Das Fenster zum Wurf

Kunstbiennale Der Deutsche Pavillon in Venedig wurde in diesem Jahr zur Denkfabrik umgerüstet. Für die Besucher bedeutet das Arbeit
Sarah Alberti | Ausgabe 20/2015 4

Flache Schuhe und eine geringe Körpergröße sind von Vorteil, um in den Deutschen Pavillon auf der 56. Biennale di Venezia zu gelangen. Denn der Haupteingang ist zugemauert, hinein führt nur eine schmale Seitentreppe. Eine neue Struktur, sagt Kurator Florian Ebner, habe er dem Pavillon geben wollen: „We tried to shape the building“, so seine Worte bei der Eröffnung. Ebner will – wie so viele andere zuvor – heraustreten aus dem Schatten des 1909 errichteten und 1938 von den Nationalsozialisten monumental ausgebauten Kunsttempels inklusive Apsis. Die Profanisierung ist gelungen: Auf die Dachkonstruktion des Bonner Kanzlerbungalows, der 2014 während der Architekturbiennale im Inneren des Gebäudes zu sehen war, sind eine erste Etage und weitere steile Treppen gebaut. Eine nachhaltige, wenn auch nicht neue Idee: Pavillonnachbar Japan recycelte vor zwei Jahren nach diesem Prinzip und schuf damals ein ebenso cooles Display.

Viel Arbeit steckt in diesem Pavillon, geistige wie körperliche. Ein „Resonanzraum, in dem der Produktionstakt einer globalisierten Welt zu vernehmen ist“ sollte es werden. Wer wie Florian Ebner 2013 vom Internationalen Kunstkritikerverband (AICA) Deutschland den Preis für die beste Ausstellung für Kairo. Offene Stadt bekam, die Künstler, Journalisten und Aktivisten vereinte, der will auch für Venedig im Tandem mit Künstlern arbeiten. Eingeladen hat er dazu Tobias Zielony, Olaf Nicolai, Hito Steyerl sowie Jasmina Metwaly und Philip Rizk. Alle Beiträge sind für Venedig neu entstanden, produziert im vergangenen Jahr mit dem Wissen um die Präsenz, die sie hier erlangen. Noch einen Tag vor der Preview tönten Bohr- und Hammergeräusche aus den Giardini, der Parkanlage mit den Länderpavillons. Eine Fabrik ist entstanden, so steht es nun in großen Lettern am Deutschen Pavillon. Eine Fabrik der politischen Erzählungen, des digitalen Lichts, eine Erkenntnisfabrik der Bilder.

Bumerangs kreisen

Wie in jeder Werkhalle braucht man drinnen einen Moment, um sich zu orientieren: Durch die Fenster fällt der Blick aufs Biennalegewusel, an den Wänden hängen großformatige Fotos, daneben Zeitungsartikel in Schaukästen. Tobias Zielony porträtiert Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind und nun protestieren: gegen die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, gegen das Verbot, zu studieren oder zu arbeiten. Etwa Napuli Paul Langa aus dem Sudan, die in Berlin fünf Tage auf einem Baum ausharrte, als die Polizei im April 2014 das Protestcamp auf dem Oranienplatz räumen ließ. Den kuratorischen Überbau und die Schlüsselbegriffe Arbeit und Bildproduktion im Kopf zu behalten, schadet hier nicht. Seine Fotos hat Zielony an Autoren und Journalisten weitergeleitet, die sie wiederum in afrikanischen Zeitungen publiziert haben. Klüger als mit dieser Feedbackschleife hätte man Themen wie Asylpolitik, Pegida und die Rolle der Medien zum jetzigen Zeitpunkt wohl kaum (er)-fassen können. Es sind individuelle Geschichten, die Zielony zugänglich macht, vorausgesetzt, die Rezeptionszeit im Lagunenstädtchen reicht zwischen Gepäckband und Rückflug-Check-in für die Lektüre einer eigens produzierten Zeitung, die – ganz demokratisch – gestapelt für jederbesucher zur Mitnahme bereitliegt.

Auf den Stufen vor dem Pavillon sitzt im blauen Jackett der Mitausstellende Olaf Nicolai. Auch er lobt Zielonys komplexen Zugang: Es gebe doch zu viele Arbeiten, die sich „politisch gebärden, aber nichts machen, außer Kritik mit Entertainment zu verbinden“. Man kann ihm nur zustimmen. Künstler sind weder Kommentarmaschinen des politischen Weltgeschehens noch der eigenen Arbeiten. Doch während der Previewtage reiht sich für den studierten Germanisten mit Doktortitel Interview an Interview. Fragen gibt es genug. Denn mit seinem Beitrag hat Nicolai sich zurückgezogen, auf das Dach des Pavillons, das die Besucher nicht betreten können. Eine Form des Protestes gegen die Repräsentationskultur auf der Biennale? Nicht wirklich, zu sehen gibt es was. Ein Mann in grellgrünem T-Shirt taucht zur Freude der angereisten Kunstweltbewohner kurz am Rande des Daches auf, gebärdet sich sportiv. Dort oben ist tatsächlich eine kleine Manufaktur installiert: Bumerangs werden da gebaut und vor Ort getestet.

