Das große Lügen

Alltag Die deutschen Finanzämter nehmen jährlich rund 4,7 Milliarden Euro aus dem Glücksspiel ein - von Leuten wie Stefan, der sich dabei fast ruinierte

Stefan ist nicht da. Aber dies ist ein Laden, in dem er gerne verkehrte. Ein Buchmacher. "Sportwetten" steht über der Tür. Im Halbdunkel sitzen Männer, die meisten im berufsfähigen Alter, und ihre Gesichter sind konzentriert als wären sie in einer wichtigen Konferenz. Überall sind Bildschirme. Darauf: Pferde. Trabend und galoppierend. Beim Rennen.

Mit 17 trat Stefan zum ersten Mal hier ein. Er spielte ein bisschen. Verlor. Und kam wieder, gepackt von dieser Atmosphäre, diesem Flair, gepackt von der Lust, sein Geld auf bestimmte Pferde zu setzen und dann vor dem Monitor zu zittern, ob sie gewinnen. Die Lust wurde zur Sucht. Sie hat ihn ruiniert. Jetzt kommt er nicht mehr, sagt er. "Ich bin ein Spieler, aber ich habe gespielt." Seit einem guten halben Jahr sei er clean. Seinen besten Freund aus dem Buchmacherladen hat er seither nicht mehr gesehen. "Er versteht es nicht. Er sagt: Spiel doch nur etwas. Mach doch so, wie du das Geld erübrigen kannst, und dann nicht weiter. Er kann nicht begreifen, dass das für mich nicht geht." Womit die Freundschaft aus war. Sagt Stefan.

Man kann sich gut vorstellen, wie er hier auftrat: der energiegeladene, pfiffige Junge. Wie er an einem der Tische seinen Platz fand, einen Becher Kaffee dabei, eine Schachtel Zigaretten, und den Alten zusah, wenn sie die Rennjournale studierten. Sie sitzen noch immer wie über eine Wissenschaft gebeugt, analysieren Zahlenreihen mit den Ergebnissen der letzten Läufe, deuten die Formkurven und schätzen die Handycaps ein. Treffen ihre Wahl. Gehen zur Kasse, zahlen. Fiebern dann, wenn "Hip-Hop-Harry" oder "National Pride" oder wie sie alle heißen rennen wie die Teufel.

Noch 1.000 Meter, noch 100. Die Stimme des Moderators rattert durch den Raum. Die Männer spannen die Muskeln, manche hebt es aus dem Stuhl, sie beugen sich vor. Reiter schlagen die Pferde mit der Peitsche, los, mach schon, rufen die Männer, jaaaa, noch 50 Meter, lauf, verdammt nochmal, lauf, du schaffst es. Oh, nein!

"Es ist eine Welt für sich", erzählt Stefan. Und man spürt, er erzählt gerne davon. Diese Männer: Wie sie mitgehen, schreien. Und dann diese Enttäuschung, wenn es wieder nichts war. Und jeder fragt sich: Hat er etwas falsch berechnet? Dann ärgert er sich sehr über sich. Sonst schimpft er auf das Unvermögen des Reiters oder sagt: Das war halt Pech. Mit Unwägbarkeiten muss man rechnen, denn es sind ja Sportwetten, und es handelt sich um lebende Wesen, die können Schnupfen haben oder sich da Bein brechen, und schon ist alles anders.

Er mochte die Typen, die sich in dieser Szene bewegen. "Ich habe Leute getroffen, die mit den Tausendern nur so um sich geschmissen haben - vom Zuhälter bis zum Kriminellen. Die haben mir auf die Schulter geklopft. Ich war zwar nicht wirklich einer der Ihren, aber ich war anerkannt als Wetter."

Er schwänzte die Schule. Er sagte keinem, was er da tat. Man konnte sich ja selbst Entschuldigungen schreiben. Er zog sich von den Freunden zurück, weil das Wetten ihm wichtiger war als alles andere, und auch weil er sich schämte. Denn natürlich verlor er immer wieder. Er lernte zu lügen. Bald hatte er sich eine zweite Existenz aufgebaut. Diese Buchmacherläden waren die Welt, in der er der sein konnte, der er meinte sein zu wollen. "Über das sonstige Leben gibt es nicht viel zu erzählen. Das liegt in dieser Zeit brach."

Stefan ist heute 31. Er studiert Germanistik und Geschichte. Eigentlich hätte er längst Examen gemacht haben können. Stattdessen hat er Schulden. Und zwar reichlich. Wohl an die 100.000 Euro hat er in den vergangenen Jahren beim Buchmacher gelassen. Einen Teil davon hat er redlich wieder reinverdient, mit Zeitungsaustragen, als Wachschutz, als Verkäufer im Kaufhaus. Aber viel davon ist geliehen.

Wenn Stefan die Geschichte seiner Spielsucht erzählt, dann schwingt immer auch etwas Belehrendes mit, als doziere er in einem Grundkurs über "Nicht-Stoffgebundene Süchte", zu denen auch die Kauf-, die Arbeits- und die Sex-Sucht zählen. Sein Spezialgebiet: Spielsucht, Unterabteilung Wetten. Einer von Stefans Merksätzen lautet: "Ein Spieler vernachlässigt alles: die Familie, die Freunde. Die Arbeit ist das Heranschaffen der Substanz, die wir brauchen: des Geldes. Diese Arbeit vernachlässigt ein Spieler nie."

Wenn er Gehalt bekommen hatte, ging Stefan spielen. Nach ein paar Tagen war alles Geld weg. Dann ging er zur Bank und erzählte der Sachbearbeiterin traurige Geschichten von außergewöhnlichen Ausgaben, gerade jetzt, in diesem Monat, und bat um einen Überziehungskredit. Wenn er das Geld bekommen hatte, ging er spielen. Aber bald war auch das Geld weg. "Und am Schluss habe ich mir von Freunden was geliehen." Die Freunde glaubten, dass er die Tage an der Uni verbrachte. Studierte. Er ließ sie in dem Glauben, wo er tatsächlich war, ging niemanden etwas an.

"Geschichten zu erfinden, wie man sich Geld erschleicht: darin war ich ganz groß." Am besten, sagt er, sind die unauffälligen. Nicht die mit großen Katastrophen und Dramen. Nicht Sätze wie: "Und dann ist mir der Diamantring in den Gulli gefallen und jetzt muss ich ihn ersetzen." Da verheddere man sich nur in den Details und bekommt sie auf Nachfrage nicht wieder genauso erzählt.

"Ein Spieler, der süchtig ist, verliert immer", gibt Stefan einen seiner Merksätze zum besten, "er verliert auch wenn er gewinnt, denn er hört dann nicht auf. Er hört erst auf, wenn alles Geld weg ist." So raste er auf den Abgrund zu. Hat erst einen Monat nicht die Miete bezahlt, dann zwei, drei, vier.

Es gab Wochen, in denen er nichts aß außer vielleicht ein paar Scheiben Brot, und Wasser trank, das ist ja umsonst. Auch das ist eine Begleiterscheinung des Wettens: Wenn man gewinnt, dann isst man. Dann versucht man, sich Wünsche zu erfüllen. Ansonsten ist das Essen nebensächlich. Er hungerte tagelang, ohne es zu merken.

Die Mahnungen? Hat er aus dem Briefkasten geholt und weggeworfen ohne sie zu öffnen. Bis die Kündigung für die Wohnung kam. Freunde, die ihm sonst immer was geliehen hatten, sagten hartnäckig: "Hör mal, du arbeitest doch, warum gibst du mir mein Geld nicht erst mal wieder?" Er musste sich immer neue Ausflüchte einfallen lassen.

Einmal, erzählt Stefan, habe er fast 4.000 Mark gewonnen. In grad mal fünf Minuten. Das war bei einem Hürdenrennen in England. Eigentlich hatte er gar keine Chance zu treffen. "Aber dann sind die ersten drei Pferde über die letzte Hürde gefallen. Alle drei, das muss man sich mal vorstellen! Eins hat sich sogar das Bein gebrochen und musste auf der Bahn eingeschläfert werden. Das hat mir nichts ausgemacht. Denn dann liefen die nächsten drei ein - in genau der Reihenfolge, in der ich sie hatte, und ich hab gejubelt ohne Ende. Das sind Momente, wo ich fast wahnwitzig vor Glück geworden bin. Aber dann habe ich gar nicht gewusst, was ich mit dem Geld machen sollte." Er bezahlt ein paar Rechnungen, gönnt sich was Gutes, eine neue Jeans, ein Hemd. Und hat plötzlich das Gefühl, dass das zu viel Geld ist. Und spielt mit dem Rest also weiter.

Es gibt Erklärungen für das Drama. Der Vater ist Frührentner, psychisch krank, er leidet an Schizophrenie und Paranoia. Die Eltern trennen sich, als er zehn ist. Er schämt sich, hat das Gefühl, dass andere Kinder ihn deswegen auslachen.

Als die Eltern sich trennen, steht der Vater plötzlich allein da. Er versucht, Stefan an sich zu binden. Der Junge steigt in das Spiel ein: Er besucht ihm im Krankenhaus, auch in den geschlossenen Abteilungen der Psychiatrie. "Mein Vater ist sehr intelligent und kann toll erzählen. Durch ihn habe ich besondere Menschen kennen gelernt. Auch in den Kliniken. Hyperintelligente Leute, Maler, Schriftsteller, Mathematiker, die an irgendwelchen psychischen Erkrankungen litten. Diese Welt mit ihm fand ich toll. Ich war für ihn da und war ganz großartig für ihn. Ich war der Held, das machte mich stolz." Draußen aber, in seiner Alltagswelt, vor den Freunden, war ihm das peinlich.

Fünf, sechs Mal die Woche ging er seinen Vater besuchen. Und lieh sich Geld von ihm. "Er wusste um die Suchtproblematik. Ich habe das Blaue vom Himmel heruntergelogen, er musste es spüren. Aber für ihn war es okay. Ihm war wichtig, dass ich bei ihm war." Es war ein teuflischer Deal: Wenn du mich besuchst, dann finanziere ich Dir Deine Sucht.

