Charisma oder Sozialismus

Kardinalsfrage Wird die Revolution ihren Führer überleben? Die Zukunft als Richterin der Gegenwart

Der vorläufige - oder vielleicht endgültige - Rückzug des schwer erkrankten Fidel Castro aus der kubanischen Politik hat die Frage wieder aufkommen lassen, ob die Revolution nicht derart von seiner Person abhängig sei, dass sie mit ihm steht und fällt. Eine Frage, die sich Freunde wie Feinde des charismatischen Revolutionsführers gleichermaßen stellen. Viele Anhänger der Revolution - keineswegs nur auf der Insel - sind äußerst beunruhigt und können sich Kubas revolutionäre Zukunft ohne den "Máximo Lider" nur schwer vorstellen; andere, insbesondere die Exilkubaner aus Miami frohlocken hingegen dem Tod des verhassten "Diktators" entgegen, womit, wenn es nach ihnen ginge, dem Sozialismus ein Ende gesetzt wäre. Der am 13. August 80 Jahre werdende Revolutionsführer polarisiert weiterhin und zieht fortwährend bedingungslose Gefolgschaft oder unbedingten Hass auf sich. Aber alle, Freund wie Feind, ahnen inzwischen, dass mit Castros Rücktritt auch seine Tage gezählt sind.

"Wenn ich sterbe, wird es niemand glauben", hat Castro selbst einmal gesagt. "Laut Dora María Tellez, der Kandidatin der Sandinistischen Erneuerungsbewegung (MRS), wird er seine Ämter nie wieder übernehmen", schreibt Raúl Zibechi am 4. August (Agencia Latinoamericana de Información) aus Montevideo.

Wird dann der Sozialismus mit dem Revolutionsführer begraben werden? Das ist inzwischen die Frage aller Fragen, von deren Beantwortung die Legitimation der kubanische Revolution abzuhängen scheint und die selbst George W. Bushs "freiheitlichen" Augen - sonst betrübt von den ständigen Katastrophen - einen gewissen Glanz verleiht. Als Kollektivwerk jedenfalls, das diesen Namen verdient, würde sich die Revolution selbst völlig desavouieren, sollte es sich herausstellten, dass sie nur einem "genialischen Zauber", lediglich dem Schimmer von Castros Charisma gefolgt ist und somit letztlich ein modernisierungsfeindliches sowie ein undemokratisches Gemeinschaftskonstrukt darstellt.

Aber auch das bisherige Verständnis dessen, was diejenigen mit Revolution eigentlich meinen, die sie als linken Nationalismus begreifen oder diejenigen, die sie als "Diktatur" im Namen von Marktwirtschaft und Freiheit abschaffen wollen, steht mit in Frage - obwohl beide Vorstellungen mit einem Sozialismus als alternativer Vergesellschaftungsform wenig zu tun haben. Offen bleiben diese Fragen natürlich nur dann, wenn der Sozialismus seinen Comandante nicht überlebt, was eben allerorten Gegenstand wilder Spekulationen geworden ist.


Worauf gründen sich aber Castros außerordentliche Führungsqualitäten? Wie konnte er, diplomatisch geschickt und politisch unbeirrbar, das militärisch und ökonomisch übermächtige USA-Imperium vis-à-vis immer wieder in die Schranken weisen, der permanenten Wirtschaftsblockade, jedem Attentat und Sabotageakt erfolgreich trotzen? Und wie vermochte er es, seit 47 Jahren an der Spitze der Revolution, das egalitärste und erfolgreichste Gesundheitssystem des amerikanischen Kontinents aufzubauen und vor den Augen der verblüfften Welt den Analphabetismus und den Hunger im Land zu besiegen? Wie war es möglich, nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Sozialismus trotz "Periodo Especial", den pragmatischen Notkorrekturen, der Einführung des US-Dollars als Parallelwährung und jeder Menge touristischer Kosmetik die Errungenschaften der Revolution im Kern aufrechtzuerhalten?

Diese und andere Fragen hat der Chefredakteur von Le Monde diplomatique, Ignacio Ramonet, Castro in einem über hundert Stunden und 569 Seiten umfassenden Interview gestellt. Einen Monat vor Castros Rücktritt als Buch mit dem Titel Fidel Castro: Biografía a dos voces erschienen (s. Abdruck in dieser Ausgabe), befragt Ramonet darin nicht nur den Kubaner, sondern auch den Analytiker internationaler Politik, der noch einmal (wie 1983, als er anlässlich des siebten Gipfels der blockfreien Länder einen Bericht über die ökonomische und soziale Krise der Welt verfasste) die Augen auf globale Prozesse und auf Fragen der Menschheit gerichtet hat. Diesmal beeindruckt Castro besonders durch seine Direktheit und Offenheit, die politisches Kalkül und staatsmännische Räson angesichts einer vielleicht letzten historischen und persönlichen Bilanz in den Hintergrund rücken lassen.

Castro, so wird im Interview deutlich, ahnt sein Ende, hofft aber auf die Fortführung seines politischen und historischen Werks. Nicht zuletzt hallt hier das Fazit der Verteidigungsrede nach, die der damals junge Revolutionär während seines Moncada-Prozesses am 16. Oktober 1953 gegen die Batista-Diktatur formulierte: "Die Geschichte wird mich freisprechen." Als er 1959 mit Che Guevara und Camilo Cienfuegos die Revolution entfachte, die der Diktatur ein Ende setzte, gab ihm die Geschichte Recht. Wird aber der charismatische Revolutionsführer noch einmal vor der Geschichte bestehen - in einer Zeit, in der nationalstaatliche Souveränitätsformen weltweit zurückgedrängt werden?

