Das Ding an sich

Spielhölle In einer Ausstellung zur Skulptur ringt das Berliner Georg-Kolbe-Museum mit einem neuen Trend

Großes hat sich die Ausstellung Die Macht des Dinglichen auf die Fahnen geschrieben. Der Untertitel Skulptur heute! deklamiert die von Kurator Marc Wellmann beabsichtigte "Standortbestimmung". Sie soll etwas veranschaulichen, was schon einige Zeit in der Luft liegt. Es ist - so Wellmann in der Einleitung des von ihm auch herausgegeben Katalogs - der "Paradigmenwechsel unter dem Motto ›Zurück zum Objekt‹ als Antwort auf den momentanen Mainstream von installativen, raumbezogenen, performativen oder gänzlich ephemeren Kunstrichtungen". Als Vorstandsmitglied der 1996 gegründeten Bernhard-Heiliger Stiftung und als Kurator ihrer Sammlung ist der künstlerische Leiter ein Kenner der Materie. Und so ist denn der vor vier Jahren entstandene Freundeskreis der Stiftung auch der Veranstalter der Schau.

Als Ort wurde mit Bedacht das wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete Georg-Kolbe-Museum gewählt. Zwar monographisch ausgerichtet, hat die Institution in der Vergangenheit mehrfach einen nach Kolbe benannten Preis für junge Bildhauer verliehen. Zudem sind in den letzten Jahren zahlreiche Sonderausstellungen gezeigt worden, sie galten zeitgenössischen, meist figurativen Tendenzen. Auch die Bernhard-Heiliger-Stiftung macht sich um den Nachwuchs verdient, in dem sie seit ihrem Bestehen ein Stipendium an besonders begabte Bildhauer aus den Meisterklassen der beiden Berliner Kunsthochschulen vergibt. Fünf der insgesamt 24 Bildhauerinnen und Bildhauer in der Ausstellung zwischen 30 und 45 Jahren waren solche Stipendiaten. Sie leben, wie fast alle übrigen, in Berlin, nur drei außerhalb. Unter den ehemaligen Lehrern der Ausstellenden ragen vor allem Michael Schoenholtz und Tony Cragg von der Universität der Künste in Berlin hervor.

Einige Plastiken, so die Holzskulptur von Matthäus Thoma und die Nike benannte Joggerin aus lackiertem Polyester von Marcus Wittmers im Vorgarten des Museums, den Eingang flankierend, stehen im Freien, die meisten aber bedürfen schon wegen ihrer häufig empfindlichen Materialien eines geschützten Raumes. In den beiden Werken von Thoma und Wittmers wird aber die breite ästhetische und stoffliche Spannweite erkennbar, deren Gemeinsamkeit vor allem eine gattungsspezifische ist. Es ist - trotz aller Anleihen im ständig expandierenden Feld visueller Kommunikation (Werbung, Comic, Design, Bühnenbild, naturwissenschaftliche und elektronische Bildwelten) - das handwerklich bewusst geschaffene Ding, das an Boden, Wand oder Decke, mit oder ohne Sockel, überschaubar dargeboten wird. Während Thoma aus Naturmaterial abstrakt-dynamische Gebilde konstruiert, formt Wittmer aus Kunststoff realistische Figuren, durch Weißfärbung verfremdet.

Doch neben Holz - das in den expressiv-blockhaften Sumo-Ringern (Rematch) von Anna-Kavata Mbiti auch figürlich vorkommt - werden auch Tierpräparate, verschiedene Metalle und Kunststoffe verwendet sowie die ganze Palette gestalterisch-formaler Möglichkeiten. Die moderne Kunstgeschichte - vom Ready Made bis zur "soft sculpture" der Pop Art, von Konstruktivismus und Informel bis zu Minimal Art und Arte Povera - ist als Verwertungspotential gegenwärtig, ganz zu schweigen von der klassischen figürlichen Bildhauerei. Vorherrschend ist das Hybride, Künstliche, Groteske und Ironische, das im Finden, Umformen, Kombinieren, Verfremden und wieder Verwenden seinen Ausdruck findet. In einer mit realen und immer mehr virtuellen Objekten zumöblierten Welt gibt es keine verbindlichen künstlerischen Traditionen mehr. Doch bieten Museum und "white cube" die Möglichkeit zu Distanz und Reflexion, Neubewertung und Aufwertung, Kritik und Mahnung.

Die bizarren Monster aus formalingetränkten Tierkörperteilen von Iris Schieferstein und die riesigen Kuscheltiere aus echten Häuten von Katharina Moessinger erinnern an menschliche Unterordnung und rücksichtslose Verwertung der Natur. Der menschliche Körper taucht in Einbeinige von Nadine Rennert als erotisch-fetischhaftes Objekt auf, in Olga von Birgit Dieker als Ganzfigur mit Einschnitten, die viele Schichten aus Altkleidung wie Jahresringe freilegen. Auch noble Materialien wie Bronze kommen wieder zum Einsatz, wenn auch in anderem Kontext. Jonathan Meese verwendet sie für barock anmutende Büsten von Filmschurken, Joel Morrison für eine surreale Popversion der Venus von Milo und Anselm Reyle für scheinbar abstrakte Werke, hervorgegangen aus vergrößerter und bonbonfarben verchromter Ethnokunst. Auf der anderen Seite stehen Kunststoffe wie Fiberglas, aus dem Tony Matelli eine ironisch-porentiefe Selbstdarstellung als Wanderer formt, oder Beton, dem Bara auf Regalen gestapelte grimassenhafte Köpfe und Helmformen abgewinnt. In den zersägten und mit natürlichen Fundstücken neu zusammengesetzten Plastikfiguren von Thomas Helbig scheint das Humane nur noch verzerrt auf, gleichnishaft hingegen in den luftgefüllten Gummibehältern von Harry Hauck.

Natur verwandelt sich bei Stefanie Bühler in einen künstlichen "Urwald" aus Polyurethan, während Reiner Maria Matysik Leukobionten als animalisch-vegetabile Mischwesen aus PVC schafft und Angelika Arendt grellbunte Organismen aus gefärbtem Bauschaum aus der Wand hervorquellen lässt. Aus Edelstahl und Latex formt Axel Anklam flugähnliche Gebilde, Hans Schüle aus Stahlringen scheinbar luftige biomorphe Körper ("float"), und Anke Mila Menck baut aus lackiertem MDF-Platten eine zärtlich Petite Mère genannte riesige abgetreppte Trichterform. Wie monumentale Knetmasse wirkt die Wandplastik aus hochglanzpoliertem Polyester von Thomas Rentmeister, wie dreidimensionale Kalligraphie die bunten Acrylglasschnitzereien von Berta Fischer. Das vom Fassadendekor einer Spielhölle inspirierte Rund aus zackigem Aluminiumblech von Oliver van den Berg und die aus Resten geformte neokonstruktivistische Kartonarbeit Halt mich fest von Florian Baudrexel sind augenzwinkernde Liaisons aus Kunstgeschichte und Alltag mit ungewissem Ausgang.

Bei aller Euphorie für die internationale und anregende künstlerische Atmosphäre Berlins kann die Behauptung, die im Kunstmarktjargon als "emerging artists" ausgewiesenen Teilnehmer stellten eine repräsentative Auswahl des neuen Trends dar, angezweifelt werden. Letztlich hat die Frage eher Reklamewert, ist Futter für modische Diskussionen, die den Betrieb am Laufen halten. Die Auswahl der gezeigten Arbeiten, die unter dem "Stichwort des Haptischen, Konkreten, Abgeschlossenen und Beständigen" (Wellmann) stehen, ist jedenfalls - über alles laute Gerede hinweg - sehenswert, wenn auch etwas beliebig.

Die Macht des Dinglichen. Skulptur heute! Georg-Kolbe-Museum, Berlin. Noch bis zum 28. Mai; Katalog 15 Euro


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 09.03.2007

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare