Heidrun Hubenthal
12.09.2008 | 00:00

Brücke ins Grüne

Gärten erobern die Stadt Vor hundert Jahren dienten Schrebergärten der Erholung. In der neuen Gartenbewegung geht es nicht nur um Obst und Gemüse, sondern auch um politisches Handeln

Neue Gärten des Alltags und des Gebrauchs sprießen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Großstädten der Welt aus dem Boden. Nicht Not allein, sondern auch die Freude am Gärtnern in der Gemeinschaft, das Säen und Ernten, das Tauschen und Pflegen von Pflanzen und der Aufenthalt in der Natur werden als Werte wiederentdeckt und geschätzt. Die Gärten und Gartenkonzepte, die sich dabei herausbilden oder herausgebildet haben, gehen auf eine Entwicklung in den letzten 20 Jahren zurück. In den USA gibt es Community Gardens schon ein Jahrzehnt länger. Sie sind eine Reaktion auf die zunehmende soziale Isolation: Als Selbsthilfemodell setzen sie der leistungsorientierten Erwerbssarbeit und der auf Effizienz abgestellten Marktwirtschaft eine Alternative entgegen. Die Bandbreite ist groß und reicht von Interkulturellen Gärten bis hin zum Selbsterntegarten oder den "Guerillagärtnern".

Interkulturelle Brücke

In Deutschland gründeten sich 1996 die ersten "Internationalen Gärten" in Göttingen auf Initiative von Flüchtlingen, Migranten und deutschen Familien. Die zugewanderten Menschen wollten ihr Leben auch im Exil wieder selbst in die Hand nehmen. Daraus entstand 1998 der Verein Internationale Gärten e.V., dessen Mitglieder aus 16 Herkunftsländer stammen. Circa 300 Personen sind an den Gärten beteiligt, deren Ziel es ist, selbstbestimmte Integration mit ökologischen Themenfeldern bis hin zu zur Friedensarbeit zu verknüpfen. Auf der Basis von biologischem Gartenbau, handwerklicher Eigenarbeit sowie Sprach- und Alphabetisierungskursen erlangen die Beteiligten neue Kompetenzen und erfahren ihre Umwelt neu. In den Internationalen Gärten engagieren sich einheimische und zugewanderte Familien, aber auch Alleinstehende mit unterschiedlichem ethnisch-kulturellen Hintergrund und aus den verschiedensten sozialen Milieus. Insofern ist die Gartenbewegung auch ein wichtiger Baustein für die Integrationsarbeit und schlägt eine Brücke zwischen der Herkunftskultur der Migranten und den Kommunen, in denen sie nun Wurzeln schlagen wollen.

Ein anderes Beispiel für neue Formen der Gartenkultur sind die Gemüseselbsterntegärten - eine Idee, die 1987 erstmals in Österreich entwickelt wurde und sich von dort aus verbreitet hat. Auf der Domäne Frankenhausen, einem der Universität Kassel zugehöriger Versuchsbetrieb, wird seit 2002 dieses Konzept praktiziert. Eine professionelle Agraringenieurin sorgt für die Bodenbearbeitung, für Einsaat und Jungpflanzen. Gemüse und Blumen werden in langen Reihen eingesät. Quer zu den langen Reihen werden Parzellen in der Größe von 85 Qudratmeter gebildet, sodass jede Parzelle von allen eingesäten Pflanzen profitieren kann. Es können ganze oder halbe Parzellen gepachtet werden. Der Saisonbeitrag beträgt 140 Euro pro Parzelle, 85 Parzellen stehen insgesamt zur Verfügung. Die Saison läuft von Mitte Mai bis Mitte November, während der die Pächter gießen, jäten Unkraut und ernten. Selbstverständlich werden die Parzellen ökologisch bewirtschaftet, mit entsprechendem Saatgut, Kunstdünger ist tabu.

Besonders beliebt sind diese Gärten bei Familien mit Kindern, die neben der Möglichkeit, selbsterzeugtes Biogemüse genießen zu können, den Ausgleich zum Alltag und die Erholung im Grünen schätzen. Die Kinder erleben den Naturkreislauf, indem sie am Säen und Ernten beteiligt werden. Obwohl viele Parzellenpächter aus der 15 Kilometer entfernten Großstadt Kassel kommen, nehmen sie den Weg in Kauf. Kinderspiel- und Grillmöglichkeiten ergänzen de Parzellenbewirtschaftung. Mittlerweile sind München, Köln, Essen und Singen dem Kasseler Beispiel gefolgt. Der Vorteil gegenüber einem Kleingarten besteht für die Parzellenpächter darin, dass sie nur sechs Monate verbindlich mitmachen müssen, und sie sich danach, unabhängig von den Marktpreisen, weiterhin mit Biogemüse versorgen können. Der Ertrag, ist zu hören, sei oft so groß, dass auch noch Gemüse für Freunde und Verwandte abfällt. Für die Landwirte, die Einsaat und Bodenbearbeitung vornehmen, fällt so ein kalkulierbares Einkommen ab.

Wenn zehn sich einen Garten teilen

In Berlin hat sich einer neuer Gartentyp herausgebildet, der sogenannte Gemeinschaftsgarten. Er ist entstanden, seitdem sich die öffentliche Hand aus der Pflege und Neuanlage städtischer Grünflächen zurückgezogen hat. Diese neue Art von Garten wird in der Regel von Gruppen und Vereinen realisiert und gepflegt, weitgehend unentgeltlich bewirtschaftet und steht einer eingegrenzten Öffentlichkeit zur Verfüfung. Die Stadt-und Regionalplanerin Marit Rosol unterscheidet in ihrer Studie, die sich allerdings nur auf Berlin bezieht, drei verschiedene Gartentypen: die Nachbarschaftsgärten, die sich an ihre unmittelbare Nachbarschaft richten, die thematischen Gärten, bei denen ein Thema beziehungsweise eine spezifische Zielgruppe im Mittelpunkt steht und die thematischen Nachbarschaftsgärten, die beide Elemente verbinden.

Jedes Projekt hat seine eigene Geschichte, und die Motive, sich im Gemeinschaftsgarten zu engagieren, sind sehr vielfältig: Manche treibt nur gärtnerische Motivation, andere wollen sich gesellschaftlich engagieren oder sich Freiräume im Alltag erobern. Die kleines Grundstücke haben eine Fläche von 700 Quadratmeter, das größte umfasst viereinhalb Hektar.

Es handelt sich um den Volkspark Lichtenrade, der seit 1981 von einem Trägerverein betrieben wird. Rein äußerlich betrachtet, unterscheidet er sich nicht von einem normalen Park, entstehungsgeschichtlich dagegen sehr. Eine wichtige Rolle bei der bis in die siebziger Jahre zurückreichenden Geschichte spielte die örtliche Kirchengemeinde und der ihr vorstehende Pfarrer Kraft. "Die Siedlung fängt an zu leben, wenn sich Nachbarn zusammentun und gemeinsame Aufgaben lösen", schrieb dieser rückblickend 1993. Darum setzen wir auf Eigeninitiative und Mitbestimmung." Ihm schwebte vor, dass die weiteren Gemeinschaftseinrichtungen von den Bewohnern selbst entwickelt werden. Wenn es gelänge, die Siedlung Lichtenrade-Ost zu einem Modell des kommunikativen Wohnens zu machen, würde damit ein Vorgang eingeleitet, der befreiend und verändernd wirkt.

Ähnlich engagiert wie in Lichtenrade ist man im spanischen Sevilla. Im Norden der Stadt haben die Einwohner, die sich im Comité Pro Parque Educativo Miraflores organisiert haben, in einem über 20-jährigen Kampf der Stadtverwaltung einen Park in der Größe von 100 Hektar abgetrotzt. Der Park Miraflores entstand neben einem hoch verdichteten Wohngebiet mit etwa 150. 000 Einwohnern. Knapp die Hälfte des Parks wurde mit so genannten Escuelas Tallers (Werkstattschulen) realisiert, in denen praktische Berufe wie Garten- und Landschaftsbau, Maurer und Schlosser ausgebildet werden.

Das Konzept für den Park haben die Anwohner selbst nach ihren Bedürfnissen erarbeitet. Ein Drittel des Parks ist als Kulturdenkmal ausgewiesen. Bislang bewirtschaften 150 Anwohner die Gemüsegärten, es gibt aber auch Schulgärten, in denen Kinder und Jugendliche an die Umwelt herangeführt und ausgebildet werden.

Nach über zwanzig Jahren weitgehender Selbstorganisation der Anwohner beschloss die Stadtverwaltung von Sevilla, den Park mit Hilfe von EU-Mitteln fertig zu stellen. Das könnte allerdings dazu führen, dass sich das umfangreiche Gemeinschaftsprojekt unter der Hand in ein institutionell verwaltetes und bewirtschaftetes verwandelt. Dadurch könnten auch die Gemüsegärten, eine Oase inmitten inmitten des siebziger-Jahre-Betons, gefährdet sein und damit der Freiraum, den sich die Bewohner im Laufe der Jahre dort erkämpft haben.

Heidrun Hubenthal ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Freiraumplanung der Universität Kassel. Demnächst gibt sie zusammen mit Doris Gstach und Maria Spitthöver den zweiten Band von Gärten als Alltagskultur im internationalen Vergleich heraus.

Literatur und Links:

Rosol, Marit: Gemeinschaftsgärten in Berlin. Eine qualitative Untersuchung zu Potenzialen und Risiken bürgerschaftlichen Engagements im Grünflächenbereich vor dem Hintergrund des Wandels von Staat und Planung. Berlin 2006

www.internationale-gaerten.de

www.stiftung-interkultur.de

www.stiftung-interkultur.de

www.wiz.uni-kassel.de/dfh/selbsternte/index.html

www.wiz.uni-kassel.de/dfh/selbsternte/index.html

www.muenchen.de/Stadtleben/Gesundheit_Umwelt/Landwirtschaft/140619/krautgarten.html"

www.muenchen.de/Stadtleben/Gesundheit_Umwelt/Landwirtschaft/140619/krautgarten.html