Come Together!

Mail Art 1965 forderte ein Theoretiker viele Fluxus-Künstler zum Briefwechsel auf. Heute dagegen startet der Kunstbetrieb „Open Call“-Projekte
Wolfgang Müller | Ausgabe 16/2014

Der Begriff Mail Art wurde Anfang der siebziger Jahre geprägt. Er definierte eine Kunstform, bei der Künstler über kunstvoll gestaltete Postkarten und Briefe mit performativen Anweisungen auf dem Postweg interaktive Prozesse in Gang setzen. Mail Art ist sozusagen der haptisch-materielle Vorläufer von dem, was heute die Bezeichnung Netzkunst trägt.

Als sinnlich erfahrbare Wiedersehensrevue präsentiert sich ein jüngst erschienenes Buch, das die Briefkorrespondenz zwischen 18 Künstlern aus der Fluxus-Bewegung und deren Umfeld von 1965 bis 1967 umfasst. Der Band Revue Rendez-vous ist ein Zeitdokument, aber eines, das erst heute durch Scanner und bezahlbaren Farbdruck möglich und finanzierbar geworden ist. Zugleich dokumentiert der Band den materiellen Aspekt klassischer Mail Art vor dem Digitalzeitalter.

Der Künstler und Theoretiker S. D. Sauerbier schrieb 1965 einige Fluxus-Künstler an und bat sie, 16 Fragen an sich selbst zu richten und ihm zuzusenden. Die Fragen wurden von ihm anonymisiert und wiederum allen teilnehmenden Künstlern zur Beantwortung gesandt. 256 Bögen hätten sich so ergeben sollen. Im Frage-Antwort-Reigen finden sich prominente Künstler, Philosophen und Autoren wie Ben Vautier, George Brecht, Gerhard Rühm, Nam June Paik, Robert Filliou, Ben Patterson, Arthur Köpcke und Oswald Wiener.

Doch der Eigensinn und die Widerspenstigkeit der angefragten Künstler ließen Sauerbiers streng ausgeklügeltes System an allen Ecken zusammenkrachen. Sei es, dass Gerhard Rühm das Konzept der Autoren-Anonymisierung bereits durch seine erste Frage „Wer bist du?“ unterlief. Dick Higgins stellte zu viele, nämlich 35 Fragen und Jiří Kolář reichte statt der geforderten 16 nur 15 Fragen ein. Philosoph Oswald Wiener formulierte die groteske Frage, wo er als Pensionist der Bundesbahn eine Preisermäßigung für eine Reise nach Ostdeutschland beantragen könne. Dieter Roth weigerte sich, teilzunehmen: „Ich hab’ nix zu fragen.“ Und der bereits erwähnte Dick Higgins stempelte auf jede der vielen ihn erreichenden Fragen die immer gleiche Antwort: „Der Surfboard von Harold Iggy.“

Alles von Allen!

Sauerbiers kristallklares Konzept regte die Künstler dazu an, es auf unterschiedlichste Weise zu bewältigen: Sie übertrugen es in eigene Kunstsysteme, sie über- oder unterschritten die gestellten Bedingungen, sie irritierten und unterliefen es lustvoll. So entstanden unterschiedlichste Subsysteme mit extrem divergierender Ästhetik. Zufälle, die Zeit und unerwartete Ereignisse flossen in das Konzept mit ein, veränderten seine Performance.

Wie in allen performativen und kommunikativen Kunstprozessen, die sich in Vielheit auflösen oder in einer Gemeinsamkeit treffen, blieb auch hier ein Rest. Jean Baudrillard drückte sein Erstaunen mal in der Frage aus: „Warum ist nicht alles längst verschwunden?“ Sauerbiers Buch dokumentiert die Reste eines Prozesses. Wie formt sich das Überbleibsel von Fragen und Antworten – und von beantworteten Fragen und Antworten, die wiederum neue Fragen aufwerfen? Längst haftet den reproduzierten Zeitungsausrissen, Skizzen, Hinweisen und Notizzetteln die verwunschene Patina ihrer Zeit an. Durch ihr Verschwinden aus dem Alltag veredeln sie sich sozusagen mithilfe der verlorenen Zeit von selbst.

Was sagt nun Sauerbiers Netzwerkprojekt Revue Rendez-vous über die aktuelle Gegenwart? Es fällt auf, dass keine einzige Künstlerin an dem Projekt beteiligt ist. Dabei hätte die inzwischen 80 Jahre alte Fluxus-Artistin Yoko Ono eigentlich perfekt in das Konzept gepasst. Im Nachwort räumt Sauerbier ein, dass in jener Zeit Künstlerinnen offenbar übersehen wurden. Entschuldigend ergänzt er, dass er seinerzeit ein weiteres Projekt plante, nämlich Der Körper als Mittel und Gegenstand der Aktionspoesie – da hätten dann Charlotte Moorman, Valie Export, Carolee Schneemann und Yvonne Rainer gefragt werden sollen: „Aber es festigte sich die Überzeugung, ein solches Projekt sei Sache der Frauen selbst.“

In der Tat wurde bereits in den zwanziger Jahren der Körper der Frau als künstlerisches Ausdrucks- und Gestaltungsmittel über den expressiven Tanz zur einzigen modernen Kunstsparte, in der Künstlerinnen dominierten. Die Tänzerin Valeska Gert (1892 – 1978), die sich erlaubte, mit ihrem Körper abstrakte, technische Phänomene wie Zeitlupe, Zeitraffer, Filmschnitt, Kinofilm oder eine Pause darzustellen, wird nicht zufällig bis heute gern als Außenseiterin und „schräge Nummer“ abgetan. Ihre Würdigung als Prä-Happening-, -Performance- und -Konzeptkünstlerin steht noch aus. Die Rezeption des Modernen Tanzes lag seit jeher in Männerhand – auch im Fluxus lief das trotz gestiegener politischer Ansprüche nicht viel anders.

Das Mail-Art-Konzept auf die Spitze getrieben hat vermutlich 1975 der Deutschschweizer Dieter Roth (1930 – 1998). Acht Jahre, nachdem Sauerbier sein Korrespondenzstück abschloss, begründete Dieter Roth in Island das Mail-Projekt Zeitschrift für alles/Timarit fyrir Allt. Motto: „Wir nehmen Alles von Allen!“ Es war die Zeit, als in Westeuropa die Idee der individuellen Selbstentfaltung zum Leitmotiv der Jugend wurde. Joseph Beuys hatte mit dem Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ zwar nur formuliert, dass jeder Mensch kreative, also schöpferische Fähigkeiten besitze – für Isländer eine Selbstverständlichkeit – in Deutschland indes wurde sein Satz oft als Drohung oder Forderung interpretiert: Alle sollten zu Künstlern werden.

Enorme Anziehungskraft

Wie aber hätte in Island, seit 1955 Wahlheimat des Künstlers Dieter Roth, in diesem Land von damals 145.000 Einwohnern überhaupt ein Kultur- und Kunstbetrieb entstehen und funktionieren können, wenn daran nur eine intellektuelle Elite teilnähme? Teilhabe an der Kultur für jeden wird in Island bis heute als etwas ganz Selbstverständliches betrachtet. Hier ist jeder irgendwie tatsächlich auch Künstler und jeder Künstler auch irgendwie ein LKW-Fahrer, eine Bademeisterin oder Parlamentarierin. Dieter Roth jedenfalls realisierte mit seinem Selbstentfaltungsaufruf so etwas wie den Vorläufer von Basisdemokratie: Jeder eingesandte Mail-Art-Beitrag wurde veröffentlicht, ausnahmslos.

Wie schon in den zwanziger Jahren, als Marcel Duchamp bemerkte, dass sich die Künstler ungezügelt wie Karnickel vermehrten, waren auch die Achtziger das Jahrzehnt der individuellen „Selbstentfaltung“. Beuys’ Satz fiel auf fruchtbaren Boden. In den vergangenen Jahrzehnten nun hat die Künstlerexistenz durch prekäre Arbeits-, Studien- und Lebensbedingungen, Hartz IV und Spar- und Arbeitszwang zusätzlich an Attraktivität gewonnen. Der Künstler wurde im entfesselten Kapitalismus zum Symbol des freien Unternehmers seiner selbst oder unternehmerischer Selbstgestalter.

Dieter Roths Zeitschrift für alles stellte mit ihrer zehnten Ausgabe 1987 ihr Erscheinen ein. Die Menge der per Post gesandten Beiträge war derart angeschwollen, dass das Experiment für den Initiator nicht länger finanzierbar war. Von den Nachfolgekünstlern wurde dies kaum wahrgenommen oder bewusst ignoriert. Die Kritierien zur Bewertung aktueller Kunst sind heute vermeintlich abgeschafft. Und doch wird Kunst selbst für eine sich als kritisch und links verstehende Zeitschrift wie Texte zur Kunst erst dann Kunst, wenn sie in den Mechanismen des Marktes fest etabliert ist. Den Ausgeschlossenen bleibt da nur noch die Hoffnung auf Aufmerksamkeit innerhalb der überbordenen Vielfalt außerhalb – oder vermeintlich außerhalb – dieses Systems. Die aktuell rapide steigende Zahl an Mitmach-Projekten, die sich „Open Call“ nennen, verheißen Teilnahmemöglichkeiten für alle und Chancen für jeden. Initiiert werden sie von mit dem Betriebssystem Kunst gut vernetzten, etablierten Künstlern, Galeristen und Kuratoren, die nicht bewerten, sondern lediglich die Vielfalt künstlerischer Einsendungen dokumentieren wollen – am Ende jedoch nie vergessen, ihr Copyright groß über das Eingesammelte zu setzen. Projekte wie der Open-Call-Aufruf der 7. Berlin Biennale von 2012 oder auch die Installation Zeigen in der Temporären Kunsthalle Berlin 2009, die 599 Sound-Beiträge beliebiger Berliner Künstler versammelte, sind Beispiele solch neo-individualliberaler Kunst: Eine „Freiheit“ ohne jede Rücksicht auf die Bedingungen. Im April 2013 rief die Deutsche Bank mit der Aktion „Macht Kunst“ zur Teilnahme für alle auf. Über 1.800 Künstler standen Schlange, um für 24 Stunden ihre Werke in der Alten Münze ausstellen zu dürfen. Als Preisrichter des Projektes wirkte der Galerist René Block, der sich um viele Fluxus-Künstler verdient gemacht hat.

Das DSDS des Kunstbetriebs

Was also ist geschehen? Wird in grenzenloser Kommunikation alles zur Schwarmintelligenz oder zum anonymen Teil unendlicher Vielfalt – zu hundertfünfzig Flüssigseifensorten im Drogerieregal? An den Oberflächen der Vielfalt werden unendliche Möglichkeiten für alle versprochen – die tatsächlich längst entsorgt worden sind. Aktuell entspricht der „Open Call“ der Kunst dem TV-Aufruf Deutschland sucht den Superstar. Im Kunstbetrieb klingt es vielleicht nur etwas anspruchsvoller, nicht ganz so direkt wie bei Dieter Bohlen.

Vielleicht beweist Sauerbiers Revue Rendez-vous-Korrespondenz von 1967 auch, dass die Ausschlüsse, deren Überwindung die inflationären Open-Call- und Mitmach-Projekte von heute mit ihrer „Teilhabe für alle“ suggerieren, auch weiterhin existieren. Sie erscheinen lediglich in anderer Gestalt.

Revue Rendez-vous. Korrespondenzstück 1966/67 S. D. Sauerbier Institut für Buchkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 2013, 264 S., 34 €

06:00 30.04.2014

Ausgabe 13/2020

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