Milena Oda
02.07.2009 | 17:20

Böhmen liegt an Meeren

Europa Die Schriftstellerin Milena Oda nimmt Abschied von der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft und begrüßt den Beginn der schwedischen: Ahoj!

Für Shakespeare lag das zauberhaft erträumte Land Böhmen einst am Meer. Nun liegt es an mehreren Meeren. Die Phantasie liegt nah am Dichten und die Realität liegt zu Füßen der Dichter. Unbekümmert mischte Shakespeare Zeiten und Orte. Und dass Böhmen am Meer liegt, ruft heutzutage eine ästhetische Vorstellung hervor und hat eine lyrische Dimension.

Shakespeare inspirierte mit seinem Werk viele Dichter, und stiftete damit auch einige poetische Verwirrungen wie in seiner Romanze Das Wintermärchen. Mehrere Schiffe landeten an der Küste Böhmens - einer öden Gegend mit zahlreichen entlegenen Orten, Bohemia. A desert country near the sea, die für ihre Raubtiere berüchtigt ist, die aber auch als sehr schön beschrieben wird.

Goethe dagegen vermutet in seinem Aufsatz Zur Geognosie und Topographie von Böhmen ein Meer in Böhmen: „Wir haben die Einbildungskraft bis zu jener Zeit zurück zu führen, wo das Böhmische Binnenmeer bis an den Fichtelberg reichte und dort, mit Vor- und Zurücktreten, gar manche, jetzt reichlich fruchttragende Flächen bildete.“

Auch der zeitgenössische tschechische Schriftsteller Jáchym Topol erdichtet ein Meer in seinem letzten auf Deutsch erschienen Roman Zirkuszone. Einer der Helden verrät ein Geheimnis: „Im hiesigen Gebiet wird ein langgehegter Traum des tschechoslowakischen Volkes Wirklichkeit: Hier entsteht ein Meer. Hier entsteht das Böhmische Meer, ein Geschenk des sowjetischen Volkes an das tschechoslowakische Volk. Es wird hier ein zweiter mitteleuropäischer Balaton, verkündet Peter, und dass eben deswegen die Hauptingenieurstätigkeit von den ungarischen Genossen ausgeführt wird, mit ihren vielen Binnenlanderfahrungen. Ein Großteil der Bevölkerung ist schon evakuiert.“ Ein Binnenland mit einem eingebauten Meer, das wäre bestimmt eine Herausforderung für die Europäische Union.

Land der Hoffnung

Jedoch – ob Böhmen am Meer oder das Meer in Böhmen ist, bleibt wieder für den österreichischen Dichter Christoph Wilhelm Aigner unbestritten. Er weiß, dass Böhmen nicht am Meer, sondern an Mähren liegt. In seiner Lyrik, die er zum Teil auch dem mährischen Dichter Jan Skácel aus Brünn widmet, kann sich der Dichter C. W. Aigner Böhmen ohne Mähren nicht vorstellen. Und die poetische Aussage von Ingeborg Bachmann in dem Gedicht von 1964 Böhmen liegt am Meer, das sich unmittelbar auf Shakespeares Romanze bezieht, als Bachmann die Tschechoslowakei besucht, "ist gerichtet an alle Menschen, weil es das Land ihrer Hoffnung ist, das sie nicht erreichen werden."

Haben wir unsere Hoffnung erreicht? Ich glaube schon, sogar auch die poetische Vision Shakespeares ist erfüllt worden. Es hat 400 Jahre gedauert, bis die politische Vision die poetische eingeholt hat. Da Böhmen und Mähren in der Europäischen Union sind, umgeben uns jetzt mehrere Meere, Seen und noch ein Ozean. Und dort begrüßen wir alle auf unsere Art und Weise mit: Ahoj!

Damit legitimieren wir uns beim Ankommen und beim Abschied überall als Seefahrtnation. Das fröhliche Ahoj gefällt vielen – ein Signalwort für die Romantik der wilden Meereswellen und unendlichen Ozeantiefen. Es regt die Phantasie gerade dann an, wenn man sich inmitten der Großstadt Prag am ruhigen Fluss Moldau befindet und überall Ahoj hört!

Aber warum diese rätselhafte Poetik von Böhmen am Meer? Dafür habe ich zwei Interpretationen. Eine ist die historische Tatsache, von der Shakespeare wissen konnte: Einst näherte sich der Machtbereich mehrerer Könige von Böhmen in kurzen historischen Momenten bis auf wenige Dutzend Kilometer den Meeresküsten: Unter Karl IV. (im 14. Jahrhundert) durch den Erwerb der Mark Brandenburg der pommerschen Ostseeküste und unter Ottokar II. Přemysl (im 13. Jahrhundert), der die Länder bis zu der triestinischen oder slowenischen Adriaküste besaß.

Die andere Interpretation entspringt meiner Vorstellung, dass zur Zeit Shakespeares bestimmt in England böhmische und mährische Wanderer umherzogen und sich gegenseitig und die Einheimischen mit Ahoj begrüßten. So konnte es Shakespeare glaubwürdig vorkommen, die Böhmen alias Bohemians müssen wohl ein Meer wie die Deutschen haben, wenn sie sich mit dem Seemanngruß Ahoj anreden!

Ein mystisches Meer

Ahoj kommt in der deutschen Seemannssprache schon im 13. Jahrhundert auf; in England dagegen verbreitet sich der See-Gruß erst im 18. Jahrhundert. Ein Dichter wie Shakespeare dichtet mit dem Volk und nicht mit Büchern und forscht nicht nach, was zum Beispiel die Karte "Germania" von Abraham Ortelius verrät. Umso schöner ist jetzt für uns das mystische Meer, das im Zentrum Mitteleuropas weit und breit nicht zu entdecken ist. „Mehr als Meer“, so wieder heißt mein eigenes Theaterstück. Man entdeckt die Sucht der Sehnsucht nach immer mehr Meer.

Zum Schluss bohemisch mit böhmischem Ahoj und gewiss: Böhmen liegt an Mähren und Meeren. Die Schweden haben die Ratspräsidentschaft übernommen – für sie ist das Meer so normal, wie wieder für uns das Ahoj. Nun, wir sprechen das prickelnde Ahoj aus und die Schweden begeben sich zu neuen Ufern auf ihrem Meer bis zum Binnenland!
 

Milena Oda, geboren 1975 in Stara Paka. Lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie schreibt Prosa, Theaterstücke und Lyrik. Zuletzt erschien von ihr bibliophiles Kunstbuch Piquadrat im Dresdner Verlag Buchenpresse.