Das große Missverständnis

Bühne Über die Uraufführung von Joseph Brodskys „Demokratie“ am Hamburger Schauspielhaus
Martin Ahrends | Ausgabe 45/2015
Das große Missverständnis

Bild: Archiv/der Freitag

Missverständnisse wird es nun häufiger geben, wenn Deutschland wieder zusammenwächst. Die Politschulungen der FDJ, der Partei, der Gewerkschaft haben, auch wenn man ihnen desinteressiert und unaufmerksam beiwohnte, doch einiges bewirkt in den Hirnen der Werktätigen. Schüler und Studenten, die dereinst zum DDR-Staatsvolk erzogen werden und also neue Begriffe von der Welt bekommen sollten. Wenn da von „Demokratie“ die Rede war, dann ging es entweder um den verdammenswerten „Bürgerlichen Demokratismus“, das Deckmäntelchen bourgeoiser Machtausübung, oder um den „demokratischen Zentralismus“, das Leitungsprinzip der sozialistischen Staats-, Partei- und Wirtschaftsführung. Oder es handelte sich um die Diktatur des Proletariats als „höchste Form der Demokratie“, weil erstmals die Mehrheit der Gesellschaft die Minderheit beherrsche.

Kurz: Man kann nicht davon ausgehen, dass ein Ost- und ein West-Deutscher dasselbe meinen, wenn sie dasselbe sagen; nicht nur die verschiedene Indoktrination, auch die unterschiedlichen Lebensverhältnisse haben dazu beigetragen, die Begriffe zu verwirren. Vielleicht lebt es sich ja unter bestimmten Bedingungen auch leichter mit verwirrten Begriffen: man muss nicht so genau Bescheid wissen über die politischen Verhältnisse, die auch so miserabel genug sind, man kann sich eine schöne Ungewissheit bewahren über deren eigentliche Miserabilität, denn: über politische Begriffe lässt sich streiten, also sind sie überhaupt in Zweifel zu ziehen, also sind es Fragen des privaten Gutdünkens. .. Die ganze ungelöste, unlösbare Politik verschwindet hinterm privaten Kochtopf, solang der gefüllt ist, bleibt man unpolitisch. Und debattiert beim Tee mir Wodka stundenlang über „die Freiheit“, „das Menschenrecht“, „die Demokratie“, zerbröselt mit dem Keks, zerredet mit schwerer Zunge, was als wirkliche Lebenspraxis unerreichbar scheint. Was nie gewesen ist, was man vom Hörensagen kennt, von denen, die im Westen waren. Demokratie. Was ist damit gemeint? Was ist das im Osten, im näheren oder ferneren Osten? Demokratie - was wird daraus, wenn sie in einem Land verkündet wird ohne demokratische Tradition? Joseph Brodsky hat eine Farce geschrieben auf die Demokratisierung von oben, in einem Land, dessen Führung tief im spätstalinistischen Kabarett versunken ist.

Man nagt am Birkhuhn, lobt die Soße und plappert sich durch den Regierungsalltag: der Generalsekretär und seine drei vertrautesten Minister. Es ist ein Ritual aus gegenseitiger Demütigung, aus Heuchelei und Korruption, kaum verhüllter, selbstverständlicher Umgang miteinander. Dann geht das Telefon, und die große Zentrale verkündet die Demokratie, ab sofort. Bei Brodsky steht an dieser Stelle die Spielanweisung „Allgemeines Entsetzen“. Dann plappert alles durcheinander: „Wie bitte?“, „Was soll das heißenh?“, „Wann, doch nicht jetzt?“, „Was für eine denn? Volksdemokratie? Sozialistische?“, „Eine ganz neue?“, „Westliche Demokratie? Athenische? Klingt verdammt nach Ausland.“

Das Entsetzen währt nicht lange, was man weiß von der Demokratie, lässt sich rasch bewerkstelligen: der Genosse Generalsekretär heißt nun „Herr Präsident“ und man beschließt zu wählen. Nein: der General beschließt, dass gewählt werde. Und dass es auch demokratisch aussieht, braucht er eine Gegenstimme; keiner will dagegen sein. Da wird eben einer vergattert. Und ist ganz verdattert.

Brodskys Farce auf die Demokratisierung in einem Land ohne demokratische Tradition, auf eine Demokratisierung von oben, bei der alles beim Alten bleibt, sie wäre nicht viel mehr als ein politischer Witz, wenn nicht so viel typisch patriarchalische Lebens- und Denkweise darin steckte. Das Stück erzählt ja nicht von der Demokratisierung, sondern von der Demokratieunfähigkeit der vier Menschen, die da im Regierungspalast in gerade-zu geschwisterlicher Nähe miteinander leben. Die keine Distanz, keinen Respekt, keine Achtung voreinander haben, unter denen es eine Hackordnung gibt und weiter nichts. Das Kabinett - ein Kinderzimmer, wo sich aus nichtigem Anlass gekracht und versöhnt wird, wo man die nächsten Streiche gegen die gestrengen Eltern (den großen Bären mit rotglühenden Augen und einem Mikrophon im Maul) ausheckt. „Demokratie“ ist bloß ein neues Kinderspiel. Und gerade hieran wird dem Zuschauer deutlich, dass Demokratie etwas ganz anderes ist: der Anspruch, als Erwachsener zu leben. Demokratie: keine Spielregel, sondern Menschenbild. Ein zivilisierter Umgang miteinander, Distanz; Respekt, Toleranz anstelle von Kumpanei, Unterwürfigkeit, Egoismus.

In der Regie von Ulrich Heising spielen am Hamburger Schauspielhaus Christa Berndl, Roland Kenda, Matthias Günther, Monica Bleibtreu und Anna Polke. Es ist ein kabarettistisch unterhaltsamer Abend ohne besonderen Tiefgang; Bitterkeit und Trauer stellen sich bei Zuschauern in Brodskys Heimat, in der Sowjetunion, vielleicht eher ein als in Deutschland; so naheliegend sind die Parallelen nicht. Eher schon stellt sich Mitleid her mit diesem munteren Kindergarten, wo man so ganz naiv die eigenen Instinkte lebt und nun doch - früher oder später – bös erwachen muss: die muffige Nähe wird verlorengehen, die Wodkaseligkeit, die Selbstzufriedenheit.

Es wird andere, verborgene Deformationen geben, und es wird niemand da sein, dem man die Schuld an allem Ungemach zuschieben kann.

Demokratie - das Menschenbild einer entgötterten Welt, einer Welt ohne georgische Überväter und Zaren. Ohne Befehl von oben, den man geschickt umgehen kann. Die Welt, in der man selbst, und niemand sonst zuständig ist fürs eigene Geschick. Eine lichtere und kühlere Welt im Innern derer, die sie nun millionenfach erlernen. Brodskys Farce zeigt den Ausgangspunkt, den Zusammenstoß zweier Kulturen. Die Komödien und Tragödien, die dieser Zusammenstoß auslösen wird, müssen noch geschrieben werden.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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