Nikola Richter
Ausgabe 5215 | 04.01.2016 | 06:00 7

Bücher für den Smartphone-Hals

Programmatik Der Siegeszug des E-Books lässt sich nicht aufhalten. Es hat einfach zu viele Vorteile

Ich möchte jetzt keine Papierleser vergraulen, das schon mal vorweg. Ich bin zwar missionarisch, aber nicht radikal. Sie sitzen da vielleicht mit der raschelnden Zeitung. Der Duft von Druckerschwärze steigt Ihnen in die Nase, klebt an den Fingern, eventuell sogar auf dem Tisch, weil dort Kaffee verschüttet wurde, der irgendwelche zufällige Schrift auf die darunterliegende harte Oberfläche gepaust hat. Ich habe ja gar nichts dagegen! Ich finde das romantisch, gemütlich, wertvoll und traditionell.

Aber es gibt da eine Tatsache: Ich lese selbst seit vielen Jahren immer mehr auf dem Bildschirm. Erst war es der Computer mit seinen Chats, E-Mail-Programmen, Webseiten, dann kam das Smartphone mit seinen Apps, Digitalausgaben, Social-Media-Plattformen. Absolut fasziniert war ich von der digitalen Handy-Bibliothek, die meist noch so aussah, als wäre sie einem Bücherregal aus Holz nachempfunden. Nun trage ich die Weltliteratur, seit 1971 kostenlos bereitgestellt vom Gutenberg-Project, mit mir herum. Das ist meine neue Tradition.

Da rufen einige: „Bald kommt die Screen Fatigue. Alle wollen dann wieder zum Papier, weg von diesen grellen Geräten.“

Sogar im Dunkeln

In einer Krankenkassenzeitschrift sah ich einmal eine Zeichnung eines Smartphone-Halses. Das ist noch keine Krankheit, aber, so ähnlich wie der SMS- oder Whatsapp-Daumen, ein zivilisatorisches Symptom. Ein Laptop wärmt deinen Schoß durch die Jeans wie bei völlig hautfreiem Cybersex. Ein Mini-Computer liegt neben dir, wenn du einschläfst. Er leuchtet dir ins Gesicht, wenn du aufwachst, er sagt dir die Uhrzeit, er spricht mit Siri-Stimme, er zeigt dir den Weg (Mist, du wolltest doch die Ortungsdienste endlich wieder ausstellen). Der Hals beugt sich nach vorne: Dein Körper liest.

Denn die Displays bringen uns das Lesen dahin, wo gerade kein Buch zur Hand ist. Das Smartphone zu Hause zu vergessen fühlt sich mittlerweile für mich so ähnlich an, wie den Schlüssel zu Hause zu vergessen. Mit diesem Smartphone in der Hand kann ich Facebook checken, aber auch ein E-Book lesen. Sogar im Dunklen, wenn das Baby oder der Partner schon schlafen, oder in einer langweiligen Vorlesung (kein Papierrascheln beim Umblättern) oder im Transit oder beim Pendeln. Kein Extra-Gepäck nötig. Das Handy rettet das Lesen!

Daher sage ich euch: „Nein. Es gibt kein Zurück mehr in eine puristisch analoge Lesezeit.“ Bereits jetzt lesen Jugendliche (die Zukunft) sowohl digital als auch analog. Sie lesen und schreiben sogar mehr als früher wegen der digitalen Mediennutzung, die nämlich eine textbasierte ist. Gerade hat eine Studie des britischen National Literacy Trust herausgefunden, dass E-Books in der Schule die schlechte Lesekompetenz, insbesondere von Jungen, fördern. Das Scrollen und Zoomen beim E-Book-Lesen empfanden viele Schüler als anregend im Vergleich zum Lesen von gedruckten Büchern.

Aber das ist ja alles nur das Handling. Sozusagen ob der Text jetzt im Pappkarton liegt oder in einer Plastikkiste. Interessanter finde ich, welche kleinen Revolutionen das E-Book ermöglicht: Die Länge der veröffentlichten Texte ist irrelevant, da kann sehr Kurzes, Aktuelles erscheinen, aber auch tausend Gesammelte Werke. In einer Datei. Die wiegt nichts, benötigt keinen Platz im Regal, nur ein wenig Speicherplatz. Sie muss nicht gedruckt, vertrieben, gelagert werden – sie ist also eine schnellere Publikationsform für den Zeitgeist, aber ermöglicht es auch, vergriffene Titel wieder zum Leben zu erwecken.

Wichtig auch: Das E-Book ist ein offener Programmierungsstandard, der von einer Institution in Seattle überwacht und weiterentwickelt wird – das heißt, jedes E-Book der Welt ist vom Prinzip her gleich. Niemand wird ausgegrenzt. Jetzt müsste ich ein wenig technisch werden, Entschuldigung, bleiben Sie trotzdem dran. Na gut, ich sage jetzt nichts über XHTML und das Lesen von E-Books im Browser oder die lokalen Grenzen der E-Book-Shops, die noch überwunden werden müssen.

Daher nur noch ein Gedanke: Denn auch wenn Sie noch kein E-Book gelesen haben, wird vielen Ländern mit weniger Buchreichtum als bei uns nur durch das E-Book der Zugang zu Büchern ermöglicht: Die NGO Worldreader etwa bringt solarbetriebene digitale Lesegeräte inklusive der E-Books in bisher 245 Schulen und Bibliotheken in zwölf afrikanischen Ländern wie Kenia, Ghana, Uganda, Sierra Leone. Und das ist nur eines von vielen Projekten, das zeigt, dass durch das E-Book das Lesen und die Texte (und die Tradition!) bewahrt und gefördert werden. Das digitale Buch kommt als Datei in alle Ecken der Welt: per Knopfdruck, Internet, ob WLAN oder mobil. Es ist unabhängig, frei und dauerhaft. Schauen Sie mal rein in Ihr Gerät. Es gibt keine Zukunft für gedruckte Bücher. Nur eine gemeinsame: für gedruckte und digitale.

Nikola Richter ist Verlegerin des Digitalverlags mikrotext. Gerade erschien die Solidaritätsanthologie Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge, aus der alle Einnahmen gespendet werden

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem letzten Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/15.

Kommentare (7)

Magda 04.01.2016 | 19:38

Gerade hat eine Studie des britischen National Literacy Trust herausgefunden, dass E-Books in der Schule die schlechte Lesekompetenz, insbesondere von Jungen, fördern.

Ich nehme an Sie meinen, die schlechte Lesekompetenz verbessern.

Ansonsten - ich bin auch überzeugte E-Book-Leserin. Der Gedanke, die Weltliteratur mit sich herumzutragen, ist hübsch. ich freue mich auch, dasss ich sie auf dem Reader habe. Bände über Bände.

Josef Knecht 05.01.2016 | 13:25

Oh etwas mehr kritik darfs schon sein. So wird ausgeklammert, daß das unsägliche DRM Teil von Ebooks sein kann. Mit DRM lassen sich Abrechnungmodelle wie z.B. Pay-per-View (bezahlen pro Ansicht) realisieren. Erworbene Titel können vom Anbieter gelöscht und gesperrt, manipuliert werden. Das E-book-reader gerne "nach Hause telefonieren" wurde schon erwähnt.

Zu jedem gedruckten Buch das man kauft sollte auch ein Downloadcode für ein Ebook dabei sein - natürlich in einem freien Format und ohne DRM. Bei Schallplatten ist es inzwsichen gang und gäbe das man sich mit dem kauf einer LP auch Digitale Kopien im form von mp3, flac oder ogg erhält . Das scheint offenbar nicht zum ökonomischen Untergang der Musiklabels zu führen.

BirgitR 05.01.2016 | 16:44

Ebooks kann man überall lesen, sie speichern unglaublich viel, sparen Platz und Papier - das einzig Interessante in diesem Artikel ist der Verweis auf das Projekt in afrikanischen Schulen. Neben schlechter Grammatik ("die schlechte Lesekompetenz ... fördern") finde ich nichts Neues in diesem Artikel, der auch noch unter "Literatur" erscheint. Papier und Druckerschwärze für Eigenwerbung.

miauxx 06.01.2016 | 01:57

"dass E-Books in der Schule die schlechte Lesekompetenz, insbesondere von Jungen, fördern."

Na, ich glaube diesen Satz doch auf's Wort! :-)

Sicher, das E-Book und das elektronische Lesen lässt sich nicht aufhalten; ist fakt. Darüber sowie über die Kulturtechnik betreffende Bedenken kann man abwägende Texte schreiben. Pro und contra können aber auch in entweder verkrustet-konservative Abwehrreflexe gegenüber dem Lesen elektronischer Texte oder eben in dümmliches, einseitiges und unreflektiertes Bejubeln ausarten. Letzteres ist mit dem vorliegenden Text der Fall. Die Autorin hat argumentativ so wenig auf Tasche, dass es natürlich wieder eine anzitierte Studie rausreißen muss. Man lese nur den Absatz "Denn die Displays bringen (...)" ff. ... Ist ja schaurig - wenn das die Verlegerzukunft sein soll, hilfe! Das brauchts auch keine Lesekompetent mehr ...

In der sehr schön gemachten Jahreswechselausgabe (v.a. mit den Illustrationen!) ist dieser Beitrag leider ein Tiefpunkt!