Der schwer erkrankte Castro hat am 31. Juni 2006 seine Partei- und Regierungsfunktionen an seinen Bruder Raúl abgetreten. Überdies wurde José Ramón Balaguer die Führung des Gesundheitsprogramms, das Bildungsprogramm José Ramón Machado und Esteban Lazo anvertraut. Und mit dem strategischen Energieversorgungsprogramm, das in letzter Zeit einen beachtlichen Aufschwung verzeichnete, wurde der 55-jährige stellvertretende Staatsratsvorsitzende Carlos Lage betraut, der seit geraumer Zeit als Castros politischer Nachfolger gehandelt wird. Zum ersten Mal, seit Che Guevara Kuba verließ, um in Bolivien zu scheitern, hat damit eine "kollektive Führung" das Revolutionserbe übernommen. Castro selbst sah darin aber auch große Gefahren; Ramonet gesteht er im Interview, dass es in der Regierung "viel Unterschlagung, Diebstahl und auch Irrtümer" gäbe. Der Abwehrfähigkeit der Mehrheit der kubanischen Bevölkerung sicher, befürchtet Castro weniger die militärische Intervention der USA, die der Revolution ein Ende setzen könnte, sondern eher Korruption, Machtkämpfe und persönliche Egoismen. Was die Revolution aufhalten könne, sei "die Selbstzerstörung des Landes."

Kein Mitglied der neuen Staats- und Parteiführung besitzt Castros moralische Autorität und seine politische Aura. Wie hier die interne Machtfrage steht, ist noch Gegenstand von Spekulationen. Ob die Machtverlagerung ausbalanciert wird, sie einem Konsens ex post folgen kann, steht noch in den Sternen. Wird aber dann der kubanische Sozialismus nach Castros Tod reformiert werden, um vor den notwendigen demokratischen Umwälzungen bestehen zu können?

Antworten auf solche innenpolitischen Fragen erfährt man aus den kubanischen Medien kaum. Was dort weiterhin dominiert, ist das bekannte - und durchaus verständliche - Durchhalte-Pathos, weniger jedoch die kritische und detaillierte Analyse gesellschaftlicher Realitäten. Dieses Gemeinschaftspathos wird weiter von Castros Bild geprägt und könnte Teil seines Erbes werden, eine Entwicklung, die in Kuba selbst nicht immer Zustimmung findet. Hier ist die Revolution zu einem sakralen Ereignis geronnen, das oft dem profanen Alltag eklatant widerspricht, der wiederum durch das charismatische Symbol, die Außeralltäglichkeit Castros, weiterhin bestimmt wird. Das Symbol kann aber auch hier die Realität nicht ersetzen. Das lässt weitere Fragen offen, die sich in der kritischen Auseinandersetzung mit dem kubanischen Sozialismus aufdrängen. Hier gilt auch Rosa Luxemburgs Maxime: Es kann keinen Sozialismus ohne Demokratie geben.

Castro ist aber auch in den Augen der liberalen Linken in Lateinamerika durchaus umstritten. Kritisiert wird er als "letzter Dinosaurier", der den Sozialismus in paternalistischer Weise deformiert und der Geschlechterfrage patriarchalisch keine große Bedeutung beigemessen habe, außerdem zivilgesellschaftliche Strukturen und Lebenswelten autoritär unterdrücke und auf einer zentralistischen Ökonomie trotz des Zusammenbruchs des Sozialismus in Osteuropa beharre.

Die wirklichen Feinde der kubanischen Revolution stehen dennoch in einem anderen Lager. Dort erwarten sie sehnsüchtig das Ableben des legendären Revolutionsführers. Natürlich nicht, um einen "demokratischeren Sozialismus" zu fördern, sondern um die Revolution platt zu walzen. So ist zu verstehen, wenn Bush der Castro-Opposition in Miami unmittelbar nach dem Rücktritt des Comandante 80 Millionen Dollar für den "demokratischen Wiederaufbau" und zur Konstituierung einer Übergangsregierung, die sich "Freiheit und Marktwirtschaft" verpflichte, zur Verfügung stellen will. The Wall Street Journal, immer auf Geschäftskurs, spekuliert indes auch über eine Zukunft Kubas, die "das chinesische Modell nachahmen könnte", wie Zibechi schreibt. Kuba soll wieder ein Paradies kapitalistischer Verwertung und billiger Arbeitskräfte werden. Das Imperium wittert Maximalrendite.

Castro aber repräsentiert weiterhin das Nein zu diesem Imperium. Es bleibt eine kategorische Frage: Das Nein zu einer "Freiheit", die im Sinne Anatole Frances die Armen in der ganzen kapitalistischen Welt haben: die Freiheit zu verhungern. Demgegenüber haben Fidel Castro und der Fidelismus historisch gezeigt, dass es eine Welt geben kann, in der Sozialismus zu gestalten ist - in der Auflehnung gegen die kapitalistische Welt als die vermeintlich beste aller möglichen.


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00:00 11.08.2006

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