Das ist doch was

Linkskoalition für Berlin Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um

Plötzlich diese Stille. Die Unterhändler beider Parteien haben - letzter Kraftakt - auch noch ihre jeweiligen Parteitage besiegt und sehnen sich nunmehr nach nichts heftiger als nach dem angenehmen Gegendruck ihrer Bürostühle. Seit gestern wird regiert. Und siehe: In Wilmersdorf ketten sich keine Witwen an Laternenmasten; durch Frohnau lärmt keine Kochtopfdeckeldemo des Kleinbürgertums, mit Müttern und Tanten von Frank Steffel an der Spitze. "Warum regt sich keiner auf?", fragt entgeistert der Westberliner Tagesspiegel. Der Handelskammerpräsident verbittet sich zwar nochmals "jeden Anflug von Planwirtschaft" beim neuen Wirtschaftssenator - aber das ist nur noch Grummeln.

Den Linkskoalitionären sind ihre ersten Dummheiten um die Ohren geflogen. Das Universitätsklinikum der Freien Universität "plattzumachen" - ja, ihr Ossis, jetzt kriegt ihr eure Kampfbegriffe zurück! - wäre sicherlich dumm. Nicht aus taktischen Gründen: In einer Stadt, in der außer Rasierklingen so gut wie nichts mehr hergestellt wird, kann man nicht auch noch medizinische und medizintechnische Forschungen von internationalem Rang abschaffen. Auch von Wahlbetrug war schon die Rede. Wer vor der Wahl erklärte, bei der Kultur müsse "eher noch draufgelegt" (Gysi) werden und dann einen so jämmerlich schöngesparten Kulturhaushalt akzeptiert, hat den Mund zu voll genommen. Irgendwie beruhigend: Auch die Roten neigen dazu, vor der Defloration hübscher aussehen zu wollen, als sie es hinter her sind. - Die Republik geht ihren Gang.

Es herrscht Ruhe im Dorf, das Berlin ist. Ist etwa der erste Effekt des Zweckbündnisses zwischen Westberliner Sozialdemokraten und Ostberliner Sozialisten bereits eingetreten - hat der Westen den Kalten Krieg gegen alles, was der DDR entwachsen ist, eingestellt? Es hat den Anschein - von Frank Steffel ("Regierungsbeteilung der SED - das ist ein Angriff auf den alten Westen"), Georg Gaffron ("das wird hier ein Mezzogiorno - arm, dumm und glücklich") und Hendrik M. Broder ("die Rache der Stalinisten für 1990") einmal abgesehen. Plötzlich dürfen die Ossis nur noch die Zu-Kurz-Gekommenen, aber keine Opfer mehr sein. Ob sie das verkraften? Sie werden zu Akteuren gemacht und das geht vielen gegen die Erfahrung wie gegen die Wohligkeit des langsamen Sterbens. Dabei sind sie selbst schuld: Sie - zumindest gewichtig viele - haben als Wähler der linken Volkspartei den Auftrag angeheftet, dem Staat der Wessis seine kapitalistische Metropole zu retten. Das kommt nicht oft vor. Dies Paradoxon sollte man genießen.

Schon erkennen viele der PDS-Sympathisanten und -Wähler ihren Heimatverein nicht wieder. Sie können ihn sich nur als Versammlung der Leidenden und nach "Vision" Dürstenden denken. Trennungsschmerz: "Es ist für uns nunmehr höchste Zeit, auch die letzten Gedanken an eine sozialistische PDS zu entsorgen", meinte der Leserbriefautor Dr. Woldemar Wagner, Markleeberg, im Neuen Deutschland. "Wenn" - wie Gabi Zimmer am Wochenende auf dem Berliner PDS-Parteitag sagte - "wir es nicht schaffen, den Unterschied zwischen einer sozialistischen Partei in der Regierung und einer sozialdemokratischen Partei", auch in der Regierung, sichtbar zu machen - dann wird der Gen. Woldemar sich das wärmende Gefühl bewahren dürfen, seit 1990 ununterbrochen immer alles schon geahnt zu haben. Mit "etwas gerechter und etwas sozialer" - die regierungstaugliche Variante des traditionellen PDS-Slogans "Für soziale Gerechtigkeit" - wird sich der Unterschied, von dem Zimmer sprach, schwerlich herstellen lassen.

Den Gebrauchswert der PDS für den Westen durch Regierungsbeteiligung zu erhöhen - das ist für viele Genossen nur ein akademischer Gedanke. Seit zehn Jahren wird Gysi geraten, das doch lieber sein zu lassen. Und erst recht werden viele nicht verstehen, was kein gesunder Menschenverstand begreifen kann: Wie man historische Wahrheit (Mauer, Zwangsvereinigung) zum Gegenstand von Verhandlungen machen und diesen Extrakt der Realität dann zu einer Präambel eindampfen kann. Der Vorgang ist jedenfalls einmalig - und die Verpflichtung zu "bundesfreundlichem Verhalten" hat das Zeug zum Treppenwitz der Weltgeschichte. So ist auch noch für Humor gesorgt. Danke.

Was die Berliner - da sind Ost und West vereint - am wenigsten brauchen, sind Präambeln. Und ob ein Partner nur drei Sitze hat, ihm aber vier zu gönnen wären, das wird sie nicht aus den Sesseln heben. Aber wie gesagt, es ist ruhig. Doch so wird es nicht bleiben. Man braucht den PDS-Senatoren nebst Tross und Fraktion im Abgeordnetenhaus nun nicht mehr zuzurufen, dass es auf jeden Fall ungefährlicher wäre, zu Hause sitzen zu bleiben, als die Straße zu queren. Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um. Doch womit man sie - und den ganzen Senat - gefälligst verschonen sollte, das ist die wohlfeile Frage nach der "Vision": Die Stadt ist pleite; der Mangel muss verwaltet werden (gut, dass wir das in der DDR gelernt haben). Subbotniks und Aufbausonntage der Nationalen Front stehen als Instrumentarium vorderhand nicht zur Verfügung. Wer das jetzt handwerklich sauber macht, darf anschließend wieder visionieren.

Tröstlich ist: Eigentlich kann es gar nicht schief gehen! Hilfloser, selbstgefälliger und korrupter als die Berliner CDU können die Linken auch nicht sein (zumal sie nicht die besseren Menschen sind). Berlin wird nicht aufgelöst werden. Und selbst wenn Sozis und Sozialisten in fünf Jahren als geprügelte Hunde auseinanderlaufen - eins werden sie, die eine fast hundertjährige Feindschaft verbindet, vielleicht nicht wieder tun: Sich gegenseitig die Mauer an den Hals wünschen. Das ist doch was, und nicht wenig.

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00:00 18.01.2002

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