Das Einzweideutige

ANDERS SCHREIBENDES AMERIKA O Kanada, leeres Sonnenschloss

Die letzten Tage hier oben. Zwei Meter unter der Erde oder in der Hölle, das ist tiefer als hier. Ihr geht vorüber, ihr Tage, das Maul aufgerissen. Ihr Tage, geht nicht mehr hier vorbei; geht woanders. Ihr Tage, geht nicht mehr vorbei, bleibt verborgen, bleibt ruhig, lasst die Ewigkeit in Ruhe. Sprechen wir ein bisschen über Kanada, das unbefleckte Objekt. Sprechen wir vom Geld, dem reinen Objekt. Wenn ich geizig wäre und nichts als geizig wäre, wäre ich froh, denn dann wäre ich nicht lasterhaft, dann wäre ich unschuldig. Leider interessiert mich Geld nicht. Nur die Liebe interessiert mich, nur die Schweinigelei. Der Mörder ist rein; er agiert nicht mit seinem Geschlechtsteil, dem widerwärtigen Ding; er agiert mit seinem Revolver, dem Kleinod der Goldschmiedekunst. Der Mord ist nicht sexuell; er widert nicht an, er ist nicht schändlich, er reißt mit, er ist umwerfend. Ich verzeihe alles, nur nicht die Unreinheit. Ich fühle mich jedem keuschen Menschen unterlegen. Sprechen wir ein bisschen über Kanada. Unternehmen wir trübe Anstrengungen. Begeben wir uns gegen den Strom in die unerschlossenen Regionen der menschlichen Aktivität. Rücken wir zur Religion, den Künsten, der Arbeit, dem Rassismus und dem Patrillotismus vor. O Kanada, mein Vaterland, meine Ahnen, deine Stirn, deine Brüste, deine ruhmreichen Kleinodien! Kanada ist ein weites leeres Land, eine Gegend ohne Häuser und ohne Menschen, außer im Süden, außer entlang der Grenze zu den Entzweiten Staaten, ausser dort, wo die Amerikaner herübergeschwappt sind. Es gibt keine Städte in Kanada, es gibt nur Seen. Es gibt keine Menschen in Kanada, es gibt nur Fischotter und Marder, die an den Seeufern die Köpfe herausstrecken, und Amerikaner, die über die Grenze gesprungen sind oder auch nicht. Diejenigen, die nicht gesprungen sind, die schon auf dieser Seite waren, das sind die Kanadier unter den Amerikanern, das sind die Gekauften, es sind die, zu deren Kauf die Amerikaner über die Grenze gesprungen sind. Die Amerikaner bleiben bei den Amerikanern, nahe bei den amerikanischen Sümpfen und im Schutz der Grenze; sie getrauen sich nicht, sich in den Steppen herumzutreiben, wo die Seen auftauchen; sie haben Angst vor den Fischottern; so etwas wie Fischottern haben sie noch nie gesehen. Kanada, unermesslicher Kältepalast, o Kanada, leeres Sonnenschloss, o du, da du in deinen Wäldern schläfst wie der Bär in seinem Pelz, bist du erst aufgewacht, als sie dir gesagt haben, dass du besiegt warst, als du unter englische Herrschaft gerietst? Merkst du erst auf, wenn sie, in ihren verchromten Autos sitzend, über deinen Körper hinwegrollen, wenn sie aus der Höhe ihrer explodierten Flugzeuge dir auf den Rücken fallen? Schlaf, Kanada, schlaf; ich schlafe mit dir. Bleiben wir liegen, Kanada, bis eine Sonne, die das Aufstehen wert ist, aufgeht. Wenn der Blitz den Himmel durchzuckt, drehen wir uns nicht einmal um; glauben die denn, dass uns ein paar während des Siebenjährigen Kriegs in der Stille der Wälder ausgetauschte Musketenschüsse stören? Für wen halten sich denn diese Läuse und diese Wanzen? Kanada ist. Ist Kanada oder ist es nicht? In Kanada sind es nur die Minke und die Eskimos, die nicht amerikanisch singen, tanzen, essen und sich kleiden. Eifrige protestantische Missionare bringen den Eskimos Amerikanisch bei und verkaufen ihnen amerikanische Bücher und Langspielplatten. In Kanada leben selbst die Eskimos amerikanisch. In Kanada ist nur noch der Botschafter des Planeten Mars kein Amerikaner. Mit Gier und mit dem Auto, damit es schneller geht, kauft und verkauft sich hier auf der Erde jetzt alles. Sie sagen, es gäbe zwanzig Millionen Kanadier. Wo leben die? Wohin sind sie entschwunden? Wo sind sie alle? Es gibt keinen einzigen Kanadier in Kanada. Wo sind die zwanzig Millionen Kanadier? Wo sind wir? Wer in Kanada ist nicht von der Rasse der Hot-Dogs, der Hamburger, des Bar-B-Q, der Chips, der Toasts, der Buildings, der Stops, von Reader's Digest, von Life, von Metro-Goldwyn-Mayer, des Rock'n Roll und der ganzen Pampe? Wer unter uns, meine Brüder, ist kein Apostel von Popeye, von Woody Woodpecker, von Naked City, von der Stadt ohne Schleier, von Father Knows Best, von Papa hat recht, von Simon Templar, des Dodge, des Plymouth, des Chrysler, der Straßen auf Stelzen, der verschnupften Vergaser, des Watusi, des Cha-Cha-Cha, von Coca-Cola, von Seven-up, von Jerry Lewis und von TsCharles Boyer? Wer hat hier den Mut, den von den Pepsi-Verkäufern bezahlten Sängern eine in die Fresse zu hauen, die nichts anderes singen, als dass wir von der Pepsi-Generation sind? Für diejenigen, die nicht auf dem laufenden sind, die nicht kanadisches Radio empfangen, füge ich hinzu, dass Pepsi eine Flüssigkeit aus den Entzweiten Staaten ist, eine Art Coca-Cola. Texaco kommt von dem Wort Texas. Benzin von Texaco ist kanadisches Benzin. Ergibt das einen Sinn? Wer Kanadier werden wollte, könnte es nicht werden. Es gibt welche, die sich sehr anstrengen, Kanadier zu werden, schwer zu Amerikanisierende; sie rauchen Gitanes, lesen L'Express, steuern Citroens, klatschen Luis Mariano Beifall, trinken Château-Thierry und benutzen das Wort con. Solche hasse ich. Ich hasse diese Möchtegernfranzosen, diese Pyro-Manischen, die sich schämen, an diesen Küsten geboren zu sein, die lieber an ihnen gelandet wären, die bedauern, nicht eher gestrandet zu sein. Meine Zuhörer finden, dass ich eine grobe Sprache gebrauche, dass ich schlecht Französisch spreche. Bin ich Franzose? Bin ich in Paris geboren? Ich bin kein Franzose. Zudem will ich kein Franzose sein: das ist zu anstrengend, man muss zu intelligent sein, man muss zu höflich und zu guter Kenner der Daten der Weine sein, man muss zuviel reden, um nichts zu sagen, man muss sich zusehr für besser als die anderen halten. Ich habe nie den Fuß auf französischen Boden gesetzt; ich bin kein Franzose. Süßes Frankreich? Pua! Rauhes Kanada! Fließend spreche ich keine einzige Sprache. Ich verstehe schlecht Französisch und schlecht Amerikanisch. Bei Beginn der - französischen - Kolonialisation stand in Frankreich zur Debatte, Kanada Zug um Zug gegen eine der Jungferninseln einzutauschen, eine der Inseln der karibischen See jedenfalls. Das bedeutete ihnen nicht viel, den Franzosen, den König von Frankreich zu bestehlen. Es war viel zu kalt im Winter. Auf den Antillen bekamen die Franzosen beim Kolonisieren keine kalten Füße. Sie wollten Kanada nicht bevölkern; es war viel zu kalt. Die Seide ihrer Wämschen fror ihnen ein. Jetzt, da die Zentralheizung eingebaut ist, sind sie weniger heikel; sie kommen her, um uns zu kolonisieren und zu entblöden. Man sieht sie von weitem kommen mit ihren kleinen Samtschuhen. Kanada ist ein Eigenname, der ein Dominion bezeichnet, das es mangels Kanadiern nicht gibt. Sind die Engländer, die Indien kolonisiert haben, Hindus? Nein! Sind ihre Söhne und Enkel Hindus? Nein! Warum nein? Weil es andere Hindus als die Engländer gibt und die wahrhaftigen Hindus die einzigen Hindus sind, die es gibt. Sie haben es geschafft, die Engländer, alle Indianer zu töten und die anderen in Reservate zu sperren. Aber sie haben es nicht geschafft, die Engländer, alle Hindus zu töten. Es gab viel zu viele davon! Sie haben darauf verzichten müssen, die Engländer, Hindus zu werden. Amerikaner zu werden, fiel ihnen, den Engländern, leichter. Ich verheddere mich und gerate aus dem Konzept. Wovon sprach ich gerade? Worauf wollte ich hinaus? Es soll französische Kanadier geben, und diese wären französische Kanadier, weil ihre Väter Pelzhandel trieben. Das ist die Vergangenheit, von der man spricht, wenn man vom Pelzhandel spricht. Die französischen Kanadier (schon der Name sagt es) behaupten, ein Privileg zu besitzen, das die anderen Kanadier (schon der Name sagt es) nicht genießen. Dieses Privileg besteht darin, Kanada entdeckt zu haben und ihm zum ersten Mal mit dem Pflug zu Leibe gerückt zu sein, es zum ersten Mal dazu gebracht zu haben, Korn zu bluten (die Nase bluten). Als ich im Bauch meiner Urgroßmutter lag, war ich selbst, Mille Milles, bei den ersten Bewohnern. Kann man im Bauch seiner Urgroßmutter gewesen sein? Nein, mein Herr. Man kann nur im Bauch seiner Urgroßmutter gewesen sein, dem Bauch einer Frau. Wenn man einräumt, dass es französische Kanadier gibt, muss man auch einräumen, dass die französischen Kanadier sehr viel mehr Blut für Frankreich vergossen haben als die Franzosen für Kanada. Auf den Plaines d'Abraham waren nicht viel Franzosen: zwei- bis dreihundert. 1914 und 1940 waren sie alle zur Stelle an den bretonischen Stränden, die französischen Kanadier. Man muss mich nicht beim Wort nehmen. Ich wiederhole nur, was ich gehört habe. Ich glaube kein einziges Wort von dem, was ich sage. Ich glaube nur an Tate. Ich glaube an nichts. Und dann bringt Tate mich zum Lachen. Das reicht. Der Kübel läuft über. Alles in allem: es ist mir wurscht.

Übersetzung aus dem Französischen: Lothar Baier

Réjean Ducharme, 1941 in Saint-Félix-de-Valois geboren, lebt zurückgezogen, jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit meidend, in Montréal. Über seine Biographie ist deshalb wenig bekannt. Seit er 1966 mit seinem ersten Roman L'avalée des avalés an die Öffentlichkeit trat, das mit seinem radikalen Sprachspiel und seiner anarchischen Respektlosigkeit gegenüber literarischen Konventionen Leser ebenso faszinierte wie verstörte, gilt Durcharme als der eigenwilligste, vielleicht auch der genialste lebende Schriftsteller Qubecs. Sein vielgestaltiges Werk umfasst auch Theaterstücke - etwa Le Cid magané - und für den Sänger Robert Charlebois geschriebene Chansons.
Vorabdruck aus: Anders schreibendes Amerika. Literatur aus Quebec 1945-2000. Eine Anthologie. Herausgegeben von Lothar Baier und Pierre Filion, das nächste Woche im Heidelberger Verlag Wunderhorn erscheint und am 23. März auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wird 356 S., 56,- DM

00:00 17.03.2000

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