Buch oder Bookmark

Medientagebuch Trennung von Form und Inhalt: Das Internet verändert den Stellenwert der Verlage

Die Rede davon ist schon lange, nun scheint es ernst zu werden mit den neuen Medien. Nach Jahren des Wildwuchses ist der rechliche und ökonomische Rahmen gefunden, in dem sich das Internet kommerziell einsetzen lässt. Waren Ebay und Amazon nicht mehr als Versandhäuser mit dem etwas anderen, nämlich elektronischen Postverteiler, so weist der Schritt der Musikindustrie in die neue Dimension: Statt materialiter über den Ladentisch wandert die Ware Musik virtuell als Datenstrom auf Festplatte oder beschreibbare CD, in gleicher Qualität und zu einem Bruchteil des bisherigen Preises, der per elektronischem Pay-System eingefordert wird.

Die Feuilletons nahmen diese Entwicklung zum Anlass eines Abgesangs auf die althergebrachte Form der gestalteten Plattenalben. Es könnte aber auch sein, dass sich hier nur die Welt der Daten von derjenigen des Designs abkoppelt. Denn wer künftig Alben kauft, kauft sie nur noch wegen eines gelungen Covers, wegen der Präsentationsleistung eines Designers.

Auch der Nachrichtenmarkt hat sich auf die neuen kommerziellen Margen eingestellt. Hatten etwa die Printmedien schnell eine kostenlose Homepage parallel zur Printausgabe und mit denselben Artikeln und Essays ins Netz gestellt, um hier nichts zu verpassen, so ist nun Ruhe eingekehrt. Die Homepages kommunizieren die aktuellen Nachrichten, sind heute Appetizer für die Printausgaben, die - vor allem mangels Anzeigen - erheblich dünner wurden und ihre Stärke in vertiefenden Essays entwickeln. Zum Teil sind Abo-Gebühren für die Printausgaben im Netz eingeführt, zum Teil erhält der herkömmliche Abonnent den Zugang gratis dazu. Liegt das Veröffentlichungsdatum eines Artikels einige Zeit zurück, so erhält der Interessent dieses Objekt einer nachträglichen Begierde nur noch gegen nicht geringe Gebühren. Aktuelle Information dagegen gibt es frei und weiter in Fülle, spätestens seit die kürzlich eingerichtete News-Funktion beim größten Suchdienst Google auf jeden Klick hin die neuesten Meldungen aus dem Netz fischt.

Auch hier scheint zu wirken, dass sich die geistige Ware entmaterialisiert hat. Was ohnehin im Umlauf ist, zirkuliert kostenlos, was jedoch originell oder eine gefragte geistige Leistung ist, wird künstlich zurückgehalten und bekommt eine exklusiven Preis. Unvorhersehbare Resultate des entmaterialisierten Worts ließen sich auch an der von der Frankfurter Rundschau angestoßenen Debatte um das als antisemitische inkriminierte Buch des kanadischen Philosophen Ted Honderich ablesen (vgl. Freitag vom 15. August). Alle andere Tageszeitungen klinkten sich in die Debatte ein, wie eh und je, aber nun ließ sich die Entwicklung dank der Internetdienste quer verfolgen: Diese Leichtigkeit des Übergangs sorgte dafür, dass das Wort Debatte nicht nur eine journalistische Fiktion blieb, und führte außerdem dazu, dass der Spiegel einen Besuch der Sonntags-FAZ bei Honderich auf seine Homepage stellte - eine Querverbindung zwischen konkurrierenden Medien, die unter reinen Printbedingungen undenkbar gewesen wäre.

Am überraschendsten war jedoch der bis ins Virtuelle hinein ausgedehnte Anspruch, den der betroffene Verlag Suhrkamp an die Rezeption beziehungsweise an sich selbst stellte. Dass das Buch nicht hätte veröffentlicht werden dürfen, wurde mit einer Fußnote begründet, die auf im Internet veröffentlichte Texte verwies: Daher hätte man wissen können. War das sofort vergriffene Buch selbst zwar nicht mehr verfügbar, konnten doch alle Interessierten sofort - auf Englisch - die weitergetriebene Überlegungen, die palästinensischen Terror rechtfertigten, nachlesen, was für den Verlag der Grund des Rückzugs war. Das Buch selbst hätte der Autor und sein englischer Verlag sogleich ebenfalls ins Netz stellen können - ohne kommerziellen Gewinn zwar, aber doch auch ohne Kosten, für alle.

Die Publikation in Reihen wie der Suhrkamp-Jubiläumsedition, überhaupt durch große Verlage, scheint in der Welt des entmaterialisierten Gedankentransfers nun offensichtlich und ausschließlich das zu werden (was freilich immer mitspielte): eine Auszeichnung, eine moralische Sanktion. Veröffentlichen heißt hier würdigen, und das Gegenstück dazu ist eine Art sich distanzierende oder entehrende "Entöffentlichung". Soweit es aber um Publizität, um Öffentlichkeit, um das Gegenteil von Zensur also, um Zugang zu Texten und Gedanken geht, ist ein Zeitalter absoluter Freiheit angebrochen.

Das wird zu einer Neubestimmung der Spielregeln führen, nach denen um das öffentliche Interesse daran gebuhlt wird. Denn - was sich schon unter den Bedingungen der audiovisuellen Massenmedien und der Bücherflut angebahnt hat - wenn alle Inhalte ohne Hürden frei zugänglich werden, entscheidet über deren Wirkung nicht mehr ihre Existenz in der Öffentlichkeit, sondern die Aufmerksamkeit, die ihnen dort zuteil wird. Dafür boten - und werden bieten - Zeitungen, Zeitschriften, große Verlage die Plattform.

Allerdings, auch hier gibt es einen Trend, daß sich Produkt und Design voneinander entfernen. Design, so heißt es noch in der älteren Definition der Lexika, ist "industrielle Ästhetik, angewandt in der Erforschung neuer Formen und angepasst an deren Funktion". Diese enge Verbundenheit von Form und Funktion scheint sich zu lösen, Design sich wieder seinem etymologischen Ursprung zu nähern, "designo": Ich deute auf etwas hin, zeige an. Wie es in der Musik die Covers, Events und Clips und im Printmarkt die News sind, die Aufmerksamkeit erregen, so sind es im Bereich des Worts - neben Kongressen - vor allem die Zeitungsdebatten und Skandale, die für das Produkt ein Interesse schneidern, und dies oft weit ab jeder erwünschten und mit dem Produkt ursprünglich verbundenen Kontrolle. Was hier an neuen, weiteren Bewertungssystemen heranwächst, die den Skandalen Paroli bieten könnten? Man wird es aufmerksam verfolgen.

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00:00 05.09.2003

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