Johannes Erler
Ausgabe 5213 | 06.01.2014 | 10:41 5

Bunt fürs Leben

Zeitgeschichte Das Pantone Matching System wird 50 Jahre alt. Das bedeutet: 50 Jahre tolle Farben. Aber auch: sehr, sehr viele Farben. Damit muss ein Grafiker erst mal zurechtkommen

Früher war natürlich alles viel einfacher. Da gab es nur HKS. H!K!S! Das klingt schön deutsch und ist schön einfach. Der HKS-Farbfächer für Drucker und Designer enthält 88 Basisfarben. „So viele?!“, mögen Sie jetzt vielleicht denken, aber das ist wirklich überschaubar. Das sind beispielsweise etwa zehn Blautöne von ganz dunkel bis ganz hell, und die kann man prima unterscheiden. Sagen wir mal, Sie möchten ein Rot drucken lassen. So ein richtiges Knallrot, wie man es aus dem Tuschkasten kennt, dann ist das HKS 12. Kennt jeder Drucker. HKS 13 und 14 sind nah dran, aber nicht ganz so knallig. Da fällt die Entscheidung leicht.

Braucht der Mensch also mehr Farben? Offensichtlich.

Denn dann kam Pantone auf den deutschen Markt, ein mittlerweile weltweit verbreitetes Farbsystem, das mit vollem Namen Pantone Matching System heißt. Entwickelt wurde das System, das hauptsächlich in der Grafik- und Druckindustrie verwendet wird, im Jahr 1963 vom US-amerikanischen Unternehmen Pantone LLC mit Sitz in Carlstadt, New Jersey. Und nun, 50 Jahre später, ist es internationaler Standard.

Die Farbfächer der Firma Pantone sind nämlich das Eldorado für Designer. Der Pantone-Basisfarbenfächer enthält gleich mal 1.677 Farben. Und dann gibt es noch Pastellfächer, Metallicfächer und Neonfächer! Ein Fest fürs Auge! Ein psychedelischer Farbrausch! Pantone verhält sich zu HKS in etwa so wie Las Vegas zu Lemgo. Pantone, das sind die Farben der unbegrenzten Möglichkeiten. Und Lemgo ist langweilig.

Um mit Pantone arbeiten zu können, braucht man neben den Farbfächern vor allem die Pantone-Farbchips-Ordner. Das sind Hunderte Seiten kleiner Papierchips zum Rausreißen, immer sechs zu einer Farbe. Diese Chips werden in Designbüros behütet wie Blattgold: Reißt man eins zu viel raus, wird es sofort in der beiliegenden Klarsichthülle verwahrt, damit es ja nicht verloren geht. Trotzdem fehlen nach kurzer Zeit immer bestimmte Farben, weil sie beliebter sind als andere. Womit dann die jeweilige Seite quasi wertlos ist und man sie nachbestellen muss. Das ist teuer. Sehr teuer sogar.

Wer sich die gesamte Pantone-Bibliothek mit sämtlichen Farbsystemen, Fächern und Ordnern für alle Papierqualitäten ins Regal stellen will, zahlt einen hohen vierstelligen Euro-Betrag. Dafür kann man dann anschließend in Farben baden gehen. Und Designer lieben das! Stundenlang werden die schönsten, kreativsten, ungewöhnlichsten Farbreihen zusammengepuzzelt, wieder verworfen (rausgerissene Farben immer in die Klarsichthülle!) und neu sortiert. Das ist toll! Allerdings nur so lange, wie man sich nicht für einen bestimmten Farbton entscheiden muss. Denn dann wird’s kompliziert und verwirrend und nervig. Vorhang auf für:

PANTONE!

(Ein Kammerdrama für Designer, Kunde und Drucker in drei Szenen mit Zwischenspiel)

1. Szene, in welcher der Designer sich nicht entscheiden kann.

Vorhang. Das Designbüro. Es dämmert zur blauen Stunde. Vor dem Designer ausgebreitet liegen elf knallrote, einander sehr ähnliche Farbchips (Regieanweisung für den Ausstatter: Pantone Warm Red, Red, 1788, 1795, Red 032, 1797, 485, 185, 186, 710 und 711). Unbeachtet am Tischrand: der HKS-Fächer (HKS 12 lugt hervor).

Designer: Morgen! Präsentation beim Kunden! Ohgottohgottohgott! (rennt zum Fenster: Tageslicht!) 1788 und 485 sind gut! (rennt wieder zum Schreibtisch: Glühbirne!) Vielleicht doch lieber 185? Oder 710 gar? (schlägt die Hände vors Gesicht) Es flimmert! Doch ich muss mich entscheiden! (greift schließlich nach Pantone Warm Red und klebt den Chip in seine Präsentation)

Vorhang.

2. Szene, in welcher der Designer dem Kunden präsentiert.

Vorhang. Ein steriler Büroraum beim Kunden. Grelles Kunstlicht von der Decke.

Designer (müde in sich hinein murmelnd): Gestern sah das Rot aber knalliger aus …

Kunde: Ist das Rot nicht zu blass?

Designer: Es gäbe Alternativen! (holt das Back-up-Chart heraus, auf das er in den sehr frühen Morgenstunden nach zähem Ringen mit sich selbst fünf weitere Rottöne geklebt hat. Beide beugen sich lange über die Farbreihe und flüstern zu sich selbst)

Kunde: Ohgottohgottohgott! Das müssen Sie entscheiden! Wichtig nur, dass das Rot am Ende immer gleich aussieht!

Designer (seufzend): Ich tue mein Bestes.

Vorhang.

Zwischenspiel, in welchem Klarheit geschaffen wird. Es tritt vor den Vorhang: der Experte.

Experte: Genau wie der Geschmackssinn oder der Tastsinn, so führt auch der Sehsinn jedes Menschen zu unterschiedlichen Wahrnehmungen. Kein Mensch sieht eine Farbe wie ein anderer. Eine grundsätzliche Einigung ist zwar möglich (beispielsweise, ob es sich um ein Rot oder ein Blau handelt), aber in den Nuancen verschwimmen die Grenzen. Hinzu kommt, dass äußere Faktoren die Farbwahrnehmung beeinflussen. Zum Beispiel das Licht, in dem die Farbe betrachtet wird, oder sogar die persönliche Stimmung.

(Der Experte tritt zur Seite ab.)

3. Szene, in welcher der Drucker sagt, wie es wirklich ist.

Vorhang. Eine Druckerei. Laute Druckmaschinengeräusche.

Drucker (brüllt gegen den Lärm an): Erster Andruck!!! Rot okay so?

Designer (ebenfalls brüllend): Nein!!! Das muss knalliger! Pantone 711!!!

Drucker: 11? Nicht 10?!!

Designer (verzweifelnd): Das liegt doch jetzt aber am Papier, oder?!

Drucker: Schwierig! Pantone ist schwierig!!!

Designer (flehend): Bitte!!! Wichtig ist nur, dass das Rot am Ende immer gleich aussieht!

Drucker: Dann nehmen Sie doch HKS 12!!! Vorhang und Ende.

Deutschlands Chefdesigner Erik Spiekermann hat tatsächlich einmal gesagt: „Ich verwende immer nur HKS 12, weil ich von Farben keine Ahnung habe!“ Das ist natürlich beides, kokett und raffiniert. Ein professioneller Panzer, der ihn vor ähnlichen Szenen schützen soll.

Und so ist dieser Text wohl auch eher ein Versuch über die Unmöglichkeit, Farben vernünftig oder gar richtig zu beurteilen. Natürlich ist Pantone nicht falsch und HKS richtig. Und natürlich ist Pantone eine Ode an die Schönheit, HKS lediglich ein fades Verhandlungsangebot an den deutschen Drucker.

Farben, so viel steht fest, sind die schönste Sache der Welt – wenn man sie für sich allein hat. Muss man jedoch teilen, wird es schwierig. Nicht ohne Grund sind über 70 Prozent der deutschen Automobile schwarz, silber oder weiß. Da spielen sich sonst Familiendramen ab („Ich steig doch nicht in ein violettes Auto!“). Und haben Sie schon mal mit Ihren Sprösslingen über die Farbe von Kinderzimmerwänden oder die Farbe von Teppichböden diskutiert?

Achtundachtzig Farben sind praktisch. Eintausendsechshundertsiebenundsiebzig Farben Offenbarung, Verlockung und Prüfung zugleich. So gesehen ist Pantone der Sündenfall unter den Farbsystemen. Aber kann denn Farbe Sünde sein? Herzlichen Glückwunsch, Pantone!

PS: Eben ruft mir mein Webdesigner zu, ich solle mich nicht so anstellen. Auf seinem Bildschirm hätte er es schließlich immerfort mit über 16 Millionen Farben zu tun.

Johannes Erler ist Art Director beim Stern

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/13.

Kommentare (5)

Sizwe 06.01.2014 | 14:18

Schöner Text. Erinnert mich auch an mein kurzes Intermezzo in einer Westberliner Werbeagentur. Damals war HKS die Norm und Pantone eine Alternative.

Treffend die Dartstellung des praktischen Druckers! Pantone war tatsächlich nicht sehr beliebt in den Druckereien, mit denen ich zu tun hatte, weil "zu kompliziert".

Ein farbenfrohes Jahr wünscht

Sizwe