Das Erbe des Hasses

Sittenbild In seinem Buch zum Film "Der Kick" versucht Andres Veiel, Klischees zur Ausländerfeindlichkeit im Osten zu durchbrechen

Angesichts des neuen Gewaltausbruchs gegen eine Gruppe zugezogener Inder im sächsischen Ort Mügeln hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung wieder ritualisierte Fassungslosigkeit eingestellt. Die Empörung in den Medien bringt auch bei diesem Fall ans Licht, dass die Präsenz von Neonazis verharmlost, ihre Gewaltbereitschaft geleugnet oder als überfallartiges Ereignis in einer ansonsten friedliebenden Gemeinschaft abgetan wird.

Wieder erfährt man außer schleppenden Ermittlungsergebnissen, dass die finanziellen Mittel für die Präventionsarbeit in den lokalen Jugendkulturen fahrlässig gekürzt worden sind, dass die Täter in einem Klima agierten, in dem Ausländerfeindlichkeit zum normalen Habitus gehört und das Herunterspielen von alltäglicher Gewaltbereitschaft der Zukunftshoffnung auf Investoren in der Region dienen soll. Den mühevollen Basisprojekten von Jugend- und Sozialarbeitern steht ein massiver Überbau an zweckrationaler Image-Kosmetik gegenüber. Die Ergebnisse der Gewalt- und Präventionsforschung dringen offensichtlich nur als Lieferanten rasch verdaulicher Erklärungsmuster in die Öffentlichkeit. Das Pendeln zwischen Erregung und Resignation gegenüber der zunehmenden Gewalt ist längst zu einem stereotypen Wahrnehmungsmuster verfestigt.

Diesem klammheimlich um sich greifenden Übel will der Autor und Filmemacher Andres Veiel die Arbeit an präziseren Diagnosen entgegensetzen. Begriffe wie emotionale Verrohung und Ausländerfeindlichkeit erscheinen ihm zu unscharf, zu klischeehaft, um die Komplexität der psychischen und sozialen Bedingungen solcher Delikte zu verstehen.

Veiel hat sich in mehrfach ausgezeichneten Filmen wie Balagan, Die Überlebenden und Black Box BRD mit unterschiedlichen Ausprägungen von Gewalt auseinandergesetzt. Den vor fünf Jahren im uckermärkischen Dorf Potzlow begangenen Mord an dem sechzehnjährigen Marinus Schöberl wollte er auch nach den Strafurteilen gegen die Täter nicht auf sich beruhen lassen. Vieles sprach gegen die herrschenden Klischees, so passten die Hautfarbe des Opfers und seine Dorfzugehörigkeit oberflächlich gesehen nicht ins Bild des Fremdenhasses.

Das Opfer wurde von zwei ihm bekannten, der Neonazi-Szene zuzurechnenden Brüdern und deren Freund im Verlauf einer alkoholgetränkten Nacht gefoltert, als "Jude" beschimpft und schließlich durch einen aus dem Neonazi-Film American History X entlehnten Genickbruch getötet. Die zerschundene Leiche von Marinus Schöberl vergruben die Täter in der Jauchegrube eines ehemaligen LPG-Schweinestalls. Der Mörder Marcel Schönfeld, jüngerer Bruder des vorbestraften Gewalttäters Marco, prahlte im Dorf mit dem Verbrechen, was zur Entdeckung des Vermissten Monate später führte. Fernsehteams boten den Dorfjugendlichen Geld, damit sie den Akt des Leichenfunds noch einmal nachstellten.

Als Künstler weder ein Medienjournalist, noch ein Forensiker oder Wissenschaftler wirft Veiel Fragen auf, die unter den Spezialinteressen verloren gehen. Was treibt Jugendliche zu solchen Exzessen? Warum und in welchem Ausmaß entwickeln bestimmte Jugendkulturen barbarische Verhaltensformen jenseits jeglicher zivilgesellschaftlichen Regeln? Woher kommt der Mangel an Empathie mit den Opfern? Wie greifen die Defizite kultureller, institutioneller und familiärer Bindungssysteme ineinander?

Der Kick, eine Fallstudie und seine dramatische Bearbeitung, gehen auf ein Angebot des Berliner Maxim-Gorki-Theaters zurück, das bei Veiel ein zeitbezogenes Stück in Auftrag gab. Monatelang führte der psychologisch Geschulte mit den Tätern, den Dorfbewohnern und anderen Gespräche. Anfangs von Misstrauen begleitet, gelang ihm und seiner Dramaturgin und Ko-Autorin Gesine Schmidt eine eingehende Recherche. Er inszenierte das Stück 2005 in einer Berliner Industrieruine und verfilmte es als Theaterdokumentation. Der Kick (Freitag 21 und 39/2006) ist eine Collage aus Familienerzählungen, Zeugenaussagen, Selbstauskünften, Verhörprotokollen, Trauer- und Wutreden, Gutachten, Plädoyers und letzten Worten am Grab. Von einem Schauspielerpaar dargestellt, bringt das Stück in stark verfremdeter Form ein Sittenbild der brandenburgischen Region zur Nachwende-Zeit ans Licht. Es macht die Täter und ihre Familien in ihrer Misere kenntlich und entdämonisiert sie so.

