Bombodrom im Südpazifik

Absurdität oder Logik einer Weltordnung? Ein von 175 Staaten unterzeichneter Teststopp-Vertrag verbietet alle Nuklearexplosionen - aber er liegt auf Eis

Das nukleare Wettrüsten brachte die Menschheit an den Abgrund der Selbstvernichtung und verschlang riesige Ressourcen. Weniger bekannt ist, dass bereits die jahrzehntelange Erprobung von atomaren Massenvernichtungswaffen bis in die Gegenwart hinein unzählige Opfer fordert. Die Langzeitwirkungen der bis heute insgesamt 2.176 Nukleartests sind verantwortlich für Leber- und Magenkrebs, Leukämie, für Fehl- und Totgeburten, genetische Schäden und Erbkrankheiten.

Einen makabren Höhepunkt erreichte das Atomwaffenzeitalter am 1. März 1954 mit "Bravo", einem mit diesen Code bezeichneten Wasserstoffbombentest der US-Armee, der an jenem Tag auf dem Bikini-Atoll im Südpazifik stattfand. Der Versuch entwickelte eine Vernichtungskraft von 15 Megatonnen, das Siebenhundertfünfzigfache (!) der über Hiroshima im Sommer 1945 abgeworfenen Atombombe, die 200.000 Menschenleben ausgelöscht hatte. Der unvorhergesehen nach Südost drehende Wind trieb die radioaktive Wolke direkt über die benachbarten Marshall-Inseln Rongelap, Rongerik und Utirik hinweg und verursachte bei deren Bewohnern schmerzhafte Verbrennungen. Heute weiß man, frühestens 2010 wird Bikini wieder bewohnbar sein, das Spaltprodukt Cäsium 137 verseucht noch immer Boden, Grundwasser und Pflanzenwelt.

Bis zur Jahrhundertwende starben 430.000 Menschen allein an den Strahlenfolgen oberirdischer Kernwaffentests - insgesamt wird mit 2,4 Millionen Opfern gerechnet

Die Atomacht Großbritannien hatte im März 1952 damit begonnen, Kernsprengsätze auf den Monte-Bello-Inseln in Australien und den Christmas Islands zu testen, musste aber nach heftigen Protesten wegen des nuklearen Fallouts bei weiteren Versuchen auf das amerikanische Testgelände im Bundesstaat Nevada ausweichen.

Die Sowjetunion zündete im Oktober 1961 den größten atomaren Sprengsatz aller Zeiten mit einer Explosionsstärke von 58 Megatonnen. Nach Angaben der Akademie der Wissenschaften Kasachstans haben derartige Atomtests über einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren die Regionen Semipalatinsk, Pavlodar, Ost-Kasachstan und Karaganda hochgradig kontaminiert. Dabei waren mehr als eine Million Menschen atomarer Verstrahlung ausgesetzt. Die Sterblichkeitsrate in den genannten Regionen ist heute noch zweieinhalb mal höher als anderswo in Kasachstan.

Frankreich begann seine Atomversuche einst in Algerien, um sie später auf den Pazifikinseln Moruroa und Fangataufa fortzusetzen, was zu unermesslichen Langzeitschäden führte. Die Testinseln verkamen zu einer radioaktiven Mülldeponie und wurden durch Erdrutsche und Bodenabsenkungen entstellt. Verseuchtes Grundwasser sickerte in den Stillen Ozean - Tausende Bewohner, die einst auf dem Testgelände arbeiteten, sind verstrahlt. Die Vereinigung der Atomtestopfer Moruroa e Tatou (Wir sind Moruroa) fordert vom französischen Staat für die Geschädigten zumindest eine kostenlose medizinische Behandlung sowie Entschädigungen und Pensionen für die Hinterbliebenen. Bisher ohne Erfolg. China seinerseits erprobte seine Nuklearwaffen noch bis 1996 auf dem Lop-Nor-Gelände in der Wüste Gobi.

Überall gehören besonders die Ureinwohner der Testgebiete zu den Opfern: Die Maori und Malayos in Mikronesien und Polynesien, die Tschuktschen auf den Nordmeerinseln von Nowaja Semlja, die Berber in der Sahara, die Uiguren in Sinkiang oder die Schoschonen in Nevada. Nach Angaben der Organisation Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) wird jeder jetzt und in den nächsten 10.000 Jahren lebende Mensch von Nukleartests herrührende radioaktive Elemente in sich tragen, die das Krebsrisiko erhöhen. Bis zur Jahrhundertwende starben 430.000 Menschen allein an den Strahlenfolgen oberirdischer Kernwaffenversuche - insgesamt wird von 2,4 Millionen Testopfern ausgegangen.

Zwar wurde 1963 zunächst ein Teilteststoppvertrag geschlossen, der oberirdische Versuche ebenso wie Nukleartests im Weltraum und unter Wasser verbot - doch es dauerte noch einmal drei Jahrzehnte, bis 1996 ein Vertrag über einen umfassenden Teststopp geschlossen werden konnte. Dieses Abkommen haben zwischenzeitlich 175 Staaten unterschrieben und 120 davon bereits ratifiziert, dennoch ist es bislang nicht rechtswirksam, weil elf der 44 Länder fehlen, die potenziell über das technische Know-how zum Bau von Kernwaffen verfügen und deren Zustimmung Voraussetzung für das Inkrafttreten ist.

Dem Teststopp-Vertrag bisher nicht beigetreten:
Die Atomstaaten China, USA, Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea
sowie Ägypten, Indonesien, Iran, Kolumbien und Vietnam

Ungeachtet der Verzögerung entsteht in Wien die künftige Kontrollinstanz Comprehensive Test Ban Organization (CTBTO) mit einem Jahresbudget von bislang 105 Millionen Dollar. Sie basiert auf der Konferenz aller Vertragsstaaten, dem 51 Mitglieder umfassenden Exekutivrat und einem Technischen Sekretariat mit Internationalem Datenzentrum. Seit Beginn ihrer Tätigkeit am 17. März 1997 haben die 265 Mitarbeiter mit den Vorarbeiten zur Kontrolle des Testverbots Beeindruckendes geleistet. Sie errichteten ein Netzwerk von insgesamt 337 Beobachtungsposten, das den gesamten Erdball komplett abdeckt. Mehr als die Hälfte dieser Stationen kann schon jetzt Bodenerschütterungen registrieren und von natürlichen Erdbeben unterscheiden. Satelliten übermitteln die Informationen zum Internationalen Datenzentrum, das sie gespeichert, analysiert und an sämtliche Vertragsparteien übermittelt. Das Weltraum gestützte Globale Kommunikationssystem lieferte zudem mehr als 100.000 detaillierte Angaben über Erdbeben, Vulkanausbrüche, Bergwerksunglücke, Flugzeugzusammenstöße sowie auffällige Umwelt- und Wettererscheinungen. Auch der Ausbruch des verheerenden Tsunami, der Ende 2004 Südostasien heimsuchte, wurde von den Beobachtungsstationen innerhalb weniger Minuten registriert.

Nach acht Jahren erfolgreicher Tätigkeit muss nun allerdings Wolfgang Hoffmann, der Leiter des Technische Sekretariats, auf Druck der USA gehen. Zu engagiert scheint sich der deutsche Diplomat für den Vertrag eingesetzt zu haben. Anfang August wird Tibor Toth aus Ungarn die Leitung in Wien übernehmen und um seine Mission nicht zu beneiden sein - obwohl die technischen Vorkehrungen zur Kontrolle eines globalen Testverbots geschaffen sind, bleibt fraglich, ob das Abkommen je in Kraft tritt.

In den USA stehen nach einem 13-jährigen Moratorium die Zeichen deutlich auf Wiederaufnahme der Testexplosionen. Zwar hatte der damalige Präsident Clinton das Versuchsverbot einen "gigantischen Schritt vorwärts" genannt, als er am 24. September 1996 als erster Staatsmann den Vertrag unterzeichnete. Doch vor sechs Jahren lehnte der Senat in Washington die Ratifizierung ab, und die Bush-Administration rührte bisher keinen Finger, um eine erneute Abstimmung anzusetzen. Der amerikanische UN-Botschafter votiert regelmäßig gegen Resolutionen zum Testverbot und boykottiert die Konferenzen, mit denen das Inkrafttreten des Vertrages beschleunigt werden soll. Überdies verweigert die US-Regierung die Finanzen für Vor-Ort-Inspektionen und hat in diesem Jahr auch den Restbeitrag für die Kontrollorganisation um fast fünf Millionen Dollar gekürzt.

Ohnehin halten sich die industriell hochentwickelten Nuklearstaaten Optionen offen, die es ihnen ermöglichen, am Computer konstruierte Atomsprengsätze auf ihre Funktionsfähigkeit hin zu überprüfen. Bestimmte physikalische Vorgänge, die bei einer Atomexplosion stattfinden, lassen sich durch Computermodelle simulieren - inwieweit sie reale Tests völlig ersetzen können, ist umstritten.

So genannte subkritische und hydrodynamische Experimente bleiben ohnehin weiter erlaubt. Bei ihnen entsteht keine überkritische Masse und daher erfolgt auch keine nukleare Kettenreaktion. Es werden lediglich Komponenten - etwa die Zeitpunkte der Zündung und die Explosionsabfolge - einzeln getestet. Letzten Endes jedoch dienen auch derartige Experimente nichts anderem als der Modernisierung von Kernwaffen, beispielsweise dem Vorhaben des Pentagon, Atomwaffen mit großer Sprengkraft in konzentrierter wirkende Waffen zu transformieren. So hat die US-Regierung die Mittel für das sogenannte Stockpile Stewardship Program auf über 6,5 Milliarden Dollar aufgestockt. Offiziell dient es einer Sicherheitsüberprüfung vorhandener Nukleararsenale, wahrscheinlicher ist allerdings, dass Funktionstests neu entwickelter Atomsprengköpfe unter Realbedingungen ermöglicht werden. Seit längerem wächst der Druck des US-Militärs, über Miniatur-Kernwaffen und nukleare Bunkerbrecher zum Einsatz gegen unterirdische Depots oder Kommandozentralen zu verfügen.

Inzwischen hat der Kongress die Vorbereitungszeit für eine Wiederaufnahme nuklearer Testexplosionen verkürzt, so dass bereits in zwei Jahren in der Wüste von Nevada wieder Nuklearexplosionen zur Erprobung der neuen "Mininukes" stattfinden könnten. Nicht nur das Schicksal des Teststoppvertrages wäre damit besiegelt, auch der Atomwaffensperrvertrag, regionale Abkommen über kernwaffenfreie Zonen und andere Nuklearvereinbarungen gerieten in höchste Gefahr.


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Bisherige Kernwaffenversuche

StaatAnzahlHaupttestgebiete

USA1.146New Mexico, Südpazifik, Wüste von Nevada

UdSSR/Russland715Nowaja Semlja, Semipalatinsk

Frankreich215Sahara, später Moruroa-Atoll, Fangataufa

China45Wüste Lop Nor

Großbritannien44Südpazifik, Wüste von Nevada

Pakistan6Changai-Berge in Baluchistan

Indien5Thar-Wüste von Rajasthan

Gesamt2.176


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