Solche Wurfhölzer gebe es in vielen Kulturen, doziert Nicolai unten, der Bumerang stehe auch stellvertretend für ein Um-sich-Kreisen, für Rotationsprinzipien: „Man wirft, man fängt, es passiert nichts und es passiert doch ganz viel.“ Wer Bumerangwerfen trainiere, verändere sich zum Beispiel körperlich. Es geht also auch um die Menschen, die ausführen, was der 1962 in Halle an der Saale geborene Berliner sich erdacht hat. In der von Okwui Enwezor kuratierten Hauptausstellung in Venedig ist er mit einer Gesangsperformance vertreten, die man in einem Rucksack mit sich herumtragen kann.

Es wäre durchaus möglich gewesen, die Pavillonbesucher aufs Dach steigen zu lassen. Aber das wollte Nicolai nicht. Es gehe ihm nicht darum, Arbeit auszustellen: „Man kann auch einfach nur hochschauen und sich freuen, wenn man so einen Bumerang fliegen sieht.“ Scharfschützen unter Bodenbeobachtung. Umgedrehte Welt. Wer sich mit dem Vaporetto in Richtung Lido aufmacht, kann auf dem Dach außerdem eine helle Holzhütte erkennen – das muss die Minifabrik der Bumerangwerfer sein.

Nicolais Arbeit geht auch jenseits der Drehkreuze der Biennale-Eingänge weiter, dort wo die allgegenwärtigen Straßenhändler in diesen Tagen vor allem Selfie-Sticks anpreisen. Schwarze Plastestöcke als Armverlängerung, die zunehmend die Sicht auf den Dogenpalast versperren. Für acht Euro verkaufen nun wenige von ihnen während der Biennale auch Nicolais Bumerangs, die versehen mit einer Wurfanleitung auf Chinesisch, Italienisch und Englisch einen „Made in Venice“-Stempel tragen. Ein in die Realität hineinwirkendes Sinnbild für so manche Schattenökonomie, ein Entzug auch vor Sichtbarkeit und Kunstmarktmechanismen.

Die Deutsche Bank spricht

Zurück im Deutschen Pavillon: Ein Dach ist auch im Gebäude Schauplatz einer Fabrik. Jasmina Metwaly und Philip Rizk luden Arbeiter auf das Dach eines Wohnblocks in Kairo ein. Es wird zur Bühne für die realen Erfahrungen der Männer, die in einer privatisierten und danach zerstörten Fabrik in Ägypten arbeiteten. Das Video zeigt, wie sie im brechtschen Lehrstücksinne Dialoge nachsprechen, mittels Geräuschen und Gesten ihre zerstörten Maschinen imitieren und sich auch dann noch filmen lassen, als sie auf Plastikstühlen sitzend sich selbst im Film sehen – wer beobachtet jetzt eigentlich noch wen und warum? Im Seitenflügel des Pavillons sind die Fliesen dieses Dachs aus Kairo lose verlegt. Wer drüberbalanciert, produziert Krach in diesem hohen Raum – wohl auch eine Anspielung auf Hans Haackes zerstörten Pavillonfußboden von 1993. Als begehbare Skulptur im Dialog zum Film ist das schlüssig, aber in dieser Pavillonfabrik einfach eine Schleife zu viel.

Und schließlich, im Erdgeschoss, eine Mischung aus Computerspiel, Youtube-Video und News-Channel von Hito Steyerl, die als Essayistin und Medientheoretikerin immer auch die Frage nach der Wahrheit der Bilder stellt. So geht es in Factory of the Sun um digitale Informationsströme und ökonomische Interessen, um das Individium im Internetzeitalter. Reale Personen tanzen sich zu eingängigen Beats in goldenen Ganzkörperanzügen zwischen Mangaköpfen durch eine digitale Factory oder stehen auf dem Dach der Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg. Drohnen fliegen durch die Luft, die Deutsche Bank spricht in Person eines blonden, blauäugigen Mannes (der Schauspieler Mark Waschke) über Terroristen und Demokratie: „Ich kann Ihnen erzählen, was ich will.“ Wie Zielony oder auch Metwaly und Rizk lässt Steyerl ihren Betrachter hier teilhaben an der eigenen Arbeit, als Regisseurin ist auch sie im Film sichtbar.

Diesen Pavillon muss man sehen wollen. Allein die Videos bringen es auf 90 Minuten Spielfilmlaufzeit. Die von Florian Ebner eingeladenen Künstler, alle fünf klug und meinungsfreudig, produzieren zweifellos relevante Fragen. Doch um alle Aspekte fassen zu können, braucht es das am Eingang verteilte Faltblatt oder besser noch den Katalog. Bleibt zu hoffen, dass die Besucherströme sich auf diese Denkfabrik einlassen – und bei 89 Länderpavillons die nötige Sensibilität mitbringen für Details wie ein eigens eingebautes Dachfenster, das neben einem Infoblatt der einzige Hinweis auf die Bumerangfabrik in der Fabrik ist.

Jede der ausgestellten Arbeiten hätte den Deutschen Pavillon problemlos auch alleine füllen können – oder im Fall von Olaf Nicolai leer bespielen. Ja, ein geschlossener Deutscher Pavillon mit Sonnen- beziehungsweise Schattenökonomie auf dem Dach und auf Venedigs Straßen, das wäre ein starkes Statement gewesen. Und hätte auch Florian Ebners Wunsch nach Profanisierung des Gebäudes voll und ganz erfüllt.

Info

Die 56. Kunstbiennale in Venedig läuft noch bis 22. November

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06:00 14.05.2015

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