In diesem Jahr legte Veiel ein Buch gleichen Titels nach, das nicht nur das Theaterstück enthält, sondern zusätzliche Recherchen zum biografischen, zeit- und mentalitätsgeschichtlichen Kontext. Mit dem Ansatz der sozialpsychologischen Generationenforschung argumentiert er noch entschiedener fürs genaue Hinschauen, als es das Stimmen-Kaleidoskop des Stücks vermag. Veiels Resümee zu den Hintergründen des Mordes in Potzlow zeigen, wie in besinnungslos explodierender Gewalt bestimmte Muster des kulturellen Gedächtnisses weiterwirken.

Brutalität wird als der Treibsatz erklärt, der nicht nur von alkoholisierten Machträuschen gezündet wird sondern auch von ererbten, verdrängten und vielfach übertragenen Hassgefühlen. Ohne die Schuld der folternden Jugendlichen zu relativieren, untersucht das Buch ihre Perspektivlosigkeit und emotionale Verwahrlosung auf ihre Tiefenschichten hin. Veiel bezieht verschwiegene Gewalt- und Beschämungserfahrungen der Eltern- und Großelterngeneration in die Analyse ein und kommt so zu einem ganzen Ursachenkomplex. Man staunt, wie vertrauensvoll die Befragten ihre Biografien offenbarten und mit eigenem Namen dafür einstehen. Vielleicht war Veiels Interesse ein Ansporn zur Überwindung der Sprachlosigkeit, obwohl er erklärtermaßen keine therapeutische Hilfe versprach.

Veiel schildert die Lebensläufe des Opfers und der Täter bis zum Tattag, ihre schlechte Schul- und Ausbildungssituation, die uckermärkische Jugendszene zwischen Neonazi-Machtgehabe und Hiphopper-Mode. Bei den Schönfeld-Brüdern überwiegen die Alkoholräusche, Prügeleien und schwierigen Mädchenbeziehungen, bei Marinus Schöberl dessen Arglosigkeit. Und dennoch ähnelten sich ihre Schwächen gefährlich. Alle drei litten unter Sprachstörungen, hatten Demütigungen von anderen Jugendlichen hinnehmen müssen und zählten ebenso wie der Mittäter Sebastian Fink (ein Wochenendbesuch) zu den Schulabbrechern und Außenseitern. Marco Schönfeld war erst kurz vor der Tat aus der Haft entlassen worden, sein Bruder Marcel wollte ihm mit demonstrativer Neonazi-Aufmachung und Gewalt imponieren und so vergessen machen, dass er zuvor in die Hiphopperszene gewechselt war. Als deren Attribut galten die blondierten Haare des Marinus Schöberl; sie stigmatisierten ihn zum Hassobjekt, zum "Juden", im Verlauf der Folter umso mehr, als er sich nicht zu wehren wusste. Das Wort Jude war schiere Entwertungsvokabel, Schimpfwort ohne Inhalt - historische Nazi-Ideologie kannten die Täter nicht.

Veiel erläutert, wie sich Entfremdungserfahrungen in blindem Fremdenhass ein Ventil schaffen. Aus den Familiengeschichten, der Dorfgeschichte und Sozialstruktur arbeitet er heraus, dass Potzlow seit seiner preußischen Gründung Schauplatz von Zuzügen, Fluchten und gewalttätigen Eingriffen war: Über drei Generationen hinweg dringt er zu Schlüsselerfahrungen verdrängter Gewalt und zu prägenden Entwertungsgefühlen vor, die heute ein Vakuum an Vorbildern und Wertorientierungen hinterlassen. Am Beispiel der fatalen Schulkarrieren der Jugendlichen stellt er den auffälligen Mangel an Grenzsetzungen, die Schwäche staatlicher Institutionen, vor allem das Desinteresse der Schulen an verhaltensauffälligen Schülern dar.

Das Buch gibt nicht vor, das Verbrechen erklären zu können, aber es sammelt Indizien dafür, wie unbearbeitete Traumata zu Ohnmachts- und Enteignungsgefühlen führen, die sich schwächere Opfer suchen. Was von der Lektüre bleibt, ist ein beunruhigend umfassendes Krisenbild einer ostdeutschen Region.

Andres Veiel: Der Kick. Ein Gewalt, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007,
288 S., 14,95 EUR


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00:00 31.08.2007

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