Das Getränk des Propheten

Trinkhalle Neuheit beim türkischen Lebensmittelhändler in der Multikultistadt Frankfurt: Neben den Anderthalbliterflaschen mit Yedigün-Limonade in den ...

Neuheit beim türkischen Lebensmittelhändler in der Multikultistadt Frankfurt: Neben den Anderthalbliterflaschen mit Yedigün-Limonade in den Geschmacksrichtungen Orange und Mandarine gibt es jetzt auch eine orientalische Brause mit Koffein. "Mecca-Cola" heißt sie, der Schriftzug ist dem Coke-Logo nachempfunden, obendrüber ein Flaschengeist mit Turban, unten rechts auf dem Etikett eine stilisierte Moschee. Das Ende 2002 in Frankreich auf den Markt gebrachte Getränk, Anfang dieses Jahres bereits in Hamburg erhältlich, wird jetzt von einer in Mainz ansässigen Firma in Lizenz für Deutschland produziert.

Die 70er-Nostalgiewelle hat uns als Konkurrenz zu Coke und Pepsi die gute alte Afri-Cola aus dem deutschen Wirtschaftswunderland wieder gebracht - warum soll es darüber hinaus nicht auch eine von Mecca-Cola geben? Bei näherer Begutachtung der Flasche springt ein ungewöhnlicher Hinweis ins Auge: "Trink engagiert! Zehn Prozent für Kinder in Palästina und Deutschland". Und die Kuppel der stilisierten Moschee erinnert an den Felsendom, der bekanntlich nicht in Mekka, sondern in Jerusalem steht. Die Geschäftsidee scheint klar: Der Vorzug dieser Cola gegenüber den anderen besteht darin, dass ihr Konsum nicht die Profite amerikanischer Multis steigert, sondern den Opfern imperialistischer Herrschaft hilft. Das hat die Mecca-Cola in einigen Ländern bereits zum Kultgetränk der Linken werden lassen. Auf globalisierungskritischen Internetseiten aus Lateinamerika tauchte schon die Losung "Eine andere Erfrischung ist möglich!" auf.

Die Internet-Seiten des französischen Herstellers unter www.mecca-cola.com zeigen Bilder von Gewaltakten der israelischen Sicherheitskräfte gegen Palästinenser und vom Widerstand letzterer, wie David gegen Goliath mit Steinschleudern kämpfend. Solche Bilder stellen zweifellos Realität dar - aber was will der Getränkefabrikant damit sagen? Die Webseiten bieten in verschiedenen Sprachen verschiedene Texte an. Der französische Teil erklärt, dass zehn Prozent der Unternehmensgewinne in ausschließlich humanitärer Absicht Kindern in Palästina zugute kommen sollen, weitere zehn Prozent sollen an Vereinigungen gehen, die dem Weltfrieden und dem Kampf des palästinensischen Volkes für seine Unabhängigkeit dienen. Die englischsprachige Präsentation wird politisch deutlicher: Die "neue Geschäftskultur" von Mecca-Cola soll die Ökonomie in den Dienst der Ideologie stellen, heißt es da. Man will sich gegen den "materialistischen Kapitalismus" zur Wehr setzen mit gewinnbringenden Aktivitäten, um den Widerstand gegen den "zionistischen Faschismus" zu unterstützen. Dagegen stellt sich das neue deutsche Tochterunternehmen auf www.mecca-cola.de mit einer rein der Wohltätigkeit und interkulturellen Verständigung dienenden Mission vor. Nur von der UNO anerkannte Wohltätigkeitsvereine würden unterstützt.

Der Hamburger Importeur Mahmoud Hinnaui, der das Produkt zuerst in Deutschland eingeführt hat, musste vor Monaten in einem von Radio Bremen geführten Interview eingestehen, dass er vom französischen Hersteller keine präzisen Angaben erhalten konnte, an wen die fraglichen Gewinnanteile tatsächlich fließen. Aber Firmenchef Tawfik Mathlouthi sei ein absolut integrer und vertrauenswürdiger Mann. Der Tunesier Mathlouthi ist von Haus aus Journalist und Gründer des Rundfunksenders Radio Méditerranée, der sich an die hauptsächlich aus Nordafrika stammenden Muslime Frankreichs wendet. Er plant auch den Aufbau eines Fernsehprogramms Télé Liberté. Das boomende Geschäft mit Mecca-Cola soll ihm dafür die finanzielle Grundlage liefern.

In der Schweiz haben Enthüllungen des Journalisten Alexander Hasgall bereits die linke Szene aufgemischt: Mathlouthi soll mit Respektsbekundungen für Selbstmordattentäter hervorgetreten sein. Französische Kritiker, darunter die antirassistische Organisation Mouvement contre le Racisme et pour l´Amitié des Peuples, werfen Mathlouthi vor, das Existenzrecht Israels zu verneinen. Er soll sich deshalb von Yassir Arafat distanziert haben. Seinen geplanten Fernsehsender möchte er nicht mit Al Jazeera verglichen wissen: Dem als eher links geltenden islamisch-französischen Informationsdienst Saphirnet erklärte er in einem Interview, Al Jazeera stehe auf der Seite von Bush und Israel - die Übergabe von bin-Laden-Videos ausgerechnet im Moment der Verschärfung des israelisch-palästinensischen Konflikts lege diesen Schluss nahe. Den Vorwurf des Antisemitismus lässt Mathlouthi natürlich nicht auf sich sitzen: Er gründete eine Organisation zur Bekämpfung des "Antisemitismus gegen Araber und Muslime". Generell gibt er sich gerne als Demokrat, der sich für das friedliche Zusammenleben der Kulturen und die Integration der Muslime in Frankreich einsetzt.

Strenggläubige Muslime, die den Genuss von Coca-Cola ablehnen, da die Geheimhaltung des Rezepts Zweifel aufkommen lässt, ob das Getränk "halal", den Vorschriften des Korans entsprechend ist, sind ebenso misstrauisch gegen eine Alternative, die den Namen der Stadt des Propheten entweiht. Der Verkaufserfolg lässt allerdings erkennen, dass viele ihrer weniger engstirnigen Glaubensbrüder und -schwestern sich daran nicht stören. Abzuwarten bleibt, wann in der hinsichtlich der Haltung zum Nahostkonflikt tief gespaltenen deutschen Linken ein Glaubenskrieg über die politisch korrekte Erfrischung ausbricht. Im Streit zwischen Antiimperialisten und Antiislamisten könnte die Frontlinie demnächst durch Colamarken abgesteckt werden.


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00:00 12.12.2003

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