Coca-Blatt für den Botschafter

Bolivien vor der Entscheidung über das höchste Staatsamt Der Volksheld und Cocabauer Evo Morales hat einen Fuß in der Tür zum Präsidentenpalast

Evo Morales, ein Indianer aus den Anden, Führer einer Gewerkschaft der Cocabauern und obendrein Sozialist, war der Überraschungskandidat in der ersten Runde der bolivianischen Präsidentschaftswahl am 30. Juni. Seine Partei Movimiento al Socialismo (MAS) wurde über Nacht zur zweitstärksten Kraft. Da vor vier Wochen keiner der Bewerber die absolute Mehrheit errang, wird am 5. August die Nationalversammlung darüber abstimmen, ob ein Land mit 70 Prozent indianischer Bevölkerung erstmals in seiner Geschichte von einem Indianer regiert wird oder - dank einer Koalition der etablierten Parteien - der Sieger des ersten Wahlgangs, Ex-Präsident Sánchez de Lozada, vereidigt wird.

Die Cocaleros, der Movimiento al Socialismo (MAS) und natürlich auch Evo Morales selbst sind in den Augen der USA schlicht Drogenhändler und Kommunisten. Der Botschafter der Vereinigten Staaten in La Paz drohte kurz vor dem Wahlgang am 30. Juni, sollten die Bolivianer mehrheitlich für einen Cocalero wie Morales stimmen, dann werde sein Land jedwede Finanzhilfe kappen. "Einmischung in interne Angelegenheiten", echauffierte sich die Presse. "Für wen die Bolivianer als Präsidenten stimmen, ist immer noch ihre Sache", konterte Morales, dankte für die Wahlhilfe und sandte dem Botschafter zum amerikanischen Unabhängigkeitstag ein Cocablatt in die Mission. In der Tat scheinen die Drohgebärden dem MAS-Kandidaten mehr Zuspruch verschafft zu haben. In Umfragen vor dem Votum hatte Morales noch abgeschlagen auf Platz vier gelegen. Allerdings werden solche Erhebungen in Bolivien nur in den Städten abgehalten. Die Landbevölkerung - immerhin die Hälfte der
Bolivianer - wird nie befragt.

Das Hungergefühl betäuben
Abgesehen von Haiti ist Bolivien das ärmste Land des amerikanischen Kontinents. Früher waren es die Bodenschätze und der Bergbau, auf denen die nationale Ökonomie ruhte - Zinn und Silber. Doch die Minen sind erschöpft, es bleiben nur wenig Möglichkeiten, auf andere Jobs auszuweichen. Eine Alternative jedoch gibt es: für Minenarbeiter ebenso wie verarmte Kleinbauern - den Anbau von Coca.
Coca ist eine traditionelle Kulturpflanze der Anden, die vielen indianischen Religionen als heilig gilt. Die bitteren Blätter werden im getrockneten Zustand gekaut; damit lassen sich das Hungergefühl betäuben und Auswirkungen der Höhenkrankheit mildern. In Regionen, die mehr als 4.000 Meter über dem Meeresspiegel liegen, leidet man schnell unter Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Übelkeit. Wer Cocablätter kaut, kann trotz der extremen Höhe körperlich hart arbeiten. Deshalb sind die Blätter in Bolivien auf jedem Markt erhältlich. Coca-Tee steht auf Speisekarten so selbstverständlich wie Kaffee oder Rum. Coca-Tee bieten die renommiertesten Hotels in La Paz an, serviert in winzigen Porzellantassen mit geriebenen Cocablättern in einem normalen Teebeutel, Marke Windsor.
Die Produktion von 12.000 Tonnen Coca im Jahr ist legal in Bolivien, weil diese Menge für den Eigenbedarf der Bevölkerung anfällt. Alles, was darüber hinaus geht, ist für den Export bestimmt und somit illegal, denn Cocablätter bilden den Rohstoff für die Droge Kokain. Allerdings wird in Bolivien nur die Cocapflanze angebaut und höchstens eine erste Stufe zur Weiterverarbeitung genommen - die Verwandlung zu Cocapaste. Die Kristallisierung zu Kokain findet meist in Brasilien statt, und der internationale Transfer läuft über die kolumbianische Narco-Mafia. Coca ist inzwischen zum begehrtesten Naturprodukt bolivianischer Farmer avanciert - ein Produkt für den Weltmarkt, dem Zehntausende von Arbeitsplätze zu danken sind, vorrangig beim Anbau von Cocapflanzen, teilweise bei einer rudimentären Bearbeitung.
Doch muss man kategorisch auf den Unterschied zwischen der Zucht des Cocablatts und dem Handel mit Drogen verweisen - das Blatt ist eine Sinnbild bolivianischer Lebenskultur, wie es sie schon immer gab, und war nie mit irgendeiner illegalen Aktivität verknüpft, bis in den Industrieländern die Nachfrage nach Kokain zu florieren begann: Ein Schulbeispiel für die Verschwisterung von Nachfrage und Angebot.
Dabei nehmen die USA den ersten Rang unter den drogenkonsumierenden Staaten ein - sie stellen fünf Prozent der Weltbevölkerung, konsumieren jedoch ein Drittel des weltweit verkauften Kokains. Die übliche Politik einer amerikanischen Administration besteht darin, die Erzeugerstaaten - die Rohstofflieferanten - für das Drogenproblem im eigenen Lande verantwortlich zu machen.

Wenn nicht Coca, was dann?
Seit Jahren wird in Bolivien versucht, den alternativen Anbau voranzutreiben; den Bauern soll es ermöglicht werden, andere Feldfrüchte als Coca zu pflanzen. Aber diese Strategie ist immer wieder gescheitert. Das sei kein Wunder, meint Rimer Agreda, der Bürgermeister des Anden-Ortes Shinahota. "Es gibt zwar einen alternativen Anbau, aber keinen Markt. Die Bauern pflanzen Ananas, Bananen, Palmherzen und anderes, aber sie wissen nicht, wie und wo sie all das verkaufen können. Die Vermarktungskonzepte sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Wenn dann noch versprochene Kredite ausbleiben, werden die Bauern eben weiter Coca anbauen, weil sie mit Coca die alternativen Feldfrüchte subventionieren müssen."

Boliviens Präsidenten nach Ende der Militärdiktatur (1971-1982)

Hernan Siles Zuazo (1982-1985)
Partei: Unión Democrátia Popular (UDP), ein Wahlbündnis, in dem die von Hernan Siles 1964 geschaffene Verteidigung der Nationalen Revolution, der sozialdemokratische Movimiento de la Izquierda Revolucionaria (MIR), die Christdemokratische und die Kommunistische Partei integriert sind.

Paz Estenssoro (1985-1989)
Partei: Movimiento Nacionalista Revolucionario (MNR), Estenssoro war einst Weggefährte von Hernan Siles. Zusammen gründeten sie 1941 die MNR, auf deren Programm unter anderem Verstaatlichungen der Bergwerke und eine Agrarreform standen; 1964 kam es zum Bruch, weil Estenssoro zunehmend mit rechten Militärs kooperierte.

Jaime Paz Zamora (1989-1993)
Partei: Movimiento de la Izquierda Revolucionaria (MIR), dessen Programm entspricht dem von Hernan Siles, Sozialreformen scheitern jedoch an der extremen Auslandsschuld.

Gonzalo Sánchez de Lozada (1993-1997)
Partei: Movimiento Nacionalista Revolucionario (MNR), der Minenunternehmer leitet bereits in den Jahren vor seiner Präsidentschaft als Wirtschaftsminister eine neoliberale Restrukturierung der Ökonomie Boliviens ein.

Hugo Banzer (1997-2001)
Partei: Acción Democratica Nacionalista (ADN), der Ex-Diktator kann sich auf ein respektables Parteienbündnis stützen, tritt aber am 1. August 2001 aus gesundheitlichen Gründen zurück und übergibt das Amt bis zu den Neuwahlen 2002 an Jorge Quiroga; Banzer verstirbt am 5. Mai 2002.





Wahlzirkus und Königsmacher
Movimiento de la Izquierda Revolucionaria
Movimiento Nacionalista Revolucionario

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 26.07.2002

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare