Brücken zum Bosporus

Modernisierung Die junge türkische Literatur hat alle blumige Rhetorik abgelegt und ist wie das Land moderner und bewegter geworden – Nun gelangt sie dank des Binooki-Verlages zu uns

Alldieweil der bekannteste lebende türkische Autor, Orhan Pamuk, 60 Jahre alt wird, stellt sich die Frage, was nach ihm kommen mag. Wer erzählt den gravierenden Umbruch, den die aufstrebende Mittelmacht Türkei jetzt erlebt? Groß und blond stöckelt in einem knallig-roten Kleid Nermin Mollaoğlu durch den Raum, eine einflussreiche Persönlichkeit der neuen türkischen Literaturszene. Ohne häusliche Bibliothek aufgewachsen, arbeitete sie sieben Jahre als Krankenschwester und studierte dann Literatur in Connecticut. In einer Zeit des internationalen Durchbruchs der türkischen Belletristik kam sie auf die öffentliche Bühne mit einer eigenen Agentur. Im Jahre 2006 erhielt Orhan Pamuk – als erster Türke überhaupt – den Literaturnobelpreis. „Bis dahin“, so Nermin Mollaoğlu, „waren trotz klangvoller Namen von Nâzım Hikmet bis Yaşar Kemal nur 235 Werke übersetzt worden. Danach – und befeuert durch den Erfolg des Gastlandes Türkei bei der Frankfurter Buchmesse 2008 – sind die Zahlen stark angestiegen. Das gilt nicht nur für Übersetzungen ins Deutsche, sondern auch international. Allein meine Agentur hat gerade den 599. Titel verkauft.“

Den Hauptpreis der letzten Istanbuler Buchmesse, den bedeutendsten des Landes, gewann Hakan Günday. Fast 50.000 Bücher verkaufte er in der Türkei, nun soll der internationale Erfolg kommen. Es gibt bereits Übersetzungen ins Englische, Polnische und Albanische, eine ins Deutsche ist geplant. Der Roman Az erzählt mit einer an Célines Reise ans Ende der Nacht geschulten Drastik von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, dabei seziert er die fehlende Solidarität zwischen Müttern und Töchtern. Die Gedemütigte will ihrerseits demütigen, ein Teufelskreis.

Migration und Know-how

Es ist bereits der siebente Roman des 1976 als Sohn eines Diplomaten im griechischen Rhodos Geborenen. Prägende Kindheits- und Jugendjahre verlebte er in Brüssel und Ankara. Zwei Städte, so witzelt Günday, die sich durch die vielen neuen Verwaltungsgebäude ähneln – nur in Ankara scheine die Sonne viel häufiger. „Von den türkischen Autoren schätze ich vor allem Oğuz Atay“, meint er. „Er brachte erzählerisches Tempo in unsere Literatur.“

Mit einem Erzählband von Oğuz Atay startet der in Berlin-Kreuzberg gegründete Binooki-Verlag sein erstes Programm. Warten auf die Angst enthält acht Geschichten des 1977 mit nur 43 Jahren verstorbenen Autors. In wenigen Jahren schuf er ein heute noch beeindruckendes Werk. Die den Band eröffnende makabre Bettlererzählung Der Mann mit dem weißen Damenmantel wurde 1999 für das Kino verfilmt.

Brücken zwischen den Literaturen

Atay, der 1934 in Inebolu an der Schwarzmeerküste zur Welt kam, besuchte keine Kunsthochschule, sondern studierte Bauingenieurwesen in Ankara und arbeitete seit 1960 als Dozent für Bauwesen an der Technischen Universität. Sein erster Roman Die Haltlosen erschien 1970, machte ihn in der Türkei bekannt, erwies sich aber bis heute als schwer übersetzbar. Ohne große Aufmerksamkeit erfolgte die Übertragung seines letzten Romans Der Mathematiker. Dabei weisen die jetzt publizierten Erzählungen Atay als Autor von Rang aus, der eine Tradition begründete.

Seine beiden Verlegerinnen hierzulande, die Schwestern Inci Bürhaniye und Selma Wels, entstammen einer „Gastarbeiterfamilie“ wie die meisten in Deutschland lebenden Türken. Von denen leben 100.000 allein in Berlin; wenn man die Eingebürgerten hinzuzählt, sind es sogar fast 200.000 Bürger türkischer Abstammung. Durch den rasanten Verstädterungsprozess in der Türkei – das südanatolische Gaziantep etwa mutierte in den letzten Jahrzehnten zu einer Millionenstadt – gilt zwar nicht mehr, dass Berlin die drittgrößte türkische Stadt ist, aber nirgendwo sonst außerhalb des Landes leben mehr Bürger türkischer Abstammung als an der Spree.

Am Bosporus gibt es mittlerweile Rückkehrer-Stammtische, an denen sich die Almanci treffen, also die „Gastarbeiter“ und ihre Kinder, die aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zurückgekehrt sind oder zwischen hier und der Türkei pendeln. Und so wie dort Erfahrungen ausgetauscht werden, neues Know-how und andere Lebensweisen in die Türkei gelangen, so versuchen die beiden Verlegerinnen, türkische Kultur und Kunst in unseren Breiten bekannter und heimischer zu machen. Nicht deutschsprachige Autoren türkischer Abstammung wie Feridun Zaimoğlu wollen sie verlegen, sondern neue türkische Literatur. Sie planen pro Programm ein Buch eines Klassikers, der in Deutschland wenig bekannt ist, und einige Gegenwartsautoren, die von ihrem Heimatland erzählen.  sollen so gebaut werden.

Nicht bei der Polizei beschäftigt

So erschien Alper Canıgüzens Buch Söhne und siechende Seelen, ein schwarzhumoriger Schelmenroman, in dem ein frühreifer Fünfjähriger, der Dostojewski, Nietzsche und – wir erahnen es bereits – Oğuz Atay liest, über das Leben in Istanbul räsoniert: „Mit fünf Jahren befindet sich der Mensch auf der Höhe seiner Reife, danach beginnt er zu faulen. Ich, Alper Kamu, wurde vor einigen Monaten fünf.“ Entsetzt ist er von der Vorstellung, so zu werden wie die Menschen ringsum. „Leider gab es da keinen Ausweg. Die Zeit war grausam, und ich alterte schnell.“ Ein Coming-of-Age-Roman nicht als nostalgische Erinnerung, sondern als aberwitziger Niedergang.

Der Autor, Jahrgang 1969, stammt aus einem Haus, in dem der Vater von der Liebe zur Literatur erfüllt war. Nach einem Studium der Psychologie und der Arbeit als Werbetexter entwickelte sich Canıgüz zu einem der bekannten türkischen Autoren. Er schreibt gerade an der Fortsetzung von Söhne und siechende Seelen.

Charakteristisch für die Kriminalliteratur von Ländern, die eine Diktatur gerade erst hinter sich haben und deren Rechtssystem die Folter als Mittel erlaubt, ist die Abwesenheit von Ermittlerfiguren, die bei der Polizei beschäftigt sind. Für den in Istanbul geborenen Petros Markaris war es folglich nicht leicht, einen sympathischen Bullen als Zentralfigur in Athen zu gestalten. Es mussten erst Jahrzehnte nach dem Ende der Obristendiktatur vergehen. Den Erfolg seiner Romane in seinem Geburtsland erklärte er gerade über seine Sonderstellung: „Die türkischen Krimis spielen alle mit Privatdetektiven, nicht mit Polizisten“ (Freitag vom 5. Oktober 2001). In solcher Weise waren etwa die damals im deutschsprachigen Raum übersetzten, in Istanbul beheimateten Bücher von Celil Oker um den Privatdetektiv Remzi Ünal verfasst. Ein zuweilen literarisch reizvolles, letztendlich anachronistisches Modell, das die Kriminalstory von der Gesellschaftsgeschichte abhebt. Zehn Jahre später gibt es nun eine Vielzahl von fiktiven Mordkommissionen.

EU als Drohung

Nicht in Istanbul, wo viele bekannte Krimis spielen, sondern in Ankara ermitteln der kettenrauchende Beamte Behzat Ç. und sein Team von der Mordkommission. Ihr Erfinder Emrah Serbes, ein Jahr nach dem letzten Militärputsch 1981 geboren, erreicht seine Bucherfolge nun dort, wo die alte Generalität entmachtet ist.

Nach Serbes‘ Krimis entstanden eine erfolgreiche Fernsehserie und ein Kinofilm, für den er das Drehbuch schrieb. Er ist einer der Stars der Szene, der mit prononciertem Selbstbewusstsein vor seinen Fans plaudernd loslegt. „Was ich zum Schreiben brauche? Nescafé Gold, eine Packung Camel soft, einen Laptop und Musik.“ In seinem ersten, literarisch anspruchsvollen, düsteren Buch Behzat Ç. – jede Berührung hinterlässt eine Spur zeichnet der studierte Theaterwissenschaftler ein wenig schmeichelhaftes Bild von Polizei- und Geheimdienst im Umbruch. Häftlinge werden zwar noch geschlagen, aber gerade die EU-Harmonisierungsgesetze wirken zivilisierend. Letzteres geschieht nicht ohne Ironie, wenn Vorgesetzte etwa machtbewusst unterstreichen wollen: „Arbeitet mal einen Zacken schneller, mit dieser Mentalität werdet ihr nie in die EU aufgenommen.“

Woher er seine Kenntnisse von den Apparaten hat? „Ich habe in der Geisteswissenschaftlichen Fakultät in Ankara studiert. Da gab es so viele politische Aktionen, bei denen die Polizei mit Tränengas und Schlagstöcken eingriff, dass ich handfeste Erfahrungen habe. Einige Polizisten kannten einzelne Studenten, die sich politisch engagierten. So auch mich. Einmal fragte mich einer, warum ich bei der letzten Protestaktion nicht dabei war. Ich antwortete, meine Waschmaschine sei kaputt gegangen und habe eine kleine Überschwemmung in meiner Wohnung verursacht.“

Als Serbes nach dem Studienabschluss als Journalist arbeitete, meldete er sich bei der Mordkommission und gab vor, über sie schreiben zu wollen. Man misstraute ihm und sagte schließlich ab. „Als ich verriet, dass ich eigentlich einen Roman schreiben wolle, wurde man auskunftsfreudig.“ Nahezu selbstverständlich, dass Emrah Serbes ein Fan von Oğuz Atay ist. „Er war wichtig für uns alle, seine Intensität, wie schnell er Emotionen entwickelt, uns in eine Geschichte hineinzieht.“

Diese wichtige Strömung der neueren türkischen Literatur ist nun auch für Deutsche zu entdecken: Sie hat alle osmanische Ornamentik und blumige Rhetorik abgelegt, sie wurde – nach Emrah Serbes – der Metapher untreu. Die Bücher sind wie das Land moderner und bewegter geworden.

Warten auf die Angst, Oğuz Atay, Übersetzt von Recai Hallaç, Binooki 2012, 224 S., 15,90 €

Söhne und siechende Seele, Alper Canıgüz, Übersetzt von Monika Demirel, Binooki 2012, 224 S., 14,90 €

Behzat Ç.– jede Berührung hinterlässt eine Spur, Emrah Serbes, Übersetzt von Oliver Kontny, Binooki 2012, 320 S., 15,90 €

Achim Engelberg schrieb im Freitag zuletzt über Wolfgang Ruge

15:00 07.04.2012

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche