Das ABC der Macht

Modernisierungsbedürfnis Obwohl sie als konservativer gelten, haben die arabischen Frauen die Revolution geprägt: Wie der demografische Wandel die demokratische Entwicklung befeuert

Die Demografie ist ein Indikator für Mentalitäten, die bis in die intimsten Gründe jedes Einzelnen reichen: Sie betrifft menschliche Beziehungen, Sexualität, Fortpflanzung, die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, Missverständnisse, Scheidung, schließlich den Tod. Die Demografie ist eine Psychoanalyse der Gesellschaft.

Die kulturelle Revolution, die im 18. Jahrhundert in Folge der Alphabetisierung zunächst der Männer und dann der Frauen, einer Säkularisierung des Weltbild und schließlich der Geburtenkontrolle in Gang kam, fegte zunächst durch Europa, dann durch die übrige Welt.

Die arabischen Länder, von Marokko bis Oman, erleben nun, mit einiger Verspätung, dieselbe revolutionäre Sturzflut. Aber was sind zwei Jahrhunderte im Hinblick auf den großen Lauf der Geschichte? Die demografische Entwicklung der Region kommt spät, dafür aber umso energischer. Europa hat zwei Jahrhunderte gebraucht, um von einer Fruchtbarkeitsrate alten Stils zu einer modernen Reproduktion zu kommen. Die arabische Welt hat dieselbe Entwicklung in vier Jahrzehnten absolviert, die Angleichung an europäische Verhältnisse beschleunigt sich – offensichtlich ist das in Tunesien, Marokko, dem Libanon und in Bahrain, etwas verhaltener in Libyen und Algerien. Weniger schnell läuft dieser Modernisierungsprozess hingegen in Ägypten, Syrien, Jordanien und im Jemen – dort fiel die Geburtenrate von 8,7 Kindern pro Frau im Jahr 1990 auf 5 Kinder heute.

Macht der Alphabetisierung

Die Länder, in denen die arabische Revolution sich ereignet, lassen ein unterschiedliches demografisches Szenario erkennen. Einige der sehr instabilen Staaten haben ihre demografische Entwicklung vollendet, so etwa Tunesien und Bahrain. Andere stehen kurz davor, das wären etwa Libyen und Algerien. In anderen wiederum tritt die Entwicklung auf der Stelle, nämlich in Ägypten, Syrien, dem Jemen und in Jordanien. In den von der revolutionären Welle am wenigsten betroffenen Länder befindet sich der demografische Übergang in unterschiedlichen Entwicklungsstadien: In einigen, etwa Marokko und dem Libanon, ist er vollendet, in anderen – im Irak, in Saudi-Arabien, den Golfstaaten, Palästina, dem Sudan und Mauretanien – befindet er sich in einer Zwischenphase.

Letztlich hat der demografische Wandel alle Länder erreicht. Und überall bringt er spektakuläre politische Veränderungen mit sich. Allerdings widersprechen wir Samuel Huntingtons Einschätzung, wonach die politische Gewalt der arabischen Welt durch deren hohen Anteil von Jugendlichen erklärbar sei – und wodurch ein vorübergehender Zustand in den Status einer unabänderlichen Realität erhoben würde. Die aktuelle Revolutionen lassen sich gerade nicht durch den youth bulge, den Jugendüberschuss erklären. Der youth bulge stellt bloß ein Übergangsphänomen dar und der politischen Gewalt dieses youth bulge dürfte bald schon ein youth bust, ein Mangel an Jugendlichen folgen – ausgehend von den friedlichen arabischen Gesellschaften.

Der demografische Wandel hilft zwar, die politischen Veränderungen zu verstehen, erklärt aber weder, warum Tunesien das erste von ihm betroffene Land war, noch welches das letzte sein wird. Allerdings konnte der universale Prozess, der von der Revolution der Alphabetisierung zur Revolution der Politik führte, unmöglich vor den Toren der arabischen Welt haltmachen. Er konnte unmöglich die arabische Welt verschonen, die seit vier Jahrzehnten die gleichen kulturellen, demografischen und anthropologischen Veränderungen wie Europa erfährt. Nur ein hartnäckiger Essentialist – ein Typus, der sich unter Intellektuellen genauso findet wie unter weniger gebildeten Zeitgenossen – könnte weiterhin glauben, dass die arabische Welt eine globale Ausnahme darstelle, dass die arabische oder muslimische „Mentalität“ von Natur aus fortschrittsfeindlich ist.

Ein selbstbestimmtes Leben

Die Grund- und weiterführenden Schulen und schließlich die Universitäten öffneten sich zunächst den Jungen, dann den Mädchen – und zwar überall in der arabischen Welt. Selbst im Jemen, der lange Zeit als rückständigstes Land galt, können junge Frauen lesen und schreiben. Ihre Zahl ist fast schon genauso groß wie die der Analphabetinnen. Es sind diese jungen Menschen, die 2011 im Gebrauch der neuen Technologien wahre Wunder vollbracht haben, allesamt im Dienst der Revolution.

Die Alphabetisierung hat den Einzelnen in den Stand gesetzt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Erst wurden die jungen Männer unabhängig, dann, mit einer Verzögerung von rund 20 Jahren, die Frauen. Die intellektuelle Säkularisierung und der zurückgehende Einfluss der Religion auf grundlegende Lebensfragen erklären auch das Phänomen der Geburtenkontrolle. Der starke Rückgang der Sterblichkeit, der die Lebenserwartung seit den sechziger Jahren bis heute von unter 40 auf über 75 Jahre hat ansteigen lassen, ist ein ernstzunehmendes Phänomen, das auch dem Fatalismus einen schweren Schlag versetzt.


Die herkömmlichen Autoritäten und etablierten Hierarchien – der Vater, der uneingeschränkte Macht über seine Kinder hat, der Ehemann, der seiner Frau den Willen diktiert – wurden erschüttert. Wenn gebildete Kinder und ein des Lesens und Schreibens nicht fähiger Vater unter einem gemeinsamen Dach wohnen, kommt es leicht zu Spannungen. Dinge werden in Frage gestellt. Die Schwester erträgt immer weniger den Einfluss ihres oftmals weniger gebildeten Bruders. Und diese Bewegung überschreitet familiäre Grenzen: Der Bürger stellt die Autorität des – oft auf Lebenszeit amtierenden – Präsidenten in Frage.

Kleinfamilie statt Despotismus

Wie überall in der Welt hat die Empfängnisverhütung auch in den arabischen Ländern den weiblichen Körper befreit und darüber dem Einfluss des Ehemanns entzogen – ein Umstand, der uralte Hierarchien ebenfalls ins Wanken bringt. In einer Kleinfamilie – ein Modell, das sich auch in der arabischen Welt durchsetzt – werden die Beziehungen zwischen Mann und Frau sowie Eltern und Kindern immer demokratischer und freier, was nicht ohne Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft bleibt. Die autoritär geführte Großfamilie beruhte auf Despotismus. Der Wechsel zur Kleinfamilie hingegen ist eine notwendige, wenngleich nicht hinreichende Voraussetzung, um diesem Despotismus zu entgehen.

Die Gesellschaft, die Familie, die Verwandtschaft haben nicht mehr die Macht, die Kinder aus reinen Fortpflanzungszwecken zur Heirat zu zwingen. Die arabische Heirat zwischen Cousins und Cousinen, die den Clan stärken soll, wird zunehmend obsolet. Hatte die Endogamie, das dichte familiäre Beziehungsnetz eines Clans, soziale Gruppen dazu getrieben, sich immer weiter zu verschließen und in sich selbst zurückzuziehen, öffnet der exogame Charakter, den Familienstrukturen nun annehmen, Individuen wie Gesellschaft nach außen.

Obwohl sie als konservativer als die Männer gelten, haben die arabischen Frauen die Revolutionen geprägt – in Tunesien, aber auch in Ägypten und sogar im entlegenen Jemen. Sie haben den häuslichen Raum, in den sie verbannt waren, in Richtung des politischen Raums verlassen. Ein Aufbruch, der nur als Ergebnis größerer kultureller (Ausbildung) und demografischer Veränderungen (freie Wahl des Ehemanns, Heiratsalter, Empfängnisverhütung) begriffen werden kann.

Sicherlich vollziehen sich demografischer Wandel und Politik nicht parallel. Aber eines ist den arabischen Ländern neben der Geschwindigkeit des demografischen Wandels gemein: Eine Bevölkerung kann nicht ihr demografisches Geschick in die Hand nehmen und über ihr politisches Geschick andere entscheiden lassen.

Es ist eine Paradoxie der Geschichte, dass die politische Despotie oft die Veränderungen angestoßen oder beschleunigt hat, die schließlich ihren Sturz herbeiführen. Das gilt besonders für die Bildung. Manche Regimes mögen klüger gewesen sein und, um die Risiken wissend, sich für Bildung schrittweise geöffnet haben. Aufhalten lässt sich dieses drängende Bedürfnis nach Modernisierung dauerhaft in keinem Fall. Und auch in keinem arabischen Land.


Youssef Courbage,
geboren 1946 in Aleppo, aufgewachsen in Beirut, hat Wirtschaft und Soziologie studiert, und arbeitet nach Stationen bei der UNO in Beirut, Kairo, Yaoundé, Port-au-Prince und Rabat als Forschungsdirektor am Nationalen Institut für demografische Forschung in Paris





Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt

Übersetzung: Kersten Knipp

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10:00 10.09.2011

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