Brutale Normalität

Kapitalismus David Graeber schreibt gegen Thomas Piketty: Der Vordenker der Occupy- Bewegung wirft dem „neuen Marx“ fehlende Radikalität vor
David Graeber | Ausgabe 23/2014 31

In den 90er Jahren habe ich oft mit russischen Freunden gestritten. Damals machten sich die meisten jungen osteuropäischen Intellektuellen den Kapitalismus mit Begeisterung zu eigen. Wenn ich über die Exzesse von Oligarchen und korrupten Politikern sprach, zuckten sie nur mit den Schultern.

Einmal erklärte mir ein junger Russe: „Wir befinden uns in der unzivilisierten Frühphase. Der Kapitalismus braucht ein oder zwei Generationen, um sich zu zivilisieren. Sieh dir doch die Geschichte an! Auch in Amerika hattet ihr Räuberbarone, und dann – 50 Jahre später – kam der New Deal. Und in Europa hat sich der Sozialstaat entwickelt.“ Aber das sei doch nicht passiert, weil die Kapitalisten den Entschluss gefasst hätten, ein bisschen netter zu sein, sondern weil sie Angst gehabt hätten, entgegnete ich und sah, dass meine Naivität ihn zu rühren schien.

Wer damals mitreden wollte, musste eine Reihe von Annahmen teilen. Sie wurden in der Form von sich vermeintlich selbst bestätigenden Gleichungen präsentiert: Der Markt war darin gleichbedeutend mit Kapitalismus. Und das hieß großer Reichtum an der Spitze, rasanter technologischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum. Wachstum wiederum ziehe Wohlstand und den Aufstieg einer Mittelschicht nach sich und das garantiere eine stabile demokratische Regierung. Heute wissen wir, dass nicht auch nur eine einzige dieser Annahmen zutraf.

Thomas Pikettys überall auf der Welt diskutiertes Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert hat seine eigentliche Bedeutung nun darin, dass es peinlich genau nachweist: Der Kapitalismus verfügt über keine immanente Tendenz, sich selbst zu zivilisieren. Wenn man ihn seinen eigenen Mitteln überlässt, konzentriert sich immer mehr Reichtum in den Händen einer Elite reicher Erben, während alle anderen relativ dazu verarmen.

Mit anderen Worten: Das, was in Westeuropa und Nordamerika ungefähr zwischen den Jahren 1917 und 1975 passiert ist – hohe Wachstumsraten und eine relativ geringe Ungleichheit –, stellte eine historische Anomalie dar. Diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch. Theorien, dies zu erklären, gibt es viele. Piketty selbst weist auf die Kapitalvernichtung während der Weltkriege. Andere haben andere Erklärungen.

Doch der offensichtlichste Grund wird von fast allen ignoriert: Damals sah sich das kapitalistische System der Sowjetunion und revolutionären antikapitalistischen Bewegungen von Uruguay bis China gegenüber und musste immer damit rechnen, dass auch die eigenen Arbeiter auf die Barrikaden gingen. Es war also nicht so, dass die Kapitalisten aufgrund hoher Wachstumsraten mehr zu verteilen gehabt hätten, sondern sie hatten das Gefühl, wenigstens einen Teil der Arbeiterklasse bestechen zu müssen, um das System zu stabilisieren.

Da heute aber jede ernste politische Bedrohung verschwunden ist, sind die Dinge wieder in den brutale Ungleichheit produzierenden Normalzustand zurückgekehrt. Ein Prozent hat die Macht. Und während Leute wie mein russischer Freund glaubten, der Kapitalismus werde sich selbst zivilisieren, hatte der eine Selbstbeschränkung gar nicht länger nötig.

Thomas Piketty beginnt sein Buch damit, die „faule Rhetorik des Antikapitalismus“ zu verurteilen. Er hat überhaupt nichts gegen den Kapitalismus – und eigentlich noch nicht einmal gegen Ungleichheit. Ihn stört nur, dass er tendenziell eine nutzlose Klasse von parasitären Rentnern hervorbringt. Daher plädiert er dafür, Linke sollten sich auf die Wahl von Regierungen konzentrieren, die die Konzentration des Reichtums besteuern und international regulieren. Manche seiner Vorschläge – wie etwa die 80-prozentige Einkommenssteuer – mögen radikal erscheinen. Wir reden hier aber immer noch von einem Mann, der den Nachweis erbringt, dass es sich beim Kapitalismus um einen gigantischen Staubsauger handelt, der den Wohlstand in die Hände einer kleinen Elite saugt. Er zieht daraus aber nicht etwa den Schluss, den Stecker zu ziehen. Vielmehr sollten wir seiner Meinung nach versuchen, einen etwas kleineren Staubsauger zu bauen, der in die entgegengesetzte Richtung saugt.

Darüber hinaus scheint Piketty nicht zu verstehen, dass allein die Tatsache, dass er als linker französischer Intellektueller gefahrlos erklären kann, er wolle das kapitalistische System nicht stürzen, sondern es nur vor sich selbst beschützen, Grund genug ist, dass es solche Reformen niemals geben wird. Das Eine Prozent wird sich nicht selbst enteignen, selbst wenn man es noch so nett darum bittet. Es hat in den vergangenen 30 Jahren eine so große Kontrolle über Medien und Politik erlangt, dass die Enteignung auch nicht an den Wahlurnen beschlossen werden wird.

Da niemand allen Ernstes die Sowjetunion wiederbeleben will, wird es bald auch die Sozialdemokratie nicht mehr geben, die Mitte des letzten Jahrhunderts gegen die Kapitalisten in Stellung gebracht wurde. Wenn wir eine Alternative zu Stagnation, Verelendung und Umweltzerstörung wollen, werden wir also wirklich den Stecker ziehen und wahrscheinlich von vorn anfangen müssen.

David Graeber ist amerikanischer Soziologe und Anarchist. 2011 erschien sein einflussreiches Buch Schulden. Die ersten 5.000 Jahre

 

06:00 18.06.2014

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 31

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community