche Zentrum Mandalay. Als sich ihnen die Bevölkerung anzuschließen begann, ließ die regierende Junta keinen Zweifel, dass sie auch künftig das Land in Schach halten will.

Seit Ende September firmieren die Proteste in Rangun und Mandalay unter dem Label "Safran-Revolution" und werden mit dem Serien-Logo "Farbrevolution" versehen. Das heißt, die zumeist jungen Mönche der bislang unbekannten All Burma Buddhist Monks Association geraten in die Nähe jener Demokratieaktivisten, die im Herbst 2000 in Belgrad Slobodan Milosevic stürzten und das Strickmuster für einen Typ des Umbruchs prägten, der bald darauf als "Rosen-Revolution" in Georgien wie "Orange Revolution" in der Ukraine Wiedergänger finden sollte.

Zu den wichtigsten Medien, die derzeit über die Lage in Birma berichten, gehören der Sender Democratic Voice of Burma und die Zeitung (auch als Internetportal präsent) The Irrawaddy, alimentiert von der Soros-Stiftung und der in den USA beheimateten National Endowment for Democracy, die bei den anderen "Farbrevolutionen" gleichfalls als Sponsoren in Erscheinung traten. Was keinesfalls suggerieren soll, die Revolte in Birma sei aus dem Ausland gesteuert. Wer zuletzt mit Menschen aus diesem Land gesprochen und etwas von ihrer Verzweiflung gespürt hat, weil die ökonomische Krise ein soziales Desaster auszulösen drohte, der begriff schnell: Sie würden eines Tages mit dem Mut der Verzweiflung auf die Straße gehen.

Nur leider verengt der Begriff "Safran-Revolution" die Analyse, weil damit der Konflikt in übertriebener Weise personalisiert und seine soziale Dimension ausblendet wird. Der Protest von Rangun lässt sich eben nicht auf eine Kraftprobe zwischen der Junta um General Than Shwe und der "Ikone der Demokratie", Aung San Suu Kyi, reduzieren. Wer sich darauf einlässt, abstrahiert von den strukturellen Bedingungen, die es den Militärs ermöglichen, seit 1962 die Macht zu behaupten. Für Birma hat sich das autokratische Regime als spezifische Regierungsform eines Landes an der globalen Peripherie erwiesen. Parallelen zu Staaten in Afrika sind kaum zu übersehen - man denke an die kleptomanische, nationale Ressourcen in gleicher Weise okkupierende Herrschaft des 1997 gestürzten Diktators Mobutu im ehemaligen Zaire (heute Demokratische Republik Kongo).

Das Raster "Farbrevolution" läuft daher auf eine Umdeutung des Aufruhrs hinaus: Es wird so der Eindruck vermittelt, bei den Demonstrationen sei es weniger um wirtschaftliche Forderungen, wie eine Rücknahme von Preiserhöhungen, gegangen, als vielmehr um politische Ansprüche wie innere Demokratisierung und Garantie von Freiheitsrechten. Unter der Überschrift: Die Politik - nicht die Erhöhung der Preise - steht hinter den Protesten überschrieb Aung Zaw, Herausgeber des eingangs erwähnten The Irrawaddy, bereits Ende August einen Kommentar über die Proteste von Rangun, bei denen häufig Bilder von Aung San Suu Kyi zu sehen waren. Zitat Irrawaddy: "Aung San Suu Kyi [...] hat mit Benzinpreisen nichts zu tun. Die Demonstrationen sind eine Manifestation des Kampfes um Freiheit."

Auch bei der Darstellung im Ausland ist der Subtext eindeutig: Die ökonomische Malaise sei auf "Bad Governance" und einen halbherzigen Übergang zur Marktwirtschaft zurückzuführen. Das Militär habe seit der 1988 erfolgten Abkehr vom "burmesischen Sozialismus" keine wirkliche Liberalisierung betrieben, sondern kontrolliere über Staatsfirmen weiterhin die Wirtschaft und die Investitionen aus dem Ausland. Erst im Frühjahr hatte die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) mit Blick auf die Landwirtschaft Birmas gemahnt, es sei nötig, "von administrativen Maßnahmen in Form von Preiskontrollen" abzurücken und sich mehr "auf marktbasierte Mechanismen zu verlassen". Die Demonstranten, die aus Zorn über erhöhte Benzinpreise rebellierten, wandten sich damit zugleich gegen Reformschritte, mit denen das Regime Erwartungen von außen bedient, Subventionen abgebaut und den Benzinmarkt liberalisiert hat.

Mit anderen Wort, als weitere "Farbrevolution" wird der Aufstand von Rangun letzten Endes seines sozialen Inhalts beraubt und für ein politisches Projekt vereinnahmt, das zu sehr viel radikaleren Wirtschaftsreformen führen kann als den bisher von der Junta dekretierten. Bestenfalls mündet die "Safran-Revolution" in einen Regierungs-, keinen Regimewechsel, der die gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso konserviert wie seinerzeit in Georgien und in der Ukraine.

Der Autor arbeitet am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn.


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