Das Ende der Liese Dienelt

Rechtsterrorismus Beate Zschäpe ist für die Ermittler ein gleichberechtigtes Mitglied der Zwickauer Terrorzelle – sie selbst schweigt hartnäckig

Beate Zschäpe, geboren 1975 in Jena, gilt als Mitglied der rechtsextremistischen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Der Zelle werden zehn Morde zur Last gelegt

Am 4. November 2011 um 15 Uhr kehrte Beate Zschäpe in ihr Leben zurück. Sie übergab in der Zwickauer Frühlingsstraße einer Nachbarin ihre beiden Katzen, während schon dunkler Qualm aus der Wohnung im Haus Nummer 26 drang, in der sie jahrelang unter dem Namen Liese Dienelt gelebt hatte. Das Feuer, das die Etagenwohnung zerstörte, beendete auch die Existenz einer rätselhaften jungen Frau mit vielen Namen und Identitäten. Nun war sie wieder Beate Zschäpe, die als 22-Jährige am 26. Januar 1998 aus Jena verschwand und 13 Jahre, neun Monate und neun Tage lang unauffindbar blieb.

Heute sitzt sie in einer Einzelzelle in Köln-Ossendorf, als Untersuchungshäftling. Allein mit ihren Gedanken und Erinnerungen an das Leben mit ihren beiden Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Das Trio war seit der gemeinsamen Flucht 1998 mehr als eine Schicksalsgemeinschaft. Eine Familie seien sie gewesen, hat Zschäpe bei ihrer Festnahme am 8. November gesagt. Da waren Mundlos und Böhnhardt schon vier Tage tot. Nach einem Banküberfall in Eisenach hatten sie ihr Leben aufgegeben. Es war ein Leben voll Hass und Gewalt, wie es scheint. Zehn Morde an Migranten und einer Polizistin, zwei Bombenanschläge gegen Ausländer und ein Dutzend Banküberfälle legt man den Neonazis zur Last, die sich selbst zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) erklärt hatten.

Und Beate Zschäpe? Wusste sie von den Taten, machte sie mit? Strafverfolger, Juristen, Abgeordnete – das ganze Land will das erfahren. Aber Zschäpe schweigt. Sie wird deshalb dem Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags auch vorerst nicht als Zeugin vorgeführt.

So muss, wer sich ein Bild von dieser Frau machen will, auf die wenigen Puzzleteile zurückgreifen, die aus dem verborgenen Leben der Beate Zschäpe bislang sichtbar geworden sind. Geboren wurde sie in Jena, als einzige Tochter einer alleinerziehenden Mutter. In Winzerla lebte sie, einem Wohnviertel im Süden der Stadt. Uwe Mundlos lernte sie in der Nachbarschaft kennen. Anfang der neunziger Jahre fand sich eine rechte Szene in der Stadt zusammen, Zschäpe war dabei wie auch Mundlos und Böhnhardt. Die drei Freunde zogen um die Häuser, brüllten Naziparolen und langten auch mal hin, wenn es gegen „Zecken“ und Ausländer ging. Die Jungs trugen Bomberjacke und Springerstiefel. Zschäpe jedoch verweigerte sich dem rechten Dresscode, zog an, was ihr gefiel. Sie machte eine Gärtnerlehre, bekam aber keinen Job. Ihr Leben waren die Freunde, vor allem Böhnhardt und Mundlos. Ein enges Dreiergespann sei das gewesen, aber eher freundschaftlicher als sexueller Natur, erinnert sich Katharina König, heute Landtagsabgeordnete der Linken in Erfurt.

Das Trio machte ab 1996/97 mit mehreren Aktionen auf sich aufmerksam. Sie deponierten vor dem Jenaer Theater eine Bombenattrappe in einem Koffer mit aufgesprühtem Hakenkreuz, sie ließen eine Puppe mit Judenstern von einer Brücke baumeln, sie waren wohl auch am Versand von Briefbombenattrappen beteiligt. In mindestens zwei Ermittlungsverfahren gehörten die drei zu den Beschuldigten, als die Polizei bei einer Razzia am 26. Januar 1998 in einer von Zschäpe gemieteten Garage drei Rohrbomben und knapp anderthalb Kilogramm TNT-Sprengstoff fand. Das Trio tauchte ab. Jetzt begann, so glauben die Ermittler, ihre Zeit als NSU.

Welche Rolle Zschäpe in der rechten Terrorzelle spielte, ob sie die Augen davor verschloss, was ihre beiden Freunde taten, oder ob sie aktiv mitwirkte, indem sie etwa Fluchtautos anmietete oder Waffen versteckte, weiß bislang nur sie selbst. Die Ermittler glauben allerdings, dass sie die „anstehenden logistischen Aufgaben bewusst und gewollt zur Förderung der Ziele des NSU“ erledigte – so steht es im Beschluss des Bundesgerichtshofes zu Zschäpes Haftbeschwerde. Sie soll das Geld der Gruppe verwaltet und Pässe besorgt haben. Mindestens ein Mal soll sie auch dabei gewesen sein, als Mundlos und Böhnhardt eine Waffe erhielten. Gegenüber den beiden Männern soll sie eine gleichberechtigte Stellung gehabt haben. Die Bundesrichter sehen jedenfalls Belege für eine bis zuletzt enge persönliche Verbindung der drei und für Zschäpes innere Übereinstimmung mit den Überzeugungen der mutmaßlichen Haupttäter.

Dieser sachlichen juristischen Sicht auf Zschäpe stehen die persönlichen Eindrücke gegenüber, die Nachbarn in Zwickau und Urlaubsbekannte von der Frau hatten, die sie als Liese Dienelt kannten. Sie schildern Zschäpe unisono als freundlichen und aufgeschlossenen Menschen, witzig, gesellig und kinderlieb. Zu politischen Fragen habe sie sich kaum geäußert und wenn, dann sei dies nie auffällig gewesen. „Irgendwie haben sie alle gemocht, sie hatte so was Unbeschwertes und Lustiges“, erinnert sich eine ehemalige Nachbarin.

Am Nachmittag des 4. November 2011, als das Leben der Liese Dienelt endgültig zu Ende war, versuchte Zschäpe ein letztes Mal, vor ihrer Vergangenheit zu fliehen. Ein Freund holte sie in der Nähe der brennenden Ruine an der Frühlingsstraße ab und brachte sie nach Glauchau. Scheinbar ziellos irrte sie in den folgenden Tagen umher, rang offenbar mit dem Gedanken, sich wie ihre beiden Freunde das Leben zu nehmen. Mit dem Zug fuhr sie nach Leipzig, Magdeburg, Eisenach und Bremen, gab Umschläge mit DVDs der Bekennervideos des NSU in die Post. Am 8. November stellte sie sich in Zwickau der Polizei. Sie sagte, Mundlos und Böhnhardt seien ihre Familie gewesen. Jetzt fühle sie sich sehr allein.

Andreas Förster ist freier Journalist in Berlin

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10:00 12.03.2012

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