Zwischendurch war er auch drei Jahre clean gewesen, hatte seine Schulden abgebaut und zum ersten Mal in seinem Leben eine Beziehung geführt, in der er nicht gelogen hatte. Allerdings, meint er, mit der falschen Frau, "wir passten nicht zueinander." Die Beziehung ging in die Brüche, und Stefan geriet in eine Krise. Um Abstand zu gewinnen und sich etwas Gutes zu tun, kaufte er sich ein Flugticket nach Irland. Dazu muss man wissen, dass die Iren wettverrückt sind. Buchmacherläden gibt es bei ihnen an jeder Ecke. Ob das nun bewusst war oder unbewusst, sei dahingestellt, sagt Stefan.

Er lief durch die Straßen von Dublin. Planlos. Setzte sich in ein Café. Und fing an, sich einzureden, dass er zu wenig Geld mithabe, um hier Ferien zu machen, und dass er das wenige jetzt vermehren müsste, indem er spielt. "Ein Spieler belügt sich ständig, und irgendwann glaubt er die Geschichten, die er sich erzählt." Noch einer von Stefans Sätzen über die Spielsucht.

Fünf Tage hat es gedauert, da hatte er den letzten Penny verspielt. Der Rückflug war erst für in zwei Wochen gebucht. Was tun? Stefan rief einen Freund an und erzählte, er sei ausgeraubt worden. Der überwies ihm Geld. Drei Tage später war auch das weg. Stefan rief seine Mutter an und erzählte noch einmal die gleiche Geschichte. Als er auch das Geld verspielt hatte, blieben noch 72 Stunden bis zum Rückflug. In der Jugendherberge fragte er mit seinem charmanten Lächeln, ob er vielleicht erst bei der Abreise zahlen dürfe, er erwarte noch eine Überweisung. Und prellte dann die Rechnung. Die 18 Kilometer zum Flughafen ist er gelaufen, mit Rucksack und allem Gepäck. Er hatte seit drei Tagen nichts gegessen.

Stefan, was hast du gedacht, als du da langliefst? Hast du gedacht: Oh Mensch, bin ich ein Trottel? "Nein. Ich dachte: Was für ein wunderschöner Tag das ist. Und wie ich es hinkriege, dass sich meine Mutter und mein Freund nie begegnen, damit nicht rauskommt, dass ich sie beide angepumpt habe. Und wie ich den Leuten erkläre, dass es so wenig Fotos von der Reise gibt. Denn die Kamera hatte ich gleich zu Anfang verkauft."

Was wirklich in Irland passiert ist, hat Stefan damals niemandem erzählt. Und auch nicht, dass er danach wieder "drauf" war. Er tat so, als sei alles wie in den Monaten davor: Als sei er clean und ginge fleißig an die Uni. Auch seine Therapie setzte er fort. "Alles, was ich in der Zeit gemacht habe, musste ich erfinden. Ich konnte meinem Analytiker nicht sagen: Ich fühl mich schlecht, weil ich gespielt habe. Oder weil ich alles verloren habe. Also habe ich einen kompletten Uni-Alltag zusammengesponnen mit Problemen, die mit den tatsächlichen parallel liefen. Isomorphismus nennt man das in der Mathematik: Wenn man die Lösungswege von einem Bereich auf einen anderen überträgt."

Seiner neuen Freundin erzählte er alles über seine Sucht: Wie er angefangen hatte zu spielen und immer weiter spielte und dann nicht mehr aufhören konnte. Er erzählte ihr auch, was die Warnsignale sind und woran man erkennt, dass einer spielt. "Alles habe ich ihr erzählt. Nur nicht, dass ich wieder spiele."

Ein Jahr ging das so, dann ging es nicht mehr und Stefan musste sich erneut offenbaren. "Da habe ich es allen, der Wohnungsbaugesellschaft, meinen Freunden, meinen Eltern und auch meiner Freundin sagen müssen". Er schiebt noch einen seiner Merksätze nach: "Entweder man lügt. Oder man gibt alles offen zu. Das komische ist: Wenn man alles offen zugibt, ist man an dem Punkt, wo man aufgeben kann."

Die Freundin bekam einen Nervenzusammenbruch und setzte ihn vor die Tür. "Ich weiß ja gar nicht, wen ich liebe", hat sie gesagt. "Ich kenne dich nicht. Was für ein Mensch bist du, wenn du nicht spielst?" "Sie ist meine Traumfrau", sagt er, "ich habe sie angelogen. Das ist pervers." Er kämpft seit Monaten um eine zweite Chance.

Aber wieso, um alles in der Welt, hat er nicht einfach viel früher aufgehört? Stefan zitiert den Satz, der an wohl jedem Spieler nagt. Der heißt: "Vielleicht hätte ich am Ende doch gewonnen und wäre der große Sieger. Und alle anderen hätten sich geirrt."


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 14.01.2005

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare